Sisters on strike
Während sich die polnische Regierung »für den Endspurt in die EU« fit macht, wollen Polens Krankenschwestern nicht länger Florence Nightingale spielen. Derzeit liegt ihr durchschnittlicher Monatslohn bei umgerechnet 350 Mark. 60 Stunden-Wochen sind keine Seltenheit. Mit einem inzwischen seit drei Wochen andauernden landesweiten Streik gegen die Privatisierungspläne der Regierung im Gesundheitsbereich und vor allem für eine deutliche Gehaltserhöhung legen die polnischen Krankenschwestern nicht nur den Betrieb vieler Krankenhäuser nahezu lahm, sondern blockierten auch Autobahnen, ja sogar Grenzübergänge, und besetzten das Gesundheitministerium in Warschau. Am vergangenen Freitag haben zwar mehrere Hundert Frauen das Ministerium wieder verlassen. Da eine Lösung des Konflikts jedoch noch aussteht, setzten 1 500 Pflegerinnen in der Haupstadt ihre Proteste fort und drangen am vergangenen Wochenende in den Regierungssitz ein. Unterstützt wurden sie von einigen Dutzend Bergleuten, die sich mit den Forderungen der Schwestern solidarisierten. Gentlemanlike - und krank wird schließlich fast jeder mal.
Historikerstreit um Schulbücher
Der seit Jahren schwelende italienische Historikerstreit um die Rehabilitierung des Faschismus treibt bisweilen bizarre Blüten. Kürzlich forderte ein Politiker der rechten Alleanza Nazionale die Schulbücher für Geschichte zukünftig von einer speziellen Kommission auf ihre »politische Korrektheit überprüfen zu lassen, um den landläufigen Vulgärmarxismus zu stoppen«. Damit motivierte der Chef der Regionalregierung von Lazio verschiedene rechtsradikale Strömungen zum Protest gegen das jahrzehntelange »kommunistische Kulturdiktat«. Eine Organisation richtete eine Website ein, in der »parteiische Lehrer« denunziert werden sollten. Eine andere fertigte eine Liste von vermeintlichen Geschichtsverfälschungen in den gängigen Schulbüchern an. Selbst Aussagen wie: »Der Politiker Berlusconi ist Herr eines Medienimperiums«, werden dort als »tendenziös« bezeichnet. Die schärfste Reaktion auf den nationalen Ruf nach einer Revision der Schulbücher kam von Giorgio Bocca, einem Historiker und Journalisten, der als Partisan gekämpft hatte. Er warnte vor einer »Gaskammerromantik« in Lehrbüchern.
Arbeitskampf für den Freizeitmarkt
Der Kampf um Arbeitszeitverkürzung nützt der Volkswirtschaft. In Frankreich lohnt er sich derzeit vor allem für die Tourismusbranche. Seit Anfang des Jahres gilt in Betrieben mit mehr als 20 Beschäftigten die 35-Stunden-Woche. Zwar gibt es keinen Lohnausgleich, dafür aber mehr Urlaub. Bis Ende 2000 wurden mehr als 40 000 Vereinbarungen zur Reduzierung der wöchentlichen Arbeitszeit abgeschlossen. Insgesamt sind etwa vier Millionen Beschäftigte davon betroffen. Die Franzosen scheinen ihre neu gewonnene Freizeit hauptsächlich für kurze Urlaubstrips zu nutzen. »Unsere Kurzreisen boomen regelrecht«, freut sich eine Sprecherin von Frantour. »Wir reagieren auf die Konsequenzen der 35-Stunden-Woche mit neuen Angeboten.« Die staatliche Eisenbahn SNCF setzt mehr Züge ein, Air France bietet in reiseschwachen Zeiten Flüge zu Dumpingpreisen an. Nicht erfreut sind offenbar nur die leitenden Angestellten. Für sie gilt die 35-Stunden-Woche nämlich nicht und zu allem Überfluss stehen sie auf dem Weg von der Arbeit nach Hause seit einiger Zeit nicht nur freitags, sondern auch montags in den berüchtigten Megastaus von Paris.
Strahlende Soldaten
Die Uran-Munition sei konventioneller Art und stelle keine dauerhafte Gefahr für Mensch und Umwelt dar, hieß es während des Kosovo-Krieges lapidar aus der Nato-Pressestelle. Reichlich spät kommen nun doch noch Zweifel auf. In den vergangenen Wochen sind deutsche Kfor-Soldaten auf Strahlenschäden untersucht worden. Angeblich wurden keine Erkrankungen oder Auffälligkeiten festgestellt. Die Nato hatte bei ihren Angriffen schwach radioaktive Uran-Geschosse verwendet, die bereits im Golf-Krieg Anfang der neunziger Jahre zum Einsatz kamen. Seit damals sind auch die Nebenfolgen bekannt: Bei der Verbrennung des Urans entsteht radioaktiver Staub, der über Atemluft und Nahrung in den menschlichen Körper gelangen kann. (Jungle World, 21/99)
Und auch von anderer Seite werden nachträgliche Bedenken am Krieg der Nato geäußert. Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt kritisierte Außenminister Joseph Fischer und Verteidigungsminister Rudolf Scharping wegen des deutschen Einsatzes im Kosovo. Sie hätten sich bei der Intervention auf die Menschenrechte berufen. Aber »es hat ihnen keine großen Skrupel bereitet, 800 Zivilisten durch Bomben aus der Luft zu töten«, sagte er dem Tagesspiegel.
Gut für Europa
Je stärker der Feind, desto größer die Sorgen. »Die neuen Herren in Washington werden forscher auftreten und ihren Supermacht-Status mehr herauskehren als ihre Vorgänger«, lauten die Kommentare in vielen europäischen und vor allem deutschen Zeitungen. Doch das muss nicht unbedingt nur Nachteile mit sich bringen. »Und dennoch ist es gut für Europa, dass George II. Bush in Amerika gewonnen hat. Sein Sieg zwingt die Wirtschafts-Weltmacht EU, auch politisch enger zusammenzurücken«, um sich behaupten zu können, schreibt die Süddeutsche Zeitung. Schließlich will man auf dem alten Kontinent nicht ewig nur die Nummer zwei bleiben.
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