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Unseld-Nachfolge
In die zähen Erbfolgestreitigkeiten im Suhrkamp-Verlag zu Frankfurt/M. scheint Bewegung zu kommen, nachdem der Leiter und Miteigentümer Siegfried Unseld sich jetzt einen Neuen ins Haus geholt hat. Aber bloß nichts überstürzen: "In Übereinstimmung mit Siegfried Unseld, der seine verlegerische Funktion weiter wahrnimmt, werden Buchwald" - so heißt der Neue - "und Unseld das Suhrkamp-Programm bestimmen", teilt die Pressestelle des Unternehmens mit. Wenn Christoph Buchwald, der bisher Mitgeschäftsführer bei Luchterhand war, jetzt alles richtig macht, ist ihm der Posten, um den sich bisher vergebens Männer mit so bizarr klingenden Namen wie Joachim Unseld, Gottfried Honnefelder und Thedel von Wallmoden beworben hatten, schon so gut wie sicher. Rechtschreiber Apropos Namen: Randolf (9), Armin (3), Sigurd (7) und Ulrike (7) aus Berlin sollen die neuen Regeln der Rechtschreibreform erspart bleiben. Zu kompliziert für die Kids mit den überwiegend germanischen Namen, meint der Vater. Damit seine drei schulpflichtigen Kinder nach dem bisher gültigen Regelwerk die Orthographie erlernen können, zog Gernot Holstein vor Gericht. Am Freitag letzer Woche entschied das Berliner Verwaltungsgericht das Reformvorhaben vorerst zu stoppen: "Ich bin überglücklich, die Rechtschreibreform ist Murks und muß jetzt vom Tisch", freute sich der Mann, der sich durch den neuen Duden in seinen Persönlichkeitsrechten regelrecht beeinträchtigt fühlte. Je ein Preis für Biermann und Schmidt Wolf Biermann wird nun doch noch Nationalpreisträger. Ersatzweise verleiht diesen Preis die "Deutsche Nationalstiftung" der BRD an den in Ost und West gleichermaßen populären Gitarristen, nachdem die Vergabe des beliebten Ordens durch die DDR im Jahr 1990 eingestellt werden mußte. Während Biermann auf die Nachricht mit den Worten reagierte: "Ich kann nicht überrascht sein", gab sich der Conférencier Harald Schmidt erstaunt, als ihm mitgeteilt wurde, er erhalte den "Medienpreis für Sprachkultur 1998". Schmidt, der "gar nicht wußte, daß es so einen Preis gibt", wird von der Wiesbadener Gesellschaft für deutsche Sprache geehrt, da der Jury der "mutige Umgang mit Sprache" imponierte. Der Preis wird am 9. Mai 1998 verliehen; als Laudatorin wurde die Frauenrechtlerin Alice Schwarzer gewonnen. Also, alles okay, solange der Polenwitz kein Polinnenwitz ist. Sonntagszeitung Der ansonsten dem freien Unternehmertum aufgeschlossene Springer-Konzern hat jetzt die Grenzen der kapitalistischen Logik entdeckt und kämpft gegen einen Freiburger Verlag, der in einer Auflage von 120 000 ein Anzeigenblatt unter dem Titel Zeitung am Sonntag (ZaS) herausgibt. Im Unterschied zu anderen Anzeigenblättern berichtet ZaS nicht über die Einweihung des Zehn-Meter-Turms im örtlichen Schwimmbad, den Ausgang kiezrelevanter Skatturniere oder die Probleme bezirksansässiger Hausfrauen beim Frühjahrsputz, sondern über politische und kulturelle Themen ohne Freiburg-typischen Bezug. Springer (BamS, WamS) erwirkte eine einstweilige Verfügung gegen das Gratisblatt und klagte wegen unlauteren Wettbewerbs - vergeblich. Das Gericht sah die Existenz der Springer-Publikationen nicht gefährdet. Jörder wird der neue Henrichs Die Arbeit des Theaterkritikers der Zeit, Benjamin Henrichs, der "im Kulturjournalismus eine nationale Institution" (FAZ) ist, aber aus Protest gegen den Führungsstil der Chefin Sigrid Löffler kündigte, übernimmt zukünftig der Feuilletonchef der Badischen Zeitung, Gerhard Jörder, der in Freiburg eine kulturelle Institution war, bis er, nach 24 Jahren, seine Kündigung erhielt. Seine Entlassung (Jungle World 6/97) hatte bundesweite Proteste ausgelöst: "Der Fall Jörder ist der Prüfstein einer Regionalzeitung, die auf dem Weg zur Modernisierung bei gleichzeitigem Zwang zum Sparen ins Stolpern geraten ist", teilte ein Unternehmensberater der FAZ mit. Jetzt das gute Ende: Nach Jörders Theaterkritiken besteht plötzlich bundesweite Nachfrage, so daß er sie künftig in der Zeit veröffentlichen wird. Und, damit alles seine Richtigkeit hat, wird er gleich noch Stellvertreter der Feuilleton-Ressortleiterin Sigrid Löffler. Was aus Henrichs wird, weiß man nicht genau, wahrscheinlich geht er zum Theater. Mal Oliver Gehrs von der Berliner Zeitung fragen. Radiophones Horrorstück Seit dem vergangenen Samstag besitzt der Hörspiel-Autor und -Produzent Hermann Bohlen (34) einen neuen Lautsprecher. Der kracht nicht, klingt nicht, keinen Pieps gibt er von sich - der Lautsprecher ist der gleichnamige Preis für das beste Hörspiel des Jahres. Eine Publikumsjury verlieh ihn zum Abschluß der Berliner "Woche des Hörspiels" an des Autors radiophones Horrorstück "Prozedur 7.7.0". Die Konkurrenz war prominent (Christoph Schlingensief mit "Rocky Dutschke"), sie war witzig (John von Düffel mit "Missing Müller"), aber Bohlen verstand doch mehr zu überzeugen mit der Vergegenwärtigung einer Welt, in der polizeilich nicht identifizierbaren Personen Erkennungschips unter die Haut gespritzt werden. Sein Stück setzt, in einer virtuosen Montage, die Stimmen von Kriminalisten, Psychologinnen, Technikern, Passantinnen und Passanten, die die neue polizeiliche Maßnahme diskutieren und am Ende doch hinnehmen, zu einem Hör-Bild zusammen. Es ist das Porträt einer Gesellschaft, die zur Verfolgung entschlossen ist. Unter den Sprecherinnen und Sprechern: Ulrich Enzensberger, Elke Thye, Ralf Zeiseweis, die Kinder von Fanny van Dannen und die Jungle World-Autoren Johannes Groschupf und Stefan Ripplinger. Der Deutschlandfunk wiederholt "Prozedur 7.7.0" am kommenden Samstag um 20 Uhr. Hering ausgesetzt Die Chefredakteurin der Deutschen Lehrerzeitung (DLZ), Brigitte Hering, muß gehen. Knapp sechs Wochen, nachdem der Verlag Elefanten Press das ehemalige DDR-Pflichtblatt für Lehrer an den ostdeutschen Rheinhard Becker Verlag verkaufte, flatterte ihr die fristlose Kündigung ins Haus. Dem neuen Herausgeber paßte sie nicht mehr ins Konzept. In welches Konzept, gab das Familienunternehmen aus einer Garage in Velten (Brandenburg) bisher allerdings nicht bekannt. Die Mitarbeiter der DLZ sind damit innerhalb kurzer Zeit zum zweiten Mal mit ambitionierten Eigentümern konfrontiert. Vor zwei Jahren entging das Blatt nur knapp einem Konkursverfahren. Elefanten Press hatte die Zeitung damals günstig erworben.
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