Geiselgangster
Auch wenn die Werte der neuen Technologie-Aktien sinken, gibt es noch Hoffnung für den deutschen Wirtschaftsstandort. Zum Beispiel im Geiselgeschäft. Die islamistische Hisbollah hatte Anfang Oktober drei israelische Soldaten im Grenzgebiet zum Südlibanon gekidnappt, das die Islamisten für den Libanon beanspruchen. Gleich nach der Gefangennahme, meldete die Nachrichtenagentur Reuters am Samstag, erklärte die Truppe, sie habe Kontakt mit Deutschland aufgenommen, das einen Gefangenenaustausch vermitteln solle. Ob der Kontakt nicht vielleicht schon vorher zustande gekommen war, ist nicht die einzige spannende Frage in dieser Geschichte. Eine weitere: Wenn der deutsche Staat seine Spezialisten zur »Vermittlung« in solchen Fällen in Bewegung gesetzt hat, was der israelische Staatspräsident Mosche Kazaw in einem Interview mit Bild am Sonntag bestätigte, handelt es sich dann immer noch - wie bei dem Geiselgeschäft der Hisbollah 1996 - um die bewährte Gurkentruppe von Schmidbauer, dem ehemaligen Geheimdienstkoordinator Kohls? Oder hat sich Rot-Grün bereits Nachwuchs besorgt?
Weniger Öl aus Caracas
Das State Department hatte alle Mühe zurückzurudern. Nein, die USA bereiteten keine Ermittlungen gegen den venezolanischen Präsidenten Hugo Chavez vor, erklärte ein Sprecher letzte Woche. Der Miami Herald hatte zuvor Peter Romero zitiert, einen weiteren Sprecher des US-Außenministeriums, der der Regierung in Caracas vorwarf, linksgerichtete Rebellen in Bolivien, Kolumbien und Ecuador zu unterstützen. Doch das ließ der Populist Chavez nicht auf sich sitzen: Romero bezeichnete er als »internationalen Agitator«, und »gewissen Kreisen in Washington und Miami« warf er vor, ihn zu dämonisieren, weil er gegen den »Plan Colombia« der US-Regierung opponiere.
Das Weiße Haus hat der kolumbianischen Regierung 1,3 Milliarden Dollar an Unterstützung zugesagt, um unter dem Vorwand eines »Anti-Drogen-Plans« die kolumbianischen Guerilla-Organisationen zu zerschlagen. Nachdem Chavez im Sommer mit Fidel Castro und Saddam Hussein zusammengetroffen war, haben die USA ihre Politik ihm gegenüber verändert: Sie fürchten, dass er durch die Drosselung der Ölproduktion für weitere Preiserhöhungen sorgen könnte. Um freie Hand in der Erdölindustrie seines Landes zu haben, hatte Chavez vorletztes Wochenende in einem Referendum die Absetzung der Führungsspitze der Gewerkschaften beschließen lassen.
Schweres Erbe
Man hat's nicht leicht als Präsident. Zumal dann nicht, wenn es im Land nicht nur Militärs gibt, die dem Ex-Diktator hinterhertrauern, sondern diese in Form eines Nationalen Sicherheitsrates auch noch über eine prima Möglichkeit der Einflussnahme verfügen. Dieses Schicksal hat den chilenischen Präsidenten Ricardo Lagos ereilt. Weil Augusto Pinochet Anfang Dezember überraschend angeklagt und unter Hausarrest gestellt wurde, hat die Militärführung vergangene Woche den Präsidenten aufgefordert, den Nationalen Sicherheitsrat einzuberufen. Lagos hat sich einverstanden erklärt - nicht ohne sein Bedauern darüber zu äußern, dass diese Einrichtung aus Diktaturzeiten noch existiert. »Aber der Nationale Sicherheitsrat ist eine Institution, die besteht und die ich akzeptieren muss«, erklärte der sozialdemokratische Diktatorenerbe. Dafür will er mit der Einberufung des Rates warten, bis die Gerichte über die Rechtmäßigkeit der Anklage gegen Pinochet entschieden haben. Er glaubt nämlich, so könne man »den Eindruck vermeiden, es werde irgendein Druck auf die Justiz ausgeübt«. Pinochets Hausarrest hat ein Berufungsgericht nach zwei Tagen wieder aufgehoben.
Kurze Auszeit
Eigentlich hätte der pakistanische Ex-Premier Nawaz Sharif sein Leben weiter in der mittelalterlichen Festung von Islamabad fristen sollen. Schließlich hatte er es sich vor einem Jahr erlaubt, ein Flugzeug mit dem Armeechef Pervez Musharraf und 200 weiteren Passagieren an der Landung zu hindern. Das kostete ihn nicht nur sehr schnell seinen Posten, sondern führte ihn in eben diese Festung - mit einer lebenslänglichen Strafe für Flugzeugentführung und Terrorismus, dazu vierzehn Jahren Haft wegen Korruption. Aber dank guter Beziehungen zur saudischen Königsfamilie konnte er die Haftzeit drastisch verkürzen. Weil die Saudis finanzielle Unterstützung für Pakistan versprachen, begnadigte General Musharraf, der Sharif mit einem Putsch beseitigt hatte, vergangene Woche seinen kranken Vorgänger und ließ ihn samt Familie nach Saudi-Arabien ausreisen. Nicht ohne vorher Bedingungen zu stellen: 8,3 Millionen Dollar muss Sharif zahlen, außerdem soll er sich 21 Jahre lang nicht in die Politik seines Landes einmischen. Das könnte schief gehen, denn möglicherweise wird Sharif auch im Exil das Parteioberhaut seiner Pakistanischen Muslimliga bleiben. Sollte er sich dagegen entscheiden, kann er immerhin ab 2021 wieder mitspielen. Schließlich wäre er dann erst 72 und damit im besten Alter für einen Spitzenpolitiker.
Hymnenkämpfe
Was erinnerte den alten Oberbürokraten Boris Jelzin nur an »Parteitage, Parteikonferenzen, auf denen die Macht der Parteibürokraten gestärkt wurde«? Was sollen russische Sportler singen, wenn sie gewonnen haben? Klar, die russische Nationalhymne. Letzte Woche wurde die alte, »von dem ersten frei gewählten Präsidenten Russlands abgeschaffte bolschewikische Hymne stalinistischen Angedenkens« wieder zur offiziellen Nationalhymne Russlands. Und noch weniger gefällt der FAZ, dass sich »die russischen Streitkräfte mit der Fahne der Roten Armee werden schmücken dürfen«. Auf den Reichstag damit, diesmal mitten auf die Kuppel.
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