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Nr.43/2000 - 18. Oktober 2000
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Rendezvous der Götter

»der kommunismus wird siegen werden«, schreibt Ronald M. Schernikau in »legende«. Über eine Form, das verratene Glücksversprechen zu bewahren. Von Tjark Kunstreich

Unter wirklich menschlichen Daseinsbedingungen könnte der Unterschied zwischen einem Tod mit zehn, dreißig, fünfzig oder siebzig Jahren oder einem »natürlichen« Ende nach einem erfüllten Leben wirklich ein Unterschied sein, der einen Kampf mit aller Triebenergie lohnte.
Herbert Marcuse, »Triebstruktur und Gesellschaft«


»wenn sie dieses buch lesen, bin ich berühmt, kunststück, aber jetzt! wenn sie dieses buch lesen, bin ich schon lange tot. hoffentlich! die vergangenen zeiten! der heitere abschied! komisch ist, was über die mühe erhebt«, sagt der tote Dichter am Eingang zu »legende«. Ronald M. Schernikau, 1960 in Magdeburg (DDR) geboren, starb am 20. Oktober 1991 an den Folgen von Aids. »legende« ist ein nachgelassenes Werk, aber kein Fragment; wenige Wochen vor seinem Tod stellte er es fertig, ein planvoller Nachlass. »legende« ist eine Legende in Teilen, Büchern, Kapiteln, Versen und Einlagen, achthundertfünfundvierzig Seiten dick, die eigentliche Legende zweispaltig gesetzt wie die Bibel. Das bedeutet, dass alle sich das raussuchen, was ihnen jeweils gefällt. Aber das macht nichts: Anders als die Bibel enthält diese Legende keine einzige Unwahrheit. So liegt auch in Schernikaus Vorsatz keine Larmoyanz.

Im Gegenteil: Es ist merkwürdig, ein Buch zu lesen, dessen Autor wusste, er würde die Veröffentlichung nicht mehr erleben, und dies gegen Ende mit dir bespricht. Die radikale Selbsthistorisierung Schernikaus hat einen konkreten Ort, die DDR. 1966 kam er in einem Kofferraum in den Westen, im September 1989 erhielt er die Staatsbürgerschaft des im Untergang begriffenen Staates. Zuvor hatte er Literatur am Johannes R. Becher-Institut in Leipzig studiert. »mitten im tod sind wir vom leben umfangen nicht wahr, mitten auf der insel sind wir vom land umgeben, mitten in der zukunft die vergangenheit.« (II, 1, 4/18 - im Folgenden zitiere ich z.B. Teil II, Buch 1, Kapitel 4/Vers 18.) Der Tod ist die Insel ist Westberlin und der Kapitalismus die Vergangenheit, das Leben ist das Land ist die DDR und der Sozialismus die Zukunft. »legende« ist nicht umsonst ein anderes Wort für »Große Erzählung«, mit so was ist es ja vorbei. Es gibt nur noch kleinteilige und langweilige Erzählungen und ebenso kleinteilige wie langweilige Literatur, die fortwährend Ja zum Falschen sagt (ein ganzes grässliches Buch über eine blaue Hose!). Die Realität sagt zur »legende«: Du bist süß, vor dir brauch ich mich nicht zu ängstigen.

»legende« zur Realität: »wenn etwas sehr lange geschieht und es geschieht sehr stark und ohne daß du mit tust und es ist das falsche: dann kann es sein du vergißt, daß du etwas tun könntest. du denkst, es kann nicht anders sein. du hörst auf dich zu wehren.« (VI, 4, 8/21) Westberlin existiert doch gar nicht mehr, ebenso wenig wie die DDR, könnte ein Einwand lauten. Wer an diesen Namen hängt, mag Recht haben; doch die Tatbestände, die sie bezeichnen, existieren nach wie vor; die Bedeutung der Namen hat sich, ebenso wie die von Schernikaus Begriffen Zukunft und Vergangenheit, vollkommen verkehrt, und dennoch enthalten diese Namen und Begriffe heute mehr Wahrheit als zu dem Zeitpunkt, als der Roman geschrieben wurde. Zu bestreiten, dass die DDR erst mit dem völkischen Erwachen von 1989ff zu sich selbst gekommen ist (nachdem sie einige Jahrzehnte lang von den Kommunisten daran gehindert wurde), und ihr Fortwesen zu leugnen, ist lächerlich. In den vergangenen Jahren ist Westberlin wieder auferstanden, das letzte Refugium der alten BRD. Tatsächlich ist nur die BRD untergegangen. Wie die Zukunft aussieht, zeigen die blühenden Landschaften zwischen Zittau und Greifswald. Weil Westberlin immer das bessere Westdeutschland war, tut man einfach so, als hätte sich nichts geändert, und macht weiter wie bisher.

Es ist nicht so, dass Schernikau sich irgendwelche Illusionen gemacht hätte über die DDR und den Sozialismus; aber er sieht in ihnen die Möglichkeit der Menschheit, den Kommunismus. Eine weitere Konsequenz der Selbsthistorisierung ist eben deswegen die Objektivierung des Gangs der Geschichte. Der Sieg der Konterrevolution ist für ihn, anders als für andere, nicht der Grund, den historischen Optimismus zu verwerfen, der im Sinne von »Histomat« und »Diamat« die gesellschaftliche Entwicklung für eine Abfolge verschiedener Formationen und den Fortschritt für eine Gesetzlichkeit hält - im Gegenteil findet Schernikaus Optimismus gerade in diesem Sieg seine Begründung. Auf dem letzten Schriftstellerkongress der DDR rief er seinen Kolleginnen und Kollegen zu, sie wüssten noch gar nicht, welches Maß an Unterwerfung der Westen jedem einzelnen seiner Bewohner abverlange. Heute kann es gar nicht mehr anders sein. Das ist die Legende Schernikaus: Es könnte anders sein.

Die Götter kommen nach Westberlin, auf die Insel. Fifi, Tete, Kafau und Stino sind ihre Namen; als sie noch lebten, waren sie die RAF-Mitbegründerin Ulrike Meinhof, der Schriftsteller Klaus Mann, die Schauspielerin Therese Giehse und der KPD-Vorsitzende der Nachkriegszeit Max Reimann. »tete sagt, gegen das vergnügen der menschen kommen wir nicht an. stino sagt, das vergnügen der menschen soll auch das vergnügen der götter sein. kafau sagt, das vergnügen ist nichts gegen die darstellung des vergnügens. fifi sagt, es gibt kein vergnügen, es gibt nur die verlassenheit und die vernichtung.« (II, 5, 10/24) Es steht schlimm, scheint es, wenn kommunistische Schriftsteller in ihren Büchern Götter zu Protagonisten machen. Es steht schlimm um den Schriftsteller, und es steht schlimm um die Sache.

Aber so war es, als die Zukunft unterging, hatte der kommunistischen Dichter den Tod zu gewärtigen. Wie kann man von einer Möglichkeit erzählen, von der die Menschen nichts mehr hören wollen? Das Vertrauen Schernikaus in den Kommunismus ist ein religiöses, das heißt abstraktes Vertrauen: Selbst die Dummheit der wirklichen Kommunisten kann dem Kommunismus nichts anhaben. Die Götter sind machtlos, sie sind der Kommunismus. Der »chor der götter« ist Brechts »Lob des Kommunismus«: »Wir sind das Einfache / über das schwer zu lachen ist.« (II, 5, 6/5) Bei Meinhof, Giehse, Reimann leuchtet das unmittelbar ein, aber bei Klaus Mann? Jeder der Götter wird in einem Buch vorgestellt, jedem eine besondere Eigenschaft (die sich als völlig nutzlos herausstellen wird) verliehen. Giehse - bei Schernikau maskulin: der Kafau - besitzt eine Supergeschwindigkeit und eine Superstärke. Reimann als Gott Stino ist begabt mit Mikroskopblick, Teleskopblick, Hitzeblick und Röntgenblick. Ulrike Meinhof als Fifi kann mit ihrer Superpuste und ihrer Kältepuste »alles umhaun und auch zu eis erstarren lassen.« (II, 5, 7/8) Das sind unzweifelhaft geeignete kommunistische Götter.

Klaus Mann hingegen: »tete bringt sich selber um. er wird, und hier folgt ein trotzdem, trotzdem ein gott.« (II, 5, 9/6) Klaus Mann ist zu Lebzeiten das Gegenteil von Schernikau gewesen, einer, der daran verzweifelte, sich nicht wenigstens irgendeine Gewissheit aneignen zu können. Um Klaus Mann zu einem Gott erheben zu können, muss es erst gelingen, seine Schwächen als Stärken zu sehen: »mit seiner unverwundbarkeit und seinem supergehör kann er, den wir ab jetzt als sie bezeichnen, sich allem aussetzen und alles hören.« (II, 5, 9/8) Fragt man sich, was Schernikau bewegt haben könnte, diesen »Tuntentraum« zu vergöttlichen, fällt einem eine gewisse Ähnlichkeit der »legende« mit Klaus Manns »Der Vulkan« auf. Dieser »Roman unter Emigranten« handelt vom bürgerlichen Exil der dreißiger Jahre in Paris, genauer: vom Untergang der Bourgeoisie als Klasse, als historisches Subjekt im Angesicht des Nazi-Faschismus. Auch K. Mann weiß sich nicht anders zu behelfen als himmlische Wesen herbeizuzitieren, in diesem Fall verschiedene Engel. Im »Vulkan« stirbt die Schönheit an Überdosierung, in »legende« ist sie einfach unsterblich.

Beide Autoren nehmen als Schwule eine Paria-Stellung bewusst ein, indem sie die Wirklichkeit von außen beschreiben und allein so schon ein vernichtendes, aber durchaus gerechtes Urteil fällen; aber während der eine am Nicht-Dazugehören verzweifelt, negiert der andere seine Sonderstellung und wird universell. Wo Mann deliriert - »Seid rebellisch! Seid fromm!« -, ist Schernikau unerbittlich: »zum glück unfähig geworden auf jahre alles dem einen zu erzählen, baun wir unsre familie selber. die tausend bekannten halten uns, wir klatschen wem zu und über ihn in dem zimmer mit der stereoanlage mit dem plakat mit dem aufruf zur askese. die leute ordnen ihre wohnung nicht, damit sie voller aussieht. sie türmen und lassen liegen und türmen. von typ zu typ wankend, ein leben im suff. einen treffend und verlierend und den nächsten: a love a week. färb die autoscheibe blau und sieh den himmel. die traurigkeit des sommers, versprochenes glück im schaufenster: die neuen prospekte sind da. hier ist nichts mehr, sagt sascha: aber ich könnte. die welt wird kleiner ja. amerika auf route gesteckt und unbezahlt. ich könnte. schokolade und palme. nun mal gradezu: sie wünschen? einmal konjunktiv bitte. macht drei monatsgehälter.« (III, Einlage: Die heftige Variante des Lockerseins. Ein Festspiel)

Schernikau schenkt dem Gott Tete jene Fähigkeiten, die der Mensch Klaus Mann nicht besaß, er hebt die Verhältnisse auf, die Mann daran hinderten zu leben; eine zärtliche Geste, die zugleich das Urteil über diese Welt umso schärfer ausfallen lässt. Nicht nur hierin zeigt sich, wie sehr Schernikau alle seine Figuren liebt, weil er sie zu jenen macht, die sie sein wollten, ohne sie, ihr Leben, ihre Schriften auch nur im Ansatz zu verfälschen. Auch der Kapitalist Janfilip Geldsack und der Schokoladenfabrikant der Insel, Anton Tattergreis, sind liebenswerte Figuren, die mit ihrem Osthandel an der eigenen Vernichtung arbeiten.

In diesem Sinne ist der Kommunismus in »legende« äußerst real: Eine befreite Menschheit könnte in dieser Form ihrer Vorgeschichte und deren Opfern ein Eingedenken widmen. Schernikau gelingt dies, ohne das Bilderverbot der Utopie zu übertreten; immer im Präsens geschrieben, findet »legende« immer dann statt, wenn du in ihr liest. Es gibt keine Handlung und es gibt doch eine, Gedanken, Feststellungen und Thesen tauchen auf, werden wieder aufgegriffen, verschwinden. »legende« liest sich, als denke jemand laut, ist »freie Assoziation« im kommunistischen und im psychoanalytischen Sinne. »denn kunst funktioniert. wer es schafft, die noch nicht toten daran zu erinnern, daß sie leben wollen, der macht kunst. wer gerade so viel zu essen kriegt, daß er nicht stirbt, will nicht nur mehr essen. er will sich auch vorstellen können, daß es anders wird. kunst ist nicht möglich ohne diese hoffnung.« (VI, 1, 15/18) In dieser Reflexion über das Konzentrationslager geht es mit einem Mal um Kunst, nicht feuilletonistisch, sondern in Form einer Nützlichkeitserwägung: Was trägt Kunst zur Möglichkeit zu überleben bei? »wenn sie alles mit mir machen können, warum soll ich dann nicht alles machen?« (VI, 1, 15/25) Überhaupt wird das Negative nur zitiert, um die Spuren und Segmente von etwas ganz anderem hervorzuheben und ihnen endlich zu ihrem Recht zu verhelfen.

Deshalb auch kommt Auschwitz in diesem Text an ungewöhnlichen Stellen vor, wird immer antizyklisch eingesetzt, dann, wenn dieses Wort nicht passen will. Zum Beispiel in einer Einlage über das Sonett: »der berühmte satz, nach auschwitz werde es endlich wieder vernünftige gedichte geben, sagt nichts anderes, als daß diese glückliche art des sehens und sagens - die poetische, die des sonetts - auch welt macht; welt selber macht.« (X, 6, 6/8, Einlage: Über das Sonett) Diese genaue Umkehrung von Theodor W. Adornos berühmt-berüchtigtem, weil immer bewusst missdeuteten Satz trifft dessen Sinn genauer als so manche Abhandlung. Dass Dichtung über die Welt nicht nur etwas aussagt, sondern selbst ein Bild von der Welt vermittelt, was nur unter der Bedingung funktioniert, dass die Schönheit der Form in irgendeiner Weise auf einen Gegenstand trifft, der sich noch ästhetisieren ließe.

»Kulturkritik findet sich der letzten Stufe der Dialektik von Kultur und Barbarei gegenüber: nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben ist barbarisch, und das frisst auch die Erkenntnis an, die ausspricht, warum es möglich ward, heute Gedichte zu schreiben. Der absoluten Verdinglichung, die den Fortschritt des Geistes als eines ihrer Elemente voraussetzte und die ihn heute gänzlich aufzusaugen sich anschickt, ist der kritische Geist nicht gewachsen, solange er bei sich bleibt in selbstgenügsamer Kontemplation«, schreibt Adorno in »Kulturkritik und Gesellschaft«. Selbst die »glückliche art des sehens und sagens« ist von der Barbarei verseucht, nicht etwa nur, weil der poetischen Kontemplation das Schweigen über die Verbrechen innewohnt, will sie noch Poesie sein, sondern vor allem weil zum Beispiel die Strenge des Sonetts selbst ein Produkt jener Rationalität war, die auch den Massenmord so effektiv durchführte. Die Poesie als zugleich formal strenge und eigentlich heitere Disziplin wird zur dreisten Lüge. Zugleich muss, wer noch Gedichte schreibt, die Wahrheit sagen über ihre Zerstörung. Das Sonett ist die poetische Form der Bourgeoisie, der größte Fortschritt der Dichtung in Jahrhunderten - aber wie das Freiheitsversprechen nach Auschwitz zuschanden war, so auch das Sonett.

Schernikau geht es in der Auseinandersetzung mit Adorno am Beispiel des Sonetts darum, ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. In dem Widerspruch, etwas loben zu wollen, wo es nichts mehr zu loben gibt, ist Schernikau parteilich, er begreift diesen Widerspruch als Konfrontation, in der nur eine Seite für sich entscheiden kann. Also beschreibt er die formalen Möglichkeiten des Sonetts, indem er selbst eines macht, erläutert, wie es geht, und legt derart das Verschüttete, Verborgene des Sonetts frei. Es bleibt nur eines übrig: »und in den sonetten ist der blick auf uns, jetzt schon, ein historischer.« (X, 6, 6/22, recte: 23) Diese einzige Möglichkeit scheint im Sonett auf, weil es die Perspektive des Uneingelösten einnehmen kann. Entsprechend negativ auch das Sonett von Schernikau:

»vergnügt die kinder, nicht nur die partei.
das spiel nicht spiel, die wirklichkeit nur rand
am ahmenswerten; sie ist was uns band.
wir essen leben und ein bißchen brei.

wir lachen übers leben, was es sei.
das spiel ist spiel; der sprung kommt aus dem stand; wir finden alles was man noch nicht fand
und ein gelaßnes murmeln gibts dabei.

im schatten einer bombe spielt man nicht?
der ernst der sache tut uns nicht nur gut.
und sind wir nur, was man uns bespricht?

der ernst der sache, weißt du, macht nicht mut.
das flackern an der kerze gibt das licht.
und über uns bricht, gleich!, paß auf!, die flut.« (X, 6, 6/21)

Dieses - formal- vollkommene Sonett ist einer Sprache abgerungen, in der es eigentlich nichts mehr zu sagen gibt. Zugleich bleibt aber das Sonett die einzige Form, die den historischen Blick auf uns schon jetzt ermöglicht. An anderer Stelle sagt Schernikau: »man kann keine bücher gegen die liebe schreiben, so wie es auch keine bücher gibt für den krieg.« (VI, 8, 8/1) Der Roman ist so dem verratenen Glücksversprechen verpflichtet, und jeder Versuch, es ihm wieder auszutreiben, muss scheitern; seiner Form ist dieses Glücksversprechen inhärent. Doch der Gegensatz ist damit nicht aufzuheben. Noch nicht. Hier geht Schernikaus zärtliche Geste nicht auf, das weiß er selbst, Versöhnung misslingt. Schernikaus Leistung besteht jedoch darin, Adorno nicht zu relativieren - vielleicht doch ein Schüttelreimlein? Ein Blankverschen? -, sondern die Implikationen Adornos an der Form nachzuvollziehen, wie es vor ihm nur Paul Celan in »Gespräch im Gebirg« gelungen ist.

»wie verhält sich eine königin im dreck? das ist das thema dieses buches.« (II, 9, 5/25) Die Königin ist Lydia, die am Ende von »legende« als Vorsitzende der Kommunistischen Partei der Insel in einem Eispalast - dem Kreisbüro der Partei - sitzt und ein furchtbares Regiment führt. Am Ende sind alle Menschen der Insel tot, und die Götter sind wieder da, wo sie hingehören. Dabei beginnt, wie in einem guten Thriller, das Verhängnis unscheinbar, nämlich als Herr Lange, der Vertreter des Landes, also der Zukunft, der DDR, mit Anton Tattergreis Schokoladenhandel treiben will. Außerdem gibt es Menschen wie Kathus, den Neffen von Ulla, Berbel und Fank Komenski, das kommunistische Ehepaar, Irene Binz, Mahtinah und viele andere. Sie tun nichts außer zu leben. Darin wird »legende« ganz unspektakulär, wie es das Leben im Spätkapitalismus nun einmal ist, weil es völlig egal ist, ob du Arbeit hast oder nicht, reich bist oder arm, krank oder gesund, gerade stirbst oder lebst. Gegenüber dieser Sinnlosigkeit sind die Menschen machtlos. Auch Tattergreis und Geldsack, der sein Geld an junge Leute verteilt, die ihn unterhalten müssen, und der am Ende in einem Schrank sitzt, nachdem er unbedingt Lydia heiraten wollte - auch die Kapitalisten sind machtlos. Der Kapitalismus in »legende« ist vollends Natur geworden, allerdings den Menschen immer noch irgendwie äußerlich, deswegen beschäftigen sie sich mit allerlei Abseitigkeiten. Selbst den Kapitalisten macht das keinen Spaß mehr, die Kommunisten tun, was sie für vernünftig halten und können kaum noch das Wort Kommunismus buchstabieren.

Deswegen ist »legende« komisch. Weil die Menschen in der Komik noch einen Rest Würde besitzen, der heutzutage nur mehr dort zum Ausdruck kommt, wo wir über sie, das heißt: über uns lachen. Und weil Schernikau, darin Erich Mielke ähnlich, alle liebt - das ist eine kommunistische Eigenschaft -, werden wir komisch - ohne dass Schernikau blöd wird. Die Grenzen des Humors: »etwas aussprechen, das wir alle denken, und beim aussprechen stellt sich heraus, es ist etwas grauenhaftes. was sagt ein jude im ofen? au! schwitz! die wut, die mich nicht im bett bleiben läßt, ist die einzige wut. alles andere ist selbstmitleid.« (VI, 7, 7/71-73) Über diesen »Witz« stolperst du beim Lesen. Das Lachen ist unschuldig, aber die Welt ist es nicht.

Das Lachen über die Verhältnisse wird von den einen als Element der Rebellion begriffen, von den anderen als Eingeständnis der Überforderung und der Ohnmacht. Charles Chaplin sagte nach 1945, »Der große Diktator« wäre nicht so gedreht worden, wenn er gewusst hätte, was er nun weiß. Trotzdem hält der Film etwas dem Nazi-Faschismus Wesenhaftes fest: dass gerade in der Monumentalität auch die Angst des Kleinbürgers, der Lächerlichkeit preisgegeben zu werden, sich offenbart und auf ihren Begriff kommt, weil das Monumentale selbst lächerlich ist. Den Verhältnissen mit einem Humor zu begegnen, der ihnen nicht innewohnt, bedeutet, sich von den Verhältnissen zu distanzieren - in der Selbstironie steckt neben Larmoyanz oft auch die Distanzierung von sich selbst als einem von Trieben und Verhältnissen Bestimmten -, aber beinahe im selben Moment ist es, als eine kaum steuerbare Emotion, die Anerkennung der Verhältnisse als natürliche, als nicht von Menschen gemachte. Anderenfalls gäbe es keinen Grund darüber zu lachen, sondern kurzen Prozess.

So liegt Chaplins Wahrheit aus dem »Großen Diktator« darin, den Führer zwar in gebührender Form lächerlich gemacht, ihn so aber zum Natureignis verharmlost zu haben. Indem Chaplin ihn schlicht als verrückt-deutsch darstellt, übernimmt er die Haltung der Appeasementpolitik der Westmächte. Wobei Chaplin noch zugute zu halten ist, dass er mit dem prophetischen Tanz des Diktators mit der Weltkugel vorwegnahm, was geschähe, würde Hitler nicht gestoppt - die größte Übertreibung des Films, der beste Sketch war nach 1945 selbst für den Hauptdarsteller und Regisseur kein Grund mehr zum Lachen. »komisch ist jemand, der das richtige weiß aber scheitert. jemand der das richtige tut und scheitert, ist tragisch. komik ist das ungenügen am objektiven. am komischsten ist schuld. lachen ist erkenntnis.« (VI, 7, 7/81)

»interessant ist, daß gerade dem normalen die welt verborgen bleibt. daß die frauen nun immer auf den männern rumliegen, ist nun wirklich keine neuigkeit. aber ich! ich liege auch auf den männern rum.« (VI, 8, 7/13) Eines Tages wird in Magisterarbeiten der Satz stehen: Homosexualität ist ein zentrales Thema von »legende«. Gähn. »legende« lebt davon, dass der Autor seine Außenseiterposition zur normalen Position erklärt. Der Unterschied: Dieser Position bleibt die Welt nicht verborgen. »die leute in kuba sind sehr herzlich, nur die schwulen berühren einander nie. jüdische witze gehen anders als judenwitze; schwulenwitze sind immer gleich.« (VI, 8, 7/15) Von dieser Welt handelt »legende«, von alltäglichen Gedanken, die nicht Alltagsbewusstsein sind, von der größtmöglichen Distanz zu den Menschen: den kurzen Momenten, in denen man neben sich steht und denkt: Wo bin ich eigentlich? Dann stimmt auf einmal, was man spontan projiziert: Natürlich sind die Schwulen wehleidig, weibisch, unzuverlässig und natürlich ist nicht das Andere faszinierend, sondern die Normalität, »natürlich hat eine intakte heterosexuelle identität etwas faszinierendes. der junge mann, der mir die marxengelsbüsten verkauft, er holt das wechselgeld, er schreibt die rechnung, er fragt so bezaubernd, ob er es einpacken soll: die freude. und natürlich hat jede anziehung etwas gegenseitiges, und natürlich müssen wir jetzt schweigen.« (VI, 8, 7/24)

Dass Schernikau die selbstbewusste Perspektive des schwulen Kommunisten, seine eigene, sprechen lässt, hat zur Folge, dass vor allem von Sex, Schlagern und Kommunismus die Rede ist. Natürlich fehlen weder Hegel noch Hacks, noch die Verzweiflung. »verzweiflung ist schön. verzweiflung schillert so. verzweiflung ist lustig. was wären wittgenstein und foucault ohne ihre verzweiflung? oberlehrer.« (VI, 10, 15/20) Und Schernikau wäre unerträglich affirmativ, ja trivial.

»legende« reiht einen Höhepunkt an den anderen. Der Kampf ums Krankenhaus, die Rationalisierung in der Schokoladenfabrik, Thomas, das besetzte Haus, der Fahrradladen, mehrere Orgasmen, Porno, Klappen - und, vor dem Untergang der Insel, der Höhepunkt unter den Höhepunkten, der Grand Prix: »ein lied für rostock«. Dieser achte Teil von »legende« ist eine Montage, der ein Text von Klaus-Herbert Bolz und Jürgen Neumann zu Grunde liegt. »nachdem zwischen deutschland und der ddr alles so schön geworden ist, kann hanna-renate laurien doktor margot honecker endlich davon überzeugen, daß die ddr auch mal am grand prix teilnehmen sollte, weil sie das ja drüben sowieso alle kucken. bei der vorentscheidung in suhl nehmen sie aurora lacasa, die übrigens wirklich so heißt, mit ihrem titel ðalles ist wunderbar in der ddrÐ, weil es das beste war.« Auf Anraten von Franca Magnani wird dieser für den Grand Prix in Helsinki um die letzten drei Wörter verkürzt. »Alles ist wunderbar« gewinnt haushoch und die DDR muss in Rostock den Grand Prix ausrichten. Das Verhängnis nimmt als Komödie seinen Lauf.

Dieser Wettbewerb der Systeme, eine Parodie auf die Ulbrichtsche Formel, macht das ganze grässliche Missverständnis deutlich: Die Kommunisten sind einfach zu menschenfreundlich, zu vernünftig. Weil sie selbst die Vernunft verkörpern, glauben sie, auch alle anderen würden aus vernünftigen Abwägungen heraus handeln. Die Kommunisten verstehen die Irrationalität nicht. »GISELA ELSNER: statt sich von den illustren imperialistischen kapazitäten, die ja bekanntlich mittlerweile den sozialismus gewissermaßen auf dem schindanger der weltgeschichte verscharrten, einreden zu lassen, der sozialismus verstieße wegen seiner pöbelhaftigkeit gegen das hohe niveau der weltgeschichte, sollte man sich besser mit deren methoden befassen, mit denen der imperialismus seine krisen offensichtlich auf eine so virtuose weise zu bewältigen versteht, daß er nicht nur aus seinen krisen immer gestärkter hervorgeht, sondern obendrein krisen erzeugt, weil deren bewältigung offensichtlich die profitmaximierung zu maximieren mag.« (VIII, 4, 5) Und während Eartha Kitt für die DDR (mit einer deutschen Version von »Where Is My Man?«), Jacqueline Kennedy für (das damals noch sozialistische) Albanien, Jovanka Tito für Jugoslawien (mit »White Christmas« auf Serbisch) und die vielen anderen illustren Gäste sich vorbereiten auf ihren Auftritt in Rostock, ficht Schernikau den Kampf der Zitate. Miriam Makeba singt »Pata Pata« auf Polnisch, Grace Jones »La vie en rose« auf Tschechisch, Doris Day »Que sera« auf Dänisch. Susan Sontag äußert sich über Camp, zugleich ist das alles Camp, weil auch Mae West zitiert wird. Aber auch Wolfgang Pohrt, Henry Ford, Heinrich und Thomas Mann. Und Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Und Truman Capote und Jupp Angenfort.

Dann das: »tina turner hat kaum ein tigerfell an, mähne wie immer und singt ein perfektes russisch. sie arbeitet hart und gründlich, das publikum ist schweißnaß, als sie in die knie geht und mit dem mikro spielt. vorher hatte sie sich, wie gesagt, den stoff mit der kitt redlich geteilt und in spitzenlaune versetzt.« (VIII, 18, 1) Gefolgt von Alfred Hitchcock, Hanns Eisler u.v.a.

Sie wollen wissen, wer gewinnt? Wer, meinen Sie, möchte Schernikau lieber sein, Heiner Müller oder Marilyn Monroe?

Weil es keine Negation, keine Dialektik in »legende« gibt, ist der Tod, dem der Dichter ins Auge sieht, selbstverständlich nichts anderes als die Unsterblichkeit. »der tod ist nur ein identitätsproblem, das ist das langweilige. intressant sind die dinge der welt.« (X, 8, 4/25) In »Nachdenken über Christa T.« erfindet Christa Wolf eine sozialistische Protagonistin, setzt sie aus im realen Sozialismus und lässt sie sterben: Der neue Mensch, so Wolfs moralischer Vorwurf, würde im Sozialismus scheitern, obwohl er doch das Ideal des Sozialismus ist. So haben es schon vor ihr und nach ihr Hunderte »kritische Intellektuelle« formuliert. Und beinahe gebetsmühlenhaft wurde nach dem Ende der DDR der Verrat ihrer Ideale zur Ursache ihres Untergangs erklärt.

Christa T. ist ein Opfer der Verhältnisse, die ihr noch nicht angemessen sind. Obwohl dieses Verfahren in Wolfs Roman offen zu Tage tritt, das heißt: sie behauptet nicht, es gäbe jemanden wie Christa T., bleibt doch ein fahler Beigeschmack, das Gefühl, sie beschwere sich bitterlich und sei irgendwie ein bisschen eingeschnappt. Bei Schernikau gibt es das nicht, aber dafür gibt es reale Kommunisten und Kommunistinnen, ohne Schwielen an den Händen; es gibt den realen Sozialismus, und er ist komisch. Die Christa T. der »legende« ist die Schlagersängerin Mariane Komenski (das heißt: Marianne Rosenberg, für die Schernikau auch mal ein Lied schrieb). Auch sie scheitert an den realen Kommunisten, die ihr nicht erlauben, Kommunistin zu sein und sie fortwährend zwingen, Friedenslieder zu singen; auch wieder eine zärtliche Geste, denn sie weiß nicht, dass sie sich wünscht, Kommunistin zu sein. Mariane Komenski sagt: »ich möchte mich mit der partei verabreden. ich möchte ein rendezvous mit dem kommunismus. ich möchte nicht länger berühmt sein für gar nichts. ich möchte endlich berühmt sein für die zukunft.« (VI, 9, 28/1)

Wo Christa Wolf traurig wird, fängt bei Schernikau das Lachen erst an. Schernikau ist, mit Herbert Marcuse gesprochen, der wiederum mit Sigmund Freud spricht, ein moderner Orpheus; als »Archetyp des Dichters als Befreier und Schöpfer: er richtet eine höhere Ordnung in der Welt auf - eine Ordnung ohne Unterdrückung« (Hervorhebungen im Original). Die »legende« ist ein solcher klassischer Versuch, allerdings unter den Bedingungen vollendeter Unvernunft. Marcuses »Triebstruktur und Gesellschaft«, eine Verteidigung Freuds gegen die psychoanalytische Revision, steht im gleichen Verhältnis zur Verharmlosung der Psychoanalyse als Therapie wie »legende« zu »Nachdenken über Christa T.«: Die Absage an die Emanzipation wird zurückgewiesen, an Freiheit und Glück als Triebziele erinnert. Marcuses Kapitel über Orpheus und Narziss erklärt aus orthodox-freudianischer Sicht, warum Schernikau »legende« schreiben konnte. Nach Freud sind diese beiden Gestalten aus der griechischen Mythologie, wie Marcuse schreibt, »die Urbilder der ðGroßen WeigerungÐ; der Weigerung, die Trennung vom libidinösen Objekt (oder Subjekt) zu ertragen. Die Weigerung zielt auf Befreiung ab - auf die Wiedervereinigung dessen, was getrennt wurde.«

Es geht um nichts weniger als um eine »nicht-verdrängende Form der Sublimierung«, im Gegensatz zur repressiven, die immer eine Einschränkung der Libido bedeutet, eine Kanalisierung des Triebes. Marcuse erinnert daran, dass Narziss, der mit der Selbstliebe, dem Narzissmus, in Verbindung gebracht wird, nicht wusste, dass er sein Spiegelbild liebt. »Die klassische Tradition setzt Orpheus mit der Einführung der Homosexualität in Verbindung. Wie Narziss verwirft er den normalen Eros, nicht um eines asketischen Ideals, sondern um eines noch volleren Eros willen. Wie Narziss protestierte er gegen die unterdrückende Ordnung der zeugenden Sexualität ... Der orphische Eros verwandelt das Dasein: er überwindet Grausamkeit und Tod durch Befreiung. Seine Sprache ist Gesang, sein Werk ist Spiel.«

Wie sich Schernikau die Rezeption von »legende« vorstellte, darauf gibt er einen Hinweis: »Sonderbar ists, dass sie eben jetzt in Brüssel die Scene spielen, wie ich sie vor zwölf Jahren aufschrieb; man wird Vieles jetzt für Pasquill halten. 9.7.87« (VI, 4, 10/11). Was Goethe 1787 in Rom über eine Aufführung seines »Egmont« schrieb, dass man es für ein Pasquill hält - laut Duden: »eine anonyme Schmäh-, Spottschrift, schriftlich verbreitete Beleidigung« - war auch die Hoffnung Schernikaus für die »legende«. Dass sich diese Hoffnung nicht erfüllt hat, liegt an den gesellschaftlichen Verhältnissen, die noch nicht Vergangenheit sind, wie Schernikau es sich aus Menschenliebe wünschte, im Gegenteil: das gesellschaftliche Verhängnis nimmt seinen Lauf. »legende« ist in dem Maße, wie sie Vorschein ist, auch Nachglanz der Vernunft.

Und umgekehrt, im doppelten Futurum: »der kommunismus wird siegen werden.« (X, 9, 18/7)


Ronald M. Schernikau: legende. ddp Goldenbogen, Dresden 1999, 845 Seiten, 68 Mark

Am 20. Oktober liest Ellen Schernikau in Frankfurt/Main aus »legende«: 20 Uhr, Café Profitratte, FH Gebäude 10, Gleimstraße.

Mehr von und zu Ronald M. Schernikau findet man unter www.schernikau.net


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