Zum Inhaltsverzeichnis / Zum Abo - Coupon / Brief an die Redaktion


Erbschaft einer anderen Zeit

In der DDR wie in der BRD waren Ausländer hauptsächlich als billige Arbeitskräfte erwünscht.
Von Marina Mai

Es war irgendwann im Jahr 1988, da klingelte in der SED-Kreisleitung Zwickau das Telefon, erinnert sich einer, der damals dabei war. Am anderen Ende war jemand, der Wünsche wahrzumachen schien. Er rief von der nächsthöheren Struktur innerhalb der SED, von der Bezirksleitung Karl-Marx-Stadt, aus an und hatte offensichtlich die Wünsche seiner Zwickauer Genossen erhört. Gut hundert zusätzliche Arbeitskräfte standen auf dem Wunschzettel. Und die sollten nun wie bestellt eintreffen. Direkt aus Hanoi. Gleich in der nächsten Woche.

Huy war einer dieser "Arbeitskräfte". Mitten in der Nacht landete er mit 330 Landsfrauen und -männern auf dem Flughafen Berlin-Schönefeld. Der Mann von der Abteilung Arbeitskräfteverwaltung - einer eigens in Berlin eingerichteten Außenstelle des Hanoier Arbeitsministeriums, die für die Koordinierung des "Arbeitseinsatzes" der Vertragsarbeiter sowie für deren politische Überwachung zuständig war - begleitete die Neuankömmlinge bis zum Bahnhof. In ein paar Stunden würde der Zug eintreffen, erklärte er. Und um sie gleich mit der anderen Mentalität in ihrer neuen Heimat zu konfrontieren, mahnte er sie, sich beim Einsteigen zu beeilen: Der Zug halte in Schönefeld nur eine oder zwei Minuten.

Huy erinnert sich, wie die 34 Neuankömmlinge eine Schlange bildeten. Das Gepäck mußte er mit einer Hand tragen, die andere Hand hielt er auf der Schulter des Vordermannes. Alle wollten in der einen Minute in den Zug steigen können - ins selbe Abteil natürlich. Leute, die schimpften, weil eine plötzlich in den Zug drängelnde Schlange von Vietnamesen sie am Aussteigen hinderte - das waren die ersten Deutschen, denen Huy begegnete.

Huy gehörte zu den 90 000 Vertragsarbeitern, die die DDR ab Ende der siebziger Jahre holte, um personelle Engpässe in der Produktion zu stopfen. Im Unterschied zu den westdeutschen Gastarbeitern wurden sie nicht einzeln, sondern kollektiv via Staatsvertrag angeworben. Wer kommen wollte, mußte zwischen 18 und 40 Jahre alt sein und sich einer Untersuchung auf seine "gesundheitliche Eignung" unterziehen. Anfangs kamen die Vertragsarbeiter sowohl zur Arbeit als auch zur beruflichen Aus- oder Weiterbildung in die DDR. Ab Mitte der achtziger Jahre rückte die Ausbildung immer mehr in den Hintergrund. Nur noch ein drei- bis sechswöchiger Deutsch-Kurs war vorgesehen. Die Vertragsarbeiter wurden auf Arbeitsplätzen eingesetzt, für die sich keine DDR-Bürger fanden. Ihr Aufenthalt wurde von der DDR wie von den Entsendeländern Vietnam, Angola, Mozambique, Kuba, Polen, Ungarn, Algerien, China, Nordkorea und Bulgarien als zeitlich befristet angesehen. Die Anwerbung von Familien wurde bewußt vermieden. So ließen die Vertragsarbeiter oft Kinder und (Ehe-)Partner zurück. Eine Integration in die DDR-Gesellschaft war nicht erwünscht.

Eine wissenschaftliche Aufarbeitung des Kapitels Vertragsarbeit steht aus. Lediglich eine Dokumentation des Historikers Andreas Müggenburg bietet erste Diskussionsangebote. Die Ausländerpolitik der DDR war ambivalent. Internationalismus aus kommunistischer Tradition koalierte mit einer aus Sicherheitserwägungen heraus betriebenen Abschottung gegen das "Fremde" im Innern. Die Vertragsarbeiter sollten "Gäste auf Zeit", also Fremde bleiben und den Hierarchien unterliegen, die die Botschaften ihrer Herkunftsländer schufen.

Das Konzept ging auf. In der Regel blieben die Vertragsarbeiter den DDR-Bürgern fremd. Doch es gab Ausnahmen. Von Teilen der DDR-Bevölkerung wurden Vertragsarbeiter positiv aufgenommen. Die Restriktionen wie das Schwangerschaftsverbot wurden als von den Herkunftsländern ausgehend angesehen. So war es ganz normal, daß deutsche Bekannte schwangere Vietnamesinnen vor deren erzwungener Rückkehr noch mit Umstandskleidung und Babyausstattung eindeckten.

Etwa zwei Drittel der Vertragsarbeiter kamen aus Vietnam. Das südostasiatische Land hatte sich als besonders gefügig erwiesen, die ihm von der DDR in das Regierungsabkommen hineingeschriebenen Restriktionen gegen die hierher entsandten Landsleute auch durchzusetzen. Ein System von Gruppen- und Bezirksleitern übte die "Kontrolle" aus. "Gesundheitliche Nichteignung", schlechte Arbeitsdisziplin und "Verstöße gegen Normen der sozialistischen Gemeinschaft" waren Gründe, vorzeitig zurückgeschickt zu werden. Vietnamesinnen, die schwanger wurden, mußten zwischen vorzeitiger Rückreise und Abtreibung wählen. Diese Regelung wurde erst im Februar auf Druck der Kirchen gelockert: Die junge Mutter durfte bleiben, wenn der Betrieb einer Weiterbeschäftigung zustimmte.

Das Regierungsabkommen legte den Rahmen fest, in dem sich die Vertragsarbeiter bewegen durften. Die Zahl der Quadratmeter, die den Betroffenen in einem Mehrbettzimmer im Wohnheim zustanden, war ebenso festgeschrieben wie die Anzahl und das Gewicht der Pakete, die sie pro Jahr nach Vietnam schicken durften. Eine Einlaßkontrolle in den Wohnheimen regelte, wer die Bewohner besuchen durfte.

Doch nicht nur die DDR, auch Vietnam profitierte von den Vertragsarbeitern. Die mußten nämlich 12 Prozent des Bruttoeinkommens und die Rentenversicherungsbeiträge direkt an die vietnamesische Staatskasse als "Hilfe zum Wiederaufbau des Landes" abführen. Der Betrieb übernahm den zweifelhaften Service des Geldtransfers. Der Vertragsarbeiter bekam das Geld gar nicht zu sehen. Das Kindergeld für die in Vietnam zurückgelassenen Kinder floß ebenfalls in die vietnamesische Staatskasse. Das war in der öffentlichen Meinung in Vietnam akzeptiert. Denn wer im Ausland leben durfte, galt als reich. Viele Vietnamesen bewerteten die Vertragsarbeit als eine Chance. Sie war für sie die einzige Möglichkeit, Vietnam legal für einige Zeit zu verlassen.


Zum Inhaltsverzeichnis / Zum Abo - Coupon / Brief an die Redaktion