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Nr. 50/2000 - 06. Dezember 2000
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Stephen King offline

Jede Woche brechen die Technologie-Werte an den Aktienbörsen weiter ein, niemand traut sich mehr zuzugeben, in irgendwelchen Start-Up-Klitschen zu sitzen: Man fängt schon an zu überlegen, was man denn seiner Patchwork-Biographie als nächsten Flicken hinzufügen könnte, und nun stellt Stephen King auch noch seinen Online-Roman ein. Als er vor fünf Monaten begann, »Die Pflanze« ins Netz zu stellen - zum freien Download, bei freiwilliger Bezahlung, eine Folge pro Monat - malte noch der eine oder die andere den Untergang des Verlagswesens an die Wand: Bald werde Textverkauf nur noch so laufen und die Verleger würden in die Röhre gucken. Nun hört King auf. Die Zahl der Abrufe ist von 120 000 auf 40 000 pro Ausgabe gesunken, nur noch weniger als die Hälfte der Leser wollten bezahlen, am Anfang waren es noch zwei Drittel gewesen.


Alles neu heißt: Einer geht

Gegen das Ende des Verlagswesens, wie wir es kennen, sprechen aber noch andere Meldungen: Etwa die Neuigkeiten aus dem Hause Suhrkamp. Dort hat Siegfried Unseld mit Christoph Buchwald seinen vierten Kronprinzen in acht Jahren gefeuert. Buchwald war vorher beim Hanser Verlag Lektor und bei Luchterhand Chef gewesen. Doch wie zuvor schon bei Joachim Unseld, Thedel von Wallmoden und Gottfried Honnefelder klappte auch diesmal die Zusammenarbeit mit Siegrfried Unseld nicht. Es habe »innenpolitische Probleme« im Haus gegeben, heißt es in der Süddeutschen Zeitung. Der 76jährige Siegfried Unseld, der 51 Prozent des Suhrkamp-Kapitals halte, wolle die Kontrolle nicht aus der Hand geben und sein Werk in die Zukunft retten und gleichzeitig nicht glauben, dass es eine Zukunft ohne ihn geben könne. Oder, wie es prosaisch in der taz heißt: »Eine wirkliche Nachfolgeregelung wird es frühestens nach dem Tod Unselds geben.« Frühestens, denn Unseld ist gerade dabei, seine Anteile am Verlag in eine Stiftung zu übertragen, deren Leitung er seiner Frau Ulla Berkewicz übergeben möchte.


California Chainsaw Massacre

So kann's kommen. 738 Tage hat Julia Butterfly Hill in Nordkalifornien auf einem 1 000 Jahre alten Redwoodbaum namens Luna verbracht. 738 Tage saß sie dort, bei Wind und Wetter, Sturm und Sonnenschein, sie widerstand den hinterhältigen und menschen- sowie baumverachtenden Attacken der Holzfirma Maxxam. Sie nutzte die Macht der Öffentlichkeit, um darauf aufmerksam zu machen, dass dieser Baum nicht sterben dürfe. Erst als die Firma ihr garantierte, weder Luna noch sie selbst noch die anderen Bäume im Umkreis von 70 Metern anzutasten, stieg sie herab. Und jetzt ist alles umsonst gewesen: Bösewichter haben Luna mit einer Motorsäge angesägt. Und zwar so tief, dass der Baum wahrscheinlich bei dem nächsten Sturm umfallen wird. Maxxam weiß von nichts. Doch Julia weint. Ein ganzes Buch hat sie über sich und den Baum geschrieben, und nun gibt sie zu Protokoll: »I feel this vicious attack on Luna as surely as if the chainsaw was going through me.«


Sexy und reich

Es gibt Neues aus den Hexenküchen der chemischen Industrie, Neues von denen, die bestimmt noch eine Menge in ihren Schubladen haben, was nicht der Krankheitsbekämpfung dient, sondern der Intensivierung des Körperempfindens - kurz: Drogen. Die Firma Lion Sciences International hat die Pille entwickelt, auf die alle Frauen warten, die nicht Viagra schlucken wollten, obwohl berichtet wird, dass Viagra auch bei Frauen mächtig knallen soll. Egal. Lion Science International behauptet, seit Erfindung der Pille sei Frauen nichts Derartiges mehr zur Verfügung gestellt worden: Lady V heißt das Wundermittel und steigere ganz ungemein das, was auf Englich so schön sexual performance heißt: »Frauen werden über Lady V verrückt. Pärchen verlieben sich wieder. Die Leidenschaft und die Freude, über die Frauen berichten, ist jenseits des Fassbaren! Lady V hat eine Erfolgsrate von 88 Prozent. It's not just a man's world anymore!« Wie alles Gute kommt die Pille aus Florida und kostet nur einen Dollar pro Stück. Außerdem ist sie auf rein pflanzlicher Basis entwickelt worden.

Und für alle, die keinen Sex haben wollen, sondern Geld - die Firma bietet eine Double Your Money Back Guarantee. Wer nicht zufrieden ist, kann die Pillen zurückschicken und bekommt das Doppelte des Kaufpreises erstattet. Wer ganz clever ist, kauft erst für eine Million Mark Pillen, gibt sie dann zurück, bekommt dafür zwei Millionen und kauft dafür noch mehr Pillen oder irgendwas anderes und fährt dann selbst nach Florida, um dort all die ganzen Dinge zu nehmen, die man dort so nimmt.


Entfremdung und Genuss

In einem Interview mit der taz erzählt ein Musiker der Düsseldorfer Band Kreidler, in Japan gewesen zu sein und dort eine Spielhalle für pensionierte Eisenbahner betreten zu haben. »Diese Zugfahrer in Rente fahren virtuell die Hochgeschwindigkeitsstrecke ihres Expresszuges von Tokio nach Osaka ab, sehen das, was sie auch aus dem Fenster ihrer Lokomotive gesehen haben. Ziel des Spiels ist es, an den wenigen Bahnhöfen wie Kyoto keine Zugverspätung zu haben, den Fahrplan einzuhalten. Nach dreieinhalb Stunden kommst du in Osaka an, und das Spiel ist beendet. Dann beginnt das nächste Spiel, und sie fahren wieder nach Tokio zurück. (...) Es ist schon seltsam zu sehen, dass diese Menschen dann nachts, wenn die Spielhallen schließen, einfach in den Eingängen sitzen bleiben, um am nächsten Tag weiterspielen zu können.«



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