Jungle World Banner
Nr. 51/2000 - 13. Dezember 2000
Im Archiv suchen:
Inhalt
Interview
Disko
Inland
Antifa
Euro
Dossier
International
Feuilleton
Heim & Welt
Medien
Sport
Junk Word
Rubriken
Nachrichten
Inland
Nachrichten
Euro
Nachrichten
International
Nachrichten
Feuilleton
Deutsches
Haus
action
Alternative Lebensformen
Sonstiges
Archiv
Jungle Abos
Impressum
Jungle World in Österreich
Neu: Kleinanzeigen
Ausgewählte
Texte und Vorträge
E-Mail
Redaktion
Webmaster

Sitten und Gebräuche V

Das Fest der Diebe

Ladendiebstahl und Weihnachten. Das passt gut zusammen, meint der erfahrene Ladendieb Theo S.


In der Vorweihnachtszeit steigt die Zahl der Ladendiebstähle traditionell stark an. Warum?

Erstens wollen natürlich alle Menschen ihren Lieben ein schönes Weihnachtsgeschenk machen, und nicht alle können sich das leisten. Schmuck, Parfüm, Klamotten, Delikatessen, Computerkram - was so als Geschenk in Frage kommt, kostet eine Stange Geld. Der gesellschaftliche Druck, mit einem schicken Geschenk aufzuwarten, ist enorm. Mit Luxus hat das nichts zu tun. Aus diesem Grund konnten auch soziale Fortschritte wie das Weihnachtsgeld erkämpft werden. Zweitens ist das Gedränge in den Kaufhäusern in dieser Jahreszeit enorm, da bieten sich natürlich bessere Chancen.

Sie meinen bessere Chancen für Ladendiebe?

Auch. Aber 44 Prozent aller Inventurdifferenzen eines Jahres gehen auf das Konto von internem Diebstahl. Die Verkäuferinnen und Verkäufer wollen natürlich auch etwas Hübsches unter den Weihnachtsbaum legen. Außerdem arbeiten in der Vorweihnachtszeit jede Menge Aushilfskräfte in den Geschäften, die haben weniger zu verlieren als fest angestelltes Personal. Und bei denen greifen auch Strategien zur Firmenidentifikation weniger.

Ladendiebstahl ist also gar kein Problem?

Für mich nicht.

Sie sind ja auch ein Ladendieb.

Eben.

Und wenn Sie erwischt werden?

Halb so schlimm. Sehr viele Verfahren werden eingestellt. Als Ersttäter hat man mit ein bisschen gespielter Reue keine schlimmen Strafen zu erwarten. In der Regel beträgt die Geldstrafe einen Tageslohn. Dabei wird das Nettoeinkommen durch 30 geteilt. Bei einem Einkommen von 3 000 Mark sind das also 100 Mark. Anschließend wird das Verfahren eingestellt. Als Wiederholungstäter muss man hingegen mit einem Eintrag ins Führungszeugnis rechnen. Für jugendliche Ladendiebe sieht es natürlich noch besser aus. Erst ab dem 21. Lebensjahr findet das Strafgesetzbuch Anwendung.

Sie meinen, das Risiko ist gering.

Man kann auch Pech haben. Ein Freund von mir, der ein Buch zocken wollte, hat einen Verkäufer, der ihn erwischte, bei seiner Flucht leicht zur Seite gestoßen, und schon wurde das ganze als Raub gehandelt. Man sollte cool bleiben - auch und gerade wenn man erwischt wird.

Die Kunst des Ladendiebstahls besteht aber doch wohl eher darin, nicht erwischt zu werden, oder?

Selbstverständlich. Das ist aber keine Kunst. Denn es hat weder mit Talent noch mit Symbolik oder mit Kreativität zu tun. Es handelt sich schlicht um einen sozialen Aneignungsprozess. Es ist eher mit einem Handwerk vergleichbar, das man lernen kann.

Ich könnte das nicht. Ich wäre immer total aufgeregt.

Vorsicht ist die Mutter der Weisheit. Und die nötige Coolness kommt mit der Routine.

Prahlen Ladendiebe im Freundeskreis mit ihrem Können?

Das sollte man nicht tun. Oder nur sehr diskret.

Diskret?

Es gilt, wie ich hörte, unter manchen Kids als cool, wenn ein Kleidungsstück einen Riss oder Schnitt hat, der auf das gewaltsame Entfernen eines Farb- oder Elektrosicherungsknopfes zurückzuführen ist. Ich finde das albern. Sinnvoll ist es jedoch, Praxiswissen weiterzugeben. Ladendiebstahl lernt man schließlich nicht in der Schule.

Sind in der Weihnachtszeit bestimmte Formen des Ladendiebstahls besonders beliebt?

Eigentlich nicht. Alles was außerhalb der Saison geht, geht jetzt erst recht. Umkleidekabinen, in denen sich der Großteil der Textiliendiebstähle vollzieht, werden vielleicht etwas besser überwacht. Dafür ist in den Gängen das Gedränge so groß, dass man leichter etwas einstecken kann. Während es außerhalb der Saison oft zweckmäßig ist, zu zweit loszugehen, ist dies zur Weihnachtszeit nicht nötig. Gut ist, dass man im Winter ohne aufzufallen große Mäntel, dicke Pullis anziehen kann. Auch fällt es nicht auf, wenn man mit Einkaufstaschen, Plastiktüten und Geschenkkartons in einen Laden kommt.

Sie haben Ladendiebstahl als Aneignungsprozess bezeichnet. Dass auf der anderen Seite jemandem etwas weggenommen wird, stört Sie nicht?

Es entsteht kein persönlicher Schaden. Die Geschäfte haben den Verlust in ihrer Kalkulation eingeplant. Wenn plötzlich niemand mehr etwas klauen würde, wäre das für Herrn Kaufhof wie ein Lottogewinn. Aber der ist doch eh schon Millionär. Im übrigen wird der Schaden, der den Geschäften durch Ladendiebstahl entsteht, auf rund 3,5 Milliarden Mark jährlich geschätzt. Der volkswirtschaftliche Schaden ist also minimal. Zum Vergleich: Durch Steuerschlupflöcher entsteht jedes Jahr ein volkswirtschaftlicher Schaden von 130 Milliarden Mark. Die größten Abzocker sind jene, die ohnehin im Geld schwimmen.

Wie klaut man eine Weihnachtsgans?

Man zieht sich einen weißen Kittel über, betritt ein Feinkostgeschäft und behauptet, Lebensmittelchemiker zu sein. Die schöne Gans müsse man leider beschlagnahmen, da bei dem Bauern, von dem sie stammt, ein BSE-Fall aufgetreten sei. Wetten, dass niemand weitergehende Fragen stellt!

Und einen Weihnachtsbaum?

Blöde Frage. Fahr raus in den Wald und fäll dir einen!

interview: ivo bozic



Jungle World, Bergmannstraße 68, 10961 Berlin, Germany
Tel. ++ 49-30-61 28 27 31
Fax ++ 49-30-61 8 20 55
E-Mail: redaktion@jungle-world.com