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| | Tiger am Tropf
Seit die asiatischen Ökonomien nicht mehr so richtig boomen, sorgt man sich um die "nationale Unabhängigkeit". Der IWF dient als Kreditgeber und Schreckgespenst In den Straßen der südkoreanischen Hauptstadt Seoul wird eifrig demonstriert - für den Schutz der nationalen Wirtschaft. Die Bevölkerung, so wird allerorts gefordert, solle in die Landeswährung Won investieren, statt US-Dollar zu kaufen. In "diesen harten Zeiten", behauptet ein Flugblatt, sei es "die patriotische Pflicht" eines jeden Südkoreaners, sich für die heimische Ökonomie zu engagieren. Wenig Zustimmung findet bei den Demonstranten folglich der Antrag des Finanzministers Lim Chang Yuel auf einen Milliarden-Kredit beim Internationalen Währungsfonds (IWF). Das Tiger-Land, so die einhellige Meinung, brauche keine Hilfe von außen, lieber schnalle man den Gürtel enger und spare Geld als im Ausland hohe Kredite aufzunehmen. Man fürchtet um die "nationale Unabhängigkeit". Angesichts dieser Stimmung verhalten sich die drei Bewerber, die am 18. Dezember für das Amt des Staatspräsidenten kandidieren, zurückhaltend. Denn keiner von ihnen, so meint die Washington Post, möchte mit dem Slogan "Wenn ihr mich wählt, werde ich die Steuern erhöhen" in die Endphase des Wahlkampfes ziehen. Nur Oppositionsführer Kim Dae Jung, dem bisher die besten Chancen für einen Wahlsieg im Dezember eingeräumt werden, hat vorsichtig angedeutet, daß er die Entscheidung des jetzigen Präsidenten Kim Young-sam zur Beantragung des IWF-Kredites befürwortet. Die Republik von Korea hatte noch auf dem jährlichen Gipfel der 18 Staaten der Asiatisch-Pazifischen Wirtschaftskooperation (Apec) im kanadischen Vancouver auf ein eigenes Hilfssystem unabhängig vom IWF spekuliert. Insbesondere die USA allerdings wehrten sich bei dem Gipfeltreffen der vergangenen Woche gegen einen solchen asiatischen Hilfsfonds, der bereits im September von Japan angeregt wurde, weil sie die leichtfertige Vergabe von Krediten durch eine solche Institution befürchten. Gibt der IWF den Kredit, ist hingegen mit harten wirtschaftspolitischen Auflagen zu rechnen, auch für Südkorea - eigentlich die elftgrößte Ökonomie der Welt - wird es da keine Ausnahme geben. Deshalb wird der Verkauf von Staatsfirmen und Gebäuden genauso erwartet wie Entlassungen oder Lohnstopps. Der Fonds mit Sitz in Washington verlangt außerdem den Umbau des Finanz- und Bankensektors sowie die Öffnung des Marktes für ausländische Anbieter. Das bisherige Erfolgskonzept der Tiger-Ökonomie dürfte damit ausgereizt sein. Die Finanzierung der Produktion durch hohe und teilweise ungedeckte - sogenannte weiche - Kredite war zwar der Profitmaximierung dienlich, birgt aber ein Stabilitätsrisiko, das zukünftig vermieden werden soll. Kim und sein Finanzminister Lim hatten lange dementiert, daß Südkorea sich um eine finanzielle Beihilfe beim Währungsfonds bemühe, mußten dann aber doch eingestehen, daß es um den Devisenbestand der Notenbank nicht gut steht. Die Bank of Korea hat ihre Reserven in den vergangenen Wochen fast vollständig verkauft - in der Hoffnung, dadurch den Kursverfall des Won aufzuhalten. Die Unternehmen des Landes sind im Ausland hochverschuldet, mit umgerechnet insgesamt 350 Milliarden Mark steht man jenseits der Landesgrenzen in der Kreide. Der überwiegende Teil der Kredite - umgerechnet 210 Milliarden Mark - ist in Fremdwährungen statt in Won dotiert und rund die Hälfte davon wird noch bis zum Jahresende fällig. Wegen der hohen Zahlungsverpflichtungen gilt es als unwahrscheinlich, daß die von Kim und Lim angekündigte Kreditaufnahme beim IWF "nur" etwa 35 Milliarden Mark betragen wird. Schon wird von einer internationalen Hilfe für Südkorea ausgegangen, die bis zum Dreifachen dessen betragen soll. Daß der Währungsfonds als Kreditgeber künftig Einfluß auf die ökonomischen Entscheidungen in der Republik nehmen kann, kratzt dabei am nationalen Selbstbewußtsein der Südkoreaner. Für die Konservativen, deren Präsidentschaftskandidat Lee Hoi Chang bisher wenig Aussichten auf einen Wahlsieg hat, vielleicht die letzte Möglichkeit, doch noch das Rennen gegen Kim Dae Jung zu machen. Indem sie gegen den IWF als äußeren Feind in den Wahlkampf ziehen, bedienen sie sich derselben Taktik wie Indonesiens Präsident T.N.J. Suharto. Auch der 76 Jahre alte Ex-General benutzt laut Handelsblatt den Währungsfonds "als Blitzableiter für die brodelnden Emotionen im Volk". Der südostasiatische Inselstaat beantragte am 8. Oktober nach Thailand als zweites Land der Region einen Kredit beim IWF. 22 Tage später bewilligt, ist auch die finanzielle Unterstützung in Höhe von umgerechnet knapp 40 Milliarden Mark an politische Bedingungen geknüpft. Das Land, noch vor drei Jahren von IWF und Weltbank als vorbildlich gelobt, soll den Finanzsektor lichten - knapp die Hälfte der 240 Kreditinstitute soll geschlossen werden - und privaten wie staatlichen Monopolbetrieben den Garaus machen. Diese Maßnahmen stellen einen direkten Angriff auf die Stellung der Familie Suharto dar, die Indonesiens Wirtschaft mittels diverser Firmenkonglomerate dominiert. Als Finanzminister Muhammad und Notenbank-Direktor Udradjad Djiwandono im Oktober die Schließung von 16 Banken verfügten, waren gleich drei Institute der Präsidentenfamilie betroffen. Suharto bedient sich nun einerseits nationalistischer Argumente gegen die internationale Finanzanstalt, wehrt sich zugleich aber nicht gegen die Umsetzung des IWF-Programms, um keinen Zusammenbruch der im Ausland mit mindestens 102 Milliarden Mark verschuldeten indonesischen Ökonomie zu riskieren. Die Angst vor Fremdbestimmung könnte dem Präsidenten bei den Wahlen im Mai nächsten Jahres nützen, der eine siebte Amtsperiode in Folge anstrebt. Auch im Nachbarland Malaysia bestimmen vermeintliche nationale Interessen die öffentliche Diskussion über die Wirtschaftskrise. Ministerpräsident Mahathir bin Mohamad fordert bereits seit August eine weltweite Einschränkung des Devisenhandels, für den nach Worten des Regierungschefs "jüdische Spekulanten" verantwortlich seien. Die aktuelle Situation verglich der seit 1981 im Amt befindliche Mahathir mit dem "nationalen Notstand" zwischen 1948 und 1960. Damals verhängten die britischen Kolonialherren wegen intensiver Guerilla-Tätigkeit der Malaysischen Kommunistischen Partei den Ausnahmezustand. Noch Mitte November vom Parlament in seinen antisemitischen Äußerungen unterstützt, sieht die Opposition des Landes in dem 71jährigen Ministerpräsidenten mittlerweile einen Verräter "nationaler Interessen". Die Regierung habe offenbar einen internen Deal zweier ehemaliger Staatsfirmen gedeckt: United Engeneers Malaysia, die größte Baufirma des Landes, hatte am 18. November ein knappes Drittel der Anteile ihrer Muttergesellschaft Renong gekauft - vermutlich, um einen drohenden Bankrott der Firma zu verhindern. Solch undurchsichtige Transaktionen, so befürchtet Oppositionsführer Lim Kit Siang, würden Investoren abschrecken und das Land so in den Ruin führen. Dabei legt Mahathir großen Wert darauf, ohne internationale Hilfe aus der Krise herauszukommen. Eine drastische Exportsteigerung soll die Finanzen aufbessern, der niedrige Kurs der Landeswährung Ringgit ist dazu durchaus nützlich. Am 20. November wurde ein "Nationaler Wirtschaftlicher Aktionsrat" aus Politikern, Bankiers und Unternehmern eingesetzt. Ein ähnliches Gremium hatte das im Norden an Malaysia angrenzende Thailand, das sich als erstes Land der Region an den IWF wandte, auf Vorschlag des Fonds eingerichtet. Mahathir, der auf dem Apec-Treffen in Vancouver erneut für ein Verbot des Devisenhandels warb, sich ebenfalls als Befürworter einer asiatischen Alternative zum IWF entpuppte, scheint allerdings insgeheim doch auf Hilfe von außen zu hoffen. Gleichzeitig beharrt der Ministerpräsident jedoch hartnäckig darauf, für die Krise sei nicht etwa das Wirtschaftssystem, sondern eine ominöse Macht im Ausland verantwortlich.
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