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Mit Saus und Browse

Microsoft kämpft um die Vorherrschaft im weltweiten Internet-Geschäft

Bill Gates ist für seinen Hang zum Prophetischen bekannt: "Windows ist nicht unangreifbar, genausowenig wie Microsoft. Eines Tages wird Microsoft untergehen. Aber niemand weiß, ob in einem oder in fünfzig Jahren", heißt es in Gates' Buch "Die Zukunft im Informationszeitalter". Daß es eher etwas schneller als langsamer gehen könnte, schien im Oktober ausgemachte Sache, glaubt man den zahlreichen schadenfrohen Presseberichten. Hatte doch das US-Justizministerium die Rekordstrafe von einer Millionen Dollar pro Tag in Aussicht gestellt, falls der Konzern seine wettbewerbsverzerrenden Geschäftspraktiken gegenüber dem Softwarehersteller Netscape aufrechterhalte. Microsoft kämpft mit Netscape um die Vorherrschaft auf dem expandierenden Mark für Browser, das sind die Navigationsprogramme für das Internet.

Für den Quartalsabschluß zum 30. September konnte Microsoft den Rekord-Reingewinn von 663 Millionen Dollar und eine Umsatzsteigerung von 36 Prozent vermelden. Angesichts ihres Vermögens sei die Firma inzwischen "wohl eine der größten Banken mit angeschlossener Softwareproduktion", kommentierte das Handelsblatt. Ansonsten war der Oktober ein ganz normaler Skandal-Monat für den Branchen-Riesen: Unter anderem ging der namhafte PC-Hersteller Compaq mit der Meldung an die Öffentlichkeit, er werde gezwungen, den Computerkäufern Internet-Software vorzuenthalten, die in Konkurrenz zu Microsoft steht. Auch Aufkäufe von regionalen Kabel-TV-Netz-Gesellschaften sorgten in den USA für böse Schlagzeilen. Microsoft versuche nach dem Muster des PC-Geschäfts nun den Kabelnetz-Markt zu monopolisieren, so ein Branchensprecher. Schließlich ließen auch die EG-Wettbewerbshüter in Brüssel von sich hören. Sechs Klagen wegen wettbewerbsverzerrender Verträge mit europäischen Internet-Providern seien gegen den Softwarekonzern in Vorbereitung; die erste Klageschrift soll Ende des Jahres veröffentlicht werden. Zuletzt meldete der Großrechner-Hersteller Sun Microsystems in den USA eine Millionenklage an. Microsoft habe jüngst den geheimen Quellcode der Programmiersprache Java, der Suns Firmeneigentum sei, der Öffentlichkeit preisgegeben.

Die im Oktober bekanntgewordenen Konflikte um die Geschäftspraktiken von Microsoft haben eines gemeinsam: In sämtlichen Fällen geht es um das Internet als strategisches Geschäftsfeld. Microsoft stattet zwar rund 90 Prozent aller PCs mit seinem Betriebssystem Windows aus und hat auch in der Büro-Software die Nase weit vorn. Im Internet ist der monopol-verwöhnte Gigant nur einer unter mehreren. Das ganz große Geld im Internet wird künftig nur machen können, wer die technischen Standards, die Angebote, die Datenleitungen und die Zugangsbedingungen kontrollieren kann. Bislang sperrt sich die Eigendynamik des Netz-Markts jedoch noch vielfach gegen schnelle Vereinheitlichungen.

Den beginnenden Internet-Boom Anfang der Neunziger hatte Microsoft zunächst verschlafen. So konnte der kleine, agile US-Hersteller Netscape mit seinem Produkt namens Navigator das Rennen machen. Browser sind jene Programme, auf die kein Internet-Benutzer verzichten kann. Da Browser jedoch zugleich geeignet sind, unterschiedlichste Arten von Informationen und Daten zu strukturieren, aufzubereiten und abrufbar zu machen, sind sie in der digitalen Kommunikation von strategischer Bedeutung. In nicht allzu ferner Zukunft, wenn die Computer erst einmal weltweit am Datennetz hängen, könnten Browser sogar, so die Expertenträume, jene Aufgaben übernehmen, die heute noch von einem teuren und schwerfälligen Betriebssystem wie Windows auf der lokalen Festplatte getätigt werden.

Netscapes Vorsprung im Browser-Business erweist sich vorerst als uneinholbar: 60 bis 70 Prozent aller Internet-Nutzer arbeiten bis heute lieber mit Netscape. Der Monopolist Microsoft sieht darin zu Recht eine Gefahr für sein Internet-Geschäft. Bill Gates' hausgemachte Browser fielen zwar regelmäßig durch Mängel bei der Datensicherheit auf, hatten aber einen entscheidenden Marktvorteil: Jeder Windows-Käufer bekommt den Microsoft Internet Exporer kostenlos im Paket mit dem Betriebssystem. Künftig will Microsoft die Funktion des Browsers gleich in sein neues Betriebssystem Windows 98 integrieren, das nach langem Hin und Her für Anfang nächsten Jahres angekündigt ist. Lästige Konkurrenzprodukte sollen damit überflüssig werden.

Genau hier hakten die US-Wettbewerbshüter nach: Sie erkannten, daß Microsoft seine Monopolstellung nutzt, um sich in einem weiteren strategischen Marktsegment, bei den Browsern, ein neues Monopol zu verschaffen. Dies erklärt auch die ungwöhnliche Höhe der Strafandrohung.

Geht es bei den Beteiligungen im Markt der Kabelnetze schlicht um die künftige Kontrolle von Hochleistungs-Datenautobahnen, so hat Microsoft im Falle der rechtswidrigen Veröffentlichung des Java-Quellcodes praktisch die gesamte PC-Branche gegen sich. Die zukunftsträchtige, aber noch stark in der Entwicklung befindliche Programmiersprache Java ist besonders für Internet-Anwendungen hervorragend geeignet. Hier geht es um ein Milliardengeschäft in den nächsten Jahren. Die Urheberrechte befinden sich zweifelsfrei im Besitz von Sun, jedoch kursieren verschiedene vorläufige Varianten der Sprache, darunter auch eine Microsoft-spezifische. Bislang konnte kein Hersteller seine Variante ohne Risiko zum Standard erheben. Sun strebt - in Absprache mit IBM und anderen Firmen - die weltweite Normierung dieser Schlüsseltechnologie durch die Internationale Organisation für Standardisierung (ISO) im kommenden Jahr an. Damit aber wäre Microsofts eigene Java-Variante aus dem Rennen; der Software-Gigant müßte sich hinten in der Schlange anstellen und eine Lizenz erwerben - wie alle anderen Nutzer auch. Der Weg zum Monopol wäre im Falle Java verstellt.

Microsoft hofft nun offensichtlich mit der Freigabe des geheimen Java-Quellcodes, das Vertrauen in den kommenden ISO-Standard zu erschüttern und möglichst viele verunsicherte Software-Entwickler auf seine Seite zu ziehen - vorbei am Urheberrecht, an Industrienormen und Kartellämtern.

Wie schon so oft pokert Bill Gates mit höchstem Einsatz - und verläßt sich auf das Angestelltenheer seiner legendären firmeneigenen Rechtsabteilung. Daß ihm das kleine Distriktgericht von Redmond/Wash., wo die Microsoft Corp. ihren Sitz hat, und wo die Millionen-Strafdrohung des US-Justizministeriums geprüft werden muß, in die Quere kommen könnte, daran glaubt in der Branche niemand.

  •  Udo Tremmel


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