Scusi, Dänen. Sorry, Polen. Aber die Jury ist sich völlig einig: Italy - twelve points! Italia - douze points!! Das geht schon mal mit dem phantastischen Meerblick los, der alle ins Schwärmen bringt, morgens, mittags, abends, selbst Leute, die sich sonst nur von glasklaren politischen Perspektiven anturnen lassen. Mann, heißt es jetzt alle drei Stunden, ist das schön, das ist ja so schön, soooo schöön!!!
Das ist also Liguriens Steilküste, vielleicht aber auch eine tolle Fototapete aus den Zeiten von Disco, Aldo und Brigate Rosse.
Wir befinden uns nämlich auf einem gigantischen LSD-Trip, der zurückführt zur Schlaghosenmilitanz im Italien der siebziger Jahre. Damals ging's ab, alle Wege führten direkt ins Centro, ins Herz des Staates, und alle waren jung, links und bewaffnet, es war heiß, und der Mai dauerte und dauerte und dauerte, bis in die Achtziger, die Ära des Konformismus und Reformismus, das Zeitalter der Lethargie und Depression, das dann leider noch in die Neunziger lappte und praktisch noch heute andauert.
Zwischendurch haben ein paar Leute aber ein bisschen Gegenkultur gemacht oder sind mal eben an den Strand gegangen, so wie wir. Mal eben ist gut. Von dem in 300 Höhenmetern gelegenen Hauptquartier in Costarainera, irgendwo zwischen Genua und Nizza, führt eine kurvenreiche Strecke den Berg hinab zu steinigen Stränden. Die Straßen sind unbefestigt, die Kurven eng, das Gefälle steil, das Tempo mörderisch. Abgründe tun sich auf, und irgendwo tief unten lockt immer das heftig blaue Meer. Dazu diese Hitze. Der Alkohol. Die Paparazzi. Über den Dächern von Nizza und Gracia Patrizia und Di & Dodi. Da! Kommt!! Uns!!! Was!!!! Entgegen!!!!!
So in etwa lässt sich die Fahrt zum Felsenstrand zusammenfassen, aber dann ist wieder Zeit für: Dasistjasoschön. Das Meer, das Meer. Raus ist leichter als rein. Das liegt am Zusammenspiel von glitschigen Steinen und hohen Wellen und untrainierten Körpern. Praktisch alle Ins-Wasser-Geher kriegen schlechte Haltungsnoten. Bewährt hat sich aber das »Bin ich schon - dann kommt die Welle - drin«-Prinzip. Und zurück: auf allen Vieren. Das Wasser ist toll, und schon ist es Zeit, zum Handy zu greifen, einen Neid-Anruf zu tätigen und ein paar Texte zu ordern: »Wie ist das Wetter in Berlin? Schlecht? Na bitte, dann haste doch Zeit für den Rentenkommentar. Mails bitte an il nerdo.«
Il nerdo betreibt ein quadratmeter-großes Internetcafé ohne Kaffee in der von Mussolini aufgeprotzten Nachbarstadt Imperia, die nach rund zweistündiger Todesfahrt bequem zu erreichen ist. Der geheimnisumwitterte dünne, blasse und bebrillte Computer-Spezialist, der ständig unter Migräne-Attacken leidet, ist unser Lieblingsitaliener. Denn dieser Nerd ist in der Lage, den kompletten Datensatz ethnifizierender Zuschreibungen - von wegen Palaver, temperamento und Gastfreundschaft - für immer von unserer Festplatte zu löschen.
Deshalb: Viva il nerdo - obwohl man schon sagen muss, dass seine Weigerung, mit uns zu kommunizieren, der Redaktionsarbeit einen empfindlichen Schlag versetzt hat. Zudem ist unser Lieblingsitaliener ein ultraradikaler Vertreter des Ladenschlusses. Sein Verständnis für die von uns in Fluss gebrachten Datenströme, die zwischen Berlin, Moskau, Paris und Übach-Palenberg hin und her dirigiert werden, hält sich daher in engen Grenzen, und Problemfälle wie Stutz-steckt-im-Gotthard-fest sind ihm nur schwer zu vermitteln. Sukzessive können aber auch schwierigste Übertragungsprobleme gelöst werden. Fußnoten finden den Weg über die Alpen. Fußnoten? Ein Heer, eine ganze Armada. Der Layouter erinnert sich: »Das war eine Völkerwanderung gigantischen Ausmaßes. Ich habe so etwas noch nie zuvor gesehen.«
Probleme sind hier problemi, also Schwierigkeiten niederen Grades, die man einfach ins Meer wirft oder mit einem Schwung Espresso, Oliven, Vino, Bier und Spaghetti hinunterschluckt. Genau so wird mit dem Problem »Gegenkultur« verfahren. Rhizomartig breiten sich nämlich die Centri Sociali über das Blatt aus. Als das bemerkt wird - Hilfe, die Dinger sprießen wie Pilze aus dem Boden-, ist es natürlich schon zu spät. Das Feuilleton schickt noch ein Rollkommando los und lässt auf den hinteren Seiten räumen, gibt dann aber auf, denn weiter vorne sind längst neue Objekte okkupiert worden. Mann, der ganze Gegenkultur-Scheiß - na, na, na, - ja, stimmt doch, und ist denn hier sonst nichts los, oder haben wir da vielleicht was vergessen, die Mode, das Design, die Festivals, die Achtziger, die Neunziger, das Millennium und das Essen?
Das Essen! Genau. Ohne zu übertreiben, darf behauptet werden, dass wir den Blick über den deutschen Tellerrand generalstabsmäßig organisiert haben. Assimilation total. Jeden Abend biegen sich die Tische unter der Last riesiger Mengen von Pasta, Risotto, Tomaten, Sardinen, Auberginen, Calamari und einem riesigen Flaschen-Aufgebot. Tintenfische werden gefangen und kämpfen sich zurück in die Freiheit, bemerken aber zu spät, dass die Freiheit nur ein Blumenbeet ist. So kommt eins zum anderen, und immer seltener denken wir daran, dass die Menschen in der Kochstraße hungern müssen.
heike runge
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