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Lebenslang auf Probezeit
Die konservative Modernisierung des Bildungssystems ist in vollem Gange Gottfried Fürwald, Präsident der deutschen Hochschulrektorenkonferenz, malt ein düsteres Bild an die Wand. Werde nicht bald gehandelt, drohe die Bildung - einst der Deutschen größter Stolz - völlig auf den Hund zu kommen. Angesichts des desolaten Zustand sei mit partiellen Reformen nicht gedient, vom Kindergarten bis zur Universität müsse eine grundlegende Modernisierung des Bildungswesen erfolgen. Er unterstützte damit Bundespräsident Roman Herzog, der in seiner Berliner Rede die Bildungspolitik zum "Megathema" des nächsten Jahrhunderts erklärte. Wie kaum ein anderer beherrscht Herzog die Gabe, flammende Kritik zu äußern - und gleichzeitig Beifall von allen Seiten zu erhalten. Der Grund dafür ist schnell gefunden. Er formuliert unverbindlich, was die politischen und wirtschaftlichen Eliten diskutieren. Eine ihrer derzeit größten Sorgen: Das Bildungswesen befindet sich in einem katastrophalen Zustand. Bis zu 15 Prozent der Lehrstellenbewerber seien nicht ausbildungsfähig, klagten kürzlich die Handwerkskammern, weil den Anwärtern auf ein Handwerk die erforderlichen Kenntnisse im Lesen, Schreiben, Rechnen fehlten. Auch die Hochschulen haben längst ihr Renommee verloren. Wer hier studiert, sitzt in der Regel in hoffnungslos überfüllten Seminaren, verbringt viel Zeit mit bürokratischen Prozeduren und hat schlechte Chancen auf einen Job. In Hessen gingen letzte Woche die Angehörigen der Universitäten auf die Straße (s.S.8): An der Uni Gießen hat ein Professor rund 750 Nachwuchsakademiker zu betreuen. Proseminare mit 300 Hörern sind keine Seltenheit. Die Misere liegt in einem Bildungssystem begründet, das sich an einem industriellen Kapitalismus orientiert, den es heute immer weniger gibt: In der Hochphase des Fordismus mit Vollbeschäftigung und Massennachfrage herrschte Bedarf an qualifiziertem Fachpersonal. Die sozialdemokratische Bildungsreform kam dieser Aufgabe nach und öffnete in den siebziger Jahre die Hochschulen für die unteren Klassen. Heute hat der Arbeitsmarkt andere Prioritäten, deren Konsequenzen längst bekannt sind: Qualifizierte Arbeit für alle wird es in absehbarer Zukunft nicht mehr geben, sondern ist beispielsweise auf "Schlüsselbereiche" wie Telekommunikation oder Biotechnologie beschränkt. Entsprechend wird auch Bildung als Zugangsvorausetzung stärkeren Auswahlkriterien unterliegen müssen. Die Globalisierung und Flexibilisierung der Ökonomie fordert eine immer größere Anpassungsbereitschaft der Individuen, lebenslange Berufskarrieren sind ebenso im Aussterben begriffen wie krisensichere Branchen. In allen wesentlichen Wirtschaftsbereichen haben sich Liberalisierung und Deregulierung durchgesetzt; eine Ausnahme bilden noch die der staatlichen Verwaltung unterliegenden Bereiche. Zwar wird auch hier versucht, neoliberale Maßstäbe anzulegen. Die Frage ist allerdings, in welchem Maße sich der Staat aus der Bildungspolitik verabschieden soll. Die Telekom ist leichter zu privatisieren als beispielsweise das Schulsystem oder das Beamtenrecht. Der Staat habe sich auf "einen Kernbestand" und "Mindeststandard" bei der Ausbildung zu beschränken, pflichtete der Präsident der Arbeitgebervereinigung, Dieter Hundt, dem Bundespräsidenten nach seiner Rede bei. Differenzierung und Wettbewerb, die Übertragung marktwirtschaftlicher Kriterien auf Schule, Lehre und Universitäten gilt als Lösung. Der Schwerpunkt der Ausbildung soll künftig bei der Vermittlung von "Schlüsselqualifikationen" liegen. Bei der rasanten Veränderung der Arbeitsprozesse kommt es nicht mehr auf ein möglichst umfangreiches Fachwissen an, da jedes Spezialwissen schneller veraltet ist, als die Bildungseinrichtungen darauf reagieren können. "Lebenslanges Lernen" heißt das Motto, das zu einer permanenten Weiterqualifikation befähigen soll. Erst auf dieser Grundlage soll für eine Minderheit eine weitere Spezialisierung möglich werden. Als dritte Komponente soll der Wettbewerb zwischen den ausbildenden Institutionen erfolgen. Im Hochschulbereich sind sich Bildungsminister Rüttgers (CDU), die Kultusminister der Länder und die Chefs der Wirtschaftsverbänden bereits weitgehend einig: Qualitätsunterschiede zwischen den Universitäten sollen transparenter und schlechte Leistungen durch die Entziehung der Ressourcen sanktioniert werden. Das Studium wird künftig hierarchisch gegliedert: Ein Grundstudium mit breitem Basiswissen für die Mehrheit und eine "tiefergehende Spezialisierung für eine geringere Anzahl von Studenten", die zu den späteren Eliten in Wissenschaft, Wirtschaft und Politik zählen werden. Auch die Institutionen sollen sich nach ökonomischen Kriterien organisieren. Die traditionelle Universitätsleitung mutiert zum modernen Management, das über staatliche Zuwendungen, Drittmittel und Mitarbeiter selbst entscheidet. Und da die staatlichen Mittel spärlicher fließen, müssen die Hochschulen in der Lage sein, ihre Nachwuchsakademiker möglichst schnell auf die Bedürfnisse der Wirtschaft vorzubereiten. Auch die Lehrberufe haben sich dem Primat der Marktes anzupassen. Eine praxisnahe Vorbereitung soll in Form einer "paßgerechten Modulausbildung", so Herzog, erfolgen. Die Schlüsselqualifikationen ganzer Branchen, zum Beispiel in der Elektroindustrie, werden gemeinsam vermittelt, danach erfolgt die Weiterqualifikation nach dem Baukastenprinzip. Je nach Ausbildungsziel werden einzelne Lehrgänge angeboten, die auf die spezifischen Bedürfnisse des Betriebes und des Arbeitsmarktes zugeschnitten sind. Der Vorteil: Die Module sind veränderbar, eine starre Berufsausbildung wird es nicht mehr geben. Parallel soll die individuelle Weiterqualifizierung gefördert werden, beispielsweise durch eine Ausdehnung des Meister-Bafögs. Die konservative Modernisierung des Bildungswesen bedeutet auch, bisherige Sicherheiten aufzugeben: Soziale Bindungen werden ebenso brüchig wie eine kalkulierbare Erwerbslaufbahn, wenn Berufswechsel und partielle Arbeitslosigkeit immer häufiger zum Alltag gehören. Dafür bedarf es auch neuer persönlicher Qualitäten. Leistungen müssen wieder im Vordergrund stehen: Ein "wertorientiertes Bildungssystem" solle "erzieherische Werte" wieder "offensiv in den Unterricht" einbauen, forderte Herzog, und sprach damit sowohl der Gewerkschaft der Polizei wie auch Bildungsminister Rüttgers aus der Seele. Lebenslang auf Probezeit.
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