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Nachrichten

Wider das Geläufige: Isaiah Berlin

Sein radikaler Skeptizismus fand in Deutschland kaum Anhänger, seine brillanten Essays sind, trotz vieler Übersetzungen, den meisten deutschen Intellektuellen kein Begriff, und warum das so ist, hätte er selbst am besten erklären können: Isaiah Berlin. Der britische Gelehrte, der am 5. November in Oxford gestorben ist, war ein guter Kenner der deutschen Geistesgeschichte. Er untersuchte bei Herder, Hamann und Kant - den "ostpreußischen Weisen" (Berlin) - die Anfänge des Nationalismus und sah, warum die Aufklärung in diesem Lande niemals den Hauch einer Chance hatte. Er ging an die kulturellen Ursprünge jener deutschen Konterrevolution zurück, deren "ungebärdige Einbrüche in die wohlgeordnete Prozession der gesunden und bedachtsam rationalen europäischen Denker" den aufgeklärten Leser "befremden" müssen.

Berlin wußte durchaus das Schöpferische jener National-Philosophen zu würdigen, mit denen das Verhängnis seinen Lauf nahm. So sehr sich der atheistische Liberale der Aufklärung verbunden fühlte, so sehr hielt er Kritik, auch ungebärdige Kritik, an den Idolen der Aufklärung für geboten. Der 1909 in Riga als Sohn eines Händlers jüdischer Herkunft geborene Berlin kehrte zeit seines Lebens immer wieder zu der großen aristokratischen Gestalt der russischen Literatur des 19. Jahrhunderts zurück: Alexander Herzen. Der von den Zaren verfolgte Publizist, ein ebenso scharfer wie geistreicher Kritiker der "tedesco-tatarischen" Despotie, hatte jene skeptische Haltung der Aufklärung gegenüber bewahrt, die auch sein Bewunderer einnahm. Herzen, sagte Berlin 1991 in einem Interview der New York Review of Books, "stand jeder Hingabe an abstrakte Einheit und Universalität mit großem Mißtrauen gegenüber". Es ist dieses Mißtrauen, das Herzen von Bakunin, Engels und Marx trennte. Und dasselbe Mißtrauen hegte der Liberale Berlin, dessen Familie vor der Russischen Revolution geflohen war, den sozialistischen Parteien und Programmen gegenüber.

Seine Distanz zu den nationalliberal-bürgerlichen Lehren, wie sie nicht ohne Grund in Deutschland Fuß gefaßt haben, machte er in Essaybänden wie "Two Concepts of Liberty" oder "Wider das Geläufige" deutlich, für die er im englischsprachigen Raum gefeiert wurde. In ihnen sagte er sich los von jeder metaphysischen Überhebung des politischen und philosophischen Denkens, ohne sich deshalb unter das positivistische Joch spannen zu lassen.

Berlin war von 1957 bis 1967 Professor für Sozialphilosophie und Politische Theorie in Oxford, von 1974 bis 1978 Präsident der Britischen Akademie der Wissenschaften, Gründungspräsident des Wolfson College und Direktor des Royal Opera Covent Garden. Er hat alles erreicht, was ein Gelehrter in Großbritannien erreichen kann. Auf die Frage jedoch, wer, wenn nicht Isaiah Berlin, er gerne gewesen wäre, antwortete er unmißverständlich mit: "Alexander Herzen".

Tucho und Ossi für Arme

Unter Federführung Eckart Spoos wollen demnächst die kritischen Geister Daniela Dahn, Rolf Gössner, Dietrich Kittner, Arno Klönne, Otto Köhler, Reinhard Kühnl und Peter Turrini die Neuherausgabe der Weltbühne ins Werk richten. "Bonn ist nicht Weimar", klärt uns ein Info-Blatt auf, also darf die Weltbühne auch nicht mehr Weltbühne heißen. Sondern muß (man hält es nicht aus) auf den Namen Ossietzky hören.

Ossietzky. Tatsächlich: Ossietzky.

Indes verhinderte der Rechteschutz den ziemlich scham-, ja geschmack- und hochwahrscheinlich sinnlosen Versuch, einen Titel zu klauen, der für wenig mehr als Lahmarschigkeit einstehen müßte: "Ossietzky wendet sich an Menschen, die gern lesen. Solche gibt es auch noch im Fernseh-Zeitalter. Sie brauchen nicht mit mehreren Zentimeter großen Überschriften, vielen Fotos und einem Layout gelockt zu werden, das sich den von Reklame geprägten Sehgewohnheiten von Millionen Nichtlesern anpaßt."

Doch in rasender Selbstüberschätzung bremst die sieben Aufrechten vorerst nichts. "Wer darf es wagen, sich in eine Tradition zu stellen, die auf Ossietzky und Tucholsky zurückführt? Wir sind es ihnen geradezu schuldig."

Bettruhe I

Der kolumbianische Militär-Chef General Manuel José Bonett hatte in der letzten Woche eine Idee und verbreitete sie prompt über die Radio- und Fernsehstationen: Die Frauen der linken Guerilleros und der rechten Paramilitärs sollten in einen unbefristeten Sexstreik treten. Gespräche über ein Friedensabkommen, so der General, würden dann "sehr schnell" aufgenommen werden "und den dreißig Jahre andauernden Bürgerkrieg beenden."

"Wenn die Frauen den Streik versuchen, dann werden die Männer sehr nett und ruhig werden und spätestens im Dezember nach Kakao quengeln", versprach der General weiter. Dabei vergaß nicht nur die bei der Guerilla und den paramilitärischen Einheiten tätigen Frauen, sondern offenbarte auch ein ziemlich weltfremdes Bild vom Mann.

Bettruhe II

Womöglich ist der Arbeitskampf der französischen Lkw-Fahrer nur deshalb so kläglich gescheitert, weil sich die Öffentlichkeit plötzlich für ein ganz anderes Problem interessierte. Nachdem ein Pariser Gericht die Exhumierung des Schauspielers und Chansonniers Yves Montand angeordnet hatte, der durch Filme wie "Lohn der Angst" oder "Vier im Roten Kreis" berühmt wurde und zu den populärsten Sängern Frankreichs zählte, mußten die uncharismatischen Transportarbeiter die Titelseiten der Zeitschriften und Zeitungen eilends räumen. Es ist das erste Mal, daß ein französisches Gericht, einen posthumen Vaterschaftstest angeordnet hat. Die Richter entsprachen damit dem Antrag der 22jährigen Aurore Drossard, die behauptet, sie sei die uneheliche Tochter des 1991 verstorbenen Yves Montand.

Widerspiegelung

Vier Vertreter des Berliner Bezirks Neukölln statteten vergangene Woche dem von Michael Sontheimer geleiteten Hauptstadt-Büro des Spiegel einen Besuch ab, um gegen die Darstellung des Spiegel zu protestieren, ausländische Kriminelle hätten den Bezirk fest im Griff. Zunächst allerdings mußten sie sich über die publizistischen Grundsätze des Nachrichtenmagazins belehren lassen. Während Büroleiter Sontheimer den Besuchern seinen Neukölln-investigativen Ansatz erläuterte und erklärte, "die Presse" suche "sich Mißstände" heraus und beschreibe "nicht die Normalität", versuchte es der Bezirksreporter und Verfasser des Artikels "Endstation Neukölln" (Spiegel 43/97), Peter Wensierski, mit vulgärmarxistischer Kunsttheorie und behauptete, er habe nur die "Probleme, die es gibt widergespiegelt". Besser hätte der soeben zurückgetretene Eduard Zimmermann seine Vorliebe für Kriminelle ohne deutschen Paß auch nicht erklären können.

  •  Die Nachrichten wurden von Ripplinger, Roth und Runge zusammengestellt


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