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Nr. 09/2001 - 21. Februar 2001
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Salman Ringel

taz-Leser sind schon immer überaus eifrige Leserbriefschreiber gewesen. Insbesondere die »Wahrheit« musste sich über mangelnde Resonanz nie beklagen. Auch nicht in der vergangenen Woche. Michael Ringel, Redakteur der »Ist das noch Satire?!«-Seite, konnte sich mal wieder seinen Wäschekorb Post abholen. Die Empörung galt einem auf der »Wahrheit«-Seite erschienenen 30-Zeiler über indische Muslime, die ihre Fernseher aus dem Fenster geschmissen hatten, weil sie das TV für das jüngste große Erdbeben verantwortlich machen. Der Text endete mit dem Reim »Allah ist groß, Allah ist mächtig, er hat einen Arsch von drei Meter sechzig«.

Mit diesem Text werde den Muslimen »der Stellenwert der westlichen Siphilisation gezeigt«, erklärte z.B. ein Leser und drohte: »Die taz wird für diese Art der Diffamierung und der Blasphemie büßen.« »Sterbt, ihr elenden Hetzer«, fluchte ein anderer. So ging das seitenlang, Beschimpfungen, Boykottaufrufe und immer wieder Rübe-ab-Forderungen. Die taz allerdings sah keinen Grund, Herrn Ringel zu köpfen oder sich in anderer Form am Kampf für Allah zu beteiligen und reagierte auf die Einschüchterungsversuche islamischer Funktionäre mit zwei Sonderseiten Toleranz- und Humornachhilfe. Und was macht der Fatwa-gefährdete Autor? Versteckt sich im Londoner Exil? Geht beichten? Tarnt sich mit falschem Bart? Nein, Ringel ließ stattdessen sein Passbild in der taz abdrucken. Allerdings stauchte die Bildredaktion das Bekennerfoto derart zusammen, dass auch erfahrene Gotteskrieger Schwierigkeiten haben dürften, den Redakteur zu identifizieren.



Der Glaube und die Folgen

Nicht nur islamische, auch christliche Fundamentalisten drehen mächtig am Rad. Etwa der New Yorker Bürgermeister Rudolph Giuliani. »Yo Mama's Last Supper« heißt das Bild, das Giuliani für »ekelhaft«, »abscheulich« und »anti-katholisch« hält. Es ist von der Fotografin Renée Cox und zeigt die Künstlerin nackt zwischen zwölf nackten Männern, ihren »Aposteln«. Es wird im Brooklyn Museum of Art ausgestellt, in der Ausstellung »Commited to the Image - Contemporary Black Photographers«. Giuliani hat nun vor, eine seiner Lieblingsideen in die Tat umsetzen: Er will eine Kommission einberufen, die »Anstandsregeln für die Institutionen, die Steuergelder verschwenden«, erstellen soll. Schon vor zwei Jahren, als dort die »Sensations«-Ausstellung gezeigt wurde, hatte er gedroht, dem Brooklyn Museum of Art die staatlichen Gelder zu kürzen. Damals war er vor dem Obersten Gericht gescheitert.



Auch Maffay bekennt sich schuldig

Die große deutsche Bekenntnisserie geht weiter. »Ein Wort zum Fall Joschka Fischer?« fragt der Tagesspiegel Peter Maffay. Wieso das?, ist man geneigt zu fragen, warum ausgerechnet Maffay, was hat er zum Thema Fischer zu vermelden? »Ich finde ihn toll. Der Schlüssel zu ihm, und ein wenig auch zu mir, ist das Recht auf Veränderung. Da sind die Deutschen oft zu streng. Das Wichtigste ist: Man muss dranbleiben, darf nicht aufgeben, muss immer wieder beweisen, dass man sich gewandelt hat. Er muss das, ich muss das, jeder muss das. Von mir kann ich nur sagen: Ich habe mich in Sachen Musik schuldig gemacht, ja, ich bekenne mich schuldig.« Oho, Maffay distanziert sich von seiner musikalischen Vergangenheit? »Tabaluga« wurde ihm von seinem Management aufgezwungen? »Über sieben Brücken musst Du gehen« sollte den Weltfrieden retten, wurde nichts draus, Schwamm drüber? Weit gefehlt. Maffay schämt sich für »Du«, einen Schlager aus den frühen Siebzigern, einen unglaublichen Schmachtfetzen, aber eben das einzig gute Stück, das er jemals herausgebracht hat.



Ficken und Schweigen

So manch einer mag das anders sehen, aber die Wahrheit jenseits des bildungsbürgerlichen Dünkels ist: Französische Filme taugen meistens nicht. Entweder man schaut irgendwelchen Upper-Class-Pärchen dabei zu, wie sie am Strand spazieren gehen und in endlosen, unglaublich gestelzten Dialogen darüber reden, warum ihre Beziehung jetzt den Bach runtergeht. Oder es sind Filme, die von dem genauen Gegenteil handeln: Es klingelt, Tür geht auf, Frau kommt rein, Schnitt, wilder Sex auf dem Fußboden, Schnitt, Typ und Frau liegen nebeneinander, Typ raucht, keiner spricht. So geht das den ganzen Film über. Irgendwo auf halbem Weg zwischen adoleszenter Kierkegaard-Lektüre und Pornofilm. Aber eben weder das eine noch das andere. Kennen sie ihren Namen? Wir wissen es nicht. Sieht so wahre Leidenschaft aus? Nicht wirklich.

»Intimacy« ist so ein Film. Und weil letztes Jahr mit »Magnolia« schon ein Hollywood-Film den Goldenen Bären gewonnen hat, konnte es in diesem Jahr unmöglich »Traffic« werden, so wurde es also »Intimacy« von Patrice Chéreau. Zuletzt erregte Chéreau 1976 in Deutschland Aufsehen, als er in Bayreuth den »Ring des Nibelungen« inszenierte. Den Silbernen Bären als beste Schauspielerin erhielt die »Intimacy«-Hauptdarstellerin Kerry Fox. Bester männlicher Darsteller wurde Benicio Del Toro für seine Rolle eines mexikanischen Drogenfahnders in dem US-Film »Traffic«. Der Große Preis der Jury ging an den chinesischen Beitrag »Beijing Bicycle« von Wang Xiaoshuai. Die dänische Liebeskomödie »Italienisch für Anfänger« von Lone Scherfig bekam den Silbernen Bären der Jury. Den Silbernen Bären für die beste Regie erhielt Lin Cheng-sheng aus Taiwan für seinen Film »Betelnut Beauty«.



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