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Nr. 06/2001 - 31. Januar 2001
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Für Stadt und Vaterland

Bei der Berliner Boulevardzeitung ðB.Z.Ð ist Schluss mit lustig: Der neue Chefredakteur heißt Georg Gafron. von jörg sundermeier

Georg Gafron ist ein mächtiger Mann. Das ist eigentlich nichts Neues, leitet er doch seit jeher den Radiosender Hundert,6 und den lokalen Privatfernsehsender TV Berlin. Doch seit Anfang Januar ist er noch mächtiger. Gafron gehört nun auch noch zur neuen Chefredakteursgarde, mit der der Axel Springer Verlag seine wichtigsten Erzeugnisse Bild, Bild am Sonntag, Welt und B.Z. versehen hat. Er leitet die B.Z..

Disziplin, Pünktlichkeit, Bekenntnisse zur eigenen Provinzialität: Seitdem Gafron Chefredakteur der B.Z. ist, ist dort Schluss mit lustig. War das Blatt unter dem deutschen Boulevardkönig Franz Josef Wagner zu einen manchmal geradezu unfassbaren Trashblatt geworden, hat der Highlife-Spaß mit Gafron nun ein Ende. Denn er soll die Auflage der größten Zeitung Berlins, die unter Wagner um 30 000 Exemplare gesunken war, wieder erhöhen. Und obwohl Gafron noch nie eine Zeitungsredaktion geleitet hat, weiß er genau wie das geht: »Eine Boulevardzeitung ist wie eine schöne Frau, die am Morgen unbekleidet auf dem Bett liegt und angezogen werden will. Ich möchte, dass meine Dame B.Z. jeden Abend die Schönste und Erotischste ist.«

Sich selbst nennt Gafron einen »Schultheiß-Berliner«, er ist in der Welt von Bürgermeister Eberhardt Diepgen und CDU-Fraktionschef Klaus Rüdiger Landowsky zu Hause, dem Rechtsausläufer der Berliner Konservativen, Heinrich Lummer, gab er bei TV-Berlin eine Talkshow. Er hat ein in Glas gefasstes Bild Helmut Kohls auf seinem Schreibtisch stehen und in der B.Z. lässt er gerne Fotos von sich selbst drucken. »Kitsch kann so schön sein«, schwärmt er. Über Berlin-Mitte sagt er, es sei die »Parvenü-Republik, in der die kleinbürgerliche Selbstherrlichkeit der Regierungsriege zum Ausdruck kommt«. Und für Frauen kennt er »gerade in diesen Zeiten« kaum etwas »Schöneres, als auf den Armen eines Mannes durch ein schönes Leben getragen zu werden«. Der Spiegel will erfahren haben, dass der Patriot Gafron gern mal einen batteriebetriebenen Spielzeugsoldaten durch sein Zimmer marschieren lässt. Er steht um 5.30 Uhr auf und geht um 1.30 ins Bett. »Ich arbeite sieben Tage die Woche und habe nie frei.«

Nun soll es in der B.Z. wieder um die »Ängste, Hoffnungen und Wünsche« der Berliner gehen. Man kümmere sich auch wieder um die so genannten Problembezirke, in den »durch den Weggang in den Speckgürtel Alte und sozial Schwache mit hohem Ausländeranteil zurückbleiben«, ließ Gafron wissen. Denn die B.Z. sei »die klassische Bauchzeitung«. Allerdings eine mit Aufgaben, wie er jüngst bei der Verleihung des B.Z.-Kulturpreises bekannte: »Wir tun es für unsere Stadt, und darüber hinaus für unser Vaterland.«

Entsprechend sind »hohe Ausländeranteile« genauso sehr das zentrale Thema in der B.Z. wie der ja gerade in diesen Zeiten besonders grassierende »Linksterror«. Mit Begeisterung jagte man einen Mädchenentführer (»Wir finden ihn!«) und konnte es kaum ertragen, als dieser einen Selbstmordversuch unternahm: »Jetzt ist er auch noch feige.« Keine Nobeldiskos, keine Haute Couture mehr wie zu Wagners Zeiten, sondern die Stammtischmischung aus Sentiment und Vorurteil. Endlich kann der Buletten-Berliner wieder Nachrichten aus seinem geliebten Zoo finden, werden Banden in gnadenloser Härte angeklagt und die sozial Schwachen von einer starken Hand geleitet.

Das ist aber noch nicht alles. Denn Gafron hat sich mit seinem Blatt an die Spitze der Springer-Kampagne gegen die Bundesregierung gesetzt. Nicht nur, dass die B.Z. wegen ihres harschen Umganges mit der Vergangenheit der neuen Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (»Vom Rotlicht-Milieu in die Regierung«) nach Angaben der Berliner Zeitung eventuell rechtlich belangt wird, auch die Minister Trittin und Fischer werden permanent angegriffen: »Kanzler, bricht Ihr Laden auseinander?« Der Verteidigungsminister gilt in der B.Z. als »Uran-Scharping« und Fischer als »noch amtierender Bundesaußenminister«.

Mit diesem unversöhnlichen Ton der vergangenen Wochen steht die B.Z. zwar nicht alleine da. Auch von Bild und von der Welt wird die Regierung angegriffen. Allerdings trieb es die B.Z. dabei am buntesten. Seither sieht sich der Boulevardkanzler Schröder von seinen Lieblingsmedien verlassen. Da der ehemalige Bild-Mann und heutige stellvertretende Regierungssprecher Bela Anda bei seinem ehemaligen Arbeitgeber nicht wie gewünscht gegen die »gezielte Personalisierung und Diffamierung« vorgehen konnte, wendete sich Schröder an die liberale Konkurenz der Springerblätter. In der Zeit sprach er davon, dass die neuen Leute bei Springer ihre Position »offenkundig politisch einsetzen« würden. Und tatsächlich war Gafron der erste amtierende Chefredakteur eines anderen Springer-Blattes, der in Bild einen Kommentar schreiben durfte.

Dass es den Kanzler allerdings irritiert, dass die führenden Boulevardblätter ihre Macht auszunutzen wissen, verwundert. Denn gerade Schröder berief sich bei den Koalitionsverhandlungen 1998 mehrfach auf Bild, und in ihren ersten Tagen wurde seine Regierung tatkräftig von Bild und B.Z. unterstützt und nicht angegriffen. Doch wer sich in die Hand der Boulevard- und insbesondere der Springer-Presse begibt, darf sich nicht wundern, wenn dort neue Leute die Gunst der Stunde nutzen und mit Begeisterung versuchen, der Regierung in die Knie zu treten. Mit dem selbstzufriedenen Hauptstadtblattmacher Georg Gafron, einem Freund Leo Kirchs, darf die Regierung jedenfalls noch lange rechnen; er versicherte bereits mehrfach, dass er länger bei der B.Z. zu bleiben gedenke als sein Vorgänger Wagner.

Dass er allerdings viel in seinem Sinne verändern kann, glaubt er nicht. »Ich habe kein Vertrauen in die Zukunft der Bundesrepublik.« Er werde später in die USA gehen, um dort eine neue Existenz, vielleicht eine Weinhandlung, zu gründen, erzählte er der Berliner Zeitung. Das sind die kleinen Träume eines fleißigen Schultheiß-Berliners.



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