Wenn der Pressesprecher des Internet-Sportportals Sport1, Thomas Medau, vom Angebot seiner Firma während der Olympischen Spiele in Sydney spricht, dann klingt er aufrichtig begeistert. Ganz Großes wird man auf der Homepage ab dem 1. September präsentieren: Nach dem kostenlosen Download von Shockwave 8.0 kann man sich dort im virtuellen 100-Meter-Sprint, Pferdsprung, Gewichtheben, Tontauben-Schießen, 100-Meter-Schwimmen und Weit- bzw. Dreisprung üben. Klingt das für ältere Computer-User nicht vertraut nach dem Spieleklassiker der Achtziger, »Summergames»? Kein Wunder, denn es handelt sich bei dem Sport1-Game tatsächlich um das gute alte »Summergames«, »nur leicht modifiziert, und es ist so schön, das endlich mal wiederzusehen. Wir daddeln hier schon ständig damit herum«, sagt Medau.
»Summergames« galt damals, in der Computersteinzeit als das Spiele-Highlight. Es lief auf dem Rechner schlechthin, dem C64, der in den frühen Achtzigern zum damals sensationell günstigen Preis von ungefähr 1 500 Mark angeboten wurde und daher als Volkscomputer galt.
Die Zahl im Namen gab dabei den Speicherplatz an, für 64 KB - soviel braucht man heute bereits, um den Text einer einzigen Zeitungsseite abzuspeichern - war in der klobigen Tastatur, die den eigentlichen Rechner beherbergte, Platz. Der festplattenlose C64 der US-amerikanischen Firma Commodore, 1954 von Jack Tarniel als Reparaturservice für Schreibmaschinen gegründet, konnte trotz seiner begrenzten Kapazität ziemlich viel. Wenn man ihm mit einer riesengroßen, schlabberigen Diskette, Floppy genannt, Leben bzw. Programm einhauchte. Dann war die von den Fans wegen der Größe und Form des Disketten-Laufwerks »Brotkasten« genannte Maschine in der Lage, die Sachen zu tun, die Computer eigentlich auch heute noch tun: den angeschlossenen Drucker befehligen, Kalkulationen erstellen, Statistiken ausrechnen, Texte erfassen, Musik abspielen, in 24 Farben Games abspulen, Programme schreiben. Allerdings langsamer, sehr viel langsamer als ein heutiger Mac.
Nach dem Einschalten teilte der Rechner in weißer Schrift auf blauem Grund mit, ein C64 mit 64 KB zu sein, und gab als Status grundsätzlich »ready« an. Nun musste die Floppy eingelegt werden, woraufhin lange Zeit außer seltsamen Geräuschen nichts passierte. Das Teil lud und lud, der C64 tuckerte und klopfte, sirrte und rumpelte, bis schließlich die systematische Auflistung des Floppy-Inhalts angezeigt wurde.
Oder der Satz »File not found error« erschien, was bedeutete, dass ein ernsthaftes Problem vorlag. Entweder war ein Magnet in die Nähe des Datenspeichers gekommen, oder Rechner und Diskette hatten ganz einfach keine Lust zu funktionieren. Möglicherweise, weil es zu kalt war oder zu heiß oder eine Biorhythmusstörung vorlag oder dem C64 einfach nicht nach arbeiten war - mit dem Commodore redeten selbst Menschen, die Maschinen unter anderen Umständen als bloße Gegenstände definierten. Der C64 brauchte das Zwiegespräch, und ging als dessen Resultat alles glatt, dann musste man nur noch den Befehl »run« tippen und schon begann es wieder zu klopfen und zu tuckern.
Die Befehle konnten auch abgekürzt werden, aber in den Sonderzeichen-Modus zu kommen, war gar nicht so einfach. »Dieser Computer war nie für halbe Sachen: Entweder Sonderzeichen oder Groß- und Kleinschreibung; beides zusammen ist schließlich nur etwas für Feiglinge und/oder Mac-Benutzer«, heißt es dazu auf einer der zahlreichen Fanpages im Internet.
Egal, wie man es anstellte, irgendwann war man meistens drin, nach der komplizierten Befehlseingabe konnte es dann losgehen. In aller Regel mit Spielen - der C64 hat dank der für ihn entwickelten Games immerhin eine komplette Generation mit dem Computer vertraut gemacht. Die Spiele waren überhaupt das Allerbeste am Vor-dem-Rechner-Sitzen. Und sie sind vielleicht auch der Grund, warum keine der zahlreichen Firmen, die damals C64-Zubehör herstellten, heute noch existiert. Denn Games im Laden zu kaufen, kam im Programm der meisten Brotkasten-User einfach nicht vor. »Diese Version wurde Ihnen gecrackt von ...«, war im Vorspann von ungefähr 95 Prozent aller im Umlauf befindlichen C64-Programme zu lesen. Entsprechend erfindungsreich musste man damals sein, denn so luxuriöse Dinge wie Bedienungsanleitungen, Anweisungen, Cheat-Codes oder gesammelte Tastaturbelegungen gab es für die Crack-Versionen einfach nicht - es musste viel herumprobiert werden, wenn man ernsthaft spielen wollte.
So etwas förderte den Sportsgeist - mit dem Erfolg, dass niemand mit C64-Sozialisation heute auf die grassierenden Ich-erkläre-dir-das-Internet-Spezialzeitschriften angewiesen ist. Man ist schließlich in der Lage, selbst alles Relevante herauszufinden - nur die Easy-Listening-Musik, die mittlerweile sogar auf Compilations erhältlich ist, fehlt heute, wenn man sich wieder einmal aufmacht, unbekanntes Terrain zu erkunden.
Meistens allein, dabei saß man früher grundsätzlich zu mehreren vor dem Rechner. Denn die meisten Games konnten mit zwei Joysticks gleichzeitig gespielt werden, wobei die schwarz-roten Geräte mit den Knöpfen zum Ballern enormen Belastungsproben unterzogen wurden. Joysticks konnte man schließlich nicht nur bewegen, sondern auch werfen, schlagen, treten und würgen. Wenn es denn sein musste. Meistens musste es sein, denn natürlich lag es nie am Spieler, wenn irgendetwas nicht klappte, sondern grundsätzlich am gemeinen Gerät, das im entscheidenden Moment immer zu lahm reagierte.
Bei den »Summergames« konnten etwa mehrere Spieler gleichzeitig gegeneinander in bis zu acht verschiedenen Disziplinen antreten. Jeder startete unter seinem eigenen Namen, was für die Spieler jener Zeit nicht unbedingt selbstverständlich war, und für ein Land seiner Wahl. Wenn man gewann, dann hörte man eine Synthie-Version der jeweiligen Nationalhymne - nur bei einer Goldmedaille für die damals noch existierende UdSSR erklang die Internationale.
Aber es war bei den »Summergames«, die jetzt eine Renaissance erleben, gar nicht so einfach, auch wirklich zu gewinnen. Und die damals genau so populären »Wintergames« waren sogar noch einen Tick gemeiner. In der Disziplin Biathlon war wirklicher Körpereinsatz gefragt, um das schwer gepixelte Männchen auf den Skiern den Berg hochzubewegen, wer den Trick - gleichmäßige Bewegungen, kein hektisches Hin-und Hergewackel - nicht draufhatte, der glitschte und glitschte am Hügel herum, bis die vorgegebene Zeit endlich abgelaufen war und der Rechner mit einem dumpf-schrillen »Blöbs« die Disqualifikation des Spielers bekannt gab. Weitere Sportspiele folgten, aber keines - schon gar nicht das unsägliche »Summergames II«, bei dem man sich locker eine Viertelstunde lang die Handgelenke während des 10 000-Meter-Laufs ruinierte - war auch nur annähernd so erfolgreich wie die beiden Prototypen.
Was die User jedoch nicht weiter störte, ständig wurden neue Spiele gecrackt, die kaum noch etwas mit den Ur-Games zu tun hatten, etwa mit dem primitiven Cowboy- und Indianer-Jump-and-Run, bei dem die Protagonisten äußerst rechteckig ausfielen und ihre Waffen fast gar nicht zu erkennen waren. Ausgefeiltere Grafiken ermöglichten feinere Darstellungen, die Details wurden endlich sichtbar und auch kompliziertere Operationen als Ballern und Wegrennen möglich. Und der C64 wurde noch erfolgreicher.
Vielleicht lag sein Erfolg auch nur daran, dass er sich ideal mit der Frühachtziger-Modedroge kombinieren ließ. Wer auf Speed dringend etwas tun musste, der kam an C64-Spielen wie »Gauntlet« einfach nicht vorbei: ballern, rennen, ballern, rennen, Bonuspunkte aufsammeln, rennen. Weil immer irgendeine andere schlaflose Person auf dem Stuhl daneben saß, konnte zudem ungehemmt geredet werden, während man die Spielfigur durch alle Widrigkeiten steuerte. Aber am C64 wurde nicht nur geballert und gerannt.
Für die stoisch-zugedröhnte Fraktion derjenigen, die es relaxter liebten, gab es Games wie »Heart of Africa«, mit dem man als Entdeckungsreisender auf dem afrikanischen Kontinent Flüsse, Berge, Sehenswürdigkeiten und schließlich einen Schatz entdecken musste, was nicht wirklich schwierig war, wenn man nur strikt darauf achtete, das Männchen nicht in der Wüste verdursten zu lassen. »Dierckes Weltatlas« war bei den Africa-Junkies ein unerlässliches Hilfsmittel, denn einfach nur herumzurennen, ohne größere Ahnung zu haben, in welcher Richtung man von Khartoum aus nach den Victoria-Fällen suchen musste, war völlig sinnlos.
Für die hellwachen Straight-edge-Freunde kniffliger Aufgaben gab es ebenfalls eigene Spiele. »Monty on the Run« etwa, einen der Vorläufer von Nintendo-Mario, oder »Boulderdash«, ein Game, bei dem man sehr logisch vorgehen musste, wenn man die Figur, eine kleine Ameise, nicht von herunterfallenden Steinen erschlagen daliegen sehen wollte. Oder »Mission Impossible«, wo Brutzel-Roboter und andere Gemeinheiten die Suche nach dem weltrettenden Passwort erschwerten. Diese Spiele waren ebenso große Erfolge wie das C64-Schachspiel, Porno-light-Games und Flugsimulatoren, Autorenn-Konkurrenzen und Adventures.
So hätte die C64-Geschichte ewig weitergehen können. Heute hätte man vielleicht ein CD-Rom-Laufwerk ohne bedrohliche Geräusche, ein integriertes Modem und einen speziellen Monitor als serienmäßiges Zubehör, wenn Commodore nicht im Frühjahr 1994 Konkurs hätte anmelden müssen. Dabei ist es nur schwer zu verstehen, warum es die Firma Commodore heute nicht mehr gibt. 1982 war Commodore mit 50 000 verkauften Tischcomputern in Deutschland Branchenführer. Im letzten Quartal 1983 machte Commodore International einen Umsatz von 425 Millionen Dollar. Und übertraf damit das entsprechende Vorjahresergebnis um 140 Prozent. 1984 wurde deutschlandweit eine halbe Million Brotkästen verkauft, man nahm andere Rechner oder Telespiele sogar in Zahlung.
Dann geriet man jedoch in eine Sackgasse. Mit dem Amiga entwickelte man zwar einen weiteren erfolgreichen Rechner, die vorgesehenen C64-Nachfolgemodelle floppten jedoch samt und sonders. Der 1985 erstmals vorgestellte spätere Commodore Plus/4 krankte daran, dass er nicht C64-kompatibel war und daher die alten Programme auf ihm nicht liefen. Im selben Jahr stellte man den C128 vor, ein Modell mit besserer Grafik und einer Basic-Erweiterung, der jedoch nicht besonders erfolgreich war. Das CP/M-Betriebssystem war bereits veraltet, und die Kunden sahen nicht ein, warum sie einen Rechner kaufen sollten, für den es kaum Software gab. Die alten C64-Programme liefen auf dem neuen Rechner zwar, aber da konnte man ebenso gut beim Originalmodell bleiben und brauchte sich nicht den teureren Nachfolger anzuschaffen.
Daraufhin geschah bei Commodore C64 technisch gesehen fast vier Jahre lang gar nichts. Der Amiga 500 wurde zwar zu einem weiteren erfolgreichen Produkt der Firma, aber man unternahm nichts, um den 64er zu modifizieren. Im Juni 1989 jedoch beschlossen die Top-Manager der Firma auf einer Geheimsitzung in London plötzlich die erneute Lancierung eines kompatiblen C64-Nachfolgers als Missing Link zwischen dem Brotkasten und dem Amiga 500. 128 KB sollte er haben, die auf ein MB hochrüstbar sein würden, und neben Stereo-Sound sollte der Neue ein eingebautes bootfähiges 3,5-Zoll-Diskettenlaufwerk mit 880 KB Kapazität haben sowie 256 Farben darstellen können. Zu diesem Zeitpunkt konnten der Atari und der Amiga im Normalmodus lediglich 16 bzw. 32 Farben darstellen, die Einführung des neuen Rechners wäre eine kleine Sensation gewesen.
Es gab jedoch unerwartete Probleme mit dem 3,5-Zoll-Diskettenlaufwerk. Die C64-User hatten ihre Software ausschließlich auf den alten Floppys, zusätzlich hätte also eine 1 541-Floppy angeschafft werden müssen. Und auch die Umrüstung auf ein MB ging nicht so einfach, wie sich das die Manager vorgestellt hatten, ein weiterer Modulschacht musste erst integriert werden.
Im Januar 1990 sollte der 65er Brotkasten eigentlich ausgeliefert werden, aber dieser Termin wurde nach Umbesetzungen im Commodore-Management immer wieder verschoben. Schließlich wurde das Projekt endgültig beendet, denn man entschied sich, doch lieber keine Konkurrenz zum erfolgreichen hauseigenen Amiga 500 auf den Markt zu bringen. Einige Prototypen waren zu diesem Zeitpunkt jedoch schon als Testgeräte für Computerzeitschriften im Umlauf. Die restlichen 50 bis 100 Geräte wurden sehr viel später, beim Commodore-Bankrott, im Zuge der Lagerräumungen verkauft.
Die firmeneigene Kombination aus Missmanagement, Überheblichkeit und schlechtem Marketing führten 1994 zum Konkurs der Firma. Ein Jahr später sah es kurzfristig so aus, als könnte Commodore vielleicht doch noch eine Chance haben. Da hatte die deutsche Escom AG für zehn Millionen Dollar die Reste der Firma gekauft und mit viel Tamtam die Wiedergeburt des C64 angekündigt - kurz darauf musste jedoch auch Escom Konkurs anmelden. Und der Brotkasten war wieder einmal tot.
Trotz der 20 Millionen zufriedenen Nutzer, für die der C64 viel mehr als nur ein Rechner war. Und die ihren Brotkasten durchweg nicht vergessen haben, denn, so erklärt der Programmierer Franz Kottira, einen derart einfach zu handhabenden Rechner hat es seither nicht wieder gegeben: »Nach den Leistungsdaten müsste der C64 einem modernen PC so ungefähr um den Faktor 1 000 unterlegen sein. Ist er aber nicht. Keine der nachfolgenden Computergenerationen hat es dem Benutzer so leicht gemacht, selbst Programme zu schreiben und den Computer als flexibles Instrument für die verschiedensten Anforderungen einzusetzen. Der C64 ist nicht nur zum Abspulen von Software, sondern grundsätzlich auch zum Programmieren gebaut. Schon das Bedienungshandbuch enthält einen Grundkurs in Basic, der Verkehrssprache des C64. Das ist eine komplexere Sprache als das Anklicken von Symbolen, und es macht den C64 in mancher Hinsicht leistungsfähiger als meinen neuen PC, auf dem ich zwar eine Menge toller Programme laufen lassen kann, aber völlig aufgeschmissen bin, wenn ich etwas haben will, das die Programmentwickler nicht vorhergesehen haben.«
Und nun, in Zeiten von Gigabytes und Cursor-Pfeil sehnen sich die Gates-Kunden und Fensterklicker wieder zurück nach ihrem ollen C64. Im Internet liegen schon seit einigen Jahren kostenlose Emulatoren bereit, mit denen man selbst den hochgerüstetsten Mac wieder mühelos in einen Brotkasten verwandeln kann. »Ready« ist er dann, der viereckige Cursor blinkt wie eh und je, und auch dort, wo bislang drei oder vier CDs umfassende Spiele liefen, kann man mittlerweile viereckige Männchen in nur wenigen Grundfarben durch schwieriges Terrain stapfen, Gegner erschießen oder am Hang auf Skiern herumrutschen lassen.
Und wenn die Summergames bei www.sport1.de ein Erfolg werden, dann könnte sich vielleicht sogar jemand finden, der den C64 wieder auf den Markt bringt. Ready. File not found error. Damit das Joystick-Weitwerfen irgendwann einmal zur olympischen Disziplin wird.
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