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17. Mai 2000
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Teure Freunde

Es gibt Tage, da kostet ein Telefongespräch 60 Mark pro Minute. Ganz gleich, welchen Anbieter man wählt. Ich wollte erst gar nicht aufstehen, als mittags das Telefon klingelte. Wenn tagsüber jemand anruft, dann hat es immer mit Pflichten zu tun. Aber diesmal war es ein Freund aus Hannover, der nur für wenige Stunden in der Stadt war und sich mit mir treffen wollte. Wir verabredeten uns am Zoo. Erster Fehler.

Wir hätten uns überall treffen können. Im Prenzlauer Berg oder in Mitte. Aber er sagte: »Am Zoo. Vor McDonald's.« Und ich sagte: »Ja.« Also musste ich mit der S-Bahn fahren. Und das Übel kündigte sich an: »Beförderung nur mit gültigem Fahrausweis« steht auf den Türen. Aber immer wieder treten Mutige den Beweis an, dass eine Beförderung ohne gültigen Fahrausweis ebenso möglich ist. Einer dieser Alltagshelden war ich. Zweiter Fehler.

An der Haltestelle Friedrichstraße stieg Klaus ein, der die motz verkaufte. Noch vier Stationen zum Zoo, das war zu schaffen. Klaus stieg wieder aus und zwei Mittfünfziger mit wüstenfarbenen Westen stiegen ein. Sie sahen aus wie Angler. Und ich fragte mich, was Angler wohl in der Bahn so angeln. Sie angelten mich, den Helden des Alltags. Ich wollte noch aufstehen, meinen Fuß zwischen die sich schließenden Türen schieben, aber ich war nicht schnell genug. Dritter Fehler.

»Schönen guten Tag, die Fahrausweise bitte«, hieß es. Ich hätte nie gedacht, dass es mich treffen könnte. Es gibt in meinem Freundeskreis unverbesserliche Schwarzfahrer, die wegen des »Thrills« nicht aufhören können. Und wenn sie erwischt werden, gibt es eine Geschichte. Man muss schon viel fahren, um kontrolliert zu werden. Sagen sie. Für sie ist es nur ein Spiel. Und wer am Ende eines Jahres die meisten Quittungen hat, hat gewonnen. In ihren Augen war ich für einen Tag der Sieger. Nur fühlte ich mich überhaupt nicht so. Es gab nicht einmal Publikum. Weil alle, die in der Bahn saßen, Schwarzfahrer waren. Wenn alle verlieren, hat keiner gewonnen. Die Kontrolleure hatten alle Hände voll zu tun. Einige Mitspieler konnten sich am Bahnhof Tiergarten unerkannt verdrücken. Aber ich saß direkt neben der Tür. Vierter Fehler.

Der freundliche Kontrolleur wollte noch vermitteln: »Vielleicht haben Sie Ihr Ticket nur zu Hause liegen gelassen.« Ich aber war schon in die Offensive gegangen. Das drücke den Preis, sagte mir einer der Freunde. Und ich beschloss, weniger auf meine Freunde zu hören. Zahlen musste ich trotzdem.

Am Zoo angekommen, hatte ich endlich ein Ticket und eine Kontrollnummer: 948. Aber kein Geld mehr. Ich ging rüber zu McDonald's und wartete eine halbe Stunde. Der Freund aus Hannover war nirgends zu sehen. Nach einer weiteren halben Stunde fuhr ich zurück nach Hause. Schwarz natürlich, irgendwie muss man das Geld schließlich wieder reinkriegen. Zu Hause fand ich eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter: »Du, ich hab's doch nicht mehr geschafft und bin gleich zurückgefahren. Tut mir Leid. Wenn du ein Handy hättest, wäre das kein Problem gewesen.« Fünfter Fehler?

stefan rauch


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