Meine Zeit in der Hölle VIII
Kauf! Mich! Ein!
Menschen, die wacker Schlange stehen. Wie früher, als es Begrüßungsgeld gab und die Welt noch in Ordnung war. Einstmals stand man an für harte D-Mark. Doch diese Zeiten sind lange vorbei. Heute steht man an für weiche Halberstädter Würstchen und Haldenslebener Kesselgulasch. Denn das, so ahnen die Leute in der Warteschlange und ängstigen sich insgeheim davor, könnte irgendwann ausverkauft sein. Wie früher. Und dann erklänge hinterm Tresen ein Satz, den man kennt und den man nie mehr zu hören hoffte: »Hamwernich.« Und der tut weh.
Zu erwerben sind hier Erzeugnisse, bei deren bloßem Anblick man sich schämt, Deutscher zu sein. Zwischen den Wartenden drängen und schieben sich schlecht gekleidete Menschenmengen aneinander vorbei. Ein leises Odeur von Achselschweiß und Kunstfasertextilienmuff umweht die Nase. Und dann weiß man, wo man ist: auf der OSTPRO, der »Weihnachtsmesse für Ostprodukte«.
Ostprodukte sind Konsumgüter, die Menschen wie Sie und ich nie kaufen würden, von denen aber der Ostler gar nicht genug kriegen kann, denn sie lösen ein nostalgisches Wegdämmern in die ehemalige DDR-Volksgemeinschaft bei ihm aus. Alles, was der durchschnittliche Zonenbewohner täglich braucht, ist hier im Angebot: Wurstwaren, Soljanka, Fußbäder und Antitranspirante (»Original aus Sachsen«).
Außerdem lassen sich auch Dinge finden, die der Ostmensch zwar früher nicht kannte, die zu lieben er aber inzwischen gelernt hat: grellen Porzellankitsch oder Bettwäsche mit Leopardenmuster beispielsweise. Ein Ort also, an dem die Zivilisation für drei Tage außer Kraft gesetzt ist.
Westdeutsche wird man hier vergeblich suchen. Und auch der Nichtdeutsche ist naturgemäß der Feind, denn er hat Geist und Geschmack. Nach Rassismus muss man nicht lange suchen, wo der Osten zu sich selbst kommt: »Genuß in Braun« verspricht das Plakat eines Thüringer Schokoladenherstellers, das »unsere Nougatstange« bewirbt. Abgebildet ist ein die Augen verdrehender Schwarzer, dem die Zunge heraushängt.
»Die Versorgungslage ist noch stabil«, versucht sich der Süßwarenverkäufer an einem trüben Scherz. Doch keiner lacht. Denn der Ostdeutsche lacht nicht. Nie. Der Ostdeutsche kauft. Denn zum Kaufen ist er da. Vierzig Jahre konnte er keinen in kleine Plastikgurken abgefüllten Billigschnaps erstehen. Hier und heute aber darf er. Und seine Augen strahlen dabei wie die eines kleinen Kindes, das zum ersten Mal einen leuchtenden Weihnachtsbaum erblickt.
Eine Etage höher findet sich etwas, das man wohl als eine Gruppe Sitzmöbel bezeichnen muss. Schmierbraune Couchgarnituren mit leicht ins Ockerfarbene spielenden Pflanzenmustern stehen da. Wie ein Mahnmal, das dran erinnern soll, zu welchen Verbrechen der Mensch fähig ist. Wer jahrelang geglaubt hat, dabei handele es sich um Dinge, die man sich nicht ungestraft ins Wohnzimmer stellen dürfe, der irrt. Menschen im Osten kaufen sowas. Aber seien Sie ehrlich: Kann noch einen Funken Gefühl im Leib haben, wer so etwas besitzen möchte?
Eine junge ausländische Dame stellt schließlich die einzige vernünftige Frage in dem um sie herum sich schamlos ansächselnden Menschengewirr. »Wo ist denn hier der Ausgang?« fragt sie mit erbarmenswürdiger Leidensmiene. Doch eine Antwort bekommt sie nicht. Nur einen Blick, der sagt: »Dich kriegen wir auch noch.«
thomas blum
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