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19. Januar 2000
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Drinnen und Draußen I

La Dolce Vita

Der Aufenthalt in deutschen Knästen ist das reinste Vergnügen. Egon Krenz kommt momentan in den Genuss. Der 14. Januar 2000 wird ihm wohl auf ewig in guter Erinnerung bleiben: der erste Tag in seiner »Nobel-Zelle« (B.Z.) in der JVA Hakenfelde. »Ganz gelöst im Hier und Jetzt« (B.Z.) spazierte Krenz über den Hof des Gefängnisses, Hofgang hat er, »wann immer er will« (Bild). Dieser Knast ist eine ziemlich komfortable Ferienanlage, völlig »ohne Gitter vor den Fenstern, ohne Anstaltsmauern, ohne Wachtürme« (Die Welt). »Auch Lektüre ist erlaubt, natürlich«, berichtet Die Welt aus dem Innern des Grand Hotels der letzten deutschen Sozialisten und fragt sich sogleich: »Was mag der 62jährige gelesen haben - Oskar Lafontaines 'Mein Herz schlägt links' oder doch wieder Marxens 'Kapital'? Wir wissen es nicht.« Wir haben aber so eine Ahnung.

Viel zum Lesen dürfte Krenz bisher nicht gekommen sein. Er fand schnell Freunde und somit den nötigen Zeitvertreib. Gleich am ersten Tag begrüßte ihn Günter Schabowski mit den Worten: »Guten Tag, Egon, ich freue mich, Dich hier zu sehen« (Berliner Kurier). Auch seine beiden türkischen Zellengenossen scheinen dufte Typen zu sein (»Verurteilt wegen Seriendiebstahls, Einbruch«, Bild), und ein Mitgefangener hat ihm schon Geld gepumpt zum Telefonieren. Wer sagt's denn. So weit fühlt sich der Knast-Promi also »krenzfidel« (B.Z.). Nur selten kommt es zu solch feindseligen Aktionen gegen ihn wie bei seinem Verdauungsspaziergang: »Eine Katze faucht ihn an, Krenz schnalzt zurück« (Bild). Alles in allem beste Aussichten: »Lockeres Knastleben für Krenz« (Bild). Dolce vita.

Dabei ist Kost und Logis für den Mauerfreak momentan noch umsonst. Erst wenn er Freigänger wird, muss er blechen: 199,75 Mark pro Monat für die Einzelzelle plus 78 Mark für das Frühstück und 139 Mark für Mittag- und Abendessen. Bei solchen Preisen wird mancher es sich überlegen.

Nur die Anhänger der PDS lamentieren über die »Siegerjustiz«. Siegerjustiz? Loser-Justiz! Es hätte wirklich härtere und gerechtere Strafen gegeben: Mit dem 35-Mark-Ticket quer durch deutsche Gaue fahren. Zwölf Stunden am Tag Anke Engelke gucken. Oder nur noch Springer-Presse lesen. Wandlitz war gegen Hakenfelde Iso-Haft, ein Verstoß gegen die Menschenrechte.

Nein, nein, liebe Justitia, irgendwas ist da schief gelaufen. Dem Krenz geht's doch im Knast besser als dem Kohl in Freiheit. So war das mit der Wiedervereinigung nicht gemeint. Die einen genießen den humanen Strafvollzug und die anderen werden von der Presse terrorisiert, weil sie honorigen Leuten ihr Ehrenwort gegeben haben. Während Krenz schon Freunde im Knast gefunden hat, steht der Kanzler der Wiedervereinigung allein mit dem Rücken zur Tresorwand. So wird Freiheit zur Kerkerblume.

Also Vorsicht, Genosse Krenz, jetzt bloß nicht wegen guter Führung vorzeitig entlassen werden! Der Kunzelmann hat das verstanden: Draußen ist feindlich.

stefan wirner


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