Im nächsten Krieg wird alles besser
In Unterfranken übten 14 Journalisten mit der Bundeswehr den Kriseneinsatz. Lernziel: Kriegsberichterstattung. von sven hillenkamp
Die Stimmung im Dorf ist aufgeheizt. Zwei Transportpanzer und ein Spähpanzer der Kfor stehen auf der Dorfstraße. Die Menge albanischer Männer schwappt bald hierhin, bald dorthin, angezogen von den Bewegungen der Soldaten, getrieben von Gerüchten. Mal zerfällt die Masse in debattierende Grüppchen, im nächsten Moment ballt sie sich zum skandierenden Mob.
»Kfor, go home!« schallt es den deutschen Soldaten entgegen, die vor mehreren Häusern Ketten gebildet haben. Und zwar vor den Häusern, in denen die 30 bis 40 Serben des Dorfes leben, ghettoisiert wie fast überall im Kosovo. Viele Serben lehnen aus den Fenstern und schauen provozierend herab auf die brodelnde Menge.
Plötzlich richtet sich alle Aufmerksamkeit auf die Straßenseite gegenüber. Eben haben Soldaten ein Haus oberhalb des Fahrdamms umstellt und abgeriegelt. Ein albanisches Haus. Die Menge drückt gegen die Absperrung. Soldaten ziehen auf der Rampe, die zum Haus emporführt, Nato-Draht. Links und rechts der Eingangstür halten Soldaten ihre G36-Gewehre im Anschlag. Irgendetwas wird gleich passieren. Und da passiert es auch schon: etwas völlig Unerwartetes. Ein Mann löst sich im Lauf aus dem Mob, über zwei Meter groß, mit Stahlhelm und Splitterweste.
Er überwindet irgendwie die Barriere, tritt die Haustür ein und verschwindet im Hausinneren. Das verdutzte Sturmkommando, das aufs Kommando zum Sturm noch wartete, stürmt hinterher. Das Chaos, das die Soldaten gerade erleben, nennt die Bundeswehr diplomatisch »das Zusammenwirken von Truppe und Medienvertretern im Einsatz«. Der Mann, der den Soldaten vorausgeeilt ist, in das Versteck militanter Albaner, trägt auf der Schulter eine Kamera. Ein Journalist.
Zu seinem und aller anderen Glück sind die albanischen Terroristen im Haus nicht echt. Nichts ist echt in diesem Dorf außer den Soldaten und ihren Waffen. Wir sind in Bonnland, von der Wehrmacht einst zu Manöverzwecken »abgesiedelt«, heute Übungsdorf der Bundeswehr. Das Kosovo liegt in Unterfranken zwischen Fulda und Würzburg. Dort, auf einem bewaldeten Hügel, residiert die Infanterieschule Hammelburg und das zugehörige VN-Ausbildungszentrum.
Das Zentrum bereitet deutsche Soldaten auf Auslandseinsätze vor. Zum dritten Mal seit 1999 sind auch Journalisten dabei. Die zwölf Männer und zwei Frauen, vor allem Fotografen und Fernsehleute, erhalten hier eine viertägige »Basiseinweisung«. Krieg im Crashkurs für Kriegsberichterstatter und solche, die es einmal werden wollen.
Soldaten stellen die Konfliktparteien des Krisengebietes dar, in das ein Bundeswehr-Kontingent entsandt werden soll. Auch zwei Kriegsberichterstatter werden von Soldaten gemimt. Zu diesem Zweck werden in Hammelburg Waffenträger bataillonsweise zu Rollenspielern ausgebildet. So gut, dass die Soldaten, die Bösewichter gegeben haben, nach der Übung Name, Heimatort und Dienstgrad vor versammelter Mannschaft aufsagen müssen, um für die Kameraden wieder sie selbst zu werden. Nicht gut genug allerdings, als dass die Soldaten, die Journalisten spielen, selbst auf eine Kamikaze-Aktion kämen, wie sie ihnen der echte Journalist einer Hamburger Fernsehfirma beim Häusersturm gerade vorgeführt hat.
Die »Basiseinweisung für Journalisten«, betont denn auch das Verteidigungsministerium, beruhe auf gemeinsamen Interesse. Beide Seiten sollen voneinander lernen. Die Befehlshaber vor Ort sollen »die Anwesenheit von Medienvertretern in das Führungsverhalten« einbeziehen, die Journalisten nicht mehr in »Unkenntnis der grundsätzlichen militärischen Verhaltensweisen« den militärischen Auftrag gefährden. Nicht zuletzt geht es für die Journalisten um verbesserten Selbstschutz. »Ein Auge für die Kamera, ein Auge für mich«, schärft der Leiter des Ausbildungszentrums, Oberst Hans-Jürgen Folkerts, den Teilnehmern immer wieder ein.
87 getötete Journalisten weltweit, das ist die Schreckensbilanz für 1999. Sie wird den Teilnehmern gleich am ersten Tag präsentiert. In der Hoffnung, so Folkerts, »dass nicht irgendwann Sie zu dieser Zahl X gehören«. Die Zahl vom vergangenen Jahr wird nur noch übertroffen von den mehr als 120 Toten im Jahr 1994. Damals war es der Konflikt in Bosnien, im vorletzten Jahr kam der Kosovo-Krieg hinzu, der die Liste mit den Kreuzen so lang werden ließ. Seitdem der Krieg nach Europa zurückgekehrt ist und die Bundeswehr auch mit Bodentruppen an internationalen Einsätzen teilnimmt, ist der Andrang groß wie nie zuvor. Im Juni 1999 besuchten allein die Bundeswehr-Pressestelle in Prizren täglich mehr als 100 Journalisten.
Franz-Josef Hutsch war für den stern im Kosovo und erzählt am ersten Tag der »Basiseinweisung« von einem »Problem« in diesem Juni 1999. Damals, am 13. des Monats, wurden zwei stern-Kollegen südlich von Pristina erschossen. Hutsch kümmerte sich um die »Rückführung«, wusste aber nicht, wo er die Leichensäcke besorgen sollte.
Praktische Fragen dieser Art sind es, die gleich zu Beginn der Veranstaltung allen Teilnehmern den Ernst der Sache vor Augen führen. Etwa die Hälfte der Journalisten war noch nie in einem Kriegsgebiet. Andere wie Hutsch oder Chistoph Maria Fröhder vom WDR sind Profis. Fröhder hat schon aus Vietnam berichtet. Er wirkt wie ein Kriegskorrespondent aus dem Kino. Der Fernsehmann mit dem zerzausten Haupthaar und dem Dreitagebart wird angetrieben von seinem Pazifismus und der journalistischen Pflicht zu berichten, wie er sagt. Er entging Überfällen aus dem Hinterhalt und versuchtem Kidnapping, und als sein Kameramann nach dem Sieg der Roten Khmer in Kambodscha davonlief, drehte er eigenhändig weiter. Das ist der Stoff, aus dem die Helden sind, scheint es. Spiele niemals den Helden, ist die Regel, die die Bundeswehr dagegensetzt.
Die eigene Verwundbarkeit und die Verantwortung für den Nächsten sollen die Journalisten in diesen Tagen verinnerlichen. So steht die Gruppe, jeder mit Stahlhelm und Fernglas ausgerüstet, eng gedrängt in einem Tal, ringsum bewaldete Hügel, in denen sich »feindliche Stellungen« verstecken. Dann kracht und knattert es aus dem Maschinengewehr MG3, den Gewehren G3, G36 und G22, der Panzerfaust 3 und dem Schützenpanzer Wiesel. Es wird scharf geschossen, wenige Meter über die Köpfe der Journalisten hinweg. »Wo sitzt der Schütze? Wer oder was zielt auf mich?« Es ist gut zu wissen, ob man es mit einem Maschinengewehr, einem Panzer oder mit Scharfschützen zu tun hat. »Wo kann ich Deckung suchen?«
Wo nicht, hat man der Gruppe bereits am Morgen gezeigt: Normale 7,62 mm-Gewehrmunition durchschlägt Bäume mit einem Durchmesser von 60 Zentimetern, Panzerglas und Ziegelmauern. Und natürlich - bei senkrechtem Aufschlag - einen Stahlhelm. Da staunen die Journalisten. Eigentlich sollte es für sie klar sein, dass nichts ist wie im Fernsehen. Der sichere Schutz hinter Baum oder Mauerecke ist nur einer der vielen fatalen Irrtümer, denen in Hammelburg sogar die erfahrenen Kriegskorrespondenten noch anhingen. Auch Explosionen sind anders als im Film. Drei dürfen die Journalisten aus nächster Nähe in einem Schützengraben erleben: 1 500, 2 000 und als Höhepunkt 5 000 Gramm Sprengstoff. Banges Warten. Im Krieg kann es Stunden dauern. Dann wackeln die Betonwände.
Die Druckwelle fährt in die Körper, die Münder stehen offen, um sie durchzulassen. Als es vorbei ist, fühlt man sich irgendwie weich, wie ein Schalentier ohne Schale. Schon das Geräusch der Schüsse ist in die Knochen gefahren wie eine Bö in ein Windspiel.
Die Journalisten können sich allmählich vorstellen, wie mürbe der Krieg macht. Die Gefährlichkeit von Minen und Bomben erklärt Oberstleutnant Jürgen Müller - Spitzname Minen-Müller. Die Tür eines Hauses öffnet er mit dem Satz: »Ich will Ihnen nur zeigen, dass sie keine Chance haben.« Sprengsätze, allesamt schnell gebastelt, finden sich an der Tür, unterm Teppich, in Schubladen, unter der Klobrille und unter dem Waschbecken. Dreht man den Wasserhahn auf, löst der tropfende Siphon eine Granatensperre aus Zuckerwürfeln. »Die Konsequenz wäre ein Totalausfall von Personal und Material«, erläutert Minen-Müller mit militärischer Präzision.
Hier geht es für die Journalisten ans Eingemachte, schließlich müssen sie selbst gesehen haben, wovon sie der Welt berichten. Das Problem ist nur, dass jedes Haus derart »gesichert« sein kann, und wer die freigegebenen Wege verlässt, begibt sich in Minengefahr. Gerade dort, wo Flüchtlinge ihre Habe dem Feind überlassen mussten oder wo Gräuel verübt wurden, ist das Risiko besonders groß. In einem Waldstück läuft ein junger Fotograf zum wiederholten Mal in den Zugdraht einer Mine. Es macht peng, und der Trupp der Medienvertreter steht in einer orangefarbenen Rauchwolke. »Verdammt«, schimpft der Fotograf verzweifelt, »wo kann ich denn überhaupt noch hin!«
Armin Paul Hampel hat für sich eine Antwort gefunden. Er hat viele Jahre für die ARD als Kriegsreporter gearbeitet und ist als Referent nach Hammelburg gekommen. Im ersten Golf-Krieg hat Hampel seinen Assistenten verloren. Jetzt bleibt er stets auf vielbefahrenen Straßen und hält sich vom unmittelbaren Kampfgeschehen fern. Davon brauche er keine Bilder, sagt er, informieren könne auch, wer die Folgen dokumentiere. Seine Devise: »Nicht gucken, sondern nachgucken.«
Am Ende der viertägigen »Basiseinweisung« sind von den 14 Journalisten zwei tot. Obwohl sie Hampels Devise beherzigt hatten. Die Frau von der Süddeutschen Zeitung wurde beim ersten Einsatz von einem Heckenschützen ins Visier genommen. Der taz-Fotograf erschreckte am letzten Tag serbische Geiselnehmer mit Vibrationen in seiner Jacke. Er hatte sein Handy nicht abgestellt.
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