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| | Entschiedene Bewegung
Tausende protestierten gegen die Kriminalisierung von Gegnerinnen der modernen Reproduktionstechnologien. Ein Nachruf auf die feministische Szene der achtziger Jahre "Aber dann ging sie zur Untersuchung in die Klinik, und man sagte ihr, daß das Baby kein Down-Syndrom hätte, dafür aber eine Spina bifida. Sie rieten ihr mit allem Nachdruck zu einem Abbruch. Kate ging nach Hause, um alles noch einmal zu überdenken. (...) Zwei Nächte lang kämpfte sie mit der Phantasie, das Baby zu behalten, egal wie geschädigt es sein mochte. (...) Aber schließlich tat sie es natürlich doch. Die Phantasien waren böse Versuchungen. Sie hatte nicht das Recht, Leiden in die Welt zu setzen. So argumentierte sie, und sie wußte, daß es richtig war." (Margret Drabble: "Porträt einer Tüchtigen", rororo neue frau 1982)
Kate, die frauenbewegte Journalistin, Mutter und Dritte-Welt-Engagierte, war ihrer Zeit voraus, soweit Romanheldinnen dies vermögen. Margret Drabble, als links geltende feministische Autorin aus London, hat ihrer sympathischen, emanzipierten und sich mit den üblichen patriarchal versauten Liebhabern aus der linksliberalen Szene herumquälenden Romanfigur bereits zu Beginn der achtziger Jahre die Last einer späten Schwangerschaft auferlegt. Das Thema allerdings wird vergleichsweise schnell und mit einem deutlichen Moralhinweis abgehakt: Mit unhinterfragter Selbstverständlichkeit entscheidet die linke Feministin Kate, die ansonsten sehr zum Reflektieren neigt, abzutreiben. Sie weint ein paar Tränen, aber es gibt eben keinen anderen Ausweg. Ein behindertes Kind in die Welt setzen? Nein. Kate will solch unnötiges Leid vermeiden. Damit meint sie nicht einmal sich selbst, die Arbeit - sie würde dies schon irgendwie schaffen. Sie meint damit, folgt man der Argumentation des Romans, das Leid, das auf das potentielle Kind, den Embryo, sicherlich zukäme, wäre es ins Leben gebracht. Zehn Jahre später, seit Beginn der neunziger Jahre, hat eine solche Argumentationskette einen Namen bekommen: Mit den Auseinandersetzungen um die Thesen des australischen "Bio-Ethikers" Peter Singer und anderer selbsternannter Leidverminderer schwappte der Vorwurf eugenischer Aussonderungsideen und -praxis bis hin in die Linke und die Frauenbewegung. Die Kritik und der Widerstand gegen utilitaristische Wertvorstellungen, die über menschlichen Lebenswert im Namen von angeblicher Leidensverhütung richten, kam vornehmlich aus der autonomen Krüppelbewegung, deren widerständiges Potential sich in den achtziger Jahren im Windschatten und teilweise auch gegen die Vorurteile der vorhandenen "sozialen Bewegungen" gebildet hatte. Die politisch aktiven, teilweise auch subversiv und provokativ agierenden Behinderten beiderlei Geschlechts klagten Solidarität bei denen ein, die sich bis dato als ihre Bündnispartnerinnen und -partner angedient hatten: Es sei höchste Zeit, den menschenverachtenden Ausmerze-Ideologien und dem Kosten-Nutzen-Denken der "Gesundheit-2000-Gesellschaft" Paroli zu bieten. Manche Werbe-Veranstaltung für den Australier wurde pressewirksam und aggressiv verhindert, und für einige Jahre entstand sogar ein locker agierendes Bündnis mit dem etwas schwerfälligen Namen "Bundesweites Anti-Eugenik-Forum". Ihm gehörten neben diversen Krüppelgruppen auch Behindertenpädagogen und vereinzelte Vertreterinnen feministischer Zusammenhänge an. Die Ressourcen des Bündnisses stießen jedoch in der Regel dort an Grenzen, wo es um die Unterstützung von Parteipolitikerinnen und -politikern oder von der Frauenbewegung initiierter Institutionen ging: Als fadenscheiniges Argument des Sich-Heraushaltens diente in der Regel die Behauptung von Meinungsfreiheit oder die Postulierung eines Rechtes auf Selbstbestimmung der Frauen, wobei pikanterweise gern die Rollen vertauscht wurden. (So beklagte die Feministin Alice Schwarzer den Verlust von demokratischem Grundverständnis im Umgang mit Singer und warf den militanteren Singer-Gegnerinnen und -Gegnern faschistoide Methoden vor. Der philosophischen und juristischen Zunft bis hin zu christlichen Akademieleitern, männlich, blieb es vorbehalten, im Zusammenhang mit der eugenischen Indikation und vorgeburtlicher Diagnostik auf einmal das individuelle Selbstbestimmungs-"Recht" der Frau zu vergöttern.) Die Linke und auch die feministische Bewegung haben dieser Entwicklung wenig entgegenzusetzen gehabt, rückblickend drängt sich gar die Einschätzung auf, daß sie ihr wenig entgegensetzen wollten. Es gibt Ausnahmen. Zu diesen zählen einige jener Personen, Zusammenhänge und Gruppen, die im Dezember 1987 der Kriminalisierungskampagne des Bundeskriminalamtes zum Opfer fielen. Dabei ist es - ebenfalls rückblickend betrachtet - erschreckend, wie deutlich die Informationen waren, über die die Verfolgungsbehörden verfügten und wie klar ein politischer Anspruch durchgesetzt wurde, den wenigen ernsthaften Kritikerinnen und Kritikern mit Hilfe des Paragraphen 129a und des Vorwurfs zumindest der Unterstützung einer "terroristischen Vereinigung" einen Denkzettel zu verpassen. Dies ist jedoch dank einer relativ umfangreichen Solidarisierung gegen die überzogenen Staatsschutzaktionen nur unzureichend mit einem Soforterfolg gelungen: Immerhin haben 1987/88 noch Teile der Grünen bis hin zu Antje Vollmer, die taz- und emma-Redakteurinnen, einzelne Sozialdemokratinnen und auch Traditionslinke einschließlich ihrer Barden (Franz-Josef Degenhardt, Walter Mossmann) zumindest per Unterschrift protestiert - wohl wissend, daß der über Bild-Zeitung und Spiegel wohlfeil transportierte Anklagevorwurf unter anderem Sprengstoff- und Brandanschläge gegen Sachen behauptete. Daß dieser Vorwurf sich auf der juristischen Ebene als unhaltbar erwiesen hat, ist heute bekannt. Aus der militant agierenden "Politszene" der damaligen Zeit wurde der Solidaritätsbewegung für die verhafteten Frauen Ulla Penselin und Ingrid Strobl in Verkennung der politischen Realitäten gern unterstellt, eine sogenannte "Unschuldskampagne" inszeniert zu haben. Diese Auseinandersetzungen mit jenen, die als Eintrittskarte für Solidarität ein Bekenntnis gegen das "Schweinesystem" verlangten, hat die zumindest ideelle Sympathie für militante Gegnerinnen und Gegner - bis hin zu deren Bewunderung - nicht leichter gemacht. Selbstverständlich ging es in der Solidaritätsarbeit gegen die Verhaftungen von Penselin und Strobl, völlig unabhängig vom juristischen Tatvorwurf, um eine Akzeptanz genau der eventuell möglichen Verstrickung dieser beiden damals verhafteten Frauen in das, was man ihnen anlastete! Beide sind dann, und das bedeutet in diesem allüberall linken Terror witternden Rechtssystem allerhand, freigesprochen bzw. vom Vorwurf der Mitgliedschaft in oder der Unterstützung einer terroristischen Vereinigung entlastet worden. Dies ist, auch wiederum rückblickend gesehen, bei aller Freude über jeden Menschen, der nicht oder wenigstens nicht lebenslänglich in einem Knast landet, ein fast schaler Sieg geblieben. Denn im Vergleich zu vor zehn Jahren haben die inhaltlichen Themen, um die es damals ging - internationale Solidarität, Gen- und Reproduktionstechnologien, Eugenik, Bevölkerungs-, Flüchtlings- und Asylpolitik, Militanz- und Widerstandsutopien - ihre Trennschärfe dort verloren, wo sie am nötigsten wäre: in den "sozialen Bewegungen", in den Zusammenhängen, die sich vom heutigen Standpunkt her gesehen beinahe naiv noch schlicht als "feministisch" oder "links" einordneten im guten Glauben, daß diese Selbsteinschätzung eine auch widerständige antirassistische oder auch antipatriarchale und antiimperialistische Bedeutung haben müsse. Wir sind eines Schlechteren belehrt worden. Mit "Wir" meine ich all jene, die vor zehn Jahren in diesem Strudel von Aufbegehren gegen die Staatsmacht etwas getan haben. Die Solidarität, dieses Tun damals, war weitgehend von Frauen geprägt. Auch das ist etwas Wichtiges, denn es war wohl einer der wenigen Momente, die es in der (bundes-)deutschen Geschichte gab, in der viele, viele Frauen den Ton angaben - wenn auch insgesamt in einem, wie es heißt, "gemischten Zusammenhang" - und beschlossen, etwas zu unternehmen, sich zu äußern, einzugreifen und dafür auch persönliche Nachteile in Kauf zu nehmen. Auch dies war, von heute aus betrachtet, ein durchaus widersprüchlicher "Sieg", wenn auch ein ziemlich gutes Gefühl. Allein in der damaligen BRD haben zwischen dem Verhaftungstermin von Penselin und Strobl in der Vorweihnachtszeit 1987 und der Freilassung von Ingrid Strobl nach dem Revisionsverfahren 1990 etwa dreihundert Veranstaltungen stattgefunden, die sich mit bevölkerungspolitischen, radikalfeministischen oder auch Themen wie "Frauen und Internationalismus" oder "Jüdische Frauen im Widerstand gegen den NS" beschäftigten. (Es gab auch noch etwa 50 in Dänemark, Italien, den Niederlanden, in Österreich und der Schweiz.) Das Spektrum der Veranstalterinnen läßt einer heute die Sehnsuchtstränen kommen, denn das ging von sogenannten Autonomen bis hin zu den scheinbar bravesten Bibliotheksleiterinnen oder Frauenbeauftragten in der Provinz. Und das, wohlgemerkt, obgleich es den juristischen Vorwurf gab, die Verhaftungen und Hausdurchsuchungen und Materialienbeschlagnahmungen hätten zur realen Grundlage, daß beide Frauen und die verfolgten (Frauen-)Projekte in zumindest irgendeiner Weise den Revolutionären Zellen zugearbeitet bzw. deren Frauenabteilung Rote Zora unterstützt hätten. Ich behaupte, daß dies durch die Medienhetze alle wußten, die damals solche Veranstaltungen organisierten oder ihre Unterschrift gaben, daß aber gleichzeitig - und das ist für eine Auswertung wichtig - sowohl die betroffenen Personen als auch die Projekte in ihrem jeweiligen Umfeld als so integer oder zuverlässig galten, daß man (in diesem Falle vor allem aber frau) dem staatlichen Lügenapparat über Glotze und Zeitungen nicht glauben wollte oder konnte. Und dieser Widerspruch stieß gleichzeitig auf ein politisches Unbehagen, das nicht individuell militant widerständig sein mußte, aber solche Politik- und Aktionsformen zumindest punktuell akzeptierte. Es mag da Ausnahmen geben - aber ich bin davon überzeugt, daß sie eine Minderheit darstellten. Diese - gemeinsame - Ebene ist inzwischen verlassen worden. Böse Zungen behaupten sogar, es habe sie nicht gegeben. Es ist heute bei Linken modern und chic, alles zu verwerfen, was je getan, geträumt und ansatzweise mal realisiert worden ist. Es gibt verdammt viele bedenkliche Gründe, auch diesen kleinen Ansätzen von "Freiheit" (?) und solidarischen Grenzwanderungen ein solches zusammenfassendes Urteil nachträglich zu verpassen: Entweder selbst hämisch oder beschämt steht frau dann da, denn selbst die minimalsten "Zusammenhänge" von damals haben sich mittlerweile meistens auf ein paar persönliche Kontakte und Freund(innen)schaften reduziert. Und die Themen von damals? Es ist nicht den Staatsorganen, sondern ganz anderen "Feinden" gelungen, den Widerstand von damals zu sabotieren und absorbieren. Die Debatte in der Frauenbewegung um Rassismen ist - vielleicht - eine Ausnahme. Immerhin gibt es dazu fast überall in den noch bestehenden Frauenbuchläden und -zentren noch eine Auseinandersetzung und manchmal sogar ganz praktische Tätigkeiten. Die Debatte um Eugenik und eine feministisch-widerständige Haltung dagegen, die Diskussion um eine feministische Ethik, sind aber einer gleichfalls rassistisch orientierten (weißen Erfolgs-) Mutterschaftsideologie gewichen. Nur sehr zaghaft äußern sich auch die früheren "weisen Frauen" - und sie werden dazu nicht mehr ins Frauenzentrum geladen. Christina Thürmer-Rohr und auch Maria Mies haben - eher ungeliebt - Stellung bezogen und die Frage aufgeworfen, inwieweit der "Selbstbestimmungsbegriff" unter den gegebenen Verhältnissen noch als feministische Utopie taugt. Böse formuliert: Auch in der "Szene", der sogenannten autonomen Frauenszene, kann frau heute mit einiger Anstrengung noch Solidarität erheischen, wenn sie solche - zugegeben realpolitisch abstrusen - Dinge forciert wie Flüchtlingsarbeit, Schwerpunkt, bitte, Frauen. Selbst das halblegale Verstecken von Illegalen wird akzeptiert oder schlimmstenfalls belächelt. Eine Frau hingegen, die, um beim Anfang dieser Geschichte wieder anzukommen, schwanger wird und sich, da sie über 30 ist, mit dem Problem des heute üblichen freiwilligen Zwangs zu sogenannter "Pränataldiagnose" herumschlägt, bleibt schlicht alleine. Es gibt im ganzen Land höchstens drei Adressen, wo sie auf widerständige Solidarität stoßen könnte, auf Hilfe (zur Selbsthilfe) und solche schönen Dinge, auf (Frauen-)Projekte, die wenigstens parteilich informieren zu Ungunsten von Kosten-Nutzen-Erwägungen oder gar eugenischen Vorbehalten. Insofern haben die Koalitionen von Singer bis Bundeskriminalamt, obwohl sie damals sicherlich nicht voneinander wußten, 1987 einen Sieg errungen. Leider hatten sowohl der australische "Ethiker" als auch die bundesdeutschen Justizbehörden bei allem "Widerstand" eben auch Verbündete: zum Beispiel den Fitneß- und Erfolgswahn, die Mütterfeindlichkeit und die eugenischen Rassismen, die Angst vor Krankheit und Behinderung, die Gnadenlosigkeit, mit der genau diese "Szene", die heute politisch relevant zu sein und Debatten anzustoßen behauptet, andere verstößt oder alleine läßt. Die individuellen Entscheidungen sind kaum noch möglich. Jedefrau, die eine trifft - heute für ein eventuell behindertes Kind - verdient Solidarität. Und wo kann sie hingehen, um diese zu erfahren?
Gegen die Autorin wurde 1987/88 ein Ermittlungsverfahren nach Paragraph 129a eingeleitet, einige Monate später aber wieder eingestellt.
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