Faule Eier 1
Steht Gerhard Schröder mit dem Leibhaftigen im Bunde? Kaum zeichnet sich die Katastrophe ab, dass möglicherweise demnächst eine Opposition in Deutschland ersteht - die Bild-Zeitung unter Kai Diekmann -, wird der dafür verantwortliche Konzern Axel Springer von einer ganz eigenen Katastrophe heimgesucht. Sie heißt Wolf Biermann.
Zwar ist Biermann schon seit geraumer Zeit Kultur-Leitartikler der Welt, aber bisher durfte man nicht unbedingt annehmen, dass er, wenn er beispielsweise den tiefsinnigen Satz aus dem Flanellhemd schüttelt: »Das Nest, in dem es ausgebrütet wird, kann sich ja kein Ei aussuchen« (Die Welt, 19. Januar), mit dem Ei den deutschen Außenminister Joseph Fischer meinen könnte, ein Kuckucksei im Nest der Nach-68er-Revolte gewissermaßen. Werft nicht mit Eiern nach Fischer, bebrütet ihn, fordert Biermann: »Allein die Tatsache, daß ein einstmals militanter Pazifist als reifer Mann für unser Land im Kosovo-Konflikt sich dermaßen nützlich machte, ist ein ermutigendes Beispiel für die Kraft des Menschlichen.« Und als ob das noch nicht kabinettstreu genug formuliert wäre, fährt Biermann fort: »Ausgerechnet die Zeitung Die Welt sollte sich nicht mit journalistischen Steinen aus dem Springer-Glashaus an der Steinigung Joschka Fischers beteiligen. Immerhin war es vor allem die Hetze in Springers Bild-Zeitung in den heißesten Zeiten des Kalten Krieges, die in Westberlin eine Stimmung in der Bevölkerung aufheizte, ohne die der junge Nazi Bachmann wohl kaum seine drei Kugeln in den Kopf von Rudi Dutschke geschossen hätte.« Und er schließt seinen Sermon mit dem Bekenntnis, er halte Fischer »für einen aufrichtigen Mann«.
Das finden Springers gar nicht lustig. In der nächsten Ausgabe vergleicht der altgediente Scharfmacher Herbert Kremp Biermann mit Ulbricht, dann raunt Ernst Cramer: »Wieder gehen bei uns Geschichtsfälscher um.« (22. Januar) »Bei uns«? Bei Springer? Und Cramer lässt nicht offen, wen er dafür hält: »Viele Weisheiten gewann Biermann in der DDR.« Deren Propaganda sei wiederum westlich infiltriert worden, wohl von 68ern. Aus derart »faulen Quellen« sich zu bedienen, habe ein Welt-Mann nicht nötig. Die historische Wahrheit: »Die Zeitungen des Axel Springer Verlages fochten für die Werte, die dieser Staat verkörpert, hauptsächlich Freiheit und Liberalität.« Nebenbei: Dieses »hauptsächlich« ist eines der schönsten in der Geschichte der deutschen Publizistik.
Schon am 26. Januar brütet Minister-Glucke Biermann weiter: »Auch (Schröder) betreibt wie sein Vorgänger Kohl den Aufbau Ost, arbeitet also kontinuierlich weiter an einem Weltwunder (...) Ostberlin hat sich aus der Starre gelöst (...) Leipzig wird wieder, wie Goethe schwärmte: Ein klein Paris (...) Dresden dürfen wir wieder ohne Sarkasmus Elb-Florenz nennen (...) Die wurmstichigen Schubladen sind zerbrochen (...) Die globalen Karten werden neu gemischt (...)« »O früher Morgen des Beginnens«, zitiert Biermann Brecht, als ob es sich um einen frühen Mitarbeiter des Bundespresseamtes handelte, und will mit der hymnischen Zeile wohl andeuten, wer weder die wurmstichigen Schubladen fallen noch die globalen Karten rascheln hört, lebe nicht in der Welt, sondern hinter dem Mond. Er, Biermann, habe übrigens gar nichts dagegen, wenn ihm in der Welt widersprochen werde, denn: »Der Riss, den Georg Büchner meinte: der durch uns selber durchgeht wie durch die Welt, kommt nun auch in der Welt schmerzhaft zur Erscheinung.«
Es scheint sich um einen Hirnriss zu handeln.
Faule Eier 2
Zu früh gefreut über den »schmerzhaften Riss«, der durch die Welt geht, hat sich das Konkurrenzblatt FAZ. Die Frankfurter, die den Streit um Biermann genüsslich kommentierten, unterstellten, der Springer-Verlag gestehe ein, am Tod Rudi Dutschkes schuld zu sein, und berichteten, die Welt, die »ursprünglich so hoffnungsvolle Mischung aus Kasernenhof und Spielwarengeschäft« gleiche »intern einem Schlachthof«, auf dem sich »Stahlhelmer« und - wer sagt's denn - »Weicheier« blutige Gefechte lieferten (27. Januar), haben sich nun selbst über den Fall Fischer zerstritten. Das berichtet wiederum Die Welt (22. Januar): FAZ-Mitherausgeber Hugo Müller-Vogg, der sich »kritisch mit der Vergangenheit Fischers auseinandersetzte«, liege sich mit dem »Regierungsnähe« zeigenden FAZ-Mitherausgeber Frank Schirrmacher in den Haaren, deutet das Berliner Blatt an. »Mit Sorge« habe man in Frankfurt/Main - vermutlich im Büro von Hugo Müller-Vogg - nicht nur registriert, dass nun sogar schon der Spiegel sich an der »exkulpierenden Haltung der FAZ angesichts der Verstöße Fischers und seiner Gesinnungsgenossen gegenüber dem Rechtsstaat in den siebziger Jahren« stoße, sondern auch, dass der FAZ, auf Schirrmachers Feuilleton-Seiten, Unwahrheiten über die Welt unterlaufen sind: »Herr Biermann ist (...) nicht Chefkorrespondent der Welt. Diese Funktion hat vielmehr Konrad Adam inne.«
Detail am Rande: Konrad Adam, früher Einpeitscher bei der FAZ, wechselte, hört man, wegen Weichei Schirrmacher zur Welt. Es bleibt also noch eine Möglichkeit für die beiden Spitzenblätter, sich wieder zu versöhnen: Biermann wird Leitartikler bei der FAZ, Müller-Vogg Chefkorrespondent bei der Welt, Konrad Adam übernimmt die Berliner Seiten. Aber was anfangen mit Frank Schirrmacher? Staatskulturminister? - Nicht wirklich unser Problem.
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