Sich glücklich reden
Wie Geisteswissenschaftler doch noch einen Platz im Leben finden können. Von Jörg Sundermeier
Wenn Geisteswissenschaftler damit beginnen, Topflappen zu stricken, dann wird darum nicht nur kein Aufheben gemacht. Nein, Leute, denen die Worte Warmduscher und Schlappschwanz etwas bedeuten, finden das sogar ganz schlimm und ganz lustig zugleich. Wenn Geisteswissenschaftlerinnen nach ihrem Studium eine Schreinerei eröffnen, interessiert das gleichfalls kaum jemanden, doch werden die Frauen beim Bäcker nun plötzlich angestaunt. Wenn Geisteswissenschaftlerinnen und Geisteswissenschaftler allerdings teilnehmen am Neuen Markt, am Neuen Berlin oder am Neuen Leben, dann ist das gleich ein Buch wert. In diesem Fall heißt es »Den eigenen Beruf erfinden. Wie Geisteswissenschaftler ihre Chancen nutzen« und ist soeben erschienen. Der Herausgeber Claudio Gallio will allerdings keine Porträts liefern. Es geht hier um die Präsentation von Vorbildern.
Gallio hat sich ein buntes Durcheinander von Leuten, die einst studiert haben, zusammengeholt und sie gebeten, Beiträge für sein Buch zu schreiben. So kam zunächst Gallio zu seinem Job. Die ausgewählten Leute schrieben nieder, wie sie unendlich für Kultur arbeiten oder wie sie unglaublich erfolgreich im Internet sind. Und sie machten dabei Werbung für sich. Die Beiträge sind manchmal unter Focus-Niveau, manchmal drüber, sie erzählen allesamt eine Geschichte des Erfolges und der Zufriedenheit, und wälzen sich im Glück, weil die Autorinnen und Autoren nicht erst Großeltern werden mussten, um jungen Dingern ihre Schmonzetten andrehen zu können. Gallio hat das alles zusammengefasst, ein Vorwort geschrieben, einen ziemlich nützlichen Adressteil angehängt, und fertig war die Kiste. Der Verlag hat dann noch, auf dass niemand es falsch verstehe, die Worte Online-Beratung, Event-Management, Ghostwriting, Scouting und Personality-PR auf den Deckel gestalten lassen. Gallio also hatte einen Job.
Und seine Leserinnen und Leser haben nun zu lesen. Dass nämlich alte Arbeitsfelder heute neue Namen haben und daher neu sind. Und dass man darüber mal reden sollte. Und dass diejenigen, die ein geisteswissenschaftliches Studium abzuschließen gedenken, genauso gut bei der Marine oder in der Butterfabrik hätten loslegen können. Bei einem ähnlichen Wissens- und Erfolgshunger hätten sie es auch zu einer Imbissbude oder eben zu einer Internet-Klitsche gebracht - man kennt diese Fälle, die Zeitungen sind voll davon.
Doch das will Gallio seinen Leserinnen und Lesern nicht vermitteln. Es geht in diesem Buch um etwas ganz anderes, denn nichts wird weniger gern gelesen als Geschichten des Glücks, die von selbstbesoffenen Leuten niedergeschrieben wurden. Solche Bücher und Geschichten sollen die Geisteswissenschaftler und -innen dazu bringen, ihr Studium weg von der Wissenschaft hin zum Markt zu formen, so wie auch die Naturwissenschaften schon weitgehend privatisiert und für Firmenzwecke nutzbar gemacht worden sind. Denn bislang sind all die Germanisten, Historikerinnen, Theaterwissenschaftler, Museologinnen, Soziologen, Literaturwissenschaftlerinnen, Linguisten, Philosophinnen, Musikwissenschaftler und Kulturwissenschaftlerinnen nämlich - aus wirtschaftlicher Sicht - völlig überflüssig. Darum soll ihnen eine »Aufgabe« zugewiesen werden.
Wenn man sich Leute wie Mommsen, Willemsen, Höhler oder Heitmeyer anschaut, könnte so ein geisteswissenschaftliches Studium einschließlich Doktorarbeit und vielleicht gar Professur doch Nutzen bringen: Diese Leute schreiben schöne Werkbiographien, machen auf Jubiläen den Kasper, verkaufen den Fernsehanstalten einen Hauch von Kultur, schreiben Reden für Politiker oder sitzen pluralistisch in Diskussionsrunden herum - kurz: sie liefern Stichwörter zu den Verhältnissen.
Doch können nicht alle als Zulieferer verwurstet werden. Andererseits sind aber trotz Numerus Clausus und Dozentenstellenabbau noch immer zu viele Geisteswissenschaftlerinnen und Geisteswissenschaftler da, die man versorgen und ins Projekt Deutschland einbinden will. Die übrig bleiben, sollen also ans Internet und in die Freiberuflerei gebracht werden. Dort müssen sie zwar wie die Schmeissfliegen um die wenigen gut bezahlten Aufträge kreisen, werden oftmals nur von der Hand in den Mund leben und vor lauter »Working« und »Socialising« alles vergessen, was sie einst lernen wollten und mussten, aber sie fallen nun der Staatskasse nicht mehr zur Last.
Gallios Buch übernimmt diesen Job. Berlin ist voll von Leuten, die früher - mal mehr, mal weniger - zärtlich »Spinner« genannt wurden und die heute irgendwie mit Start-Up zu tun haben. Bis sie endgültig scheitern oder zu den wenigen gehören, die sich tatsächlich ein kleines Unternehmen aufgebaut haben, arbeiten diese Menschen zwölf Stunden pro Tag. Und lieben es. Wie es ausgeht, wenn sich Wissenschaftler »fit« für den Markt machen, sieht immer gleich aus und liest sich immer auf die gleiche Weise: neben nichts steht wenig.
Die Autorinnen und Autoren dieses Buches sind einhellig bemüht, ihre Lebensgeschichte für eine erfolgreiche auszugeben, doch da ihnen allen der tatsächliche Reichtum fehlt, um ihren beispielhaften Erfolg zu belegen - einige der im Band belobten selbst erfundenen »Berufe« werden entweder gar nicht bezahlt oder es gibt sie schon nicht mehr -, behelfen sie sich mit der anderen Glücksoption: Man ist rundum zufrieden mit seinem Leben (nur noch nicht mit sich selbst). Und man ist genau da, wo man hingehört. Man ist »Chefin«, »Marketingleiter« oder, aber das steht natürlich nicht im Buch, »Bürokaufmann« oder »Marketingassistant«, vulgo Sekretär. Man hat nicht viel, aber einen wohlklingenden Titel. So flüchten die, die es dank ihrer Ausbildung besser wissen müssten, vor den Bedingungen, denen sie sich auf dem freien Markt unterwerfen, in die Esoterik. Überall sehen sie etwas »Neues«, obschon selbst die Wirtschaftsseiten der FAZ inzwischen wissen, dass die New Economy immer noch die alte ist.
Überall gibt es etwas zu »erfinden«, was bei Begriffen wie »Ghostwriter« dann allerdings nur noch traurig ist. Allerorten wird ganz persönlich »entdeckt« und erlebt, was nun in wirklich jeder Wirtschaftszeitung zu lesen steht. In den Worten der hier als beispielhaft gehandelten Geisteswissenschaftler ist aber all das so sehr »spannend« und »interessant«, wie es früher nur Texte sein konnten. Die Wirtschaft ist ihnen ein reines Abenteuer. Ein Dschungel voller Möglichkeiten. Aber wer ist hier Tarzan? Und wer der Affe?
Claudio Gallio (Hg.): Den eigenen Beruf erfinden. Wie Geisteswissenschaftler ihre Chancen nutzen. Campus Verlag, Frankfurt/M. 2000, 191 S. 29,80 DM
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