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22. März 2000
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Strahlen nach Zahlen

Weiße Schamanen, Hellseherinnen, Astro-Tarot, Tachyonen-Energie und Aura-Fotografie - es gibt nichts, was es nicht gibt. thomas blum und maik söhler haben sich bei den Esoterik-Tagen 2000 in Berlin erleuchten lassen

Es ist eine Taucherbrille. Aber nicht irgendeine. Links und rechts der seitlichen Gummiklappen sind Kabel angebracht. Viele und vor allem bunte Drähte verbinden die Taucherbrille mit einem Computer. Der Mann davor sagt: »Gut, das reicht jetzt.« Seine Kollegin packt das Pendel weg und holt eine Augenklappe hervor: »Das linke Auge führt, das müssen wir nun abdecken.«

Zehn Minuten muss die Piratenklappe getragen werden, danach beginnt die Prozedur von vorne: Kabelbrille aufsetzen, zurücklehnen, nie das Pendel aus den Augen lassen. Schließlich der Zuruf: »Ich hab's jetzt.« Heraus kommt der Wert 4,3. Rechtsäugig. So bescheinigt es anschließend die AFZ, die Arbeitsgemeinschaft für interdisziplinäre Zusammenarbeit Augsburg.

»Rechtsäugig, das heißt, bei Ihnen dominiert das Kognitive, der Verstand«, erklärt Peter Schmitt von der AFZ. »Aber Sie müssen sich keine Sorgen machen, 4,3 ist ein Mittelwert, der auch auf Ihre emotionalen Fähigkeiten hinweist.« Sein Institut versuche, über Studien zu den Sehgewohnheiten des Menschen einen Beitrag zur »Bewusstseinsforschung« zu leisten. »Reise ins Ich« heißt denn auch das AFZ-Faltblatt, es geht um »Charakteranalyse, Subjekterkennung, Primärvisualität«.

Nur einige Stände weiter macht eine Wahrsagerin deutlich, was sie von Forschung hält: »Gott tut die Arbeit, ich bin nur sein Werkzeug« steht in großen Lettern an der Wand ihrer Schaubude. Und auch Wahrsagerin Lilo A. Pöschke - »sagen Sie lieber Lebensberaterin« - hat es nicht so mit der Wissenschaft: »Es ist einfach eine Gabe.«

Seit 30 Jahren arbeitet sie in ihrem Beruf, die Gabe will sie von ihrem Großvater, einem »Großmeister der Rosenkreuzer«, geerbt haben. Ihr »Schlüsselerlebnis« war ein Traum über den Tod. Später kam auch noch eine kranke Kuh hinzu, die durch Handauflegen geheilt wurde. Immer mehr Bauern aus der Nachbarschaft holten sie zu ihren Tieren. »Ich wusste erst gar nicht, warum. Ich war in einem Alter, da nimmt man das nicht für voll.«

Das änderte sich rasch. »Manchmal gehe ich über die Straßen und schaue die Leute gar nicht an. Wenn ich es täte, würde ich ja ihre Krankheiten sehen. Das belastet mich manchmal sehr stark, dann muss ich einfach wegsehen.« Auch im direkten Kontakt in ihrer »Praxis« schaltet sie meist ein Medium zwischen sich und die Kundschaft. Meistens sind es Karten, die als Vermittler dienen müssen: »Sie sind es, die mich von dem, der mir gegenüber sitzt, ablenken. In den Karten sehe ich gar nichts, aber alles über meinen Gesprächspartner wird ganz deutlich.«

Frau Pöschke sagt nie weiter als ein Jahr voraus. Auch über die Lottozahlen verweigert sie die Auskunft. Unangenehm ist ihr die Partnerberatung: »Wenn einer geht, dann geht er«, stellt sie kurz und knapp fest. Da helfe es wenig, den Alleingelassenen noch Hoffnung zu machen. Die »Lebensberaterin« sagt, sie habe es geschafft. Als Beweis deutet sie auf eine Zeitschrift, die vor ihr liegt: Auf dem Titelfoto ist sie in nachdenklicher Pose abgebildet. Beim späteren Durchblättern stellt sich heraus, dass es nur ein Lesezirkel-Einband ist, der mit der einliegenden Zeitschrift nichts zu tun hat. Vielleicht ist die Lesezirkel-Werbung ja auch nur ein Medium.

Beim »Biofeed-Imaging-System« - wie das »Aura-Fotografieren« hier heißt - greift man ebenfalls zu kleinen Tricks: »Eigentlich braucht man die Kamera nicht, da die Aura von den Akupunktionszonen der Hände abgelesen wird. Aber die meisten Leute sehen doch lieber einen Kopf. Das wirkt irgendwie echter.« Also wird die Aura auf einem Polaroid-Bild einfach um den Kopf gelegt, heraus kommt eine jeweils unterschiedliche, Hendrix-ähnliche Strahlenperücke. Zusammen mit einer dreiminütigen Interpretation hat man für das Ganze dann 45 Mark zu bezahlen.

Handlesen kostet 70 Mark, ein »Engelkontakte-Seminar zum bewussten Umgang mit Engel-Energien« wird für 600 Mark angeboten. In sechs Stunden erhält der Interessierte dafür die Möglichkeit, »unsere seelische Wirklichkeit so tief zu erfassen, dass wir unserem persönlichen Schutzengel begegnen, um dann seine Botschaft ins Licht des Bewusstseins zu tragen.« Die große Tesla Purpurplatte, eine »kleine Antenne, die Informationen aus dem so genannten Schumannsfeld auf die menschliche Aura (durch Resonanz) weitergibt«, erhält man schon für 75 Mark.

Teuer hingegen wird es erst beim Tachyonen-Sternenring als Komplett-Set 99 in 15 Farben: 975 Mark legt hin, wer sich für alle Zeiten vom Internet unabhängig machen will. Denn, so erklärt Christof von Aufsess, der Geschäftsführer der Vertriebsfirma »Galaxy No. 1«, die »Tachyonen in uns und ihre Verstärkung durch Tachyonen-Steine« könnten in Zukunft das World Wide Web überflüssig machen. »Der Trend geht zur Telepathie«, meint der Zukunftsforscher optimistisch.

Aber was sind eigentlich Tachyonen? »Das sind Energien, schneller als das Licht, die es auch in der menschlichen Seele gibt«, sagt der Galaxy-Man. Wer keine 1 000 Mark hat, muss trotzdem nicht darben: Einen kleinen Tachyonen-Donut (20 Millimeter) erhält man schon für 39 Mark. Zumindest bei »Störungen der endokrinen Drüsen« mag das reichen.

Nicht alles kostet Geld, die Vorträge auf der dreitägigen Messe sind komplett kostenlos: »Aura-Soma-Farbmeditation«, »Kontakt zum Jenseits«, »Pyramidenmeditation nach den Schlüsseln des Enock« sowie »Sternenessenzen - Licht und Liebe«. Selbst die »Psychokarmaanalyse, Wissenschaft des 21. Jahrhunderts - Beseitigung von negativen Energieinformationen aus der Aura mit der Hilfe des geistigen Führers« wird für lau angeboten.

Besucht werden solche Veranstaltungen entsprechend rege. Zu einem Vortrag über »Weiße Schamanen, sibirische magische Trance, Einweihung in Phänomene des Schamanismus in Sibirien« kommen 30 bisher Uneingeweihte. Angespannt und aufmerksam folgen sie den Ausführungen von Elena Romanov von Balsamoff und den Demonstrationen ihres Mannes Wladimir: »Schamane hat Rabe gehört schreien, und das sind Zeichen der Natur.«

Die Romanov von Balsamoffs wissen auch einiges über die Geschichte des Schamanismus zu erzählen: In der Sowjetunion verboten, konnte sich »diese vergessene Tradition der Germanen und Druiden« nur in Kamtschatka, einem »geheimnisumwobenen Land in Sibirien«, halten. Wichtig für die Schamanen ist vor allem die Stimme, die viel über die Talente und Neigungen des Menschen aussage: »Maschinen können das nicht.« Auch für die Zukunft sind die Balsamoffs optimistisch: Im 21. Jahrhundert gehe man zum Arzt, der sich die Vibrationen der Stimme anhöre und daraufhin die Diagnose stelle.

Bis dahin muss aber noch viel geübt werden. »Wir versuchen, euch ein wenig energetisch zu öffnen«, sagt Frau Balsamoff und führt durch Arm- und Beinbewegungen den Zuhörern unsichtbare Energieströme zu. Ihr Mann wird indes über das Medium Holzleistchen von »altsibirischen mystischen« Kräften durchgerüttelt. Anschließend bekommen einige Auserwählte Kaffeelöffel an das Handgelenk geklebt - ein Beweis für die Wirksamkeit des »schamanischen Biomagnetismus«. All das wird hier angeführt als ein »Wissen und Tun, das man nicht in Büchern lesen kann.«

Dafür aber ist es auf CD erhältlich: 50 Mark kostet eine »mit positiver Energie aufgeladene« Scheibe, die den Hörer, Sie ahnen es schon, »energetisch auftankt«. Doch zum Äußersten kommt es diesmal nicht: »Wir haben schon schwebende Stühle hier gehabt, heute aber ist dafür zu wenig Zeit.«

Auch Irene Dütsch schafft in ihrem Vortrag »Light Body - Erweckung des Lichtkörpers« an diesem Tag nicht alles, was sie sich vorgenommen hat: »Wir gehen in Lichtkörperzentren ein, werden strahlend und haben keine Gedanken mehr. Es kommt der Moment, wo die Gedanken verschwinden. Es gibt dann einen gedankenfreien Raum.« Aber nur 20 Besucher sind gekommen, um ihr Hirn an den Nagel zu hängen, fünf gehen sogar vorzeitig. Frau Dütsch muss sich zurücknehmen und auf Nebenkriegsschauplätze ausweichen. Nun geht es um US-Amerikaner, die »zusammen channelten, Kraftplätze in der Wüste suchten« und daraufhin »Energiezentren erfuhren«.

Diese Energiezentren weiterzugeben, das ist die Mission von Frau Dütsch. Über Töne, Klänge und Visualisierungen werden sowohl »Emotionalkörper als auch Mentalkörper« ins »Fließen« gebracht, so entsteht eine »unvorstellbare Harmonie«, ein Gefühl, »das ins Tagesbewusstsein tröpfelt.« Das alles zusammen genommen nennt sich dann »Light Body Awakening« und hat ein »Strahlendwerden« zur Folge. Eine Freundin von ihr praktiziert das »im Liegen und abends im Bett«.

Ums Bett geht es auch anderen. Das Schlafzimmer als Brutstätte schlechter Schwingungen hat der Feng-Shui-Experte Alexander Sager vom Paravent-Shop ausgemacht. »Nie mit dem Kopf zur Wand schlafen«, ist sein erster Ratschlag, sondern »immer zur Zimmermitte hin.« Wenn alles nichts hilft, zum Beispiel in großen Räumen, wo sich das Bett in der Mitte des Raums verlieren würde, muss ein Paravent her. Denn der verhindert, »dass die eindringende kosmische Kraft direkt auf den Schlafenden prallt.«

Aber Paravent ist nicht gleich Paravent: »Blautöne schaffen eine behagliche Atmosphäre und Orange oder Apricot-Töne sorgen eher für Belebung.« Herr Sager ist erst sehr spät zur Esoterik gestoßen, er betrachtet sich als »pragmatischen Menschen«, der seine »Nische« im Bereich der Wohnraumberatung gefunden hat.

Nicht alle Aussteller sind so pragmatisch. Wissen ist Macht, und nur die wenigsten sind eingeweiht. Deshalb wird jeder Aussteller zwangsläufig zum Aufklärer. Ob Reinkarnationsberater, Astrotarot-Deuterinnen, Klangmasseusen, Synergetik-Therapeuten, Geistheiler oder Aloe-Vera-Heilerinnen - sie alle eröffnen Welten, die von einer an der reinen Ratio orientierten, verkopften Wissenschaft bewusst nicht behandelt werden. Auf die Formel: »Angesagt sind Kopf und Bauch, Aura auch« ist die esoterische Grundhaltung von berufenen Kritikern bereits gebracht worden. Das wollen die Betroffenen nicht auf sich sitzen lassen und kontern mit ihrem Selbstverständnis: »'Was bringt es?', fragte der Kopf. 'Nichts', sagte das Herz, 'aber es tut gut.'« Eine Philosophie, die ausnahmsweise preiswert zu erwerben ist. Als Postkarte für 1,60 Mark.

Dabei geht es nicht nur um Weiches, Feinstoffliches und Energetisches, sondern durchaus auch um handfeste Sachen. Steine zum Beispiel. Als Amulett, als pyramidalen Aschenbecher, in der Form des bunten, lieblich plätschernden Zimmerspringbrünnchens oder einfach als »Heilstein«. Aus Atlantis natürlich: Er heißt Larimar-Stein und hat die »Kraft des blauen Himmels, mit wandernden weißen Wolken, und die Tiefe und Klarheit des blauen karibischen Meers, mit sanft fließendem, tragendem Wasser.« Besonders wirksam ist er, so wird von Edelsteinheilkundlern versichert, »im Bereich des fünften Energiezentrums, des Hals-Chakras.«

Hals-Chakra und Larimar? Geht denn das zusammen? Nein, so meint Frans van den Heuvel, der zwar auch Chakra-Sets verkauft, für eine Bronchitis aber immer noch Rutilquarz, Aquamarin und Bernstein empfiehlt. Ganz nebenbei: Bernstein ist auch gut gegen den »Bösen Blick«, einen Kropf und Depressionen. Schweißfüße, Trunk- und Wassersucht sowie Brandwunden hingegen sind mit einem Amethyst zu bekämpfen. Wollen Sie einem Sturz vorbeugen, tragen Sie immer einen Turmalin mit sich. Hatten Sie eine Fehlgeburt? Nehmen Sie doch den Rubin. Aber bitte nur am Dienstag. Denn rote Steine sind dem »Tag des Mars« vorbehalten.

Erkenntnisse, die nicht auf Bäumen wachsen. Da tut ein weises Wort zur rechten Zeit einfach gut. Zumal es vom Steinphilosophen zum Seinsphilosophen nur zwei läppische Buchstaben sind: »Der Verzicht nimmt nicht, der Verzicht gibt. Er gibt die unerschöpfliche Kraft des Einfachen.« Angeführt wird diese tiefe Weisheit des Alm-Öhis der deutschen Geistesgeschichte von der Selbsthilfegruppe für psychosomatisch Leidende e.V. Und da sage noch einer, Martin Heidegger sei schwer zu verstehen.


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