»Trotz zahlloser Zeitungsartikel und Porträts schien mir Frau Feldbuschs Person immer noch leer. Deswegen habe ich versucht, ihre Kindheit und Pubertät im Sinne des Aristoteles zu rekonstruieren: so wie es wahrscheinlich ist. Ahnungsvoll glaube ich, mit dieser Art Roman-Essay der Wahrheit ziemlich nahe gekommen zu sein.«
Der Philosoph und Sozialwissenschaftler Jürgen Roth über sein Buch »Verona Feldbusch - Roman eines Lebens« in einem Interview mit der Woche vom 3. März
Polen pornofrei
Das polnische Parlament hat vergangenen Freitag mit knapper Mehrheit ein vollständiges Verbot jeder Art von Pornografie beschlossen. Als pornografische Darstellung gilt die Abbildung von Geschlechtsorganen. Wer sich nun mit dem Schmuggel von Heften und Videokassetten bereichern möchte, muss mit einer Haftstrafe von zwei Jahren rechnen, in Fällen von »schwerer Pornografie« sogar mit fünf Jahren. Internetsurfen und der Besitz von Satellitenschüsseln oder Kabelanschlüssen sind jedoch weiterhin erlaubt.
»Tresor« bleibt
Seit vielen Jahren gibt es ihn - den »Tresor«, die Techno-Institution in Berlin-Mitte. Die Aufregung der frühen Jahre ist aus den Hallen gewichen, jedes Jahr zur Love Parade bietet er noch einmal die Exzessivität und Freude der frühen Tage, doch ansonsten herrscht in der Leipziger Straße business as usual. Techno und House. Das ist alles nicht sonderlich aufregend. Weil das Nachtleben aber von Aufregungen lebt, wird einmal im Jahr Alarm gegeben. Dies könnte unser letzter Geburtstag sein - Hilfe! Kommt jetzt, oder es ist zu spät! Nur dieses Jahr ist alles anders. Zwar wird auch heuer Geburtstag gefeiert, aber diesmal war der Tagesspiegel schneller und vermeldete, der »Tresor« müsse schließen. Alarm! Faxe aus Tokio und Hinterzarten rollten in der Leipziger Straße ein, und der »Tresor« fühlte sich bemüßigt zu dementieren: Stimmt alles gar nicht. Wenigstens nicht so richtig, denn bedroht sei er natürlich schon, wegen der Immobilie, Nähe Potsdamer Platz und überhaupt. Aber er macht nicht dicht. Wenigstens erst mal nicht. Dann vielleicht doch. Irgendwann sowieso. Bis dahin geht aber alles so weiter wie bisher. Mit Geburtstagen und Rückblicken und der Zurschaustellung des Erreichten.
Twen FM geräumt
Ungefähr ein Jahr lang gab es ihn, Twen FM, ein Piratensender für die Berliner Innenstadtbezirke. Illegal, unprofessionell und mit viel Liebe und Enthusiasmus von allen am Leben erhalten, die in Berlin Platten drehen können. Jeden Tag sendete er von 18 Uhr bis spät in die Nacht, fast jede Spielart von Musik lief auf Twen FM, all das zumindest, was auch in Berliner Clubs gespielt und auf den restlichen Berliner Radios nicht gesendet wurde. Twen FM funktionierte nicht nach dem Prinzip »Radio Hafenstraße« - explizite Politik war kein Thema -, sondern eher so wie die Londoner pirates, die Nacht für Nacht die Stadt mit dem neuesten Drum'n'Bass oder Underground Garage versorgen. Wo es keine Repräsentanz für das gab, was im Nachtleben gespielt wird, lieferte Twen FM genau das.
Nun ist der Pirat bis auf Weiteres aus dem Äther geflogen. Am Freitagabend vergangener Woche wurde der Sender wegen »illegalem Sendebetrieb« geschlossen. Zwanzig Polizisten stürmten die Räume, hielten alle Anwesenden für anderthalb Stunden fest und beschlagnahmten sämtliche Technik, deren sie habhaft werden konnten.
Michael Leckebusch
Der Erfinder des »Beat-Club« und des »Musikladen«, Michael Leckebusch, ist tot. Der von Radio Bremen produzierte »Beat-Club« war die erste Sendung, die das deutsche Fernsehen für die musikalischen Innovationen des anglo-amerikanischen Pop öffnete. Von 1965 an traten hier britische und amerikanische Beatgruppen auf, moderiert von der teenage craze-adäquat aufgedrehten Uschi Nerke, begleitet von einem genauso euphorisierten Publikum. Von 1972 an war der Mann mit dem schönen Namen für den »Musikladen« verantwortlich, der in psychedelischer Farbe das Format in die Siebziger transportierte. Leckebusch war außerdem für die Entwicklung der Sendungen »Extratour«, »Eurotops« und »III nach Neun« verantwortlich. Er wurde 62 Jahre alt.
Alphons Silbermann
Er war Soziologe, Jude, schwul und ein bezaubernder Talkshowgast - Alphons Silbermann. 1909 als Sohn eines Druckereibesitzers in Köln geboren, studierte er Soziologie und Musikwissenschaft. Als er vor den Nazis fliehen musste, führte ihn sein Weg über Holland und Paris nach Australien, wo er 1944 als Dozent an das Konservatorium von Sydney berufen wurde. Anfang der Fünfziger kehrte Silbermann nach Europa zurück, lehrte in der Schweiz und in Frankreich und erhielt 1970 einen Lehrstuhl für Kunstsoziologie an der Kölner Universität.
Er beschäftigte sich sowohl mit Musik und Literatur, den Küchen und Badezimmern der Deutschen als auch mit Vorurteilen im Allgemeinen und dem Antisemitismus im Speziellen. Erst kürzlich erschien die Studie »Auschwitz: Nie davon gehört?«. Er habe »die Soziologie« in Form von Diskriminierung, Verfolgung und Vertreibung schließlich »am eigenen Leib erfahren«. Seinen australischen Pass gab er nie ab. Am vergangenen Samstag ist Alphons Silbermann im Alter von 90 Jahren in Köln gestorben.
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