Auch wenn man sich im Vorfeld durch gezielt inszenierten Medien-Rummel so peinliche Feinde erarbeitet hat wie die Landesmedienanstalten, Otto Schily und Maybritt Illner, muss das noch lange nicht bedeuten, dass man deswegen selber auch nur ein bisschen weniger peinlich ist. Schon bei der Vorstellung der zehn Kandidaten, die sich in der vagen Hoffnung auf eine viertel Million Mark in die »Big Brother»-Baracke einschließen ließen, musste man sich stellvertretend sehr schämen: für den Barbesitzer und selbst ernannten Frauenhelden Alexander, der nackig auf seinem Motorrad posierte, für Schauspielerin Kerstin mit dem unbedingten Willen zum Ruhm, für Erotikmodel Jana, die vorher schon per Bild ausrichten ließ, ihre Liebeskugeln mitzunehmen, für den schleimigen Familienvater Jürgen mit dem grausigen Kölner Akzent, für den Ossi John mit dem schlichten Ex-Hausbesetzer-Gemüt und den hässlichen tätowierten Waden, für Manuela, die sich wie eine zweite Claudia Schiffer fühlt, für Andrea, die sich von der Prämie eine Brustvergrößerung kaufen will, und für Slatko, Despina und Thomas - gegen die nichts weiter vorliegt - eigentlich auch, denn sie machen bei dem Unfug mit.
»Einen bunten Mix an Menschen« hatte RTL II zuvor versprochen, aber schon am ersten Abend wird klar, dass es sich bei den Versammelten um zielgruppenkompatible Waschbretthirne handelt, die im alltäglichen Schwachsinnsmiteinander gut funktionieren. Beim Casten wurden die Vorgaben der Daily-Soap-Schablone (jung, körperbewusst, spaßorientiert, geistfern) mitsamt dazugehöriger Ausländer- und Homosexuellen-Quote peinlich genau beachtet, und so war es auch nicht verwunderlich, dass die Kandidaten sich sofort im adäquaten Rollenverhalten übten: Die Jungs bodybuildeten gemeinschaftlich auf dem Hof, während die Mädchen sich drinnen am Fenster die Nasen platt drückten - so sieht die glückliche WG 2000 aus. Deren Bewohner trotzdem nie vergessen, dass am Ende der nächsten Woche einer das »BB»-Haus verlassen muss.
John benimmt sich daher gleich wie ein Ossi, der geliebt werden will. Steht schon um sechs auf, um für alle das Frühstücksbrot zu backen, ist ständig da, wenn er gebraucht wird und nervt ungeheuer. Schon am zweiten Tag zeigt sich, dass es ein Fehler war, dem Osten ungehemmten Zugang zu Fernsprechanlagen einzurichten: John führt die Beliebtheitsskala beim Publikum unangefochten an. Auch die anderen Kandidaten bemühen sich sichtlich, ihre soziale Kompetenz zu demonstrieren, pausenlos wird Verständnis gezeigt und gesmalltalkt, selbst bei der Einkaufszettel-Diskussion traut sich niemand, auf individuellen Bedürfnissen zu bestehen.
So kann das nicht weitergehen, steht schon nach kurzer Zeit fest, und deswegen werden den Kandidaten vom »Big Brother« nun saudebile Animationsaufgaben gestellt. Eine Büttenrede soll verfasst werden, was den Karnevalsjecken Jürgen in die Ekstase treibt. Mit viel verkrampftem »Tätää« trägt man am Abend ein paar sich mühselig reimende Verse vor und landet aus unerfindlichen Gründen vollzählig und angezogen in der engen Duschkabine. Um am nächsten Morgen erst um elf aufzustehen, was das Frühstück extrem verzögert, obwohl jedem Bewohner per Basisbeschluss nur sechs Minuten Duschzeit zugestanden werden. Johns Eifer hat überdies schon nachgelassen, der Mann backt nicht mehr, sondern schläft wie Slatko ausgiebig aus.
Wahrscheinlich, weil jede Minute Schlaf eine Minute weniger gruppendynamischen Smalltalk bedeutet. Übers Klo beispielsweise. Was man dort tut, wird zwar nicht von der Nation beobachtet, aber »aus Sicherheitsgründen« von der Regie. Erste Verdauungsprobleme haben sich deswegen schon eingestellt, »das Kacken unter erschwerten Bedingungen« muss man erst lernen. Aber wenigstens erfährt der Zuschauer, was ihm entgeht: Alle gehen zum Nasepopeln aufs Klo.
Am Abend des dritten Tages kommt es zu einer Politdiskussion. »Die rechtsradikalen Parteien kann man ja auch nicht wählen, eigentlich«, sagt Nicht-Wähler Jürgen, alle nicken, während der arbeitgebende Porschefahrer Alexander zu einer flammenden Rede gegen das Sozialschmarotzertum ansetzt: »Man müsste das Arbeitslosengeld um 50 Prozent runtersetzen.« Wieder nicken alle, nur Slatko nicht, der verträumt in den Ohren bohrt. So geht das weiter, bis man schließlich beim Sex landet. Sex wird unbedingt erwartet. »Wer schläft zuerst mit wem?« hatte sich Bild schon am Tag zuvor gefragt, denn: »Ganz Deutschland wettet.«
Weswegen die Nation dem Geschlechtsverkehr so entgegenfiebert, ist dabei eher unklar, denn die auf die Schlafzimmer gerichteten Nachtsichtkameras liefern die bekannten grün leuchtenden Bilder, die man eher mit Bomben auf Bagdad assoziiert. Und überhaupt, »guten Sex kann man hier sowieso nicht haben«, sind sich die männlichen moving targets einig, nur Softie Thomas macht den TV-Spannern Hoffnung: »Vor laufender Kamera zu versagen, wäre für mich kein Problem.«
Bei der täglichen Einzelbefragung präsentiert sich der anspruchslose John weiterhin unverdrossen begeistert und mahnt sogar noch eine Forcierung des Strafvollzugs (»Big Brother»-Motto: »Back to Basic«) an: »Ich find's ein bisschen weich hier drinnen, denn die Lebensmittelversorgung ist ja fast besser als zu Hause.« Kerstin lässt ihre übliche Mischung aus Psycho-Gequatsche und Schauspieler-Blaba ab, Jürgen »belastet, dass meine Freunde da draußen alle Karneval feiern«, Jana findet's »toll hier«, Despina vermisst »die freie Sicht und Knuddeln«.
Nur der etwas verbrauchte Alt-Macho Alexander aus Köln unterhält sich so zwanglos mit Pig Brother (einer unsichtbaren Regieassistentin) über mögliche kommende »Nümmerchen«, dass einem sofort der Verdacht kommt, hier habe die RTL II-Crew ihren Stammkneipier mit der Aussicht auf Frischfleisch in die Sendung gelockt.
Nur Manuela, die zwischendurch die Beliebtheitsskala anführt, ist nach vier Tagen Haft schon eher seltsam drauf: »Ich habe heute zum ersten Mal Fisch gegessen und sitz hier mit einer Sonnenbrille, aber die ist nur geliehen und alle müssen denken, ich bin total durchgedreht«, erzählt sie mit leicht hysterischem Unterton und fährt fort: »Ist auch geil, dass mich hier jeder schon als Spielzeug benutzt.« Der müden Andrea verbietet sie später, schon um zwölf ins Bett zu gehen, »denn wir haben doch ausgemacht, dass wir immer alle zusammen die Zähne putzen«. Manuela ist offenbar heiße Anwärterin auf den ersten Baracken-Koller. Und den kann die Sendung dringend gebrauchen, denn mit ödem Beziehungs-Talk und sturzpeinlichen Infantilo-Spielchen ist sie bis jetzt die langweiligste Privat-TV-Sendung aller Zeiten.
Dabei könnte das Leben der zehn Wohncontainer-Insassen von Köln doch so einfach sein. »Zwei Millionen Mark sofort, oder wir tun gar nichts!« könnte eine überdies quotensteigernde Forderung an RTL II lauten, der man vielleicht mit dem Zuhängen der Kameras und einem Sitzstreik ein wenig Nachdruck verleihen könnte. Und rauswählen würde man natürlich auch niemanden. Nach nur wenigen Tagen, an denen zur Hauptsendezeit Bilder von nichtstuenden Menschen über die Bildschirme gelaufen sind, würde John de Mol totsicher weich werden, und nach 100 Tagen könnte man die Kohle aufteilen und gemeinsam nach Hause gehen. Denn was kann der Big Brother schon gegen einen Haufen fest entschlossener Kandidaten tun? Die Baracke von den Bullen mit Tränengas einnebeln und dann räumen lassen?
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