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Nr. 11/2001 - 07. März 2001
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»Haben Sie auch Steine geworfen?«

Ein junger Gastronom hatte eine Idee: Am Faschingswochenende durften 68er friedlich sein Hotel in Berlin besetzen. Auf jeden Veteranen kam ein Journalist. von günter frech (text) und günter zint (fotos)

Wenn sich Hans Hermann über etwas ärgert, schreibt er sich den Frust von der Seele. Zum Beispiel in einem Schreiben, mit dem er sich auf die Stelle eines »Oberstabsgefreiten, Besoldungsgruppe A5 für die Tätigkeit als Offiziersbursche« bewarb. Angesichts der Restauration alter klassengesellschaftlicher Strukturen

sei auch die Bundeswehr gehalten, zukunftsfähige Arbeitsplätze im Dienstleistungsbereich anzubieten, daher werde es »notwendig, alte Offiziersprivilegien wie die des Offiziersburschen« wieder herzustellen. In gemütlicher Runde liest Hans Hermann den Brief vor. Die etwa 50 Zuhörerinnen und Zuhörer im Alter zwischen 50 und 60 Jahren sind entzückt. Der Vortrag erinnert sie an Aktionen der Spaßguerilla aus früheren Spontitagen.

Hans Hermann sieht aus, wie ein 68er auszusehen hat: wild abstehende Haare, so grau wie sein Vollbart, Nickelbrille und im Mundwinkel eine filterlose Zigarette. Lauter unnützes Zeugs habe er studiert, Soziologie, Pädagogik, Politik. Am liebsten würde er sofort eine Demo organisieren. »Es gibt immer etwas, wofür man auf die Straße gehen kann.«

Von einer Demo scheint Kurt Holl geradewegs zu kommen; er trägt schwarze Lederkluft, hat einen unruhigen Blick und eine Stimme, wie zum Agitieren gemacht. Dass

er Lehrer ist, erwähnt er nur nebenbei und ganz leise, als ihm die Frage nach seinem Beruf gestellt wird. Dann schimpft Holl ziemlich laut über die »Karnevalisierung der Politik« und meint dieses Treffen hier. »Eigentlich« wollte er nicht kommen, doch die Neugierde hat gesiegt. Wieherndes Lachen, als er eine Geschichte aus »alten Tagen« zum Besten gibt: Ein paar Aktivisten der Westberliner Studentenbewegung trafen sich mit Stasi-Mitarbeitern tief unten in der Kanalisation der Frontstadt unterhalb der Kochstraße - also im Untergrund -, um zu überlegen, wie man das Toilettensystem im darüberliegenden Springer-Hochhaus lahmlegen konnte. »Wir sahen schon, wie die Scheiße aus den Klos über die Flure quillt«, erzählt Holl. Aber leider scheiterte das Unternehmen an technischen Problemen.

Behäbig sitzt der Kunsterzieher Rainer Probst in der Runde und erzählt fast väterlich eine Geschichte aus frühen Studentenzeiten: Ende der sechziger Jahre wurden im Innenhof des Mannheimer Schlosses Rekruten vereidigt. Die Universität war im Schloss untergebracht, und so ließen sich Studenten einschließen, und am nächsten Morgen prasselte Schaum aus allen verfügbaren Feuerlöschern auf die verdutzten Soldaten und Ehrengäste.

So geht es zu, wenn 68er sich treffen. Doch was am Faschingswochenende in Berlin über die Bühne ging, war keine gewöhnliche Zusammenkunft von ehemaligen Aktivistinnen und Aktivisten der Apo. Die angegrauten Frauen und Männer verdankten ihren Nostalgie-Trip dem Juniorchef einer Hotelkette. Weil Max-Michael Schlereth, Jahrgang 1972, die Diskussion über die 68er in einer Talkshow »ziemlich daneben« fand, hatte er die Idee. Wer durch Foto, Zeitungsausschnitt, Flugblatt oder gar Verhaftungsunterlagen beweisen konnte, damals dabei gewesen zu sein, wurde zur »friedlichen Hotelbesetzung« eingeladen. Es war eine bunte Gruppe, die sich im feinen Hotel »Henriette« in Berlin-Mitte zusammenfand: Stadtplanerinnen, Lehrer, Rechtsanwälte, Architektinnen, Erzieherinnen, Soziologen, eine Unternehmensberaterin, ein Verleger und diverse Psychologen.

»Meine Generation hat der Ihrigen doch viel zu verdanken«, erklärt Schlereth zur Begrüßung und punktet damit zum ersten Mal. Ihn interessiere nicht, wer für Joschka Fischer »das Ei gekocht hat«. Weil er »nein zur Kannibalisierung der Politik« sagt und weil im Hintergrund Dinge wie BSE und Parteispendenaffäre passieren, »um die man sich kümmern muss«, geriet er in Rage, als er am Fernsehen miterleben musste, mit welcher Selbstgerechtigkeit heutige Politfunktionäre mit den Ideen der 68er abrechnen. Schlereth entdeckte seine Sympathie für die Gescholtenen. »Wie kannst du über etwas urteilen, wo du gar nicht dabei warst?« habe die Freundin des Hoteliers gefragt. Und schon war die Idee von der Hotelbesetzung geboren, erzählt er sichtlich aufgeregt. Auch das macht ihn sympathisch. Und als er seine Begrüßungsansprache mit den Worten beendet, »wenn das jetzt wie ein PR-Gang rüber kommt, ist das der Nebeneffekt. Ich wünsche mir, dass die Kunst des differenzierten Denkens Einzug in die Debatte hält und eine Veranstaltung mit Augenzwinkern«, punktet er zum dritten Mal und hat gewonnen.

Den zweiten Punkt hat er sich zwischendurch mit einem Marx-Zitat geholt. Ungefragt - für umständliche Diskussionen war keine Zeit - übernahm Hans Hermann die Rolle des Gruppensprechers: »Liebe Anwesende, Freunde und Genossen, werktätige und studierende Intelligenz, hallo Volk! Zurück zu den Wurzeln, also Roots, mit der Maßgabe im Gepäck: Man muss hier alles hinterfragen! Oder im Sinne Adornos: ðWer sich keine unnützen Gedanken macht, streut auch keinen Sand ins Getriebe.Ð Ihr habt damals an den Grundfesten des bürgerlichen Staats gerüttelt wie Gerhard Schröder am Zaun des Kanzleramtes. Jetzt seid ihr drin!«

Die Menge johlt, und Hans Hermann gibt sich zitatenfest. »In letzter Zeit hat die ideologische Arbeit unter den Intellektuellen und der studierenden Jugend nachgelassen, und es ist zu Abweichungen gekommen.« Ist von Mao, und dazu passt Fidel Castro: »Was den wahren Revolutionär vom Pseudorevolutionär unterscheidet, ist genau dies: der eine handelt, um die Massen zu bewegen, und der andere wartet, bis sich das Bewusstsein in den Massen entwickelt, um anzufangen zu handeln.«

Als Hans Hermann dann zu einer längeren Geschichtsstunde ansetzt und sich jedes Jahr nach 1945 einzeln vornimmt, macht sich Unruhe breit. Derweil werden Schnittchen gereicht, erste Grüppchen bilden sich. Die fünf Fernsehteams, die das Ereignis beobachten, beginnen zu stören. Die da gekommen sind, trauen »den Medien« sowieso nur ein »Klamauk-Stück« zu. Außerdem gehören die Hotelbesetzer nicht gerade zu den Galionsfiguren der damaligen Bewegung, waren allenfalls am Rande involviert und finden es befremdlich, dass heute auf jeden anwesenden 68iger ein Journalist kommt. »Damals hatten wir alle Medien gegen uns«, wird mehr als einmal festgestellt. Trotzdem waren alle irgendwie aktiv und haben nach eigenem Bekunden dazu beigetragen, »dass dieses Land viel von seiner Spießigkeit« verloren hat, wie man einander immer wieder versichert. Alte Feindbilder sind auch geblieben: »Springer-Schergen gebe ich kein Interview«, keift Jürgen; seinen Nachnamen will er nicht nennen, sagt aber, er sei auch Journalist.

Ein Sänger entert die provisorische Bühne und schmettert »Yesterday« und noch ein paar andere Songs von früher, und um halb zwölf wird kollektiv an die Himmelstür geklopft: »Knockin' on heavens door« haben noch alle drauf. Einer verteilt sogar ein Flugblatt. Darauf wird »einer ehemaligen FDJ-Aktivistin« das Recht abgesprochen, darüber »zu urteilen, ob unser damaliger Protest gerechtfertigt war«. Joschka Fischer sei nicht »unser« Außenminister, heißt es trotzig. »Die Widersprüche des Kapitalismus sind nicht aufgehoben. Wir sind und bleiben links!« Die anwesenden Juristen monieren, dass das Flugblatt kein Impressum hat.

Am Samstag steht eine Revival-Tour auf dem Programm. Im Schnelldurchgang geht's durch die multimediale Ausstellung »Story of Berlin«. Ein längerer Aufenthalt wird im Dutschke-Raum eingelegt. Das ist ein nachgebautes Studentenzimmer, ziemlich eng, jede Menge Unordnung, Bücher, rotes Telefon auf dem Schreibtisch, Che-Poster. Das Bett fehle, wird gemäkelt, und überhaupt, die Zimmer seien damals viel größer gewessen.

Die anschließende Stadtrundfahrt führt zu den Brennpunkten der Bewegung: Über den Kürfürstendamm, wo Rudi Dutschke angeschossen wurde, vorbei am Amerikahaus, damals bevorzugtes Ziel für Eier- und Tomatenwürfe, zur Technischen Universität, wo einst der Vietnam-Kongress stattfand, zur Deutschen Oper, wo heute eine Gedenktafel von Alfred Hrdlicka an die Ermordung des Studenten Benno Ohnesorg erinnert. Über die Schüsse hatte Bernhard Schwanzer Widersprüchliches gehört, jetzt wollte er sich vor Ort ein eigenes Bild machen. »Die Argumente der Studenten haben mich überzeugt«, erinnert er sich, deshalb wurde er in der Studentenbewegung aktiv. Nach seinem Studium ist er dann Lehrer geworden und in seinem Heimatort in Norddeutschland Kreissprecher der Grünen.

Die Deutsche Oper gibt auch eine prima Kulisse für die fünf Fernsehteams ab. Die 68er werden reihenweise vor Mikrofone und Kameras gezerrt. »Ich suche nach dem Inhalt, der sich hinter dem Etikett 68 verbirgt«, antwortet Michael Sieben auf die Frage, warum er der Einladung gefolgt ist. Wie er haben sich inzwischen viele mit »dem System« ausgesöhnt, ist zu hören, gleich darauf folgt aber das Bekenntnis, dass das nicht bedeute, alles »zu billigen«, was das System hervorbringt. Schweigsam steht die Gruppe ein paar Minuten später am Grab von Rudi Dutschke auf dem Dahlemer Friedhof. Mit diesem Programmpunkt können die wenigsten etwas anfangen. Es geht weiter am Otto Suhr-Institut vorbei, zum Stuttgarter Platz, wo die legendäre Kommune 1 ihre Wohnung hatte.

Selbstverständlich darf das Springer-Hochhaus nicht fehlen. Beim Vorbeifahren werden noch nicht einmal die Fäuste geballt. Zwischendurch wird viel über den geredet, dem sie die Einladung eigentlich zu verdanken haben: Außenminister Joschka Fischer. Die Meinungen gehen weit auseinander. Irgendwas zwischen »Verständnis« und »Verrat«. Es bilden sich eine Realo- und eine Fundifraktion heraus. Einige sind in die »Eingliederungsfalle« getappt und heben hervor, dass es doch »wunderbar« sei, dass es ein bekennender Straßenkämpfer zum Außenminister gebracht hat. »Für die Steine hat er sich entschuldigt, nicht aber für den Kosovo-Krieg, den er mit anzettelte«, ist von der anderen Seite zu hören. Am späteren Nachmittag folgt eine Diskussionsrunde mit dem Thema: »68er-Revolution - was war, was ist, was kommt?«

Moderiert wird die Runde von einem RTL-Mann, und der fragt, was für den Protest ausschlaggebend war. »Für mich war Eric Burdons Lied ðWe gotta get out of this placeÐ die Initialzündung: Raus aus der miefigen Kleinstadt und ab nach Berlin«, antwortet Udo Joel. Jetzt lebt er immer noch in Berlin, sagt, er sei »Berater« - was immer man sich darunter vorstellen will. Nur so viel gibt er von sich preis: Nach Scheidung und Arbeitsplatzverlust ist er auf der Leiter der gesellschaftlichen Anerkennung »nach unten« gefallen.

Diejenigen, die welche besitzen, sagen über ihre K-Gruppen-Erfahrung, sie sei »Mittel zur Selbstfindung« gewesen. Einer outet sich als SPD-Mitglied. Eine Frau macht bei der Gewerkschaft Bildungsarbeit. Auf einer Zwischenetappe des langen Marsches durch die Institutionen sind einige bei den Grünen gelandet und zum Teil längst wieder ausgetreten. Er verstehe gar nicht, warum die Konservativen so auf Fischer eindreschen, »der bindet doch die Partei vorzüglich in die Regierungspolitik ein«, sagt Kurt Holl. »Die handeln doch alle, wie sie handeln müssen.«

Es gehe doch um »die Deutungshoheit über unsere Geschichte«, ruft Udo Joel. »Der Angriff gilt denjenigen, die sich vom Staat nicht domestizieren lassen.« Joel redet sich in Rage und sagt, man solle der Gewaltdebatte nicht auf den Leim gehen: »Wir definieren die Mittel unseres Protests.« »Aber gewaltfrei«, wird gerufen. Der PR-Gag des Hoteliers kommt auch zur Sprache, und Joel gewinnt der Einladung etwas Positives ab: »Das scheint gar nicht geschäftsschädigend zu sein, nutzen wir doch diese Freiheit.« »Soll er doch seinen PR-Gag haben«, sagt Sabine Schmidt, die damals Kinderläden mit aufbaute. »Wir haben Verklemmung und Prüderie abgeschafft, dafür lasse ich mich jetzt ein Wochenende verwöhnen.« »Wir haben den Orgasmus öffentlich gemacht«, ruft eine Frau.

Allen ist wichtig, das Land aus seiner Spießigkeit geführt zu haben. Zum Beweis präsentieren sich zwei Ehepaare, die »damals« gezwungen wurden zu heiraten. »Sonst hätten wir keine Wohnung gekriegt«, und das habe heute niemand mehr nötig. Dann gehen alle ans Büffet.

Ob das denn »angemessene Wohngemeinschaftsküche« sei, wird von den Medienleuten gefragt. Das Büfett ist nett hergerichtet, aber lange nicht so opulent, wie man es von anderen Zusammenkünften gewohnt ist. Hätte der Hotelier Schmalzschnitten auftischen sollen? Mit einem genervten »Lassen sie mich in Ruhe« werden die Medienvertreter beiseite geschubst. Etwas pikiert schaut die Kollegin eines Berliner Privatsenders, als ihr jemand ins Mikro bellt: »Sie wollen gar nicht ernsthaft berichten, sondern uns vorführen.«

Bewegung gen Mitternacht. ZDF-«Länderspiegel«, »Berliner Abendschau« und »Tagesthemen« haben ihre Berichte über das Treffen bereits gesendet. Das Hotel-Management hat mitgeschnitten, und ab geht es, in den Konferenzraum des Nachbarhotels. Auf der Großleinwand werden die Nachrichtenstücke angeguckt. Da erfahren die Versammelten, dass vier »richtige« (weil schwarz gekleidete?) Hausbesetzer um Einlass zum Veteranentreffen ersuchten. Von den beiden an der Tür postierten Bodyguards wurden sie abgewiesen und schimpften in die Kamera: »Das sind doch gar keine richtigen Revolutionäre, die lassen sich vorführen.« Gelächter und Gejohle im Fernsehraum. »Die hätte man reinlassen sollen«, sagen die einen, und die anderen sind froh, dass ihnen das »verständnislose Austauschen von Positionen« erspart geblieben ist.

»Haben Sie auch Steine geworfen?« lautet die am häufigsten gestellte Frage der Medienleute. Und selbstverständlich: »Wissen sie noch, wie man einen Molotow-Cocktail baut?« Das nährt den Verdacht, es gehe weniger um »Aufarbeitung« als um blöde Klischees. Mit einem solchen überraschte auch der Gastgeber. »Beim Zubettgehen finden sie in Zellophan eingeschweißte Pflastersteine auf ihren Kopfkissen«, wusste die taz zu berichten. Die Pflastersteine konnten angezündet werden, es waren Kerzen. Aber das stand nicht in der taz.

Am Sonntagmorgen wird das Transparent »Dieses Hotel ist von 68ern besetzt« eingerollt. Man geht in der Gewissheit nach Hause, dass die Welt so ist, wie sie ist: Es gibt Realos und Fundis, welche, die immer noch auf dem Marsch durch die Institionen sind und kurz vor der Rente stehen. Und solche, die sich bis auf den heutigen Tag verweigern und »ihr Ding« durchziehen - das meinen die, die sich als Freiberufliche durchs Leben schlagen. Einige haben es zu Wohlstand gebracht, die einen mehr, die anderen weniger, und ein paar sind durchs Raster gefallen und beziehen Sozialhilfe. Und es gibt immer noch die Beatles- und die Rolling Stones-Fraktion. Dass die einstigen »Haschrebellen« (Hans Hermann) heute Rotwein trinken, geht vollkommen in Ordnung. Einige verabschieden sich mit dem Gruß: »Tschüss, bis zu den Castoren!«



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