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Nr. 50/2000 - 06. Dezember 2000
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Der letzte linke Student VII

Denkt klar!

Der letzte linke Student ist müde. Das kommt vom Denken. Und der letzte linke Student denkt viel. Denn er ist in einem Dilemma. Dilemma: Das ist ein griechisches Wort für Zwickmühle. Also heißt »Di«: »Zwick« und »Lemma« heißt dann »Mühle«. Das hat sich der letzte Student ausgetüftelt. Und lächelt. Denn: Dann heißt Dia ja eigentlich »Zwicka«!

Aber das ist nicht alles, was sich der letzte linke Student denkt. Die Zwickmühle, in der er steckt, ist folgende: Wenn der Kosovo-Krieg gegen Auschwitz war, dann ist er gut. Denn: Dann ist er gegen die Faschisten. Nun ist aber eigentlich jeder Krieg schlecht. Denn er ist ein Machtmittel. Und wer spielt Macht aus? Na? Jetzt nickt der letzte linke Student, denn: Das sind die Faschisten. Also ist Krieg schlecht. Weil: faschistisch. Und die, die ihn machen, sind auch schlecht.

Doch die, die den Kosovo-Krieg gemacht haben, sind gar nicht schlecht. Denn sie sind Antifaschisten. Weil: gegen Auschwitz. Das haben sie gesagt. Und: haben jetzt sogar gegen die Nazis demonstriert. Doch das mit dem Krieg und der Macht stimmt eben auch. Denn der letzte linke Student war auf einem Friedensseminar. Dort haben sie das gesagt. Das mit dem Krieg.

Eine Zwickmühle. »Ach, es ist aber auch zum Mäuse-Melken!« Diesen Satz hat der letzte linke Student in sein goldenes Notizbuch geschrieben. Und: keine Moral dahinter. Denn: Es ist ihm keine eingefallen. So gibt es aber: keine Revolution. Weil: es keine Theorie gibt. Sondern nur: Verzweiflung.

Das hat der letzte linke Student dem, der sich noch immer Kommunist nennt, erzählt. Also: das mit dem Dilemma. Doch der, der sich immer noch Kommunist nennt, war betrunken. Und hat gesagt: »Die lügen doch alle!« Das fand der letzte linke Student aber nicht gut. Denn: Es ist nicht konstruktiv. Und: destruktiv ist es auch. Da hat der letzte linke Student gesagt: »Du machst es dir zu einfach.«

Jetzt sitzt der letzte linke Student in seiner Bude und schaut aus dem Fenster. Dann schaut er auf die Seite vom goldenen Notizbuch, die er gerade beschrieben hat. »Wenn Krieg ein Machtmittel ist und wenn Machtmittel faschistisch sind, dann ist Krieg faschistisch. Wenn der Krieg aber gegen Auschwitz geführt wird, dann wird sein faschistischer Charakter verändert. Er ist dann kein reines Machtmittel mehr. Sondern gut. Also gibt es doch einen guten Faschismus.« Das hat der letzte linke Student tatsächlich geschrieben. Und das ist auch logisch. Und schlecht. Denn: Wenn der Faschismus auch manchmal gut sein kann, wie soll man ihn dann vom Schlechten unterscheiden. Der letzte linke Student denkt: Das ist der vielleicht der dialektische Kniff am Faschismus. Aber: Faschisten lesen gar nicht Hegel. Daher: können sie auch keine Dialektik!

Dennoch steht jetzt diese logische Herleitung in seinem Notizbuch. Und: versaut ihm die Laune. Denn: So kann man keine Politik machen. Ohne: Begriffe! Das geht dann nicht. Das weiß der letzte linke Student. Und streicht jetzt alles ganz doll durch. Damit: das später nicht in seinem Nachlass gefunden wird. Und: schreibt unter das Durchgestrichene: »Manches Wissen ist so gefährlich, das muss man unterdrücken.« Und das ist ja auch wieder wahr! Und jetzt lächelt der letzte linke Student wieder. Denn: Das ist eine Maxime. Und sogar: eine kluge. Und auch wir können wieder von unseren Fingernägeln lassen und: Politik machen.

jörg sundermeier



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