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Nr. 06/2001 - 31. Januar 2001
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Sitten und Gebräuche IX

Wolle macht mobil

Wolfgang Thierse, der vollbärtige Bundestagspräsident, schien bislang immer ein schnuffiger Typ zu sein. Sicher, er hat die Zustimmung zum Asylkompromiss und die Nato-Angriffe auf Jugoslawien mitgetragen und sich auch sonst mit seiner Partei politisch schuldig gemacht. Doch immer schien es, als ob tief drinnen in dem Mann, hinter Fraktionszwang und Ämterstreben, eine gemütliche Natur hause, die daheim gern Wurstbrote isst und warme Filzpantoffeln trägt.

So war er denn auch immer, wenn es darum ging, etwas ganz Entschlossenes zu tun, gar nicht so sehr entschlossen, blieb auch Jahre nach der Wiedervereinigung weiterhin Mitglied der Ost-SPD, schaute traurig drein, wenn ein Eiferer die Redezeit überschritt und der CDU die Gelder verweigert werden mussten. Dann sah er immer nach verhaltenem Grummeln aus und so, als sei es sein geheimster Wunsch, einen kleinen Zeitungsladen am Prenzlauer Berg zu betreiben. Traf er in einer Gesprächsrunde auf Monika Maron und Christoph Stölzl, so wusste auch er, dass er der Intelligenteste der Runde war, doch verließ er nicht schweigend den Saal, sondern hörte leidend zu, wie Stölzl einen neuen Begriff der Dialektik erfand und Maron schwer betroffen die Grammatik verdrehte.

Und so hätte es auch niemanden gewundert, wenn Wolfgang Thierse bald schon als eine Mischung aus Lübke und Rau seinen Lebensabend verbracht hätte. Doch das Gegenteil ist der Fall. In einer Zeit, in der alle Uranmunition verschießen, in Ermittlungsverfahren geraten oder eine illustre Vergangenheit verteidigen müssen, will der unbescholtene Ostler nicht länger hintanstehen. Denn wieder kriegen nur Wessis und kein Ossi was - und sei es auch nur Schelte.

Seit längerem berichten Augenzeugen, dass Thierses Schritt fester geworden sei, auch schaue er im Bundestag manchmal »regelrecht entschieden« drein. Am vorletzten Wochenende platzte es aus ihm heraus. Um Fischer und Ostdeutschland mit einem Streich zu verteidigen, sagte er, dass er sich sehr gut vorstellen könne, dass auch ein heutiger Skinhead in zwanzig Jahren Minister werde. »Wir wünschen uns doch hoffentlich, dass Leute, die jetzt braune Ideologien im Kopf haben, die sich durch Rattenfänger haben einfangen lassen - dass die sich da wieder von befreien. Oder nicht? (...) Was ist die Alternative? Sollen wir denen schon die Erbsünde auf die Stirn kleben, das Kainsmal, ein für allemal - soll es das sein?« Bemerken Sie den trotzigen Tonfall?

Als der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Andreas Nachama, ihm vorwarf, Nazis salonfähig zu machen und der Polizei die Arbeit zu erschweren, da sie jetzt nicht mehr wisse, ob sie nicht zukünftigen Ministern gegenüberstehe, als die Presse auf ihn eindrosch und selbst die Kirchen auf Abstand gingen, da schwieg er, der sonst immer mit allen alles bereden will, wie sonst nur Helmut Kohl. Wie aber kommt es, dass einer, der gestern noch reine Sanftmut war, heute redet wie ein Walser? Wie geht es, dass einer plötzlich eisenhart rhetorisch wird?

Es könnten Drogen im Spiel sein. Hatte nicht Kokain aus kreuzbraven Trainern starr dreinblickende Kämpfer mit Realitätsverlust gemacht? Und gab es nicht einen kleinen Kokainskandal im Bundestag? Und reagierte gerade Thierse darauf nicht mit einem Hausverbot für Sat 1-Journalisten? War das nicht eine erste glasklare Entscheidung? Sind aber nicht Überreaktionen und unbedachte Äußerungen die Folgen von Drogenmissbrauch? Es ist nur ein Verdacht. Sollen wir diesen Verdacht auf Thierse belassen - soll es das sein? Doch was ist die Alternative? Wir bitten daher im Namen der Wahrheit: Ossibär zur Barthaar-Probe!

jörg sundermeier



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