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Nr. 07/2001 - 07. Februar 2001
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Wende in der Biomedizin

Ethische Säuberung

von anton landgraf

Deutschland verpasst wieder den Anschluss. Wenn nicht schnell gehandelt wird, bleibt die Berliner Republik ein gentechnisches Entwicklungsland. Das muss anders werden. »Erst kommt das Wissen«, dann der »Führungsplatz in der Bio- und Medizintechnik«, erklärt Bundeskanzler Gerhard Schröder.

Doch vor allem kommt zuerst das Geld. Für den Ausbau der Biotechnik will die Bundesregierung in den nächsten fünf Jahren 1,5 Milliarden Mark bereitstellen. Hinzu kommen weitere 350 Millionen Mark für das nationale Genomforschungsprojekt, wie Forschungsministerin Edelgard Bulmahn vergangenen Donnerstag pünktlich zum Beginn des Jahres der Lebenswissenschaften verkündete. Das Geld stammt aus dem Verkauf der UMTS-Lizenzen.

Die Bundesregierung hat viel aufzuholen, denn in der Gentechnologie liegen die USA in Führung, Europa hinkt etwa um zehn Jahre hinterher. Die rund 1 300 europäischen Unternehmen der Branche haben derzeit insgesamt einen Börsenwert von 35 Milliarden Dollar, gerade ein Zehntel des Werts der US-amerikanischen Firmen.

Die US-Biotechbranche konnte schon früh vom Telekom-Boom an den Börsen und vom engen Kontakt zwischen Universitäten und Industrie profitieren. Die schnelle Verwertung wissenschaftlicher Erkenntnisse und ihre prompte Finanzierung durch Risikokapital verschaffte den USA Vorteile im Wettbewerb. In Europa folgte zuerst Großbritannien in den achtziger Jahren dem US-Modell. Dort wurden die ersten biotechnischen Startups gegründet, viele von ihnen in der Nähe der Forschungsinstitute von Cambridge und Oxford. Später folgten Frankreich und kleinere Länder wie Island und die Schweiz.

In Deutschland kam die Technologiebörse am Neuen Markt hingegen erst Mitte der neunziger Jahre in Schwung, ebenso die staatliche Förderung. Durchaus mit Erfolg. Im vergangenen Jahr gab es zwischen Flensburg und Konstanz zum ersten Mal mehr Biotechunternehmen als in Großbritannien. Doch um den Vorsprung der USA aufzuholen, sind in den nächsten Jahren viel größere Investitionen nötig als bisher.

Um dieses Kapital aufzutreiben, werden die phantastischen Zukunftsaussichten der Biotechbranche angepriesen: Je höher der Einsatz, desto gewaltiger die Versprechen. Mit Hilfe des Genomprojekts soll beispielsweise der Krebs besiegt werden. Seine Regierung werde den Kampf gegen die »Volkskrankheit« aufnehmen und sie »ausrotten«, tönte Tony Blair, nachdem britische Gerichte das therapeutische Klonen von Embryonen erlaubt hatten. Bundeskanzler Schröder übernimmt diese Werbestrategie für die Bioindustrie. So befürwortet die neue Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt Gentests an künstlich befruchteten Eizellen, damit schwere Erbkrankheiten besser bekämpft werden können.

Die Verbindung von medizinischen Heilsversprechen und Standortwettbewerb ist in mehrfacher Hinsicht lukrativ. Denn wer will der Biotechnologie noch die Legitimation absprechen, wenn mit ihrer Hilfe schwere Leiden gelindert oder gar verhindert werden? Und was könnte profitabler sein, als das Leben und den Körper selbst zu vermarkten?

Dass diese Versprechen auf einer technokratischen Vorstellung beruhen, die die Gesellschaftlichkeit von Körper, Krankheit und Reproduktion gar nicht mehr reflektiert, wird dabei kaum noch zur Kenntnis genommen. So ist die Entstehung von Krebs wesentlich von Umweltfaktoren abhängig. Diese sind mit einer Genomanalyse wohl kaum zu erklären.

Den Kritikern dieser Technologie wird hingegen seit dem sozialdemokratischen Aufbruch in der Biomedizin die Legitimation abgesprochen. Gleichzeitig wird der deutschen Bio-Industrie viel Geld beschert. Deutschland wird den Anschluss nicht verlieren. Über Gentechnik haben wir genug geredet. Jetzt wird gehandelt.



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