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Aggression ohne Reue

Interview mit dem Diplom-Psychologen Clemens Trudewind, der mit Spielen Geld verdient

Wann haben Sie das letzte Mal gespielt?

In den Herbstferien - "Route 66", ein Strategiespiel, bei dem man seine Spielkarten so einsetzen muß, daß man keine Geschwindigkeitsüberschreitung begeht, denn dann wird man von der Polizei angehalten und muß Strafe bezahlen. Die Geschwindigkeit kann man an den Nachbarmitspieler abgeben, und der kann mit einer Strategiekarte darauf reagieren, aber irgendwann erwischt es doch mal jemand. Es geht darum, sich selbst aus der Affäre zu ziehen, seine Möglichkeiten strategisch so einzusetzen, daß man nicht erwischt wird, weniger darum, den Mitspielern eins auszuwischen.

Warum spielt der Mensch überhaupt? Was ist die Motivation?

Es gibt wohl so viele Beweggründe, wie es Menschen gibt. Alles das, was uns Freude macht, alles das, was ein Motiv für das menschliche Handeln darstellt, kann auch im Spiel in sublimierter Form auftreten und ein Grund zum Spielen sein.

Das fängt an bei den ganz elementaren Bedürfnissen nach Geselligkeit, nach Gesellschaft an, man tut etwas miteinander. Und das geht bis zu Bedürfnissen, Macht auszuüben, Aggressionen auszuleben, sich selber zu erkunden, seine eigenen Fähigkeiten auszutesten, sich stolz zu fühlen, wenn man eine schwieriges Spiel gemeistert hat - das alles sind Motive, die im täglichen Leben unser Verhalten steuern und die auch in der Spielwelt angesprochen werden können.

Dann wäre Spielen nur die Verdopplung dessen, was man im normalen Leben sowieso schon macht?

Das wäre vielleicht etwas zu einfach, aber der Grundgedanke, daß sich im Spiel auch Lebensbezüge niederschlagen - also unser normales Verhalten die Situationen, die uns im Alltag begegnen und auf die wir mit entsprechenden Emotionen reagieren - und die auch im Spiel wieder zum Ausdruck kommen, dieser Gedanke ist sicherlich richtig. Dieser Gedanke wird durch die neuen Medien, durch Computerspiele und virtuelle Welten, sehr nahegelegt.

Das ist noch einmal ein qualitativer Schritt im Gegensatz zu den normalen Spielen wie Schach?

Ja, denn die Computergames schaffen Situationen, die unserem Alltagserleben näherstehen - oberflächlich betrachtet - als die traditionellen Spiele. Schach als strategische Vorgehensweise im Krieg - diese Vergleiche sind bekannt.

Der Vorteil des Spielens allgemein ist, daß die Konsequenzen nicht so gravierend sind, man kann durchaus Formen von Aggression einer Person gegenüber zeigen, die aber so spielerisch verkleiden, daß der andere nicht getroffen oder beleidigt ist. Im Spiel können jedoch auch normalerweise im Alltag kontrollierte Aggressionen frei werden und dann zu Folgen führen. Aber man kann im Spiel auf einer Irrealitätsebene mit solchen Emotionen leichter umgehen, weil man immer sagen kann, daß man nur so tut als ob, denn es handelt sich ja nur um Spiel - wenn ich dich beim "Mensch ärgere dich nicht" rausschmeiße, dann will ich dich nicht schädigen oder vernichten, ich mache es nur, weil es zu den Spielregeln gehört.

Fehlt Menschen, die niemals spielen, etwas?

Das zu beurteilen, maße ich mir nicht an. Irgendeine Art der Realitätsflucht hat jeder, irgendeine Form, sich dem Druck des Alltags zu entziehen, einen Raum für Phantasie und So-tun-als-ob zu lassen, es muß nicht im Spiel sein. Es gibt viele andere Möglichkeiten, angefangen von Meditationen übers Tanzen bis hin zum Tagträumen, aber wer nicht spielt, wer nicht spielen kann, weil er nicht aus der Realität aussteigen will, der beraubt sich, meiner Meinung nach, eines wesentlichen menschlichen Bedürfnisses.

Hat Schiller recht, wenn er sagt: "Der Mensch ist nur ganz Mensch, wo er spielt"?

Über diesen Satz habe ich schon viel nachgedacht. Nicht in der Form, wie er da steht, daß quasi nur im Spiel die wahren humanen Bezüge des Menschen zum Ausdruck kommen, das glaube ich nicht. Auf der anderen Seite glaube ich, daß wir uns im Spiel selbst erleben und mit anderen agieren können in einer Weise, die frei ist von Alltagszwängen, von Fragen, vom Druck, beispielsweise das Gesicht wahren zu müssen, und vielem anderen mehr. Wir können uns im Spiel offener geben.

Das Spiel hat also eine wichtige psychische Funktion. Sehen Sie da einen Widerspruch zu dem Satz "Das Spiel trägt seine Funktion in sich selbst"?

Das ist kein Widerspruch. Ein Spiel ist frei von den Zwängen und Nötigungen der Alltagswelt. Das heißt, es hat keinen über das Spielgeschehen hinausreichenden Ziele.

Aber: Wenn ich sage, ich treffe mich mit Freunden, um zu spielen, dann ist der Zweck die Entspannung, oder, beim Golfspielen, Geschäfte zu machen - da sind eben auch solche Nebenziele enthalten. Die Freude am Spiel liegt in der Betätigung, im Spielen. Und so liegt der Zweck in sich selber. So verstehe ich diese Aussage.

Eine entgegengesetzte Definition ist die, daß Spielen für Kinder eine Tätigkeit ist, die Arbeit gleichzusetzen ist. Beim Spielen erobern die Kinder die Welt, und das ist gleich der Arbeit, die die Erwachsenen damit haben, die Welt zu erobern. Da sehe ich, daß Spielen einen Zweck bekommt, der über die unmittelbare Freude hinausreicht. Das trifft mit der Frage: "Warum gibt es eine Bereitschaft zum Spielen, nicht nur beim Menschen, sondern auch im Tierreich?" zusammen. Spielerische Freude sind bei jungen Menschen und Tieren besonders ausgeprägt.

Das heißt, nur die Erwachsenen trennen zwischen Leben und Spiel?

Wenn das von der Evolution so herausgebildet ist, dann hat das sicher den Zweck, daß Kinder oder eben kleine Katzen usw. Erfahrungen sammeln, in einer Phase, in der sie den Anforderungen der Umwelt noch nicht so ausgesetzt sind, daß es für sie um Leben und Tod geht. Das wäre der evolutionsbiologische Sinn und Zweck, aber daß es so etwas generell gibt, besagt nichts darüber, daß wir in einer konkreten Situation nicht noch einen Anreiz haben müssen. Dieser Anreiz in der konkreten Situation ist die Freude, die wir beim Spielen haben - und die kann unterschiedliche Gründe haben. Z.B. mit anderen zusammenzusein, mit ihnen zu kooperieren oder Angst abzubauen und vieles mehr. Das sind die konkreten Emotionen, die in der Spielsituation ein Anreiz sind.

Bei modernen Spielen sitzt man aber doch eher allein vor dem Bildschirm. Ist das eine neue Entwicklung?

Ja, das ist sicher einer der kritischsten Punkte. Es ist allerdings nicht so, wie es häufig in den Medien beschrieben wird, daß die Videospieler soziale Krüppel sind, die vereinsamt vor ihrem Gerät sitzen. Es gibt Untersuchungen, die zeigen, daß die meisten Spieler das lieber in Gesellschaft tun. Gerade bei den Jugendlichen ist es häufig ein gemeinsames Spiel oder zumindest ein Austausch über das Spiel, man redet über Tricks, wie man weiterkommt - das Computerspiel regt auch zur Kommunikation an. Es ist nicht so, daß die Vorliebe für solche Spiele notwendigerweise zur sozialen Vereinsamung führt. Auf der anderen Seite: Wir haben in einer Untersuchung versucht herauszufinden, was Kinder an Computerspielen eigentlich fasziniert. Gleichzeitig haben wir erhoben, welche anderen Spiel-Vorlieben die Kinder haben.

So fanden wir eine bestimmte Gruppe von Mädchen, die sich viel mit den Computerspielen beschäftigt, aber nur wenig sportliche Spiele oder Spiele außerhalb des Hauses machte. Und wenig Gesellschaftsspiele spielte - da deutet sich ein Trend an, daß Mädchen, die viel im Haus sind undwenig Freunde haben oder suchen, sich stark den Computerspielen zuwenden.

Bei Jungen haben wir diese Unterschiede nicht gefunden. Es handelte sich jedoch nur um eine Untersuchung, die man nicht zu stark verallgemeinern sollte.

Was ist denn Ihr Lieblingsspiel?

Das wechselt. Im Moment ist es "Scotland Yard". Und "Noblesse oblige". Und "Route 66", alles eher strategische Spiele. Wenn ich Leute noch nicht so gut kenne und mit ihnen einen lustigen Abend verbringen möchte, dann spielen wir häufig "Das Spiel des Lebens". Ich spiele nicht gern Computerspiele, eine Zeitlang habe ich viel "Tetris" gespielt, aber dann habe ich gemerkt, daß mich das zu sehr von der Arbeit ablenkt - jetzt habe ich es auf dem Computer gelöscht. Generell hat mir mein Beruf jedoch die Freude am Spiel nicht verdorben.


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