Freiwillige Selbstkontrolle
Die Hochschulen hinken der Zeit hinterher. Die Studenten sind ihr schon voraus. Von Anton Landgraf
Sie sind clever, ehrgeizig und haben keine Zeit zu verlieren. Sie wollen einen Job, Geld und so schnell wie möglich eine eigene Firma gründen. Sie sind jung, hip und wie geboren zum Unternehmer. So ähnlich sieht das Leitbild der Studenten aus - jedenfalls wenn man den zahllosen Reportagen über den modernen Studenten Glauben schenken will.
Viele sind nichts von alldem. Vermutlich sind sie zu schlau, um schon in ihrer Jugend rund um die Uhr zu arbeiten. Und wahrscheinlich schon viel zu alt für eine zündende Geschäftsidee. Vielleicht lesen sie auch nur die falschen Bücher. Auf jeden Fall gehören sie zu einer gesellschaftlichen Minderheit.
Dabei ist es nicht lange her, dass die Universitäten noch nicht dem unmittelbaren Zwang zur Produktivität unterworfen waren. Im Gegenteil. Hier schien es die Möglichkeit zu geben, zumindest in der Reflexion den Verhältnissen zu entkommen oder doch wenigstens deren Funktionsweise zu verstehen.
Damals galt das Leben noch als überschaubar. Die Studienzeit war eine Phase der verlängerten Adoleszenz, mit deren Hilfe der bürgerliche way of life noch einmal etwas hinausgeschoben werden konnte. Denn anschließend folgte der Eintritt ins schnöde Erwachsenenleben. Mit Stechuhr und Anspruch auf Krankengeld.
Diese Zeiten sind vorbei. Längst sind die Hochschulen keine Oasen mehr, die von den neoliberalen »Reformen« verschont geblieben wären. Aber warum soll es an den Universitäten anders sein als in der restlichen Gesellschaft? Wenn selbst die Bundeswehr beginnt, ihren Dienst am Vaterland betriebswirtschaftlich zu organisieren, stellt die Deregulierung des Bildungssektors nichts Außergewöhnliches mehr dar.
Nur gelegentlich kommt es hier noch zu öffentlich ausgetragenen Konflikten, wie etwa vor zwei Jahren, als zum letzten Mal bundesweite Studentenstreiks stattfanden. Doch auch diese Proteste waren schon bestimmt von der resignierten Einsicht, dass Widerstand gegen den neoliberalen Umbau der Hochschulen eigentlich zwecklos sei. Stattdessen beschränkten sich die Studenten auf die Warnung, eine Reform des Bildungsbereichs nach reinen Effizienzkriterien wäre gefährlich für den Standort. Bildung sei eine Ressource, die sich nicht unmittelbar verwerten lasse. Der Student als variables Kapital verlangt nach Schonung.
Die Angst vor einer zu schnellen Umgestaltung ist unbegründet. Die bürokratisch organisierten Institutionen sind immer noch geprägt von dem verbeamteten Apparat aus den Zeiten des Fordismus. Nur die Schulen hinken der gesellschaftlichen Entwickung noch weiter hinterher. Dort sind - wie vor dreißig Jahren - der Frontalunterricht und standardisierte Abläufe immer noch die Regel.
Während sich die (Hoch-) Schulen also nur mühsam der neoliberalen Leitkultur anpassen, sind ihre »Kunden« schon schneller. Sie sind bereits im Grundstudium in prekären Jobs beschäftigt und wissen, dass bei einem zu langen Studium die Zwangsberatung droht. Oder gleich die Exmatrikulation. Wer studiert, muss sein Leben effizient organisieren.
Aber nicht nur das studentische Dasein wird ökonomisiert. Gleichzeitig wird die Welt der (Lohn-) Arbeit studentischer. Wer glaubte, nach der Uni würde alles anders, sieht sich schwer getäuscht. Hier geht es oft weiter wie zuvor - mit wechselnden Honorar-Aufträgen und der Pflicht zum lebenslangen Lernen. Und selbst die Beziehungskrisen bleiben irgendwie dieselben.
Da helfen oft nur die so genannten Schlüsselqualifikationen weiter. Selbständig, autonom und tatkräftig das eigene Chaos zu organisieren, ist die akademische Möchtegern-Elite schon längst gewöhnt. Sie weiß bereits, dass es keine festen Arbeitszeiten mehr gibt und auch der Sonntag, wenn es sein muss, ein Arbeitstag wie jeder andere ist; dass die Selbstdisziplinierung wie selbstverständlich zu jeder Hausarbeit gehört und das eigene Interesse der beste Ansporn zu einer guten Leistung ist. Manche sind damit sogar erfolgreich.
Die Entgrenzung der Arbeit, die nach und nach jeden Lebensbereich umfasst, beginnt spätestens mit dem Studium. Der fließende Übergang von Job und Freizeit, von Freundeskreis und Arbeitskollegen, von persönlichen Leidenschaften und beruflichen Interessen wird hier schon eingeübt. Der Start-Up-Unternehmer, der mit seinen Studienfreunden eine Firma gründet, in einer Wohngemeinschaft lebt und rund um die Uhr begeistert am gemeinsamen Projekt arbeitet, ist zwar vermutlich vor allem ein gern benutztes Medienklischee. Es kommt aber der Realität in einem wesentlichen Punkt sehr nahe. Dass niemand so viel aus mir herausholen kann wie ich selbst, bestätigt sich vermutlich nicht nur mit jeder Prüfungsvorbereitung, sondern auch mit den ersten Praktika bei einer Zeitung, einer Partei oder einer Online-Firma.
Denn kein noch so begabter Vorgesetzter kann die tieferen Schichten menschlicher Fähigkeit freilegen: Kreativität und Phantasie, Enthusiasmus und Leistungswillen, Teamfähigkeit und die Bereitschaft, sich stets weiterzubilden. Der Unterschied zu früher besteht vor allem darin, dass die Anpassung an stets neue Anforderungen nicht mehr von äußeren Autoritäten verlangt wird. Die vollständige Selbstunterwerfung unter den ökonomischen Zweck funktioniert ganz von alleine und schließt die systematische Organisation des gesamten Lebenszusammenhangs mit ein. Jeder ist sein eigener Unternehmer.
Dass dies wenig mit menschlicher Selbstverwirklichung zu tun hat, dafür umso mehr mit der Ausbeutung von Arbeitskraft, ist kein Thema mehr. »Die Verbetrieblichung des Lebens, dieses Arbeiten ohne Ende, wird nicht mehr als pathologisch wahrgenommen, sondern zur erstrebenswerten Norm erhoben«, zitiert der Spiegel den Sozialwissenschaftler Andreas Boes von der TU Dortmund.
An diesen pathologischen Normalzustand scheinen sich auch die Studenten gewöhnt zu haben. Das Leben noch vor sich, und doch schon mit allem abgeschlossen. In ihrem Pamphlet »Über das Elend im Studentenmilieu« schrieben einige Mitglieder der Situationistischen Internationale, kurz vor der so genannten 68er-Bewegung, über die Stellung des Hochschülers: »Es ist eine provisorische Rolle, die ihn auf die endgültige vorbereitet, die er als positives und bewahrendes Element im Warensystem erfüllen wird.« Heute fallen Vorbereitung und Praxis der Selbstvermarktung in eins. Die Hochschulen sind der Ort dieser Inszenierung. Wer aber will schon sein Leben lang nur eine Ware sein?
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