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11. Oktober 2000

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Burning Siemens

Wenn in die Pizzeria an der Ecke Mollis fliegen, weiß der gemeine Deutsche sofort, was Sache ist: »Die Spaghettis ham Ärger mit de Mafia!« Wenn aber dank einer genau geplanten Aktion ein deutsches Unternehmen geschädigt wird, muss es mindestens Terrorismus sein. So auch, als in der Nacht nach dem Einheitstag in verschiedenen Berliner Bezirken gleich drei Siemens-Dienstwagen ausbrannten, die Mitarbeiter des Atomkonzerns wie jeden Abend vor ihren Häusern geparkt hatten.

Nur so viel ist klar: Es müssen mehrere Täter gewesen sein, da die Wagen beinahe gleichzeitig in Flammen standen. Die Feuerwehr konnte nur noch verhindern, dass die Brände auf andere Pkw übergriffen. Nichtsdestotrotz wurden sechs weitere Autos in Mitleidenschaft gezogen. Es war nicht der erste Anschlag auf Siemens-Dienstwagen in Berlin, bereits vor gut einem Jahr war ein Firmenfahrzeug in Pankow angezündet worden.

Doch wer dieses Jahr den Einheitstag auf so besondere Weise beging, ist bislang ungeklärt. Anders als beim Anschlag in Pankow - zu dem sich die Gruppe »Gegenenergie« bekannte - gibt es in diesem Fall keine Bekennerschreiben oder sonstige Hinweise auf die Motive der Täter. Die Polizei verständigte trotzdem sofort den Staatsschutz, und die B.Z. erblickte visionär eine »Chaoten-gegen-Autos-Liste«.

Perfide mit dem Zecken-Terror in Verbindung gebracht wurde so die von bürgerlichen Berlinern bis heute gefürchtete Grün-Alternative-Liste, GAL, einst Hauptverantwortliche für die Verwahrlosung von Kreuzberg, für Staus und verstopfte Wasserleitungen. Und auch der Berliner Kurier, das kleine Ost-Pedant zur B.Z., wusste - obwohl die Polizei bislang alle Vermutungen in diese Richtung zurückwies -, dass es militante Atomgegner gewesen sein mussten: »dieser unsägliche Hass«.

Tatsächlich spricht angesichts der kleinen und großen Schweinereien, in die der Siemens-Konzern verwickelt ist, einiges dafür, dass es aufmerksamen Linken notwendig erschien, dieser Firma wenigstens ein bisschen Angst zu machen. Nicht viel minder wahrscheinlich ist es, dass verwirrte Siemensstädter Rentner bald versuchen werden, mit Gewalt zu erreichen, was Hundeblicke über Jahre nicht ausrichten konnten: die Siemens-Leitung aus dem Münchner Exil zurück nach Berlin-Spandau zu locken.

Im Vergleich zur Entschlossenheit, die Siemens-Sprecher sonst an den Tag legen, fiel allerdings auf, wie zurückhaltend die Konzernleitung den Fahrzeugschwund kommentieren ließ: »Wir können uns die Anschläge nicht erklären.« Genau das aber sagen in deutschen Fernsehkrimis Ausländer immer dann, wenn ihnen die Mafia den Laden kleingehauen hat. War es also vielleicht alles andere als ein politischer Anschlag, der Siemens hier ereilt hat? Zahlt der Konzern vielleicht sein Schutzgeld nicht pünktlich? Das mag absurd klingen, doch ist es nicht unmöglich. Remember Uwe Barschel!

jörg sundermeier


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