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| | Von Worten und Taten
Gibt es eine philosophisch begründbare Pflicht zum Widerstand gegen eugenische Theorien? Gespräch mit Stephan Eberle, Dozent am Philosophischen Seminar der Universität Braunschweig Sie haben sich gegen die Durchführung eines Proseminars gewandt, das auf der Grundlage der "Praktischen Ethik" des umstrittenen Peter Singer stattfindet. Gleichzeitig unterstützen Sie öffentlich eine Gegenveranstaltungsreihe des Asta in Braunschweig, bei der Kritiker und Kritikerinnen insbesondere aus dem Behindertenbereich zu Wort kommen. Es heißt, Sie hätten deshalb keinen weiteren Lehrauftrag in Braunschweig bekommen. Was stört Sie an Peter Singers Thesen? Eine Diskussion über die Thesen von Singer ist grundsätzlich wichtig, aber das Entscheidende ist, in welcher Weise und von welcher Position aus. Die Worte sind, wie die Gegenveranstaltungen aufzeigen, nicht allzuweit von den Taten entfernt. Der Vorwurf an Peter Singer ist, eine ethische Grundlage für eugenische Auslese zu liefern. Und damit sind wir eben nicht mehr allein in einer philosophischen Debatte, sondern in einem soziologischen, gesellschaftstheoretischen oder politischen Diskurs. Singers Thesen vermitteln den Anspruch, Grundlage zum Handeln zu sein. Sie beschäftigen sich mit "Sterbehilfe", dem "Lebenswert" von Schwerbehinderten und wollen Entscheidungshilfen für ethische Fragen u.a. in der Medizin sein. Singer geht es darum, bestimmte Bastionen von vorhandener Moral - ich gebrauche diesen Ausdruck mit Vorbehalt - niederzureißen. Das ist für ihn die große Bastion, gegen die er ankämpft: Der Mensch macht in der Regel einen Unterschied zwischen dem Töten von Tieren und von Menschen. Singer versucht, diesen Unterschied zu untergraben. Er versucht, den Menschen neu zu definieren. Ein Tierschützer, der aber Behinderte und schwerkranke Leute gleichsetzt mit Tieren oder gar als weniger wert bezeichnet... Hier wird mit rationalen Argumenten, die sich gleichzeitig als rationelle, güterabwägende geben, versucht, vorhandene Grundgefühle auszuschalten. Ich sehe da übrigens eine merkwürdige Übereinstimmung mit den Dingen, die von der Scientology-Sekte vertreten werden. Es gibt jedenfalls starke Affinitäten: Der Ethikbegriff spielt für die Scientologen eine ganz große Rolle, knüpft an die Ethikbeflissenheit in den westlichen Ländern an und hat die Aufgabe, Gegenabsichten auszuschalten. Den sogenannten Ethik-Offizieren der Scientologen werden strafende und eingreifende Möglichkeiten zugestanden. Das ist interessant, auch wenn ich Singer nicht unterstelle, Scientologe zu sein. Ethik wird hier - wie auch anderswo - dazu benutzt, Gegenabsichten zu neutralisieren. Das ist eine neue Tendenz innerhalb der Philosophie selbst: Ethik gilt nicht etwa als eine philosophische Erörterung im Zusammenhang mit den übrigen philosophischen Wissenschaften, sondern steht im Dienst ganz bestimmter gesellschaftlicher Tendenzen oder Interessen. Das können wir im Bereich der Bio-Ethik sehr deutlich beobachten, und aus diesem Grunde ist der Widerstand so wichtig. Wir haben als Faktum, daß große Industrieunternehmen wie etwa Siemens, daß Vereinigungen oder Gruppierungen der Gesellschaft sich Ethik-Vertreter oder Philosophen, die behaupten, Ethik zu machen, halten. Ist das wirklich neu? Daß Wissenschaft nichts Unabhängiges ist und etwas mit Machtverhältnissen zu tun hat, ist doch ein alter Hut. Die Philosophen haben zumindest zu einem großen Teil immer versucht, das Gegenteil zu beweisen. Philosophie hat immer etwas mit dem Allgemeinen zu tun. In dem Moment, wo solche Texte wie die "Praktische Ethik" von Singer als Grundlage für ein Proseminar gewählt werden und damit prüfungsrelevant sind, sehe ich die Aufgaben eines philosophischen Seminars verletzt. Denn der Text erfüllt nicht die Anforderungen, die man normalerweise an einen solchen Text stellt, daß er zum Beispiel logisch-konsistent gearbeitet ist, daß er einführt in die Probleme der Philosophie. Singer hingegen versucht, Gegenabsichten, Gegenmeinungen aus der Welt zu schaffen, führt aus der Philosphie heraus. Es werden die gegensätzlichen Positionen unseriös mit Totschlagargumenten beiseite geschoben. Und das wird nun Studienanfängern an die Hand geben als Einführung in die Ethik, hat naturgemäß damit eine gewisse prägende Wirkung. Es handelt sich um subtile Verhetzung ohne ein kritisches Gegenbild. Mit einem solchen Grundlagentext ist die Aufgabe eines solchen Seminars völlig verfehlt. Es geht Ihnen also nicht um ein generelles Diskussionsverbot? Man sollte auf jeden Fall über Singer diskutieren. Vom hiesigen Asta wird - in kritischen Gegenveranstaltungen - in einer sehr hochkarätigen Weise ein Diskussionsangebot dafür geliefert. Die "Praktische Ethik" von Peter Singer ist eine Propagandaschrift, deren Argumentation völlig unzureichend und philosophisch unhaltbar ist. Ein Beispiel, bitte. Wie werden Grundsätze eingeführt, wie werden sie begründet, wie werden Folgerungen daraus gezogen? Ein sehr eingängiges Beispiel ist, wie er Kant behandelt. Singer wendet sich im Rahmen seiner erklärten Gegnerschaft zum "jüdisch-christlich geprägten Menschenbild" gegen die Religionen und bezieht sich in diesem Zusammenhang auf das Versprechen ewiger Seligkeit. Das ist schon mal ein sehr banaler Begriff von Religion. Immanuel Kant sei ein gläubiger Christ gewesen. Eine solche Argumentation ist ausgesprochen oberflächlich und ein Beispiel für rhetorische Argumentation, die ich nicht als eine philosophische verstehe. Die Kontroverse wird vor allem zum Thema eugenische Aussonderung und Sterbehilfe geführt. Ja, und daß Peter Singer als radikaler Tierschützer gilt, ist auch noch ein bißchen bekannt. Er hat aber auch in der "Praktischen Ethik" ein Kapitel, in dem es um internationale Bevölkerungspolitik geht. Er vertritt, grob zusammengefaßt, daß Hilfe nur noch an diejenigen Länder gegeben werden solle, die ein geburtenpolitisches Programm durchsetzen, das im Ergebnis einem an westliche Maßstäbe angenäherten durchschnittlichen Bruttosozialprodukt entspricht. Diese Aufforderung, Menschen verhungern zu lassen, wenn sie nicht ihre Kinderzahl beschränken, liest sich darwinistisch. Wie steht es mit den Menschenrechten bei Peter Singer? Das ist die interessanteste und wichtigste Frage. Wenn ich mich als Lehrender gegen die eigene Fakultät wende, dann muß es dafür sehr wichtige Gründe geben. Und ich denke, daß die Menschenrechtsfrage einer ist. Die Utilitaristen, zu denen sich Singer zählt, lehnen traditionsgemäß die Annahme von "natürlichen Rechten", Grundrechten oder Menschenrechten ab. Der Ahnvater der Utilitaristen, Jeremy Bentham, nennt solche Rechte "Unsinn auf Stelzen". Mir ist vorgeworfen worden, auch dem Asta hier, daß, wer eine derartige Diskussion im Proseminar verhindern möchte, das Grundrecht auf Meinungsfreiheit in Frage stellt. Offensichtlich kollidiert hier die Meinungsfreiheit mit einem anderen Grundrecht, bzw. mit der grundlegenden Vorstellung vom Menschen, mit dem Grundgedanken, daß der Mensch völlig unabhängig von seinen sonstigen Eigenschaften Rechte hat. Es handelt sich aber bei Singers propagandistischen Thesen um einen Mißbrauch der Meinungsfreiheit, wenn das Lebensrecht von Menschen in Frage gestellt wird. Das zu übersehen, ist vom utilitaristischen Standpunkt aus konsequent, aber inkonsequent ist dann, uns vorzuwerfen, wir würden die Meinungsfreiheit in Frage stellen. Das ist ein Scheingefecht, denn es kann kein Grundrecht auf Meinungsfreiheit geben, wenn es nicht einmal Menschenrechte gibt, an deren Annahme Meinungsfreiheit gekoppelt ist. Ich teile diese Ansicht nicht. Es muß möglich sein, einen solchen Diskurs über Lebensrechte zu verbieten, zu unterbinden, zumindest zu sagen, daß man ihn nicht möchte. Gibt es eine philosophische begründbare Pflicht zum Widerstand? Jeder Gedanke, den ich äußere, hat eine bestimmte mitmenschliche oder letztlich gesellschaftliche Realität. Meines Erachtens ist es die besondere Aufgabe der philosophischen Wissenschaften, von dieser Realität her wieder zurück auf sich selbst zu reflektieren. Ich halte nichts von der Wissenschaft, wie sie gemeinhin propagiert wird, die versucht, immer neutral zu sein. Ein Philosoph hat die Aufgabe, eine eigene Position zu finden. "Erkenne dich selbst" - in jedem Urteil, ob ich will oder nicht, ist eine gesellschaftliche als auch die eigene Position mit enthalten. Wie kann ich zu einer Selbsterkenntnis kommen? Ich muß eine eigene Überzeugung bilden. Insofern ist es nur natürlich, daß die Philosophie immer auch ethische Konsequenzen gezogen hat. Und in solch einem Fall wie Singer zu schweigen, bedeutet bereits Tun durch Unterlassen. Insofern habe ich mich veranlaßt gefühlt, in diesem Fall meine Überzeugung zu äußern, obwohl ich das Prinzip der Loyalität gegen das eigene Seminar vielleicht verletzen mußte.
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