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Nr. 10/2001 - 28. Februar 2001
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Deine Heldentat ist unsterblich

Von Robert Teschner

23. Februar: Der 23. Februar, seit 1996 der »Tag der Vaterlandsverteidiger« und seit 1999 arbeitsfrei, hieß früher »Tag der Sowjetarmee«. Dieser und andere Feiertage der Sowjetunion sind alles, was den Alten in Russland blieb.


Die Passanten nehmen keine Notiz mehr von ihnen, die Stadtverwaltungen behandeln sie schon lange nachlässig. Einst waren sie zentraler Bezugspunkt im sozialistischen Städtebau. Heute sind sie zu steinernen Relikten einer geschichtlichen Epoche geworden. Die wohl allerorts in Russland anzutreffenden Lenindenkmäler, die in Stein gehauenen Helden und Führer der »Großen Sozialistischen Oktoberrevolution« und des »Großen Vaterländischen Krieges« wurden im letzten Jahrzehnt an den Rand der öffentlichen Wahrnehmung gedrängt. Als geduldete Erinnerungsorte fristen sie im Stadtraum ein zugleich merkwürdig abwesendes wie präsentes Dasein.

An diesen Orten gingen die gesellschaftlichen Veränderungen der neunziger Jahre so gut wie spurlos vorüber. Zumeist in einem großen Bogen um die Denkmäler herum entfaltet sich der neue, postsowjetische Stadtraum mit einer von Reklame und Straßenmärkten geprägten Urbanität.

Doch es gibt Tage im Jahr, an denen die Denkmäler und Gedenkstätten zu einem Teil der Öffentlichkeit werden. Manche Denkmäler werden festlich geschmückt oder sogar restauriert. Viele Menschen kommen dort zusammen und legen an den Sockeln Blumen und Kränze nieder. Diese Leute tragen rote Fahnen und Transparente, zumeist Requisiten aus dem unerschöpflichen Propagandafundus der Sowjetära. Die Porträttafeln mit dem Konterfei kommunistischer Führer sowie die kämpferischen Parolen auf den Transparenten geben den alten Gedächtnisorten wieder etwas von ihrem früheren pathetisch-ideologischen Ausdruck zurück.


Festtagszyklen

Es treten auf: Alt- und Jungkommunisten, Stalinverehrer, Enttäuschte, Unverbesserliche und Schaulustige. Vor allem sind es ältere Menschen, Pensionäre und Veteranen. Sie sind gekommen, um ihre alten Feiertage zu begehen. Der 7. und 8. November, der »Tag der Oktoberrevolution«, der 1. Mai, der »Tag der Internationalen Arbeiterklasse«, und der 9. Mai, der »Tag des Sieges«, waren zu Sowjetzeiten die zentralen staatlichen Feiertage. Jahrzehntelang wurden sie im ganzen Land mit großem Aufwand zelebriert. Sie waren die Fixpunkte, die den politisch-symbolischen Jahreslauf bestimmten und die Festkomitees schon Wochen vorher aktiv werden ließen. Für jeden Bürger, jeden Schüler, für jeden Betrieb, jede Universität waren diese Tage als obligatorisches kulturelles Gedächtnistraining gegenwärtig. Mit dem Festtagszyklus bildete sich ein Veteranenkult heraus. Die Teilnehmer von Revolution und Bürgerkrieg, die Aktivisten der Neulandgewinnung und Industrialisierung, die Helden der Arbeit und die Parteiveteranen stellten ein riesiges Statistenheer.


Veteranenkult

Die mit Abstand größte und in der Hierarchie ganz oben stehende Veteranengruppe waren die Weltkriegsteilnehmer, die aktiven Zeugen und Helden des »Großen Vaterländischen Krieges«. Zum Ende der Sowjetära fast schon zu lebenden Ikonen stilisiert, fiel ihnen bei den alljährlichen Großkundgebungen eine Hauptrolle zu. Sie haben nicht nur die Geschichtsrevision der Glasnostperiode unter Gorbatschow unbeschadet überstanden. Sie sind auch die einzige Veteranengruppe, die sich ins »Neue Russland« hinüberretten konnte. Dass der 9. Mai, der »Tag des Sieges«, der bedeutendste Feiertag im neuen Russland geblieben ist, ist nicht zuletzt ihnen zu verdanken. Die alte Veteranenriege braucht man nicht lange zu bitten: Mit großem Stolz versammeln sie sich unaufgefordert wie ehedem zum »Tag des Sieges über den deutschen Faschismus«, aber auch zu den anderen Feiertagen an den alten Denkmälern.

Während Revolutionsanhänger mit ihren Transparenten und Stalinbildern belächelt werden, ihnen bisweilen sogar Missachtung entgegenschlägt, werden die Weltkriegsveteranen mit ihren Uniformen und ihren Orden nach wie vor von der Bevölkerung akzeptiert.

Spätestens zur Siegesfeier 1995, am fünfzigsten Jahrestag, lebte der alte Veteranenkult unter reger Beteiligung von Gebietsadministrationen, Stadt- und Dorfverwaltungen wieder auf. Wo man Distanz zu den Kommunisten wahren möchte, finden häufig zwei Veranstaltungen an verschiedenen Orten statt. Die Zeremonien gleichen sich, die historischen Herleitungen differieren.

Die einen sehen das Einzigartige dieses Ereignisses nach wie im geeinten Widerstandswillen der sowjetischen Völker, den die kommunistische Staatsführung geweckt habe; nur so sei es schließlich zum erfolgreichsten militärischen Schlag gegen »imperialistische Kriegstreiberei und Ausbeutung« gekommen. Für die anderen, die »Neuen Russen« und die politisch desinteressierte Bevölkerungsmehrheit, ist der Sieg über Hitlerdeutschland ein Beweis für die weltpolitische Größe Russlands - zumindest sind sie davon an den Feiertagen überzeugt.


An den Rand gedrängt

Aber wer will das den ehemaligen Eroberern Berlins schon verübeln? Für sie bedeuten diese Feiertage heute in erster Linie eine Anerkennung ihrer heldenhaften Leistung. Daran gewöhnt, eine überdurchschnittliche Aufmerksamkeit zu erfahren, müssen die Veteranen heute um ihre alten Privilegien fürchten. Gefährdet ist weniger ihr gesellschaftlicher Repräsentationsstatus als vielmehr ihre soziale Sonderstellung.

Der bankrotte Staatshaushalt hatte auch Auswirkungen auf die Versorgung der Veteranen. Früher bekamen sie nicht nur zwei Renten, ihnen standen auch bessere Wohnungen, eigene Sanatorien und Krankenhäuser zur Verfügung. Nun gibt es diese Leistungen nicht mehr, zumindest nicht mehr im gewohnten Umfang. Anderes verschwand von allein. Die großen Gewerkschaften, die den Veteranen Flüge, Reisen und andere Annehmlichkeiten bezahlten, haben sich längst aufgelöst. Die Grundrente liegt heute bei 50 Mark - weit unter dem derzeitigen Existenzminimum von ca. 100 Mark.


Weißt du noch ...?

So verwundert es nicht, wenn die Veteranen an ihren Feiertagen über das heutige Russland in Rage geraten. »Deine Heldentat ist unsterblich«, heißt es auf einer riesigen Plakatwand. Davor stehen die greisen Helden mit ihren Medaillen und Auszeichnungen am Revers und beklagen den kargen Veranstaltungsrummel dieser Tage. An den ehemaligen sozialistischen Feiertagen gedenken die Veteranen wehmütig längst vergangener Zeiten. Damals wurden die Kanonen noch den halben Tag lang durch die Stadt gezogen, erzählen sie, man aß und trank an üppigen Tafeln. Und überall habe man ihren Geschichten gelauscht. Den meisten von ihnen bedeuten die gesellschaftlichen, ökonomischen und staatlichen Erneuerungen nichts. Ebenso wenig interessieren sie die neu geschaffenen Feiertage, etwa der »Tag der Unabhängigkeit« am 12. Juni, der an die ersten freien Präsidentschaftswahlen von 1993 erinnern soll. Die mit dem Zerfall der Sowjetunion einhergegangenen Umwälzungen stellen für die ältere Generation insgesamt ein unberechenbares Konglomerat aus Enttäuschungen und sozialen Einbußen dar.


Die starke Armee

Nur für kurze Zeit schien es so, als könnte die anfangs überstürzte Entsorgung ideologischer Altlasten am sowjetischen Gepräge der Siegesfeiern Anstoß nehmen. Der Mangel an universellen historischen Leitbildern sowie die Frage nach der russischen Identität machten jedoch deutlich, dass es zu den vertrauten Erinnerungsritualen kaum eine Alternative gab. Auch für das Militär war das Bewährte unentbehrlich.

Nach der Auflösung der Warschauer Vertragsunion litt die einstige Hauptstreitmacht an Macht- und Prestigeverlust. Hinzu kam der erste Tschetschenien-Krieg. Da das Bild von der starken, sieggewohnten russischen Armee in Frage gestellt wurde, kam der Rückgriff auf die traditionellen Siegesfeiern gerade recht.


Tag der Versöhnung

Der Veteranenkult zum »Tag des Sieges« ist mit seinem Kulissenwert eine verlässliche Instanz geblieben. Bei anderen Feiertagen ist es komplizierter. Der »Tag der Oktoberrevolution« machte einen Kunstgriff unumgänglich. Der ehemals pompöse Feiertagsmarathon am 7. und 8. November war mit der Abkehr vom Kommunismus und vom Machtmonopol der Partei nicht mehr vereinbar. Jedoch hängen viele Pensionäre so sehr an den Feiertagsritualen, dass eine Abschaffung Unmut hervorgerufen hätte. Boris Jelzin aber benötigte die Unterstützung der älteren Generation. So verzichtete man auf einen Feiertag und machte den 7. November zum »Tag der Versöhnung und Vereinigung« - für die meisten Russen ein irritierender Gedenkanlass, über den viel spekuliert wird.

Die neue politische Klasse tut sich mit öffentlichen Feiern an diesem Tage schwer. Aber eine Versöhnung mit den Veteranen und Pensionären, die alten Zeiten nachtrauern, ermöglicht diese Kompromisslösung allemal. In alter Gewohnheit zelebrieren sie - an diesem Tag wie auch am 23. Februar - vor den alten Denkmälern ihre alten Kundgebungen. Und immer ist es eine Erinnerung an die Sowjetunion.



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