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28. Juni 2000
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José Bové

»Ein Prozess gegen
die Globalisierung«

Seine Gestalt erinnert ein wenig an Asterix, und ähnlich wie die berühmte Comicfigur ist er zu einer Symbolfigur des Widerstands gegen mächtige Imperien geworden. José Bové, Aktivist der linken französischen Bauerngewerkschaft Confédération Paysanne, wurde im August letzten Jahres international bekannt, als er nach der Demontage einer McDonald's-Filiale im südfranzösischen Millau verhaftet wurde. Am kommenden Freitag wird ihm und neun seiner Genossen von der Confédération der Prozess gemacht. Die Angeklagten haben sich auf diesen Tag lange vorbereitet: Sie wollen das Gerichtsverfahren in ein Tribunal gegen den globalisierten Kapitalismus verwandeln. Mit José Bové sprach Bernhard Schmid.


Wie lautet die Anklage gegen Sie?

Wir haben am 12. August letzten Jahres die im Bau befindliche McDonald's-Filiale in Millau demontiert und die Bestandteile vor der örtlichen Präfektur abgeladen. Fünf von uns saßen Ende August 1999 für einige Tage in Untersuchungshaft; ich blieb drei Wochen in der Haft, bis eine Kaution hinterlegt wurde. Wegen gemeinschaftlich begangener Sachbeschädigung soll uns nun der Prozess gemacht werden. Wir aber sind entschlossen, das Verfahren in einen Prozess gegen die herrschende Globalisierung umzuwandeln.

Wie stellen Sie sich das vor?

Wir haben insgesamt 16 Zeugen aus vier Kontinenten geladen, die über die Auswirkungen der herrschenden Globalisierung auf die Landwirtschaft, die Ernährungs- und die Lebensbedingungen berichten werden. So soll beispielsweise Rapha'l Alegria aus Honduras bei dem Prozess in Millau auftreten, der Sprecher von Via Campesina. So heißt der internationale Zusammenschluss von Bauern-Gewerkschaften, dem auch die französische Confédération Paysanne angehört.

Außerdem wollen wir auf die zunehmende Kriminalisierung von sozialen Bewegungen aufmerksam machen. Seit zwei oder drei Jahren verschärft sich die staatliche Repression gegen »illegale« Immigranten und Aktivisten, die sich mit ihnen solidarisieren - wie den CGT-Gewerkschafter Michel Beurrier, der deswegen vor Gericht stand. Oder gegen Arbeiter, die den Direktor ihres Betriebs in seinem Büro einsperrten, um die arrogante Unternehmensleitung zu Verhandlungen zu zwingen. Aber auch die Confédération Paysanne ist davon betroffen, wie etwa bei unseren Aktionen im Frühjahr, als wir demonstrativ ein Feld mit genmanipuliertem Raps zerstört haben.

Das Gericht wird für Ihre Absichten vermutlich keine großen Sympathien aufbringen.

Der Vorsitzende Richter hat einen kurzen Verhandlungstermin angesetzt: Er will den Prozess auf einen einzigen Nachmittag begrenzen. Von unserer Seite aus ist klar: Falls die von uns geladenen Zeugen nicht angehört werden, werden wir geschlossen den Sitzungssaal verlassen und unseren Prozess auf der Straße durchführen. Und Zehntausende von Demonstranten werden uns dabei in Millau unterstützen.

Warum haben Sie sich McDonald's als Ziel Ihrer Aktionen ausgesucht?

Nach einem Beschluss der Welthandels-Organisation WTO vom Juli 1999 konnten die USA wirtschaftliche Sanktionen gegen die EU-Länder ergreifen, weil diese sich seit 1987 weigerten, hormonbehandeltes US-Fleisch zu importieren. Die USA setzten daraufhin die Importsteuer für europäische Agrarprodukte hoch. Der Preis des französischen Roquefort-Käses hat sich dadurch um 100 Prozent erhöht, der Export in die USA ist völlig zusammengebrochen. Die Landwirte aus dem Zentralmassiv, die von den Sanktionen besonders betroffen sind, haben deswegen bei der EU Beschwerde gegen die US-Sanktionen angemeldet. Doch in Brüssel beschied man uns, dass gegen die Entscheidung der WTO keine Berufung möglich sei und wir uns beugen müssten.

Daraufhin beschlossen wir, eine symbolische Aktion durchzuführen. McDonald's schien uns dafür besonders geeignet: Der multinationale Konzern betreibt eine globale Standardisierung der Essgewohnheiten und gefährdet damit die Vielfalt der Lebensmittel. Die miserablen Arbeitsbedingungen bei McDonald's sind bekannt; zudem fördert der Konzern die umweltschädliche Agrar-Industrie. Auch das Hormonfleisch ist für uns ein Symbol für diesen Typ von landwirtschaftlicher Produktion.

Befürchten Sie nicht, dass Ihre Aktion als anti-amerikanische und nationalistische Demonstration aufgefasst wird? Selbst der rechtsextreme Politiker Bruno Mégret hat sich für Ihre Freilassung eingesetzt.

Unmittelbar nach den Ereignissen von Millau haben einige dieser Leute versucht, unsere politischen Aktionen für sich zu vereinnahmen. Doch schon sehr bald wurde ihnen klar, dass dies unmöglich ist. Unser Unterstützungs-Komitee besteht ausschließlich aus Linken und Aktivisten der sozialen Bewegungen; Rechte und Nationalisten haben dort keinen Platz. Zudem sind wir international organisiert; wir arbeiten eng mit US-Organisationen zusammen, wie beispielsweise bei der Anti-WTO-Kampagne in Seattle im vergangenen Herbst.

In der rechtsradikalen Presse werde ich daher mittlerweile als verkappter - und deswegen besonders gefährlicher - »Mondialist« (Anm.: Anhänger der Globalisierung, aber auch »Kosmopolit«) denunziert. Inzwischen fordert eine Neonazi-Organisation im Internet, dass ich bei dem anstehenden Prozess die »Höchststrafe« erhalten solle.

Aus den USA kam auch Ihre Kaution, mit der Sie im September 1999 aus der Haft entlassen wurden.

Die Kaution wurde von der National Family Farm Coalition (NFFC) gestellt. Diese US-Bauerngewerkschaft tritt ebenfalls gegen die industrialisierte Agrarproduktion ein und gehört wie wir der Via Campesina an. Die NFFC hat damals eine Spendensammlung für mich gestartet und ein Drittel der Kaution von insgesamt 150 000 Francs bezahlt. Ihr Vorsitzender gehört zu den Zeugen, die wir nach Millau eingeladen haben.

Diese Verbindungen sollen auch zeigen, dass es uns keineswegs um die Verteidigung der heiligen »nationalen Souveränität« gegen die USA geht. Zwischen den Verfechtern der Souveränität, die die Vergangenheit verkörpern, und uns, die wir für die Zukunft stehen, gibt es keine Übergänge.

Welche internationale Ziele verfolgt die Confédération Paysanne?

Wir stellen die Frage, wie man den internationalen Handel und die Weltwirtschaft organisieren soll: Wie die Ausbeutung des Südens durch den Norden verhindert werden kann, wie man von einer intensivierten und industrialisierten Agrarwirtschaft abkommt. Die Interessen der Bevölkerung müssen bei der Wahl der Produktionsweise im Mittelpunkt stehen, denn menschliche Grundbedürfnisse wie Ernährung und Gesundheit dürfen nicht zum Kommerz- und Profitfaktor werden. In diesem Zusammenhang lehnen wir auch die Patentierung von Leben, von gentechnisch veränderten Organismen, strikt ab. Und das sind alles Probleme, die sich nicht im nationalstaatlichen Rahmen lösen lassen.

Welche Rolle spielt dabei die WTO?

Die Kontrolle der weltwirtschaftlichen Strukturen durch die Bevölkerung muss gewährleistet sein. Doch diese Forderung steht in einem diametralen Widerspruch zur Funktionslogik der WTO. Vielleicht gelingt es uns, die Funktionsweise einer Organisation wie der WTO radikal zu verändern. Aber wenn dies nicht möglich sein sollte, dann muss eine solche Institution bekämpft werden und verschwinden.


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