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Nr. 52/01/2000 - 20./27. Dezember 2000
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Rau nach Sebnitz

»Einigkeit und Recht und Freiheit«, heißt es in der deutschen Nationalhymne und auf dem Rand der Zwei-Mark-Münzen. Das gibt eine Rangfolge an, und am Beispiel Sebnitz kann man wie an einem sozialen Experiment studieren, was Deutschland mitunter zu einem besonders widerwärtigen Ort macht: eine Rhetorik, die in einem fort darauf drängt, Trennendes müsse überwunden werden. Einigkeit und Einheit sind in dieser Logik das Allerwichtigste, der Rest ist nachrangig. Und diese Einheit betrifft alle.

Rassistische Angriffe sind hier nicht so sehr ein Problem für die Angegriffenen, sondern vor allem ein Problem für die innere Einheit. Deshalb reist Bundespräsident Johannes Rau nach Sebnitz, um sich mit den drei Jugendlichen zu treffen, die in Verdacht geraten waren, Joseph Abulla-Kantelberg ertränkt zu haben. Rau sagt, er wolle dazu beitragen, Sebnitz wieder mit sich selbst identisch zu machen. »Feindschaften und Vorverurteilungen« sollen beigelegt werden. Deshalb wolle er sich auch mit den Eltern von Joseph treffen, mit dem Bürgermeister, mit Unternehmern und Kirchenvertretern. Ob er sich auch mit den ortsansässigen Nazis treffen will, wurde nicht bekannt gegeben, die Wahrscheinlichkeit, bei seinen zahllosen Treffen an einen zu geraten, dürfte nicht allzu gering sein. Ein Runder Tisch für alle, das wäre doch was.


Boris & Babs

Aber es gibt ja noch andere Gründe, in diesen Tagen zu wünschen, all die ganzen Deutschen, bevorzugt die der schreibenden Zunft, würden zur Hölle fahren. Nicht, dass wir etwas gegen Promiklatsch hätten, im Gegenteil. Aber wenn der stern zur Normalisierungsoffensive bläst, dann kommen dabei Sätze heraus wie: »Sie waren unser einziges Traumpaar, deutsche Botschafter, auf die wir stolz waren. Seht her Leute, sowas können wir auch (...) Boris und Babs, das schien eine Liebe, die uns alle ausschloss und die wir trotzdem wohlwollend begleiteten. (...) Ausländerfeindlich? Wir? Hatten wir sie (Barbara Feltus; d.R.) nicht 1994 zur bestangezogenen Frau Deutschlands gewählt? (...) Als fünf Jahre später Noah geboren wurde, konnten wir uns über einen Mini-Boris freuen - helle Haut, blaue Augen, rötliche Haare. (...) Sie hat den König gewollt, den jungen Gott mit uns vergöttert, und dann, nach rauschhaften Jahren, gemerkt, dass es ihr immer schwerer fiel, das erste Gebot nicht zu brechen. (...) Sie begann eine Freundschaft mit Xavier Naidoo - neben Musik und Gott -, und ob diese auch horizontal war, werden wir wohl nie erfahren. Vielleicht hat Naidoo das Exotische in ihr wachgekitzelt, das Wilde, halt all das, was in ihrer Ehe, von Bodyguards bewacht, von Paparazzi umzingelt, längst verschüttet schien.« Da fällt uns dann auch nichts mehr ein.


Merz schwindelt

So arg hat die Verpoppung der Politik durch die rot-grüne Regierung die Konservativen mittlerweile in ihrem Weltbild erschüttert, dass man selbst als Vorsitzender der CDU/CSU-Fraktion im deutschen Bundestag eine rebellische Vergangenheit braucht. Dumm nur, wenn man ein sturzlangweiliger Provinzidiot in der Jungen Union war. Vielleicht hatte sich Friedrich Merz ja Olaf Henkel zum Vorbild genommen, der für das Magazin der Süddeutschen einmal posierte und seine rebellische Vergangenheit in den Sechzigern auch mit hübschen Fotos belegen konnte. Vielleicht dachte sich Merz aber auch nur, dass es vielleicht angemessen wäre, nicht schon immer so langweilig gewesen zu sein, wie er heute ist. Egal.

Nicht einmal die harmlosen Anekdoten über die wilde Jugend des Friedrich Merz in der sauerländischen Kleinstadt Brilon, die er dem Tagesspiegel erzählte, scheinen wahr zu sein. Ein Schulkamerad, Ernst Ferdinand, schildert Merzens angebliche Rebellionsphase ganz anders. Der Zeit sagte er: »Schulterlange Haare? Merz? Nie im Leben!« Auch die wilden Motorrad-Rasereien, von denen Merz berichtete, habe es nie gegeben: »Friedrich hatte gar keines. Einmal ist er wohl mit dem alten DKW-Moped von Heinz P. ein bisschen durch die Felder gefahren, aber das Ding war total hin und konnte nicht mehr rasen.« Die Pommesbude am Marktplatz, die Merz als seinen Stammplatz bezeichnet hatte, wo er jungdelinquent mit seinen Kumpels abgehangen habe, habe es gar nicht gegeben. Man weiß nicht, was man erbärmlicher finden soll, so langweilig gewesen zu sein oder sich nachträglich eine interessante Legende zu verpassen.


Schlingensief macht uns schwindeln

Aber es wird nicht alles nur immer schlimmer. Rettung naht: Christoph Schlingensief will bei der nächsten Bundestagswahl noch einmal antreten. Und alles besser machen als letztes Mal. »Ich werde nicht wieder Bundeskanzlerkandidat«, sagte er der Süddeutschen Zeitung. »Man muss der angeblichen Neuen Mitte ihre Grenzen zeigen. Alle wollen heute Politik der Mitte machen. Dabei steht man in der Mitte doch zwischen zwei Welten.« Yo, Feindbestimmung, wir und sie, eine saubere Linie ziehen, das erfreut doch das Herz. »Im gegenwärtigen Stadium ist die neue Linke zwangsläufig und wesentlich eine intellektuelle Bewegung, und der in ihren eigenen Reihen praktizierte Antiintellektualismus arbeitet dem Establishment in die Hände, sagt Marcuse. (...) Wir brauchen Zentralorgane. Jede Form der Anbiederung ist erlaubt, aber ein Vergleich der Mittel ist notwendig.« Damit meint er zwar die taz, aber darüber sind wir dann gar nicht mal unglücklich. Da hätten wir ja auch einiges falsch gemacht, wenn er uns meinen würde.



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