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Nr. 06/2001 - 31. Januar 2001
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Kein Lobdefizit

Funny van Dannen kann nicht wirklich singen. Aber das macht nichts, denn er singt, dass es eine helle Freude ist: über Störche im Osten, ethnische Säuberungen, Birgit Breuel, eine dumme Sau, Sozialneid, Gewaltphantasien im Nichtschwimmerbecken, nazifreie Zonen, Dias von Tibet, mäusemalende Frauen, das Toupet von Homer Simpson, die globale Heimat, Hausmänner, Lobdefizite, Rock'n'Roll - kurz über alles, was wichtig ist im Leben.

Van Dannen sei ein genialer Künstler des Trivialen, heißt es. Das ist Unfug, denn die Geschichten des Alltags, die er scharfsinning beobachtet, zuweilen grotesk zusammenwürfelt und pointiert wiedergibt, sind hochpolitisch, sagen mehr als tausend Zeitungsartikel, Flugblätter, Predigten oder sonstwas. Zum Beispiel die Geschichte vom autonomen Juzi-Kämpfer, der heute meditiert und Dias von Tibet zeigt; zum Beispiel die des Hausmannes, der eine Einbauküche mit einem Cockpit verwechselt; zum Beispiel die des schwulen Managers, der reihenweise Arbeiter entlässt. Mitleid brauche er nicht zu heucheln, er, der sein Leben lang gehänselt wurde, »denn er weiß ja, wie das ist, wenn man unten liegt«.

Funny van Dannen hat mit »Wo kommen die Gedanken her, was wollen sie von mir?« die klügste Frage der neunziger Jahre gestellt, und er hat mit »Und sie fragte ihn, als ich pissen ging, sag mal, ist das Easy Listening?« den schönsten Reim der vergangenen Jahre gefunden. Auch im neuen Jahrzehnt singt van Dannen in seiner gewohnt liebenswürdigen, ironischen Art über nichts Geringeres als das Leben, das manchmal sehr banal ist.

Langsam wird es in meinem Handschuhfach eng. Da liegen sie nun: die fünf Funnny-van-Dannen-CDs, auf Tapes kopiert. Im Moment ist »Melody Star« die Nummer Eins. Aber das liegt nur daran, dass die sechs Monate, die man auf sie warten musste, seit sie im Frühjahr bei zwei Konzerten in der Berliner Volksbühne aufgezeichnet wurde, »einfach zu viel sind« - so wie die »zwei Diktaturen nacheinander« in Ostdeutschland. Denn die haben nämlich nicht nur die Wirtschaft, sondern auch die Seelen kaputt gemacht, wie van Dannen singt. Zum Glück gibt es aber noch Störche im Osten, denn sonst wäre der Landstrich, wo die Leute »sogar noch deutscher als wir selbst« sind, nicht einmal »teilweise schön«. Natürlich ist das für den Wahlwestberliner van Dannen kein Grund, dorthin zu fahren, denn: »So viel Urlaub hab ich nicht.«

»Melody Star« ist - wie die Vorgängerplatten - ein Glanzstück postmoderner Kritik der Verhältnisse. Das Einzige, was im Vergleich zu den Vorgängern fehlt, ist eine Liebesballade, die tragisch endet. Ist van Dannen etwa im Hafen des Happy Ends angekommen? Wie dem auch sei - die neue CD beweist: Wer Funny van Dannen nicht mag, hat kein Hirn, kein Herz, keinen Humor.

andrea albertini


Funny van Dannen: »Melody Star«. Trikont (Indigo)



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