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Nr. 08/2001 - 14. Februar 2001
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Sitten und Gebräuche XI

Ganslhaut

Stöhnend, jauchzend, jubilierend, erregt vom Anblick männlicher Muskeln lässt Armin Assinger einen Schrei los: »Eine Riiieeesenlatte!« Dann muss er jedoch resignierend feststellen: »Aber leider ist er nicht so spritzig.« Wenn jeder Unwissende die horizontalen Pöbeleien eines triebgesteuerten Mannes vermutet, weiß der Österreicher: Es ist Winter. Es ist die Zeit des Skifahrens. Es ist die Zeit der alpinen Ski-WM.

Armin Assinger war selbst einmal ein ganz passabler Skifahrer und ist jetzt ins komische Fach gewechselt, zur Skireportage im österreichischen Fernsehen. Mit der »Riiieeesenlatte« meint der Armin die angeblich perfekte Skiauswahl des Rennläufers und mit der Abwesenheit der »Spritzigkeit« dessen schlechte Kondition. Bis zum vergangenen Samstag hatte Assinger einen Dauerauftrag als Reporter: die alpine Ski-WM im tirolerischen St. Anton. Ganz Österreich befand sich beinahe zwei Wochen lang im emotionalen Ausnahmezustand, und der ORF, in St. Anton mit rund 400 Mitarbeitern, 37 Kameras und zwei Hubschraubern vertreten, tat ein Übriges zur Hysterisierung der Nation.

Man muss nämlich wissen, dass die Österreicher, obwohl sie ein Volk von Klemmis sind und sich schon längst damit abgefunden haben, eine Fußnote der Zeitläufte zu sein, gerade beim Skifahren zu ehrgeizigen Berserkern werden. Von egomanischem Ehrgeiz zerfressen, spulte auch der ORF das Event hinunter. Der Wetterbericht im staatlichen Fernsehen hatte plötzlich kein Interesse mehr an den Temperaturen in Washington und Moskau. Vielmehr erfuhr man von einem Moderator, dass die Temperaturen bei der Pfarrkirche in St. Anton um durchschnittlich zwei Grad niedriger liegen als im Ski-Stadion. Ins tägliche WM-Studio wurde jeden Abend auch ein Hauch großer Politik importiert: Der österreichische Bundespräsident Thomas Klestil gratulierte österreichischen Medaillenträgern täglich zu ihren Leistungen. Per Live-Schaltung aus der Hofburg. Wenn dann dummerweise andere gewonnen hatten, hatte der Präsident frei.

Leider passierte das bei dieser WM allzu oft. Hermann Maier, in den vergangenen drei Jahren Goldjunge der Nation, ging diesmal beinahe leer aus. Eine silberne und eine Bronzemedaille nur. Lasch. Aber Maier ist ja nie um Ausreden verlegen. Bei der Abfahrt (Silbermedaille) waren es die Funksprüche, die ihn irritierten, beim Riesentorlauf (keine Medaille) war es der Diebstahl seines Glücksbringers, eines großen rosafarbenen Plüschschweins. Aber wahrscheinlich fehlte Maier nur die »Spritzigkeit«.

Das wird allerdings nie jemand erfahren, denn Moderatoren des ORF müssen Kritik an österreichischen Läufern grundsätzlich verschweigen und ausländische Medaillengewinner notfalls einbürgern. So wurde Martina Ertl, die Siegerin des Slaloms, zur »halben Österreicherin«. Denn sie hat »die meisten Siege in Österreich errungen« und fährt »auf österreichischen Skiern«. Florian Ebert, deutscher Bronzemedaillengewinner in der Abfahrt, fährt laut ORF nur zufällig für Deutschland, denn seine Mutter ist Kärntnerin. Darwin im Sportstudio. Wie aber Ebert überhaupt eine Bronzemedaille in der »österreichischen Disziplin« erringen konnte, ist noch heute ein Rätsel.

»Wie erklärst Du Dir das Phänomen Ebert?« fragte ein ORF-Moderator den Co-Reporter Assinger. Antwort, wohl begründet und dialektisch feinsinnig aufbereitet: »Ganslhaut!« Eine österreichische vermutlich.

martin schwarz



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