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17. Mai 2000
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Rudy Ratlos

»Die anderen machen zur Zeit die Schlagzeilen«, sagte ein Berater der New Yorker Senatskandidatin Hillary Rodham Clinton letzte Woche der New York Times: »Warum sollten wir Schlagzeilen machen? Würden wir welche machen, wären es bestimmt die falschen.« Tatsächlich könnte die betrogene Präsidentengattin kaum toppen, was ihr Gegner Rudolph Giuliani, der New Yorker Bürgermeister und republikanische Senatskandidat, seit Anfang Mai an Nachrichten produziert: Zuerst wurde bekannt, dass seine Ehefrau Donna Hanover in einem Stück namens »Vagina Monologues« aufzutreten gedachte, dass nicht nur den erklärten Moralvorstellungen des praktizierenden Katholiken Giuliani zuwider lief, sondern auch noch aus der Feder einer guten Freundin von Mrs. Clinton stammte. Dann teilte Giuliani, der sich gern als kernbeißerischer Law-and-Order-Mann darstellt, der Öffentlichkeit mit, dass er an Prostatakrebs erkrankt sei. Kurz darauf enthüllte die Presse, dass Giuliani, dessen aktueller Wahlkampfschlager die Forderung ist, die zehn Gebote in Klassenzimmern aufzuhängen, eine außereheliche Beziehung habe. Dann trat Giuliani vor die Kameras und verkündete, dass er sich von seiner Frau trennen werde. Tags darauf war eine sichtlich erzürnte Mrs. Hanover mit der Mitteilung an der Reihe, sie habe von den Scheidungsplänen ihres Mannes erst aus dem Fernsehen erfahren. Dies sei nicht Giulianis erste außereheliche Beziehung: Schon vor Jahren sei er mit seiner damaligen Pressechefin ins Bett gegangen. Die hat mittlerweile einen hochdotierten Job beim halbstaatlichen Tourismusbüro der Stadt New York. Wie lautete noch Giulianis Credo bei der Bürgermeister-Wahl: »Zero Tolerance«.



Exterritorialer Wahlkampf

Am 2. Juli wird in Mexiko ein neuer Präsident gewählt. Letzte Woche waren die beiden Hauptkandidaten der Opposition auf Wahlkampftour in Kalifornien: Vicente Fox von der konservativen PAN (Partei der Nationalen Aktion) und Cuauhtemoc Cárdenas von der sozialdemokratischen PRD (Partei der Demokratischen Revolution). Allein in Kalifornien leben über sieben Millionen Menschen, die in Mexiko wählen dürfen, in anderen US-Bundesstaaten sind es weitere drei Millionen. Antirassistische Gruppen und Stadteilzentren haben eine Kampagne für die Wahl von Cárdenas initiiert. Das Motto: »Voting for Cárdenas is voting for me«.

Bei einem Auftritt vor dem kalifornischen Senat versprach Fox ein »neues wirtschaftliches Wunder»: Im Fall seiner Wiederwahl wolle er in Mexiko die mittelgroßen Betriebe fördern, wodurch das Land endlich von der nordamerikanischen Freihandelszone Nafta profitieren werde. Für Fox und die PAN ist der Wahlkampf unter den Migranten in den USA Neuland. Bei den letzten Präsidentschaftswahlen 1994 erklärte ihr Kandidat Diego Fernández de Cevallos noch, Mexikaner im Ausland sollten nicht wählen, weil »Kriminellen keine Stimme gegeben werden sollte«. Cárdenas und die PRD fordern hingegen seit langem ein Ende der Hetzjagden auf Migranten aus Mexiko, die ohne Papiere in den USA sind.

Beide Kandidaten protestieren gegen die Hindernisse, die von der mexikanischen Staatspartei PRI gegen die Wahlteilnahme der Migranten aufgebaut wurden: Sie fordern, dass entlang der gesamten Grenzlinie zwischen Mexiko und den USA am 2. Juli Wahlkabinen aufgebaut werden. Denn die PRI hat beschlossen, dass eine Stimmabgabe nur in Mexiko möglich ist. Dann könnten jene wählen, die eine Aufenthaltserlaubnis für die USA haben. Ob die von der PRI dominierte Wahlbehörde das ermöglicht, ist fraglich: Laut Umfragen bekäme Cárdenas 49 Prozent der Stimmen von den Migranten, Fox 33 und der PRI-Kandidat Francisco Labastida nur 14.



Bandenkrieg in Moskau

Die Herren des Morgengrauens kamen etwas verspätet - um halb zehn. Teils im Kampfanzug, hasskappenvermummt und mit MPs bewaffnet stürmten Geheimdienstler vom FSB, Kriminalpolizisten und Steuerfahnder verschiedene Moskauer Gebäude der Media-Most-Gruppe des Oligarchen Wladimir Gussinski. Deren Flaggschiffe - die NTV-Fernsehstation und die Zeitung Segodnja - berichten halbwegs kritisch über den Kreml. Vorwürfe: Nach Angaben eines Ermittlers der Generalstaatsanwaltschaft wurden Dokumente und andere Beweismittel wegen des Verdachts illegalen Abhörens gesucht - gegen Angehörige der Most Security Services, eine aus ehemaligen Geheimdienstlern bestehende bewaffnete Truppe. Gussinski erklärte, offensichtlich gehe es bei den Razzien um politischen Druck auf seine Medien. Das dementierten FSB und Generalstaatsanwaltschaft. Die Journalistenunion kritisierte die Razzien als Angriff auf die Pressefreiheit und plant die Herausgabe einer speziellen Ausgabe zu diesem Thema.



Schurkenstaat auf Schmusekurs

Dass Alleinsein auf die Dauer wenig befriedigt, scheint auch das vom Westen als Schurkenstaat gebrandmarkte Nordkorea in letzter Zeit einzusehen. Erst kürzlich hatte der Staat diplomatische Beziehungen zu Italien aufgenommen, jetzt folgte Australien. Nach 25jähriger Funkstille vereinbarten die beiden Staaten Anfang letzter Woche, baldmöglichst Botschafter in das je andere Land zu entsenden. Die verstärkten Kontaktbemühungen Nordkoreas sind vor allem im Hinblick auf das »historische Gipfeltreffen« zwischen den beiden koreanischen Staaten von Bedeutung. Vom 12. bis zum 14. Juni wollen sich die Präsidenten aus Süd- (Kim Dae-Jong) und Nordkorea (Kim Jong-Il) erstmals seit Ende des Krieges 1953 zu Gesprächen treffen, bei denen es voraussichtlich zumindest um wirtschaftliche Zusammenarbeit und die Möglichkeit von Familienbesuchen gehen wird. Doch schon die Vorgespräche in der entmilitarisierten Zone verliefen problematisch. Südkorea, das über ein »Wiedervereinigungsministerium« verfügt, schenkte seinem nördlichen Rivalen vergangene Woche eine Kunstdüngerlieferung von 200 000 Tonnen.


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