Zum Inhaltsverzeichnis / Zum Abo - Coupon / Brief an die Redaktion
| | Schuld und Sühne
Als die Vulkan-Werft in Bremen im August 1997 geschlossen wurde, waren 9 000 Jobs bedroht. Die Erinnerungsarbeit ist ein Fall für die Bildproduzenten. Über die Bremer Aufführung
des Films "Die Schuld an der Vulkan-Pleite". Ein Sonntag im Spätherbst. Es ist nicht einmal zwölf. In Bremen ist es um diese Zeit noch ziemlich früh. Die Fußgängerzone ist leergefegt. Einen Tag zuvor hat hier der Verkauf getobt, von Millionen Kaufwütigen war die Rede; jetzt ist sogar noch der Weihnachtsmarkt geschlossen. Vorbei an der Imbißbude von Helga Genslein am Ziegenmarkt, wo sich Prostituierte, Fixer, Arbeitslose, Säufer, sonstige treffen. Helgas Stand ist etwas besonderes, weil es dort selbstzubereiteten Grünkohl gibt. Die Ziege ist ein Ziegenbock aus Bronze. Hier werden Geschichten erzählt. In Helgas Treff regen sich die Leute gern über die gastronomischen Gewohnheiten der Junkies auf. Die bestellen was und mampfen nichts. Über dem Heroin haben die vergessen, wie Essen geht. Ein "Drogenimbiß", meint die Bild-Zeitung. Das Stadtmagazin Bremer hält dagegen: "Eine kleine Oase mit Familienanschluß". Der Bremer unterhält auch eine Adressenrubrik mit dem Titel "Musik, Politik, Arbeitslose". Bremen geht's nicht so gut, scheint es, im Bereich "Saubere Stadt" hat man neue Dimensionen geschaffen. Dealerverdächtige - Ausländer oder die so aussehen - erhalten schon mal Durchfahrverbot für die Innenstadt, der Bundesliga-Verein Werder ist so lala. Trainer Wolfgang Sidka wünscht sich für die Zukunft, "einen gesicherten Platz im Mittelfeld zu erreichen". Höchstleistungen sind in der Statistik zu verzeichnen: 2,8 Prozent der Bevölkerung beziehen Sozialhilfe. Spitze. Das hat Folgen. Der Weserkurier, ein typisches Lokalblatt, bürstet den Einzelhandelspräsident wegen seiner Kürzungsvorschläge bei der Stütze so linksextrem ab, daß die Schwarte kracht. Bremen ist auch "Atomdrehscheibe Nr. 1" (Bremer). Und trotz Großer Koalition hat Bremen bisher nur eine Pop-Band hervorgebracht: Mr. President ("Yo Yo Action"). Die baut sich gerade ein Studio im Umland - in "Umzu", wie das hier heißt -, weil's in der Stadt so lange mit der Baugenehmigung dauerte. Der Wind hat ein paar Menschen in den Eingang des Kinos Schauburg im Szene- oder auch Rüpelstadtteil Ostertor unweit des Ziegenmarktes geweht, wo sie nun auf den Beginn einer Matinee-Vorstellung warten. Gezeigt, nein, gesucht wird "Die Schuld an der Vulkan-Pleite", Deutschland 1997. Das ist eine ARD-Reportage von 45 Minuten Länge, die zwar vor kurzem im Fernsehen lief, aber da die Ruinen der Vulkan-Werft umzu in Bremen-Vegesack stehen, kann man wohl mit besonderem Interesse rechnen. Zu sehen ist eine Video-Kopie. Die Schauburg ist eine bunte Sache: Farbe und Plakate im Eingang, die Treppe rauf lagern 200 Exemplare des norddeutschen Schwulenmagazins Hinnerk, Titelthema "Weihnachten für'n Arsch". Vor dem Kinosaal das Publikum und Büchertische, auf denen thematisch abgestimmte Exponate lagern - zur Vulkan-Krise. Der Kulturbetrieb hat das Geschäft übernommen, Eintritt sieben Mark. Um die 70 Leute nehmen im Kinosaal Platz. Wilfried Huismann, Journalist, zweifacher Grimme-Preisträger, und Klaus Schlösser, Politikredakteur des Radio-Bremen-Regionalmagazins "Buten und Binnen", haben den Film über die Schuld gedreht und wollen nach der Aufführung Rede und Antwort stehen. Als die Vulkan-Werft im August 1997 abgewickelt wurde, wurden erstmal 9 000 Bremer arbeitslos. Oder sie wurden der Beschäftigungsgesellschaft Mypegasus überreicht, die sie umgehend als Leiharbeiter bei Vulkan einsetzte. Das verkraftet niemand sprachlos. Organisiert hat die Veranstaltung das Filmbüro Bremen, ansässig im Hafenstadtteil Walle. Das Licht geht aus, die Suche beginnt. Fündig geworden sind Huismann und Schlösser auf den Brettern des Stadttheaters, wo Johann Kresnik den "Fidelio" inszeniert: Da marschieren Werftarbeiter durch ein Stahlspalier, unter dem Arm IG-Metall-Fahnen. Sie haben gerade erfahren, daß ihre Arbeitsstätte dicht macht, weil sie pleite ist. Hintergrund: 850 Millionen Mark an Subventionen waren in die Bremer Konzernzentrale geflossen, wo sie definitiv nicht hingehörten. Der größte Subventionsbetrug in der Geschichte der EU, sagt man in Brüssel. Die Arbeiter kommen nur noch auf der Bühne vor. Warum sollte es im Film anders sein. Die Summe gehörte zu einem 2,5-Milliarden-Paket, das der ehemalige Vorstandsvorsitzende Friedrich Hennemann in Brüssel losgeeist hatte. Bekommen hat er sie für die extra dafür aufgekauften Schweriner Dependancen. "Wir haben uns reich gekauft", soll er gerufen haben, als EU und Bundesregierung grünes Licht für den Kapitaltransfer gegeben hatten. Für die Ost-Werften hatte Vulkan gerade mal 1,1 Millionen gezahlt, mit den Milliarden sollte man die Landschaft zum Blühen bringen. Das glaubt auch Birgit Breuel, ehemals Treuhand, heute noch in die Kamera. "Wir mußten es versuchen." Pech war nur, daß Hennemanns westdeutsche Konzerntöchter nicht ganz liquide waren. Und so konnte er also auf die verrückte Idee kommen, die Bilanzlöcher mit Subventionen zu stopfen. Das war leider verboten. Hennemann, der hochgewachsene Industrielle, ist der Filmheld. Die SPD-Landesregierung ließ ihn fallen, als er in Schwierigkeiten geriet. Obwohl er SPD-Mann war und im Aufsichtsrat auch noch ein paar Genossen saßen. Auch Helmut Kohl, der sich mit dem Superunternehmer gern sehen ließ, wollte nichts mehr mit dem Karrieristen zu tun haben, der nun den Verlierer geben mußte. Hennemann darf selbst auf einer Arbeiterdemo den Mund nicht mehr aufmachen, auf einer SPD-Versammlung fährt ihm Parteifreund und Bürgermeister Henning Scherf kräftig über den Mund. Gerade noch am "am Katzentisch" habe Hennemann Platz nehmen dürfen, erklärt Sprecher Huismann, fern von den großen Tischen, wo die Politik und Wirtschaft gemacht werde. Eine Vision habe er gehabt, sagt Hennemann. Nicht von einer Werft, sondern von einem "maritim-technologischen Konzern". Die Zeit von Luft- und Raumfahrt sei vorbei, die Zukunft liege auf und unter den Meeren. Er, Hennemann, der moderne Proteus, habe die Schiffahrt zur nationalen Aufgabe erheben wollen. Auch der Kanzler habe das gut gefunden. Aber Gewißheiten werden regelmäßig erschüttert. Bei der Bundesanstalt für vereinigungsbedingte Sonderaufgaben, die den Geld-Transfer zu überwachen hatte, war man mit allem einverstanden. Schließlich habe man die Schweriner Betriebe loswerden wollen. Nein, zum Interview ist keiner bereit. Man möge in Brüssel nachfragen - das Schuldgeschiebe. Keiner will gemerkt haben, daß 850 Millionen verschwunden sind. Schnell schoß der Bremer Senat eine Milliarde Mark zu, um "Arbeitsplätze zu erhalten", sagt Henning Scherf. Er, der SPD-Bürgermeister, sei also nicht schuld. Nur, wer dann? War niemand aufgefallen, daß seltsame Rechnungen aus der Konzernzentrale in den Schweriner Schiffswerken ankamen, womöglich aus der Tasche eines Vorstandes hervorgezaubert? Es geht in die Details. Da ist die dubiose Rechnung der St.John's Company, einer Briefkastenfirma auf der Kanalinsel Jersey, die sich auf um die drei Millionen Mark belief. Bestellt hat keiner was. Gesagt auch nicht. Man hätte dann wohl den Job verloren, erzählt der Schweriner Prokurist. Und dann sorgt ein wurstiger Mann für Gelächter: Der ehemalige Bremer Senator und Vulkan-Aufsichtsrat Claus Grobecker. Der redet, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, und benimmt sich wie die Axt im Wald. Er habe alles Mögliche getan, Hennemann war "ein Täuscher". Oder nicht? Hennemann gibt kleine Fehler zu, aber "nicht den ganz großen". Die Schiffsfabrik, das zeichnet sich zwischen den Interviews ab, hat sich allein abgewirtschaftet. Containertransporter, das Parade-Geschäft der Werft, seien im Durchschnitt mit 20 Prozent Verlust gebaut worden - gnadenlos konkurrenzunfähig. "Kostendeckend Schiffe bauen, das kann meine Oma", soll Hennemann gesagt haben. Aber die 2,5 Milliarden hätten den Konzern auch noch eine Weile über Wasser gehalten, verrät der Film, und: Geld ist ja relativ. Exakt diese Summe gab zum Beispiel der Daimler-Vorstand im letzten Jahr als Verlust an. Aber was sind schon Zahlen? Darin enthalten war eine Milliarde Investitionen für den Arbeitsplatzabbau, Produktionskostensanierung sozusagen. Dem Vulkan nützten alle Rechnereien und Rechnungen nichts. Bilanziert wurden 1996 noch eine Milliarde Liquiditätsüberschuß, zwei Monate später aber hieß es: Der Konzern sei zahlungsunfähig. Das sei kein Problem und komme täglich vor, erklärt Commerzbank-Vorstand Klaus Müller-Gebel. Die Frankfurter Bank, derzeit im Jubiläumsjahr, deckte die Finanzunpäßlichkeit in Höhe von 300 Millionen. Ungewöhnlich nur, daß das am nächsten Tag im Weserkurier stand und Vulkan-Aktien an der Frankfurter Börse abstürzten. Die Information stamme von der Commerzbank, erklärt der zuständige Redakteur Hans Monsees, das sei in der Tat ungewöhnlich. Die Theorie: Die Bank schießt Geld zu, um dem Konzern den Weg in den Konkurs zu erleichtern. Müller-Gebel läßt auch keine Feder am gerupften Hennemann. Der habe ja gar keine Verbindungen zu hohen Tieren gehabt, bei denen er mal hätte anrufen können, als man ihn absägte. "Männerfreundschaften" nennen das Huismann und Schlösser. Fazit: Der EU-Politiker Martin Bangemann soll sich von Vulkan eine Vierzig-Meter-Yacht gebaut haben lassen. Der Sequester soll für drei Monate Arbeit sechs Millionen Mark bekommen haben. Das Licht geht an, und Huismann und Schlösser haben noch ein paar weitere Interviewpartner und verdeckte Quellen entdeckt. Ein Gemisch aus Industrie, Banken, Politik. Wer aber schließlich schuld war an der großen Krise, das können sie mit ihrer Innenansicht des Kapitals auch nicht sagen, außer "daß einige der angeblich von Hennemann Betrogenen in Wirklichkeit Mitspieler" gewesen seien. Wie immer im Kino hat jeder Zuschauer einen anderen Film gesehen. Weil man schon ein Bild von der Wirklichkeit mitgebracht hat, gibt es jetzt journalistische und andere Unternehmensberatung von allen Seiten. Die Arbeiter seien ja gar nicht vorgekommen. Was denn wohl gewesen wäre, wenn die finanziellen Verhältnisse des Vulkan schon früher aufgedeckt worden seien und kein Geld mehr in den maroden Betrieb gepumpt worden wäre. Schlösser: "Man hätte auf eine vernünftige Industriepolitik setzen sollen." - "Die Zeche haben die kleinen Leute gezahlt", sagt Brigitte Dreyer von der Kleine-Leute-Partei CDU. "Der Steuerzahler wurde betrogen!" - "Wir sind das Bauernopfer der deutschen Werftenindustrie", ruft einer, der sich "Lokalpatriot" nennt, und das sind hier wohl alle. Ein ehemaliger Schiffbauer meint, Hennemann habe die Trends in der Industrie verschlafen. Man sehe das doch am Vorbild Kvaerner, "die bauen sogar Gasleitungen in Aserbaidschan". Arbeiter seien nicht gefragt worden, weil die exakt dasselbe sagten wie Hennemann, erklärt Huismann und verweist auf die Langfassung des Films, die im Februar im Bremer Regionalprogramm laufe. "Wir mußten aus Zeitgründen darauf verzichten", sagt er. Da sind die Grenzen des Bildes, wo ästhetische Kategorien ökonomische Antworten ersetzen müssen. Aber was war die Frage? Da hilft auch der Grimme-Preis nichts. Gereizt reagiert Huismann auf die Frage nach der richtigen Darstellung. Kann man das überhaupt darstellen?, zweifelt das Publikum. Huismann kapituliert. Seine Aufgabe sei nicht, Alternativen aufzuzeigen. Er sei Journalist und wolle "Geschichten erzählen". Kritisch wird es, wenn es die Geschichte der Zuschauer ist. Die Geschichte einer kollektiven Grenzerfahrung, die jetzt als individualisierte Katastrophe daherkommt. "Dann hätten Sie sich auf ein Hennemann-Porträt beschränken sollen". - "Was ist eigentlich mit den anderen Vorständen?" fragt eine Zuschauerin. Politik funktioniere anders als Wirtschaft, sagt Huismann. Das Geschäft der Firmenvorstände sei, das Maul zu halten, dasjenige der Politiker, es aufzureißen. Darum habe man kaum Vorstandsmitglieder interviewen können. "Was Hennemann gemacht hat, hatte nichts mit Visionen zu tun", weiß Hermann Kuhn von den Grünen, Vorsitzender des Vulkan-Untersuchungsausschusses. Wer groß genug sei und genug Schulden habe, der werde von der Politik gedeckt, habe Hennemanns Devise gelautet. Rätselraten. So hält man sich an die St. Johns-Rechnung. Wer hat die drei Millionen abgezockt, eine Summe, die wenigstens begreifbar ist? Nicht auszuschließen, daß das Geld dort landete, woher die Rechnung möglicherweise kam: in einer Vorstandstasche. Eine Suche nach begreifbarer Größe: menschlicher Schwäche. Aber vielleicht ist keiner schwach geworden, und alle haben das Beste gewollt. Nur ist das Beste für den einen nicht unbedingt das Beste für den anderen. Arbeitskampf ist ein bitteres Geschäft: Man kämpft um die eigene Ausbeutung. Aber die Ausbeutungsstufe des Arbeitslosen ist natürlich noch ein bißchen deprimierender. Das Bremer Arbeitsamt ist ein imposanter Klotz im Bezirk Mitte. Aus verlorenen Arbeitskämpfen lernt man nichts. Ihr Ziel ist die Rettung des Status quo. Es soll bloß nicht noch schlimmer werden. Neben Wahrheit und Schuld wird also die dritte Koordinate menschlicher Erkenntnisleistung erarbeitet: Hoffnung. Zu der erfahrungsgemäß auch Glaube und Liebe gehören, oder auch - Lokalpatriotismus. Das Publikum liebt Bremen und den Vulkan. Und es will auch das Beste. Und so suchen alle gemeinsam etwas, was daran schuld sein könnte, daß der Paradebetrieb des kleinen Bundeslandes den Bach runterging. Und daß Huismann und Schlösser einen so schönen Film drehen mußten. Es muß doch ein Dahinter geben, hinter der Leinwand, die alles so schamlos offen gezeigt hat. Wenn ein Schuldiger gefunden werden könnte, dann wäre die Welt wieder in Ordnung. Wohin auch mit dem Haß? Was erzählt man nur zu Hause und sich selbst? Auf jeden Fall nicht, daß die einzige Wahrheit eine zerstörte Existenz ist. "Wahrheit", so heißt eine von Spaßangestellten betreute Rubrik in einer deutschen Tageszeitung. Natürlich sind der kleine Mann, die kleine Frau durch ihre pure Existenz von biblischem Ausmaß. Den Konzern retten, um arbeiten zu gehen, Kollegen zu haben, und dann samstags die Vorgärten pflegen. Wenn's sein muß, auch auf Kosten von denen im Osten oder in Polen, erklärt man sich die Friktionen im Kapitalismus als Richtiges im Falschen. Aber es war wohl mehr zufällig, daß das Kapital Menschen gebraucht hat. Jetzt braucht es sie eben nicht. Warum die denn den Betrieb nicht besetzt hätten?, fragt sich ein Sitznachbar. "Wir sind vom Gelände gejagt worden", sagt der Schiffbauer, "und ich war 25 Jahre dabei." CDU oder SPD, "die Bonzen sind verantwortlich"! - "Da sind jetzt die Gerichte dran", glaubt Huismann. Mit der Wahrheit werden die sich beschäftigen. "Gericht" klingt ja nach "Gerechtigkeit", finden Autoren und Publikum. Allerdings hat das Vertrauen ins technische Bild Federn gelassen. Leider kann das Kino in der Kurzform sein Wahrheitsversprechen nicht einlösen. Der Schiffbauer: "Wir haben nie Abfindungen bekommen. Man hat uns keine Chance gegeben." Huismann: "Die Arbeiter haben nichts mitbestimmt. Weder beim Aufstieg noch beim Fall." Vielleicht funktioniert ja das Geschichtenerzählen in der Langfassung. Und wenn nicht im Fernsehen, dann möglicherweise in Helga Gensleins Grünkohl-Container mit Familienanschluß.
|