Am Anfang steht ein geöltes, splitternacktes Muskelgebilde beim Posing seines makellosen Körpers in hellem Sonnenlicht. Mitten auf einer Waldlichtung, die Bewegungen ein Grollen, die Lichtspiegelungen bizarr und abrupt - der männliche Körper als Waffe und Gewaltandrohung. Dann tritt das Mädchen hinzu, der Mikrokosmos des Skins ist komplett: Wald, Frau, Kraft. Zeit, Schluss. Der Protagonist nimmt aus dem Nichts eine Handgranate und reißt den Zünder mit den Zähnen ab. Ein greller Blitz beendet die Szene.
Bevor der Film »Oi! Warning« eigentlich beginnt, nimmt dieses Präludium die nächsten anderthalb Stunden vorweg: Es soll um Liebe und Tod gehen, um den Blick auf die furchtbare Männlichkeit der mit sich ringenden Figuren, die einfach nicht wissen, wie sie ihre kleine, einfache Welt vor der großen, nicht verstandenen Komplexheit des Menschseins retten können. Man kann nur lieben, wenn man tötet.
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Die Geburt der Geschichte aus der Gewalt. Bevor hier irgendetwas beginnen kann, ist der Hauptdarsteller samt seiner Freundin schon wieder tot. Und darum scheint es in »Oi! Warning«, dem ersten Spielfilm der 31jährigen Hamburger Zwillingsbrüder Dominik und Benjamin Reding, zu gehen: vernichtende Existenz.
Der Plot ist denkbar einfach: Glatzen gegen Wagenburg-Asseln. Janosch, gespielt von dem Tischlerlehrling Sascha Backhaus, 17jähriges Wohlstandskind vom Bodensee, hat genug vom Daheim mit See, Landschaft und der hegenden, geschiedenen Mutter. Er ist froh, als er endlich von der Schule fliegt, und fährt zu seinem Freund aus alten Roller-Zeiten, Koma (Simon Goerts), zur Zeit Kistenpacker in Dortmund. Der Skinhead und Haudrauf freut sich, dass er endlich einen hat, der ihn bedingungslos bewundert. Janosch ist fasziniert: Koma hat eine eigene Wohnung mit Reenie Sandra (Sandra Borgmann), Rechts und Links sind ihm egal, Hauptsache Skin. Und er ist auch noch ein großer Kickboxer.
Janosch zieht bei Koma ein. Skin will auch er sein, also rein in die Springerstiefel und auf zum ROImkommando (gespielt von der Gruppe Smegma), der Skin-Band, deren Konzerte auch schon Koma in die Szene finden ließen. Miese Wichser fertig zu machen ist auch nicht verkehrt. Ein Handelsvertreter (Horst Mendroch), der Janosch am Dortmunder Hauptbahnhof vollquatschte, wird ein Fall für Komas Gang: Eine Bierflasche wird vollgepisst und dem Opfer unter Tritten und Schlägen in den Hals geschüttet.
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Wenn Koma melancholisch wird, zieht er sich in eine abgebrochene Steinmühle zurück. Dort bewahrt er Fotos seiner Skinhead-Biografie auf, die Südstaatenflagge und sogar eine Kiste Sprengstoff - das ist das Refugium. Koma formt sich in Janosch ein Ebenbild. Mittels Saufen, Raufen, Pogo-Tanzen. Wenn da nur nicht die anderen wären. Das sind die, die einem das Leben versauen. Zum Beispiel die Punks aus der Wagenburg. Als es zum Streit mit einem kommt, liegt der bald darauf drei Wochen im Krankenhaus.
Als sich Janosch dann eine Tätowierung stechen lässt, trifft er auf den Bauwagenbewohner Zottel (Jens Veith). Gepierct bis zum Scheitel, lebt der von Feuerschlucker-Performances und Klauen. Verdreckt, bekifft haust er mit seinem Köter auf dem Gelände eines alten Schwimmbads. Die beiden Jungs kommen sich näher, Janosch, der bisher nur ein bisschen mit dem Mädchen Blanca (Britta Dirks) rumgeknutscht hat, verliebt sich in die Zecke. In einer Szene ringen sie im Schlamm des Schwimmbeckens. Die völlig verdreckte, spaßhafte Körperlichkeit der beiden steht im äußersten Kontrast zum klinischen Körperwahn des Skins in der Anfangsszene.
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Als Komas Wallfahrtsstätte abbrennt, kommt nur einer als Täter in Frage: Zottel aus der Wagenburg. Er muss es gewesen sein, zumal er Janosch entführt hat: Der, so fasziniert von Zottel wie zuvor vom Skinhead-Leben, wohnt mittlerweile lieber im Bauwagen als in Komas Wohnung. Denn dort steht auch noch Nachwuchs an. Koma ist rasend vor Eifersucht: Das wilde Leben scheint bald vorbei zu sein, jemand muss für die verlorene Skinhead-Jugend büßen. Im letzten Versuch Komas, die alte Ordnung wieder herzustellen, verlangt er Janosch die Einhaltung des Treueversprechens ab, das er ihm gegeben hat. Janosch soll Zottel töten. Aber der Junge ist unfähig zu handeln. Das einstige Vorbild ist ihm verhasst, den neuen Freund kann er nicht schützen.
Ein gutes Ende nimmt dieser Film also nicht. Regisseur Dominik Reding: »Keine Pappkameraden sollten wahllos abgeschossen werden wie in jeder Krimiserie. Die Gewalt sollte auch Menschen treffen, die man im Film kennen und lieben gelernt hat. Und Gewalt hat Konsequenzen: Opfer bleiben zurück, oft für ihr Leben lang gezeichnet, beschädigt, körperlich und seelisch.«
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Faschistische Hierarchie versus fire-eating hippie - heterosexuelle Hysterie gegen camp und queer: Die Redings stellen zwei Ordnungen kompromisslos gegeneinander. Dabei wird der Wagenburgler Zottel nicht verherrlicht, sondern die hilflose Virilität des Skins herausgearbeitet. Da sich die ziellose Gewalt Komas sowieso gegen alles richten könnte, zuallererst aber gegen sich selbst, verkörpert Zottel nur das Andere - auch wenn es Jens Veith sichtlich nicht schwerfällt, den Schmuddel zu geben.
Nicht eine irgendwie zugerichtete bürgerliche Welt ist sein Ziel - auf der Party eines reichen Klassenkameraden werden wir in die frühere Welt Janoschs zurückkehren -, er ist der echte Verweigerer, für den auch Koma sich hält. Der ist aber viel zu sehr Teil des rasenden Proletentums, er träumt vom Aufstieg in die Bürgerlichkeit, wie einst der Alex des Anthony Burgess, der eine Baby-Figur in den Corn Flakes findet, und von Gewalt und Familienidylle gleichzeitig träumt. Komas größte Feindin ist die Sexualität. Sie bedeutet Schwäche, hier wurzelt auch die Verachtung für den Jugendlichen, dessen sexuelle Orientierungsphase nicht abgeschlossen ist - erst mit Freundin, dann mit Freund. Den Geschlechtsverkehr mit Sandra hat er schlicht auf Effektivität ausgerichtet, nicht ohne ironischen Kommentar: Als die Kinder da sind, Zwillingsmädchen, noch ohne Haare auf dem Kopf, stellt er sich mit ihnen stolz ins Wohnzimmer: »Beste Sperma-Ausnutzung. Sind zwar nur Mädchen, aber immerhin Skinheads.«
Was er genau weiß, aber nicht wahrhaben will, ist, dass in den eigenen vier Wänden ein gigantischer Selbstbetrug im Gange ist. Sandra hat den Steinbruch in die Luft gejagt, damit ihre Kinder einen sorgenden Vater bekommen. Diesem Selbstbetrug folgt der nächste, denn die Mutter kann er nicht töten, weil sie Teil seiner Wunschorganisation ist. Zottel ist Ersatzopfer, aber gerade deshalb umso willkommener.
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»Guck mal, Janosch, das hab' ich mir selbst ausgedacht!« ruft Koma, als er Zottel zum Randsteinkick vorbereitet hat. Der rasende Mann, der vom Hooligan zum narzisstischen Mörder mit fester Arbeit wird: In einer zentralen Szene des Films geht es auch um die ideologischen Lieferanten der Ideen. Janosch, der wieder zur Schule geht, bekommt vom Lehrer (Charles Müller) den Kopf mit allem gewaschen, was gut und braun ist (»Wir brauchen eine Reinigung der Gesellschaft«). Es ist die Ideologie der lustfeindlichen Spießerhölle, der Stützen der Gesellschaft, die verdeckt herrscht und nicht offen mit Uniform auftritt. Es ist nicht der Dritte-Reich-Faschismus, sondern es sind die rot-grün-schwarz-gefärbten Butzenscheiben-Gewaltphantasien des sich selbst als unpolitisch definierenden Kleinbürgertums, das sich ständig von Gegnern umzingelt glaubt. Selbst das Gemütliche ist krass: Zu Janoschs Kahlscherung backt Sandra eine Kirschtorte mit der Sprühsahne-Aufschrift »Oi!«.
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»Oi! Warning« ist in Schwarz-Weiß gedreht, aber es ist ein anderes Schwarz-Weiß als bei Wim Wenders. Es ist, als wollten die Redings die Geschichte des sozialen Films einschmelzen und den Kameramann Axel Henschel draufhalten lassen. Der Film synthetisiert so viele Elemente anderer Werke, dass man sich in jeder Szene in »Die große Flatter«, »Raging Bull«, »Ein kurzer Film über das Töten«, bei Eisenstein und Riefenstahl, im dänischen und polnischen Kino wähnen könnte; Komas Anfangsauftritt mit den Lichtbrüchen erinnert sogar an den Erzählduktus von »Independence Day«.
»Oi! Warning« ist einer der mit Abstand dichtesten und überraschendsten Filme dieser Zeit. Gedreht wurde in echten Wagenburgen. Die Hunde haben die ganze Technik vollgeschissen, erinnern sich die Redings. Die Arbeitsdisziplin sei nicht die beste gewesen. »In einer Wagenburg war die Verpflegung vegan«, sagt Benjamin Reding, »die Crew bekam Durchfall. 1997 fiel mein Bruder auf Location-Suche in ein Erdloch und brach sich ein Bein. Das brachte uns nicht eben weiter.«
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Planung und Durchführung und vor allem Geldbeschaffung dauerten fünf Jahre, einige Szenen stammen aus Kurzfilmen, 600 Storyboard-Zeichnungen wurden angefertigt. Der Film hat 856 000 Mark gekostet. Benjamin: »Unsere Vorbilder sind Richard Lester, der drehte mit den Beatles 'Help', 'Asphalt Cowboy' von John Schlesinger, frühe Tony-Richardson-Filme. Ein Jahr vor Produktionsbeginn sahen wir uns bewusst gar nichts mehr an.«
Dominik ist mehr der Regisseur, Benjamin bringt Schauspieler-Wissen mit. Beide sind auch die Produzenten. Seit zwei Jahren ist der Film fertiggestellt und hat auf europäischen und amerikanischen Festivals fünf große Preise geholt. Auf der Berlinale fand eine halboffizielle Vorstellung statt, in der Reihe »New German Cinema«. Weil der Film im Programmheft nirgendwo verzeichnet war, klebten die Regisseure selbst Plakate und verteilten Flyer. Weder im Panorama noch im Forum habe man sich für den Film begeistern können, sagen sie.
Vor einer Aufführung sind sie jedesmal etwas hibbelig: von ihrer Arbeit und hin- und hergerissen, wie sie ihre Schauspieler vorstellen sollen, ohne sie in den Himmel zu loben - verdient haben sie es ohne Zweifel, sie haben Außerordentliches geleistet. Abgesehen von seiner Größe ist Koma-Darsteller Simon Goerts das Monster, das er so unvermittelt wie genial spielt, nicht mehr anzusehen. Es hat etwas von Arbeitsatmosphäre, als seien die Zuschauer als Geschäftsvertreter zu einer Präsentation eines neuen, ungewöhnlichen Produkts anwesend. Wer wäre nicht gespannt, was jetzt kommt?
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Und dann hat es etwas Humoriges, wenn Dominik Reding darauf besteht, das Wichtigste sei ihnen Authentizität und Ehrlichkeit der Figuren gewesen. Deshalb hätten sie ausgedehnte Castings organisiert. Unverbraucht sollten die Schauspieler sein, aber die Arbeit mit den Laiendarstellern in den Wagenburgen von Hannover oder Köln sei auch hart gewesen.
Die Redings haben aus der Authentizität etwas eigentlich vollkommen Unauthentisches geschaffen: ein durch und durch stilisiertes Kunstwerk, einen hervorragenden Film über Jugendliche, ein Ereignis. Wer Ehrlichkeit liebt, wird nicht auf Schwarz-Weiß drehen. Es geht mehr um die Vermeidung des Falschen, wie man es aus Vorabend-Sendungen, deutschen Komödien, Mark-Schlichter-Filmen kennt. Es ist eine Authentizität wie die des Kinderfilms. Man geht hier davon aus, dass die Zuschauer schnell aussteigen, wenn die Geschichte nicht glaubhaft ist. Vielleicht sehen Erwachsene Filme nicht anders. Es sollte in jedem Fall ein Film für die Zuschauer sein.
Dominik Reding: »So genannte kleine Leute in ihren Wohnküchen in Farbe, das wurde uns zu klein, zu pseudo-dokumentarisch. Warum kann man sich viele Farbfilme in Schwarz-Weiß vorstellen, aber 'Metropolis' und 'Casablanca' nicht in Farbe? Aber dass der Film ästhetisch geglückt zu sein scheint, ist natürlich nur die halbe Miete. Die Zuschauer sollen denken, dass Koma wirklich Skinhead ist, Sandra wirklich ein Skin-Girl und Zottel wirklich ein Bauwagen-Punk. Das funktioniert auch gut, denn bei vielen Aufführungen haben wir schon erlebt, dass die Zuschauer restlos verblüfft waren, den echten Koma, eben den Darsteller Simon Goerts, kennen zu lernen, der ein ganz freundlicher, umgänglicher und überhaupt nicht aggressiver Typ ist.«
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»Zottel hat eigentlich nichts offen Schwules. Er ist lebendig, erdig, direkt«, sagt Benjamin Reding. »Er ist schwul, heftig, provoziert, entsolidarisiert. Die Skins wollen alle Helden sein, sie sind wertkonservativ. Der hysterische Held wird in der kleinen überhitzten Wohnküche geboren. Das ist die Brutzelle. Koma akzeptiert nur seine männliche Seite, er reduziert sich, um andere Seiten an sich besser hassen zu können. Er tötet Zottel aus Eifersucht, nicht wegen der Politik. Als Skin würde er das gar nicht machen. Es ist eine Liebesgeschichte, er will die verlorene Liebe zurückhaben. Ich glaube auch nicht, dass es Hass auf Ausländer ist, was die Nazis umtreibt, es ist der Hass auf das Fremde überhaupt.«
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Koma wird zur individuellen Entscheidung gezwungen, zum Mörder wird er ohne die Kumpels. Zum ersten Mal ist er ohne die Gruppe. Selbst Janosch kann nur erwachsen werden, indem er tötet. So steht der Punk für ein sehr einfaches zivilisatorisches Lebensprinzip: niemanden zu töten, nicht mal jemandem den Tod an den Hals zu wünschen.
»Uns interessierte, wie der Mensch an seiner Abschaffung bastelt.« Es sei ja viel von »Betriebe optimieren und Freisetzen« die Rede, der Dax habe nichts Menschliches mehr, glaubt Benjamin Reding, da rede der Nadelstreifen-Fascho. Aber was passiere mit den Anderen? Was bedeute da noch Freiheit? Und was gibt den Leuten noch so etwas Wichtiges wie sexuelle Identität? Janosch sei noch weich, formbar. Was passiert mit dem Jugendlichen durch seine Umgebung?
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»Oi! Warning« ist eine Geschichte von Selbstfindung, Eifersucht, Gewalt. Eine Liebesgeschichte und eine Erzählung über das Andere. Ein ganz normaler Film eben. Das ist für Deutschland nicht unbedingt normal, und deswegen fand er erst vor kurzem einen Verleih, die Potsdamer Nighthawk Pictures. Im September soll er mit 30 Kopien bundesweit starten.
Ein guter Film über Schreckliches ist besser als ein schrecklicher Film über das Gute. So ist die Welt in dieser Geschichte: Sie beginnt mit Gewalt und endet mit Gewalt. Die Bilder dieses Kompendiums bleiben ohne Zweifel noch nach der Filmvorführung im Kopf. Manche Filme haben gute Momente, dieser hier hat keinen einzigen schlechten.
In diesem Sinne haben die Redings ein Filmwissen wieder ausgegraben, das es mal vor 25 Jahren bei deutschen Regisseuren gegeben haben muss. Sollte der deutsche Film eine positive Zukunft haben, sie müsste aussehen wie »Oi! Warning«.
»Oi! Warning«, D 1998. R: Dominik und Benjamin Reding, D: Sascha Backhaus, Simon Goerts, Sandra Borgmann, Jens Veith, Britta Dirks. - Am Donnerstag, dem 20. April, 21 Uhr, erlebt »Oi! Warning« im Berliner Tommy-Weisbecker-Haus, Wilhelmstraße 9, seine Berliner Video-Premiere. Am 26. April wird der Film, der im September ins Kino kommt, auf den Potsdamer Studentenfilmtagen gezeigt.
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