Chad Fever
Von David Reed - The Circumstantial & the Evident, Teil VI. (Die Fotos, auf die sich die Ziffern beziehen, sind nur in der Print-Ausgabe zu bewundern.
Los Angeles, Montag, 13. November
Die Wahlen sind schon fast eine Woche her, und wir wissen immer noch nicht, wer der nächste Präsident wird.
Bisher war es okay, die Sache auf dem Bildschirm zu verfolgen, aber heute morgen bin ich schwach geworden und habe mir ein Ticket nach Florida gekauft. Ich muss live dabei sein.
Miami, Dienstag, 14. November
Komme verschlafen nach einem Übernachtflug via New York in Miami an.
Ich miete mir ein Auto (H.) und mache mich auf den Weg nach West Palm Beach, dem Ort mit den berühmt-berüchtigten »Schmetterlingswahlzetteln«. Eine Stunde später folge ich den Schildern in die Innenstadt. Gestern beim Fernsehen habe ich mir Notizen gemacht und so weiß ich, wo die Action sein soll: Third Street und Olive. Ein paar Demonstranten stehen herum (1), auf der anderen Straßenseite gibt es noch einen einsamen Fox-Nachrichtenreporter.
Aus irgendeinem Grund beschuldigt der Polizist die Gore-Anhänger, den Bürgersteig zu versperren. (Die Bush-Anhänger, die sich in noch größerer Anzahl auf demselben Bürgersteig aufhalten, sind anscheinend kein Problem.) Ein deutsches Fernsehteam (S.) kommt hinzu und dokumentiert eine Auseinandersetzung zwischen Bush- und Gore-Anhängern.
Ich kriege heraus, dass der Hauptschauplatz der ganzen Angelegenheit einige Meilen entfernt ist. Im Emergency Operations Center (EOC, das sonst nur bei Hurricanes oder anderen Katastrophen eingerichtet wird) sollen die Wahlzettel per Hand ausgezählt werden. Wenigstens weiß ich, dass ich den richtigen Ort gefunden habe: Der Parkplatz ist schon abgesperrt, nur noch TV-Satelliten-Übertragungswagen werden zugelassen. Nachrichtenteams stehen wartend herum, um ihre »Live aus West Palm Beach«-Bilder zu machen. Ich parke gegenüber der »Boat Connection«. Ein Typ kommt heraus und nennt mir den wahren Grund des Medienhypes. Es ist das Wetter in Florida: »Wäre diese Sache in Michigan passiert, wäre keiner von euch hingefahren.«
Noch werden keine Stimmen ausgezählt. Es gibt nur Pressekonferenzen (2) und Demonstrationen (3). Dann kommt die Kommissionsleitung nach draußen, um eine öffentliche Anhörung abzuhalten. Die Demonstranten müssen die Schilder runternehmen, wenn sie am Meeting teilnehmen wollen. Nach einigem Hin und Her beschließt die Prüfungskommission, dass die manuelle Auszählung morgen früh fortgesetzt werden soll.
Ich nehme mir ein Zimmer in der »Dutchman Motor Lodge« - sie wird von einem Inder geführt - und schalte den Fernseher an. Jeb Bush bedrängt mich, mich auf einen Hurricane vorzubereiten. Als nächster kommt ein Ex-Senator aus Wyoming, der darüber spricht, wie wir alle Opfer des 24-Stunden-Nachrichtenformats werden. Die Nachrichtenleute sollten, so sein Vorschlag, ins Bett gehen, die Decke hochziehen und ein Glas Sherry trinken. In meinem Zimmer in der »Motor Lodge« gibt es keinen Sherry und so mache ich das Nächstbeste: schlafen gehen.
West Palm Beach, Mittwoch, 15. November
Um 6.20 Uhr quäle ich mich aus dem Bett. Das Zählen soll in 40 Minuten weitergehen. Ich greife zur Fernbedienung. Ich will sicher sein, dass ich in den letzten Stunden auch wirklich nichts verpasst habe. Auf Kanal 13 gehen sie die verschiedenen Distrikte durch: Was gibt es heute in welcher Schulkantine zum Mittagessen? Dann fordert mich das Büro des Palm Beach County Sheriffs auf, mich unter 561-688-300 zu melden, falls ich Informationen im Zusammenhang mit dem Kind habe, das gestern entführt wurde. Die habe ich nicht, und so mache ich mich schnellstens auf den Weg zum EOC.
Obwohl ich pünktlich dort ankomme, ist die Schlange der Wartenden schon ziemlich lang. Ich lasse mich für die Schicht ab 10.30 Uhr registrieren, um Fotos im Auszählraum zu machen, und gehe dann mit der Kamera in den Beobachtungsraum. Die Fernsehleute sind nicht besonders glücklich über mich und meine Hi-8. Eine Japanerin weist mich an, auf keinen Fall das Fenster zum Auszählraum zu verschmutzen, sie habe es gerade erst gereinigt. (Dachte sie, ich würde meine Nase dagegen pressen, oder was?) Dann fragt sie mich nach einem Presseausweis. Der Typ zu meiner Rechten erkundigt sich, ob ich ein Video mache. Beschämt zeige ich ihm meine Kamera. (Er guckt mich an mit dem Blick von jemandem, dessen eigene Kamera hundert Mal so viel kostet ...) Wenigstens war ich so früh da, dass der Kameramann eines deutschen Senders (Z.) hinter mir stehen und mir über die Schulter filmen muss.
Noch zählen sie nicht. Mir wird langweilig, und ich gehe wieder nach draußen.
Am Pressecounter versucht eine Frau von einem wichtigen Sender (A.) der zuständigen Frau aus Florida zu vermitteln, dass sie unbedingt in den Beobachtungsraum müsse, um Live-Aufnahmen zu machen. Ihr wird mitgeteilt, dass sie, wie alle anderen auch, zu warten habe, bis sie an der Reihe sei. (Inzwischen haben sich schon mehrere Journalisten über die Polizeiabsperrung gehängt und fragen mich, was drinnen los sei ...)
Ich fahre eine Weile im Kreis herum. Ich will etwas zu essen, eine Zeitung und einen Internetzugang, finde aber nur eins von den dreien und fahre zum EOC zurück. Sie haben beschlossen, die Zählung so lange auszusetzen, bis der Oberste Gerichtshof von Florida entschieden hat, ob sie weitermachen dürfen. Also sehe ich jetzt »Die Schlacht um das Weiße Haus« live auf einem Kabel-Nachrichtensender und erfahre, dass Broward County mit dem Zählen weitermacht. Als ich wieder draußen bin, ist der Mann, der sich als Hot Dog verkleidet hat, verschwunden. Ich komme mir dumm vor. Als drinnen überhaupt nichts los war, bin ich rein, und jetzt habe ich die ganze Action verpasst.
Gegen 17.30 Uhr höre ich jemanden in sein Handy sagen, dass sie wieder mit dem Zählen anfangen würden. Ich renne zum Pressecounter und bin der zweite in der Schlange. Der Typ (K.) von der New York Times, der hinter mir in der Schlange steht, meint, wir müssten in der Reihenfolge von heute morgen eingelassen werden. Er sei an der Deadline und müsse deswegen vor mir rein. Ich bleibe stur, und er legt erst richtig los: Seit 30 Jahren mache er jetzt diesen Job und er wisse, wie die Sache läuft. Und sowieso sei ich kein »richtiger Journalist«. Die AP-Fotografin, die als erste reingehen soll, erklärt: »Wir brauchen hier Ordnung. Sonst gibt es Chaos.«
Es wird entschieden, heute doch nicht mit dem Zählen anzufangen. Also gehe ich nach draußen auf den Parkplatz und mache eine dieser »Live aus West Palm Beach«-Aufnahmen, die hier alle machen. Das ist etwas peinlich: Nicht nur wegen meiner billigen Kamera, sondern auch, weil ich kein Stativ habe und auch noch mein eigener Kameramann bin. Ein italienisches Fernsehteam sieht, wie ich mir die Kamera vors Gesicht halte und filmt mich. (Notiz an mich: rauszukriegen versuchen, welcher Sender es war und eine Kopie davon zu bekommen.)
Donnerstag, 16. November
Der schwierigste Teil des Tages ist, mich vom Komfort des Hotelzimmers und dem Kick, auf dem Bildschirm zu verfolgen, wie sich die Angelegenheit ausweitet, zu trennen. Irgendwie kriege ich es dann hin. (Gut, dass es nicht kalt oder dunkel draußen ist.) Nach einer Stunde Fahrt bin ich in Plantation, wo sie im EOC von Broward County Wahlzettel auszählen. Am Eingang steht eine lange Schlange. Ich frage einen Typen, wofür die sei und er meint, er wisse es auch nicht. Deswegen würde er ja anstehen.
Mit meinem Presseausweis komme ich rein. Ich warte zwei Stunden darauf, für vier Minuten in den Auszählraum zu kommen. Glücklicherweise gibt es während der Wartezeit genügend Entertainment. So z.B. als ein Gerichtsvollzieher in den Raum stürmt. Auf seinen Fersen ein Sprecher der Republikaner, der verlangt, dass das Zählen sofort eingestellt wird. Oder ein anderer Sprecher der Republikaner, der jedem, den es interessiert, Aufnahmen von dem Chad, dem Stanzabfall aus den Wahlkarten, der am letzten Abend konfisziert wurde, zeigen will. Etwas später albere ich darüber mit einem Rechtsanwalt von der Prüfungskommission herum, und er flüstert mir zu, dass er Chad von heute zu verkaufen hätte. Ich denke, dass er genau weiß, wie gerne ich etwas davon hätte, aber in dieser angespannten Situation wäre es verrückt, einem Journalisten sowas zu geben.
In der Hoffnung, nochmal einige Minuten länger in der heiligen Halle verbringen zu dürfen, warte ich noch einige Stunden und mache noch ein paar Fotos. (4) Also fahre ich nach West Palm Beach zurück. Ich habe gehört, sie hätten mit dem Zählen angefangen. Überraschenderweise halten sie sich an die Liste, die K. gestern aufgestellt hat. Einige Minuten, bevor ich an der Reihe bin, komme ich an. Hier darf man zehn Minuten im Auszählraum verbringen, aber ist es nicht so toll: Es ist dunkler, Videos sind verboten, und es ist auch nicht erlaubt herumzulaufen. Aber man kann doch irgendwie Fotos machen. (5) Nach dem zweiten Durchgang gehe ich zu meinem Auto zurück und mache mich auf den Weg, die 400 Meilen nach Tallahassee zu fahren. Morgen läuft die Frist für das Eintreffen der Briefwahlstimmen aus, und Floridas Staatsministerin Katherine Harris hat angekündigt, dass sie das Ergebnis der Wahlen dort am Samstag bekanntgeben will. Ich denke, da werden wohl alle Journalisten sein.
Tallahassee, Freitag, 17. November
An der Raststätte schreibe ich ein Gedicht:
Faster Than Cash
Play Here
Pull
Treat Yourself Cool
No Smoking
No Pulp
Northbound
Ich komme gegen 13 Uhr in Tallahassee an. Ich weiß, dass ich am richtigen Ort bin, als ich die Reihe von Lastwagen mit Satellitenschüsseln sehe. Ich gehe zum Leon County Gerichtsgebäude. Dort hat der Richter gestern verfügt, dass der Beschluss von Katherine Harris, die Handauszählungen nicht zuzulassen, doch rechtskräftig sei. Ich will ein Foto vom leeren Gerichtssaal machen, aber er ist voll mit Sheriffs und Journalisten, die beobachten, wie die Prüfungskommission die Briefwahlstimmen durchgeht.
In Tallahassee wurde, wie ein Reporter es ausdrückte, die »Geschichte in die Warteschleife geschickt«. Trotzdem gibt es für mich viel zu verpassen. Während ich nach einem Fotoladen Ausschau halte, um meine Filme entwickeln zu lassen, kommt der Oberste Gerichtshof zu der Entscheidung, dass Katherine Harris mit der offiziellen Bestätigung des Wahlsiegers warten muss, bis das Gericht eine Entscheidung fällt.
Samstag, 18. November
Alles schon Routine: Augen öffnen, Fernseher anstellen. Lustig, auf CNN interviewt Brian Palmer Leute auf der Straße. Er hat mal für die Fotoagentur (I.) gearbeitet, bei der ich immer noch bin. (Notiz an mich: über Karriereplanung nachdenken.)
Ich komme gerade rechtzeitig am Obersten Gerichtshof an, um unauffällig aussehende Leute die Stufen zum Gebäude hochgehen zu sehen. Sie haben Rechtsgutachten dabei und werden von eher unbedeutenden Presseleuten umringt. Später, als niemand mehr da ist, mache ich Fotos vom Mülleimer oben auf der Treppe. (6)
Für Football-Fans geht die Geschichte weiter. Denn für sie ist heute abend das Ereignis des Jahres: University of Florida gegen Florida State. Mein Hotel, es ist 25 Meilen entfernt, hat mir schon beim gestrigen Einchecken klar gemacht, dass ich auf keinen Fall eine weitere Nacht bleiben könne. Journalisten, die in Hotels in zentralerer Lage untergekommen sind, mussten Erklärungen unterschreiben, dass sie auch wirklich heute morgen wieder auschecken. In den Pressebereichen werden auf Schildern Zimmer für 250 bis 750 Dollar angeboten.
Ich traue dem Medienhype nicht so ganz und überprüfe es noch einmal selbst: Nach zehn Hotels ziehe ich meine langen Unterhosen, drei T-Shirts, zwei Pullis und meine Daunenjacke an und rolle mich auf dem Rücksitz meines Mietwagens zusammen.
Sonntag, 19. November
Irgendwie habe ich die Temperaturen um fünf Grad Celsius überlebt und außerdem so lange geschlafen wie schon lange nicht mehr. Es gibt keinen Fernseher, der mich ablenken könnte, aber dafür verplempere ich Zeit in der Zeitschriftenabteilung des Buchladens. Ich verpasse die nächste Runde der Rechtsassistenten, die sich erstmal durch den Pressepulk quälen müssen, bevor sie ihre Gutachten abliefern können. Natürlich gibt es auch anderes zu fotografieren: zum Beispiel Demonstranten, Typen, die sich als Jesus oder George W. Bush verkleidet haben, oder eine Frau, die auf ihrer Website verbrauchte Chads verkauft, um Geld für Brustkrebskranke zu sammeln. (7)
Das nächste, an das ich mich erinnern kann, ist, dass ich zum Gerichtsgebäude gerast bin. Den Ablauf der Frist für weitere Anträge habe ich knapp verpasst. Ich frage einen Journalisten, was losgewesen sei, und er meint, ich solle mir keine Gedanken machen, es sei das gleiche Bild gewesen wie am Morgen. Aber das hatte ich doch auch verpasst! Arghhh!
Hotelzimmer, Fernsehen, Schlafen.
Montag, 20. November
Eigentlich hätte ich heute nach L.A. zurückfliegen sollen, aber wegen der Gelegenheit, »Geschichte live mitzuerleben« - so sagen das hier viele -, verschiebe ich meinen Rückflug. Heute ist die Anhörung der Teams von Bush und Gore vor dem Obersten Gerichtshof Floridas. Ich komme um 7.30 Uhr, um mich in die Schlange für die 100 Plätze, die für die Öffentlichkeit bereitgestellt wurden, einzureihen. Überraschenderweise bin ich erst der Fünfte. Vor mir steht ein Senator aus Florida (Skip). Hinter mir wartet ein Journalist (Jake) einer Online-Zeitung (S.) Etwa zwei Stunden später wird Skip aus der Schlange herausgeholt: Irgendjemand hat einen Vip-Sitzplatz für ihn organisiert. Andere, die um mich herum stehen - größtenteils Jura-Studenten -, werden von Fernsehsendern interviewt. Aus irgendeinem Grund will niemand mit mir sprechen.
Dann taucht Michael Isikoff auf. (Er hat die Monica-Lewinsky-Story losgetreten.) Jake scheint I. zu kennen. I. kommt rüber und spricht mit ihm. Auf einmal wollen Alyson, Frank und Trevor, die hinter mir in der Reihe stehen, dass ich ein Bild von ihnen (mit Jake und I.) mache. (8) Einer fragt ihn nach einem Autogramm. Warum nicht? Ich frage auch nach einem. (Er ist etwas widerwillig, merkt wahrscheinlich, dass ich was vorhabe, aber er gibt es mir trotzdem.) (9) Irgendwann werden wir in den Gerichtssaal gelassen. Das Schlimmste ist für mich, dass ich meine Kameras abgeben muss. Zum Ausgleich mache ich Berge von Notizen. Als ich mich nachher durch das Gedränge von Presseleuten und Demonstranten kämpfe, hoffe ich, dass auch mich jemand interviewen will. Aber es will keiner. Also hole ich meine Kameras und fotografiere die Leute draußen. (10)
Dienstag, 21. November
Noch ein Tag, an dem die Geschichte in die Warteschleife geschickt wird. Oder zumindest die Journalisten. Michael Isikoff hatte sich gestern darüber ausgelassen, wie schwer es ist, eine Story zu machen, wenn man noch nicht einmal weiß, wie sie enden wird.
Journalisten stehen herum, sitzen auf den Treppenstufen gegenüber dem Gerichtsgebäude und fotografieren sich gegenseitig. Der Sprecher des Obersten Gerichtshofs kommt ab und an heraus und berichtet, dass es nichts zu berichten gibt.
Ich laufe etwas herum und sammle Souvenirs. Ich finde ein »X«, das den Ort markiert, an dem der Sprecher beim Live-Bericht eines Kabel-Nachrichtensenders (C.) stehen soll. (11)
Gegen 21 Uhr fahre ich zurück zum Gerichtsgebäude und sehe eine Menge Leute. Ich bin so aufgeregt, dass ich meine Winterjacke im Auto vergesse. Zurückgehen und sie holen? No way. Ich setze meine Ellbogen ein, um an einen guten Platz zu kommen. Der Sprecher (C.) kommt heraus und teilt mit, dass das Gericht in 30 Minuten eine wichtige Ankündigung machen wird.
Die nächsten 30 kalten Minuten überstehe ich ansatzweise, weil ich mir in Abständen die Kamera in Armlänge vor das Gesicht halte und verkünde, das Gericht würde in 20, 15, zehn, fünf Minuten ein wichtige Ansage machen. Ich bin mir nicht sicher, was die anderen Journalisten über mich denken, aber das interessiert mich auch nicht mehr.
Später, nach der Ankündigung (Genehmigung der Handauszählungen bis Sonnag, 17 Uhr) und den Pressekonferenzen (Baker, Boies und eine Liveschaltung zu Gore), sammle ich Blätter, Zeitungsschnipsel, Büroklammern und so ungefähr alles, was sich als Souvenir anbietet. Um 1.30 Uhr ziehe ich immer noch meine Kreise auf den Treppenstufen des Gerichts. Ich nehme mich dabei auf Video auf.
Ein Typ (S.) von einem japanischen Fernsehsender (N.) sieht mich und wir kommen ins Gespräch. Er ist auch aus L.A. und ausgebildeter Schauspieler. S. bietet mir an, vor meiner Videokamera ein Statement abzugeben.
Mittwoch, 22. November
Gegen 2 Uhr finde ich, dass ich genug Artefakte gesammelt habe und es Zeit wird, Tallahassee zu verlassen. Nach ungefähr 150 Meilen muss ich anhalten und etwas schlafen. Die Temperatur ist unter den Gefrierpunkt gefallen, ich werde von der Kälte wach und mache mich wieder auf den Weg.
Schon ein paar Stunden später genieße ich die Morgensonne und die befremdlichen Hinweisschilder: »What part of thou shalt not don't you understand? - God.« (Auf dem Hinweg habe ich eins mit »You think it's hot here? - God« gesehen.) An einer Raststätte will ich zum Frühstück anhalten, aber die Warteschlange ist zu lang. Dafür nehme ich einen Tramper (A.) aus Virginia mit. Er will in die Everglades. Ein paar Stunden später sind wir wieder im Süden und rennen in T-Shirts umher. Ich nehme ihn mit zum Palm-Beach-EOC. Er ist fasziniert, weil er noch nie zuvor eine Medienbelagerung gesehen hat. Ich fotografiere etwas Auszählerei und fahre in die Stadt. Ich will sehen, was da los ist und muss meine E-Mails checken.
Das Lustige an Florida ist, dass, kulturwissenschaftlich gesprochen, der Norden »südlich« und der Süden eher »nördlich« ist. Nach Tallahassee wirkt West Palm Beach atemberaubend reich. Die Fußgängerwege (gepflastert) sehen aus, als würden sie regelmäßig geschrubbt. Gut angezogene Menschen entspannen sich in Straßencafés und nehmen in der Mittagssonne teure Mahlzeiten ein. Im Vergleich dazu ist Tallahassee ein Dorf.
West Palm Beach, Donnerstag, 23. November
Thanksgiving. Endlich etwas Ruhe, um meine »After the Fact«-Fotoserie fortzusetzen. Palm Beach County macht eine Pause und in Plantation haben sie mit dem Zählen aufgehört. Während ich zum County-Gericht von Fort Lauderdale fahre, wo die Zählung fortgesetzt wird, höre ich im Radio, dass heute der erste Jahrestag der Rettung von Elian ist. Ich frage einen AP-Reporter (R.), ob er wisse, wo genau man Elian aus dem Wasser gezogen hat. Er weiß es nicht, aber erlaubt mir dafür, seine Notizen des Tages zu fotografieren. (12)
Ich gehe an den Strand, mache Fotos und Videoaufnahmen. Irgendwo da draußen muss es gewesen sein. (13)
Miami, Freitag, 24. November
Ich bin in der Jugendherberge in Miami Beach untergekommen. Glücklicherweise haben sie Computer in der Lobby, und so kann ich meine E-Mails abrufen. Mein Redakteur in Berlin fragt, ob ich schon schwimmen gewesen bin. Mist! Schon zehn Tage hier, und ich war noch nicht einmal am Strand. Das Wetter ist auch nicht das beste: Es ist bewölkt und windig. Die Wellen sind so hoch, dass mir auf einem Boot schon längst übel geworden wäre. An den Rettungsschwimmer-Posten stehen Schilder: Achtung! Unterströmungen! Quallen! Ich gehe joggen - dieselbe Strecke, die ich im April während der Arbeiten zur Elian-Reportage gelaufen bin - und stelle mich kühn der aufgewühlten See entgegen. (Was soll ich meinem Redakteur sagen? Auf Sylt würde man sich über solch gutes Wetter freuen!)
Die Straße vor dem Gerichtsgebäude von Broward County ist auf einmal zum Zentrum der republikanischen Demonstranten geworden. Sie brüllen sich die Lungen aus dem Hals. Es ist so viel los, dass die Fernehsender Verstärkung gerufen haben: Jetzt sind noch mehr und noch größere Satelliten-Übertragungswagen da. Ich gehe rein, beobachte die Zählerei, gehe wieder nach draußen und fotografiere. (14) Klar, es gibt auch eine Handvoll von Gore-Unterstützern. (Heute hat die Polizei die Straße abgeriegelt. Die beiden Gruppen stehen einander gegenüber. Dazwischen liegt eine 30 Meter breite »neutrale Zone«.)
Ein Typ kommt auf mich zu und will sich meinen Kuli ausleihen. Es ist Allan Diaz, der das berühmteste Foto der Elian-Story gemacht hat: Elian in den Armen des »Fischers«, daneben ein INS-Beamter, der mit seinem Maschinengewehr in ihre Richtung zielt. Der Typ ist sehr freundlich und freut sich anscheinend, dass ich weiß, wer er ist. Ich frage weiterhin nach dem Ort, an dem Elian gefunden wurde, aber niemand weiß es. Als es dunkel wird, taucht Donato Dalrymple, der berühmte »Fischer«, auf, und ich habe die Gelegenheit, ihn persönlich zu fragen. Er erzählt mir alles und gibt mir ein Exklusivinterview: Er ist 40 Jahre alt und hat zum ersten Mal in seinem Leben an einer Wahl teilgenommen. Und hat natürlich für Bush gestimmt, weil er so wütend ist, wie die Clinton-Verwaltung in der Elian-Geschichte entschieden hat.
Fort Lauderdale, Samstag, 25. November
Heute sind noch mehr Demonstranten und noch mehr Journalisten da. Die Republikaner richten ihre Slogans über Lautsprecher an die Demokraten. Auch die Demokraten sind heute mit mehr Leuten gekommen und haben sogar Megafone dabei, werden aber von den Republikanern an Anzahl und Lautstärke übertroffen. (15) Die Schlachtrufe klingen wie bei einem Sportereignis in der Grundschule: Die Anhänger brüllen sich gegenseitig Beleidigungen zu. Die Notizen, die ich mir gemacht habe, sehen so aus:
»Cheat-er, Cheat-er«, »No More Gore!«, »Bush Won Twice«, »Sore Loserman, Sore Loserman«, »Na Na Na Na, Na Na Na Na, Hey, Hey, Go-od Bye!« Und von der anderen Seite: »Daddy's Little Boy«, »Count All Votes« und ebenfalls »Cheaters, Cheaters«.
Auch drinnen sind die Republikaner sehr aktiv. Sie haben acht oder zehn Leute, die alles auf einem Monitor im Foyer beobachten und sich Notizen machen. Sie geben zwar nur ungern preis, wer sie sind, aber man kann sie leicht an der teuren Kleidung erkennen. (16) Dazu gibt es einen Auflauf bekannter Republikaner von Bob Dole bis hin zu George Pataki, dem Gouverneur von New York. Sie halten Pressekonferenzen ab, mit denen sie den hasserfüllten Mob anfeuern. Sie beschuldigen die Demokraten, das Gesetz zu brechen und schlechte Verlierer zu sein, nörgeln über die Forderung der Demokraten nach Nachzählungen. Bob Dole war noch der harmloseste. Er wiederholte nur, dass das ganze Verfahren komisch sei. Und das ist es nun wirklich. Und er gibt mir die Gelegenheit, meine Serie mit verwackelten Fotos berühmter Personen fortzusetzen. (17)
Ich fotografiere die Notizen des Gerichtsreporters und die Arbeit des CBS-Teams (die einzigen, die drinnen filmen durften). (18) Dann wird eine Essenspause eingelegt. Die Republikaner haben sich ein schickes Buffet vom Catering-Service kommen lassen, die Demokraten essen Mexikanisches vom Takeaway. Als ich versuche, das republikanische Essen zu fotografieren, werde ich angemacht. Irgendwann lässt ihre aggressive Haltung nach und jemand bietet mir einen der Brownies an, die ich gerade fotografiere. Als ich das demokratische Essen am anderen Ende des Flurs fotografieren will, zucken die Demokraten nur mit den Schultern und beachten mich nicht weiter.
Gegen 21 Uhr fange ich an, mich zu langweilen und fahre nach Palm Beach County, um zu sehen, wie es dort mit dem Zählen vorangeht. Ein Fehler: Um Mitternacht wird die Zählung in Broward County beendet und ich kann das Ereignis nur im Fernsehen miterleben. Nach etwa fünf Minuten halte ich es nicht mehr aus. Ich setze mich ins Auto und fahre die 45 Meilen zurück nach Fort Lauderdale. Ich kriege noch das Ende von ein, zwei Pressekonferenzen mit und finde guten Müll. (19) R., der AP-Reporter, zeigt mir seine Notizen des Tages, aber die sind nicht so nett wie die vom Donnerstag. Ich kriege eine Kopie des Faxes mit den offiziellen Ergebnissen der Auszählung und fahre zurück nach West Palm Beach.
Eigentlich wollte ich heute Nacht nach Tallahassee fahren, aber ich bin einfach zu erschöpft. Also mache ich noch ein paar Fotos und schlafe zwei Stunden im Auto.
West Palm Beach, Sonntag, 26. November
(Notiz an mich: meinen Bruder Eric anrufen. Er hat Geburtstag.)
Gegen 5.30 Uhr macht die Prüfungskommission eine kurze Pause mit dem Zählen. Man kann die republikanischen Beobachter sehen, wie sie zusammenglucken und flüstern, dass es die Prüfungskommission auf keinen Fall bis zur Deadline um 17 Uhr schaffen wird. Kurz nach 6 Uhr geht das Zählen weiter. Die Nachrichtensender übertragen den schleppenden Fortgang live. Im Vordergrund ist eine Uhr eingeblendet, die den Countdown in Stunden und Minuten anzeigt.
In Laufe des Tages bekommen die republikanischen Demonstranten, die die Nacht durchgemacht haben, Unterstützung. (20) Später fotografieren die Beobachter der Republikaner sich gegenseitig, um den historischen Moment des nahen Sieges festzuhalten. (21)
Ich gehe für ein Nickerchen zu meinem Auto zurück. Als ich aufwache, sehe ich, wie Al Sharpton, ein bekannter African-American-Aktivist von einem wütenden republikanischen Mob verfolgt wird. Sie brüllen ihn an, verspotten ihn. (Sind das die »harmlosen Demonstranten«, von denen die republikanischen Führer reden?) Ich gehe nah ran, um ihre wütenden, verzerrten Gesichter auf Video aufzunehmen. Die Art, wie sich das Nach-Wahl-Geschehen entwickelt, macht mich krank.
Nachdem ich an Pro-Bush-Horden, die den Gore-Anhängern auf der anderen Seite »Wo ist eure Flagge?« (sind die Republikaner die besseren Amerikaner oder etwa bessere Menschen, weil sie mehr Fahnen mit sich herumtragen?) entgegenbrüllen, vorbeigekommen bin, besorge ich mir eine Kopie des Antrags der Prüfungskommission von Palm Beach County, in dem sie von Katherine Harris eine Verschiebung der Deadline fordern. Den hat sie natürlich abgewiesen. Einer der republikanischen Rechtsanwälte am Obersten Gerichtshof von Florida hat die Überschreitung der Deadline mit einer zu spät abgegebenen High-School-Arbeit verglichen. Und die Republikaner sind wirklich keine nachsichtigen Lehrer. Aber dafür geben sie gerne Pressekonferenzen. Wie z.B. der Gouverneur von Virginia (G.) und die Senatorin von Texas (H.). (22)
Um 16.45 Uhr, als Teilergebnisse nach Tallahassee gefaxt werden, fotografiere ich den Fernseher im Fotografen-Raum. (Alle machen digitale Fotos und schicken sie über Telefon zu ihren Zeitungen.) Zwei Fotografen (M. und W.) machen Fotos von mir, wie ich Fotos vom Fernseher mache, fragen mich nach meinem Namen und vergewissern sich, dass die deutsche Zeitung, für die ich arbeite, auch wirklich Jungle World heißt.
Frau Harris denkt mit: Sie wartet das Ende der großen Footballspiele ab und erklärt dann Bush zum Sieger. Zu diesem Zeitpunkt war Palm Beach zwar schon fertig, aber eine Frist ist eine Frist. Harris verkündet fröhlich, dass Palm Beach County die Deadline überschritten hat.
Wenigstens eine gute Sache: Als sie mit dem Zählen aufgehört haben, war ich im Raum und habe Fotos gemacht. Danach sind mir die lichtempfindlichen Filme ausgegangen und ich habe mit der Videokamera weitergemacht. Obwohl es eigentlich nur den lokalen Kabelanstalten gestattet war, in diesem Raum zu filmen, hat sich - nachdem alles vorüber war - niemand mehr an meiner Filmerei gestört. Später habe ich dann mit den Kameramännern der Nachrichtensendungen gesprochen und die wurden grün vor Neid: Sie hatten reinzukommen versucht und waren abgewiesen worden. (Manchmal zahlt sich eine unscheinbare Hi-8-Kamera wohl doch aus.)
In der Lobby tröstet mich die Aussage meines bevorzugten US-Repräsentanten (P.). (Vorher hatte ich ihn auf Video aufgenommen: Er sprach auf dem Handy und hatte dabei seine Beine so übereinander geschlagen, dass man seine durchgelaufenen Schuhsohlen sehen konnte.) (Notiz an mich: herausfinden, ob es Republikaner mit durchgelaufenen Sohlen gibt.) P. meint, dass die Argumente der Demokraten vor Gericht größere Chancen haben als bei den Prüfungskommissionen.
Als Fundstücke sammle ich noch die »D«- und »R«-Anstecker auf, die die Demokraten und Republikaner getragen haben. (23) Dann checke ich wieder in der »Dutchman Motor Lodge« ein und mache den Fernseher an. J. von der Online-Zeitung S. erscheint als Gastjournalist beim Kabel-Nachrichtensender C. (Notiz an mich: C. anrufen und fragen, ob sie beim nächsten Mal mich interviewen wollen.)
Montag, 27. November
Ich fotografiere das halb verlassene »Camp Chad« und die zwei Orte, an denen gezählt worden ist. Jetzt sind sie wieder normale Teile normaler Städte, und niemand schenkt ihnen besondere Beachtung. Dann fahre ich an die Stelle, an der Donato nach eigener Aussage Elian drei Meilen von der Küste entfernt aus dem Wasser gefischt hat und fotografiere den Abschnitt des Strandes. Ich finde ein Hotelzimmer ganz in der Nähe und gehe um 19 Uhr ins Bett.
Dienstag, 28. November
Fahre nach West Palm Beach. Im Radio haben sie gesagt, die Presse sei weitergezogen, aber als ich ankomme, sind sie alle für das Wieder-Wieder-Zählen versammelt. Ich hole ein paar historische Gegenstände aus dem Müll, finde Zeichen journalistischer Arbeit (24) und mache Fotos von republikanischen Rechtsanwälten, die schon die nächste Phase planen. (25)
Ich werfe den Stapel Zeitungen weg, den ich in der Woche angesammelt habe und eigentlich auswerten wollte, und fahre zum Hotel zurück, um im Ozean schwimmen zu gehen. (Ich riskiere es nicht, in den Swimming Pool des Hotels zu gehen.) (26) Dann steige ich wieder ins Auto.
Auf der Fahrt zurück nach Miami wird mir leicht übel, als ich im Radio einen Bericht über den geplatzten Klimagipfel in Den Haag höre. Sie reden über die langfristigen Schäden von Kohlenmonoxid-Emissionen. Und hier bin ich: In den letzten zwei Wochen bin ich über 2 000 Meilen mit dem Auto gefahren!
Ich halte kurz bei R., den ich im letzten April im Rahmen der Elian-Story kennengelernt habe, und rase dann zum Flughafen.
Der Foto- und Videokünstler David Reed lebt in Los Angeles und arbeitet dort am California Institute of the Arts. In Jungle World veröffentlichte er seine Arbeiten »The Circumstantial & the Evident 1 & 2« (5 und 6/99), »Mein 9. November« (48/99), »Heaven can wait« (22/00) und »The Media Zone« (36/00).
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