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Menschen sind auch nur Würstchen
Dennis Stute besichtigt die vegane Szene Berlins. Mit Fotos von Wolfgang Eißler "Die Aktion ist völlig in Ordnung gewesen." Für die Anschläge im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg, bei denen mehrere Metzgereien entglast und ein Lieferwagen abgefackelt wurden, will Vosi (einige Namen wurden von der Redaktion geändert) dennoch nicht verantwortlich gemacht werden: "Für die Zeitungen ist sofort klar, daß Veganer das gemacht haben. Dabei können es genauso gut Lacto-Ovos gewesen sein." Die Dünnhäutigkeit in veganen Zusammenhängen kommt nicht von ungefähr: Von allen Seiten kriegen es Vosi und seine Glaubensgenossen auf den Deckel. Zum Teil liegt das an der Unübersichtlichkeit im Lager der Tierfreunde. Die bekannteste Variante dürften Vereine wie der Berliner Tierschutzverein sein, in dessen Zeitung im B.Z.-Layout sich Bilder von Promis wie Thekla-Carola Wied mit ihrer "süßen Katze, die sie sehr mag", mit Fotos von niedlichen oder gefolterten Tieren abwechseln. Gruppen wie Hardline/Frontline setzen Holocaust und Tierzucht gleich und propagieren mit dem Begriff "Speziezismus" eine Ideologie, die gesellschaftliche Unterdrückungsverhältnisse mit dem menschlichen Verhältnis zur Fauna auf eine Stufe stellt. Der nächste Schritt sind Schlüsse in beide Richtungen, wie sie nicht nur der australische Bioethiker Peter Singer zieht. Das Eintreten für die Vernichtung "unwerten" Lebens unter dem Begriff Euthanasie geht oft mit der Forderung nach Tierrechten Hand in Hand. Da kann es kaum noch überraschen, wenn Jünger der Organisation Earth First! im Menschen eine Seuche am Körper von Mutter Gaia sehen und HIV als ein Mittel zum Zweck begrüßen, die Menschheit um 80 Prozent zu reduzieren. Mit dem Anarchisten Erich Mühsam empfiehlt die Zeitschrift ÖkoLinx diesen "Propagandisten der Überbevölkerung, sich selbst zu erschießen". Daß sich in diesem Haufen zwischen bunt und bestialisch auch Autonome tummeln, liegt nicht nur wegen der reizvollen Stellvertreterpolitik in Reinkultur nahe. Hält doch ein beträchtlicher Teil dieser Kreise jene Tiere, die sich auch bei leinenloser antiautoritärer Erziehung allzeit hechelnd devot dem Willen ihrer Eigner unterwerfen. Seit Jahren schon bilden die autonomen Hunde einen ebenso bemerkenswerten Kontrast zu den Freiheitsidealen ihrer Herrchen wie deren martialische Wichtigtuerei zu ihren kruden antisexistischen Axiomen. Wenn man sich für Frauen und Immigranten einsetzt, warum dann nicht auch für Käthe, Bella, Proudhon und Tété? Die autonomen Tierrechtler stoßen dort allerdings auf wenig Gegenliebe, wo man sich immer noch Szene nennt, mittlerweile aber eher einer durchschnittlich zerstrittenen Großfamilie gleicht. Nach den Angriffen auf die Metzgereien wandte sich die "autonome aktion 'rettet die bockwurst'" via taz in szenekonformer Orthographie an die "tierrechts-, erdbefreier- und veganer-terroristen", um ihnen mitzuteilen, daß der Prenzlauer Berg "keine spielwiese für fanatische esoteriker, die sich links schimpfen" sei. "uns ist egal, was ihr eßt, aber wir werden es nicht zulassen, daß ihr die menschen in unseren kiezen terrorisiert", drohen die Verfasser, die von sich behaupten, "dreimal täglich ein rindersteak" zu essen. Für Hermann ist der Fall klar: Autor dieses Schreibens muß der Verfassungsschutz sein. Der Versuch der unsichtbaren Front, von der taz das Original zu bekommen, ist als leicht durchschaubare Finte nur eine Bestätigung dieser Vermutung: "Die können doch überhaupt nichts Besseres machen, als uns zu spalten." Daß viele die pythophagen Weltverbesserer für komplett durchgeknallt halten, weiß freilich auch er. "Die Leute, die Plakate von unserem 'Anarchistisch-Veganen Café' abreißen, sind bestimmt nicht irgendwelche Bürgers, sondern Linke", räumt er ein. Aber die Vorstellung, daß diese dem Verfassungsschutz auf den Leim gehen, macht die eigene Isolation allemal angenehmer. Wenn Öko-Metzger artgerecht gehaltene Tiere mit gebotener Anteilnahme und Pietät in eßbare Bestandteile zerlegen, entbindet sie das nicht vom Vorwurf des Mordes. "Mich provoziert so etwas eher", sagt Hermann, und es könnte wie eine Drohung klingen. Doch muß vor ihm kein softer Schlächter zittern: "Wir machen hier eigentlich eher nicht so viel. Das liegt vor allem an den Leuten." Es fällt leicht, das zu glauben. Andere sind weniger phlegmatisch. In einer Berliner Bio-Fleischerei, deren Mitarbeiter aus naheliegenden Gründen keine Namensnennung wünschen, kommen regelmäßig Stoßtrupps zu Besuch - teils nachts, um die Schaufenster einzuschlagen, teils tagsüber. "Ich habe schon mehrfach solche Gruppen erlebt, obwohl ich gar nicht oft hier bin", erzählt eine Verkäuferin. Meistens beschränke sich die geheime Tierpolizei im schwarzen Einheitslook darauf, ihr Angst einzujagen. Zwar wirkten die Eindringlinge, "als würden sie am liebsten alles kurz und klein schlagen", doch beließen sie es regelmäßig bei haßerfüllten Blicken und zögen ab, nachdem sie ihre obligatorischen Spuckis am Laden angebracht hätten. Ob es ausschließlich Tierrechtler sind, weiß die Frau nicht: "Es werden hier in der Gegend ja auch teure Läden angegriffen. Vielleicht kommen die zum Teil auch, weil wir höhere Preise haben als andere Metzgereien." Andreas Klemm, Fleischer im Prenzlauer Berg, hat bislang nur nachts Unterricht zum Thema "direkte Aktion" bekommen. "Wir haben jetzt Metalljalousien angebracht, denn so eine Scheibe kostet 2 000 Mark", sagt er. Als Ursache vermutet er "die Tiertransporte und so". Trotzdem gibt ihm das Treiben Rätsel auf: "Warum machen die deswegen die kleinen Metzger kaputt? Es weiß doch jeder, daß Tiere nicht wachsen wie Eisen." Unter Tierrechtlern können sich die Attentäter des Beifalls gewiß sein. "Das ist völlig legitim. Es sind ja nur Sachen zerstört worden", findet etwa Akika. Hermanns Kriterien in Sachen Gewalt sind etwas lockerer. Das Verschicken von Briefbomben durch britische Aktivisten will er zwar "nicht bewerten", weil er zu wenig darüber wisse. "Aber ich kann es verstehen", sagt er. Wer sich links einordnet, ist darauf bedacht, sich von den anderen Gruppen abzugrenzen. Begriffe wie "Hühner-KZ" erfüllen auch zahlreiche Veganer mit Unbehagen. "Der Begriff KZ hat vielleicht keine korrekte Berechtigung", hat Hermann gelernt. "Massenmord ist es aber auf jeden Fall." "Mit Leuten wie Peter Singer haben wir überhaupt nichts zu tun", beteuert Georg von der Gruppe Bärta. In dem Café, das der Gruppe als Treffpunkt dient, liegen stapelweise Flugschriften mit Titeln wie "Schweine - sensible und intelligente Wesen", "Sklaven der Manege" oder Broschüren des Body Shop aus, dessen Produkte schon seit Jahren nicht mehr mit der falschen Behauptung "Not tested on animals" geschmückt werden dürfen. Aber "Against animal testing" klingt ohnehin engagierter. Ungeachtet des permanenten Verweises auf fundamentale Unterschiede sind die Schlüsselargumente vom ökofaschistischen bis ins anarchistische Lager weitgehend gleich. So begründet Georg seine Überzeugung mit dem "Recht auf Schmerzfreiheit" und greift damit auf den Philosophen Jeremy Bentham zurück, dessen Utilitarismus-Lehre den Zweck sittlichen Handelns im Beitrag zum "allgemeinen Glück" sieht. Beim Abwägen, wie das größtmögliche Glück erreicht werden kann, bleibt der einzelne schon einmal auf der Strecke. Aus dem Utilitarismus, den Karl Marx "Theorie der wechselseitigen Exploitation" nannte, spinnt auch der verpönte Singer seine Thesen. Sieht man wie Bentham den springenden Punkt in der Frage, ob ein Lebewesen über die Fähigkeit zu leiden verfügt, stellt sich die Schwierigkeit der Grenzziehung. Während Vosi gesteht, manchmal "im Reflex" eine Mücke zu morden, lehnt Hermann eine Hierarchie radikal ab: "Dann müßte man zwischen lebenswert und -unwert unterscheiden." In Eyachtal bei Pforzheim wollten vor zwei Jahren 100 Demonstranten "den stummen Fischen eine Stimme verleihen", indem sie gegen Forellenzucht und Angeln protestierten. So konsequent sind die Mitglieder von Bärta nicht. Es dürfen sich "Fleischfresser" beteiligen - auch wenn das bislang niemand in Anspruch genommen hat -, und Differenzierungen werden durchaus gemacht. "Wenn in Metzgereien Menschen geschlachtet würden, würde ich anders reagieren", glaubt Vosi. Es drängt sich der Eindruck auf, daß er und seine Freunde am liebsten Tiere mit Menschen auf eine Stufe stellen würden, ohne dabei Menschen mit Tieren gleichzusetzen. Eine hat damit jedenfalls keine Schwierigkeiten. Die prominente Zitronenhuhn-Köchin Alice Schwarzer funktionierte ihre Zeitung Emma bereits vor zwei Jahren zur "einzigen konsequenten Stimme für Frauen- UND Tierrechte" um. Folgerichtig konnte eine Verteidigung Peter Singers nicht ausbleiben. Der werde "häufig mißverstanden", denn: "Er sagt nur: Wenn ihr nichtmenschliche Lebewesen auf einer hohen Bewußtseinsstufe tötet, dann müßt ihr auch die Tötung menschlicher Lebewesen mit weniger Bewußtsein erlauben." Mit konservativen und reaktionären Organisationen haben die Aktionisten vom Anarchistisch-Veganen Café und Bärta auch die Behauptung gemein, Tierversuche seien nicht auf den Menschen übertragbar. Um die zwingenden Schlußfolgerungen drückt man sich indes lieber herum. Als Antwort auf die Frage nach Alternativen erzählt Georg eine Heilungsgeschichte mit Heidelbeersaft, Akika verweist auf ihre geplante Heilpraktiker-Ausbildung, und Vosi berichtet von seinem Asthma, das er durch die Absetzung "der Chemie" in eine chronische Bronchitis verwandeln konnte. "Menschenversuche" ist ein Wort, das in dem Land, wo der Faschismus Tierversuche überflüssig machte, einigen noch schwer über die Lippen kommt. Die Behauptung der Nicht-Übertragbarkeit nennt der britische Gehirnforscher Steven Rose "schlichtweg falsch". In der Zeitschrift International Socialism führt er ein Argument an, das von Tierrechtlern stammen könnte: "Es ist vollauf klar, daß Tiere und Menschen ein biologisches Kontinuum darstellen. Die gleiche Biochemie, die die biologischen und physiologischen Abläufe in unseren menschlichen Körpern konstituiert, regelt auch die der Tiere." Fälle wie Contergan¨ sprechen für ihn nicht gegen Tierversuche, sondern sind seiner Auffassung nach im Gegenteil ein Hinweis darauf, daß mehr Versuche an unterschiedlichen Tierarten durchgeführt werden müssen. Ein anderes Thema, das gerne umschifft wird, ist die Größe der "Bewegung". Auf jedem Fall könne man aber schreiben, "daß sie im Wachsen ist", meint Hermann. Neidisch wird nach England geschielt, wo man, so Hermann, "wirklich von einer Bewegung sprechen kann". "Da gibt es im Supermarkt ganz selbstverständlich die vegane Bratwurst", schwärmt ein anderer. Im Anfang war die Tat. Akika schätzt das Prinzip der direkten Aktion: "Ich will nicht ewig herumdiskutieren, wie wir jetzt genau Imperialismus definieren. Und statt auf Demos auf der Straße zu latschen, finde ich es besser, Sachen direkt anzugreifen." Wozu Zeit verschwenden und vorher reflektieren? Ganz ohne Theorie geht es aber doch nicht. Bei Bärta bekennt man sich zur "Unity of Oppression", einem Gedankengebäude, das die originelle Weiterentwicklung der "Triple-Oppression-Theorie" ist, und mit dem die Tierrechte der autonomen Standardideologie angenähert werden sollen. Mit einer moralistischen Weltsicht ist es häufig schwer, in politischen Begriffen etwas anderes als moralische Kategorien und Wertaussagen zu sehen. Begriffe wie Haupt- und Nebenwiderspruch erscheinen nicht als Aussagen über die Begrenztheit von Reformen im Kapitalismus, sondern als Prioritätenliste: "So, so, Frauenunterdrückung ist also nur ein Nebenwiderspruch." Dagegen wendet sich Triple Oppression und widerlegt, was niemand behauptet hat, nämlich daß Sexismus und Rassismus von geringerer Bedeutung seien als Ausbeutung. Ist man beim Erstellen von Listen angelangt, bleibt es nicht aus, daß diese unvollständig sind. Dem "Unity of Oppression"-Ansatz zufolge gibt es viele gleichermaßen schlimme Unterdrückungsformen, wie z.B. Knechtung wegen des Alters, wegen fehlender Fähigkeiten oder der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Spezies. Für Akika heißt das: "Ich leb' und guck', wo ich was mache." Darauf, daß sie nicht "in ihrer kleinen Welt leben", legen auch die anderen Wert. Der Kampf gegen Nazis und Sexismus sei genauso wichtig wie die Revolutionierung des Tierreichs. "Die Antifa ist zur Zeit ziemlich abgeflaut, deshalb mache ich im Moment mehr Tierrechts-Arbeit", sagt Georg und nennt damit eine allgemeine Erscheinung, in der wer will einen möglichen Grund für die Entstehung von Tierrechtsgruppen in den neunziger Jahren sehen kann. Bei der Durchsetzung der Tierrechte stellt sich jedoch ein vertracktes Problem, dessen Entdeckung das Verdienst von Friedrich Engels ist. Seine Schriften dürften unter den herbivoren Kämpfern gleichwohl ein eher geringes Ansehen haben. Nicht nur, daß im Kommunistischen Manifest die "Abschaffer der Tierquälerei" gedisst werden; Engels sah im Aasfraß gar ein "Emanzipationsmittel für den Menschen". Insofern kann es nicht wundern, daß das folgende Zitat unter Tierfreunden wenig bekannt ist: "Der Wolf schont nicht, wie der Jäger, die Rehgeiß, die ihm im nächsten Jahr die Böcklein liefern soll." Diese nachvollziehbare Tatsache macht die Forderung nach "Rechten" für Tiere offenkundig absurd. Anders als Rechte, die von eigenständig handelnden Subjekten gegen ihre Unterdrücker erkämpft werden, lassen sich die gottgegebenen Tierrechte niemals verwirklichen. Allenfalls können Handlungsanweisungen für Menschen aufgestellt werden, auf daß die Ratte nicht durch die Falle sterbe, sondern durch die Katze. Dabei sind die Unterschiede im Zivilisationsgrad von Menschen und anderen Organismen in der Szene eigentlich sehr augenfällig - jedenfalls hinsichtlich der sexuellen Interaktion mit Zweibeinern. So wurde eine Tierrechtlerin vor mehreren Wochen dadurch geweckt, daß ihr damaliger Freund sein erigiertes Membrum virile an ihr rieb, was diese sich verbat: "Ich sagte 'Hör auf!' und ER hörte auf." Die Frau tat, was in einem solchen Fall geboten ist. Sie machte die Vergewaltigung in der Interim öffentlich. Damit entfesselte sie im Zentralorgan der Berliner Autonomen eine mehrwöchig mehrseitige Diskussion, die neue Gesetze gebar: "Wenn eine/r schläft, sollte die/der andere, ihren/seinen Schlaf respektieren." Auch für Außenstehende durchaus logisch und leicht zu verstehen. (Jungle World, Nr. 45/97) Sexueller Mißbrauch von Tieren dagegen wird bislang noch nicht öffentlichkeitswirksam thematisiert - zumindest in Deutschland. In Großbritannien hat die Organisation "Animal Front" Truthahn-Masturbatoren im Visier, die das Geschlechtsorgan des Hahns in der Absicht stimulieren, mit einem Blasrohr das Sperma zu Zuchtzwecken abzusaugen.
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