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Der Holocaust und die deutsche Linke
Gegen die Auseinandersetzung mit "Hitlers willigen Vollstreckern" haben sich die meisten Linken gesträubt. Verständlich: Es handelt sich um ihre Eltern und Großeltern Goldhagens Buch ist eine unerschöpfliche Erkenntnisquelle für diejenigen, die sich das konkrete Denken und Handeln der deutschen willigen Vollstreckerinnen und Vollstrecker vor Augen führen wollen. Für das Gros der deutschen Linken ist Goldhagens Porträt der die Juden quälenden und die Juden tötenden Deutschen hingegen eine Büchse der Pandora, die man nicht aufmacht, sondern besser fest verschlossen hält. Die Erforschung der Motive, die unzählige willige und grausame VollstreckerInnen des Holocausts angetrieben hatten, müsse - bei Vernunft betrachtet! - für die Linke im Lande der Denker und Henker "das brennendste aller Erkenntnisprobleme sein", hatten die Mitscherlichs schon 1967 postuliert. Dennoch hat sich die APO und die Nach-APO-Linke, von der DDR-Wissenschaft ganz zu schweigen, für diese Frage eigentlich zu keinem Zeitpunkt wirklich interessiert. Warum? Unser Buch präsentiert erste Antworten. Wir haben zunächst die Geschichte der deutschen Linken bis in die letzten Jahre des Vernichtungskriegs zurückverfolgt. Und wir haben uns zweitens mit der spezifischen stillen Komplizenschaft der zweiten Generation im Angesicht von Auschwitz befaßt. Unser historischer Ausflug brachte zutage, daß es schon 1943 und 1944 kleine Gruppen in der KPD und in der SPD gab, die von den Deutschen jenes Bild zeichneten, das Goldhagen 50 Jahre später detailliert bestätigt hat. "Millionen einfache Deutsche haben den Wahnsinn der Überlegenheit der deutschen Herrenmenschen zum Leitfaden ihres Henkersleben gemacht", schrieb beispielsweise 1943 die in Großbritannien erscheinende KP-Exilzeitschrift Freie Tribüne. Die "deutsche Arbeiterklasse" sei "zu einer der wesentlichen Stützen des Nationalsozialismus herabgesunken", weshalb es notwendig sei, "die Legende vom hitlerfeindlichen deutschen Volk" zu zerstören und die "faschistische und nationalistische Verseuchung des deutschen Volkes" ohne irgendeine Rücksicht aufzudecken. Diese Darstellung widersprach dem patriotischen Blütentraum nahezu aller deutscher Exilpolitiker fundamental, demzufolge die Nazis böse, die Deutschen aber gut seien. Also wurden die, die damals die Wahrheit über die deutschen Vollstrecker schrieben, entweder völlig isoliert oder aus ihrer Partei und Gewerkschaft im Handumdrehen entfernt. Als der 8. Mai schließlich kam, waren jene Grüppchen, deren Sprache mit der Wirklichkeit noch am ehesten identisch war, vollends ausgeschaltet. Die neu etablierten Arbeiterparteien schauten verbissen nach vorn. Anstatt mit dem TäterInnenvolk, das für Auschwitz verantwortlich war, zu brechen, wurden eben dieses umgarnt, verteidigt und geschützt. Diese Parteilichkeit zugunsten der willigen Vollstrecker setzte voraus, daß man die unmittelbar zuvor noch Vergasten ein zweites Mal auslöschte, indem man sie vergaß. Über das, was bei Goldhagen heute nachgelesen werden kann, was damals insgeheim natürlich jede und jeder wußte, wurde der Mantel der Verschwiegenheit gebreitet. Diese Verschworenheit mit dem TäterInnenkollektiv war das kontaminierte Fundament, welches der Reorganisation der deutschen Linken nach 1945 zugrundelag. Diese Anfänge und Abgründe wurden in der Neuen Linken nach 1968 nie thematisiert, sondern stillschweigend adaptiert. Es ist nur verständlich, daß alle diejenigen, die sich - wie z.B. Reinhard Kühnl - auch heute noch auf den kontaminierten Gründungskonsens stützen, von Goldhagen nichts wissen wollen. Reinhard Kühnl steht mit seinem Versuch, daß "andere Deutschland" gegen alle von Goldhagen belegte Evidenzen zu retten und das deutsche Volk zu verteidigen, nicht als Außenseiter, sondern als der Prototyp eines alten und eines gegenwärtigen sozialistischen Selbstverständnisses in Deutschland da. Unser zweiter Erklärungsversuch folgt einem Wort, das Karl Marx - lange vor den Entdeckungen Sigmund Freuds - geprägt hatte. Im "Achtzehnten Brumaire" heißt es: "Die Tradition aller toten Geschlechter lastet wie ein Alp auf dem Gehirne der Lebenden." Dieser Satz gilt in einer ganz speziellen Hinsicht auch für das Thema, das heute im Mittelpunkt steht: Die deutsche Tradition der Vernichtung der europäischen Juden. "Schließlich betritt jeder" - so schreibt die von Margarethe Mitscherlich herausgebene Zeitschrift Psyche in ihrer Schwerpunktausgabe zur Goldhagen-Debatte - "der in Deutschland Fragen nach dem Judenmord während des Dritten Reiches stellt, sofort ein hochexplosives und vermintes Gelände. Die Orientierung darin ist auch heute noch sehr schwer, und die Wahrscheinlichkeit, in die unsichtbaren Fallen einer kollektiven deutschen Abwehr zu geraten, die den wundesten Punkt im deutschen Selbstbild schützen soll, ist groß." Wenn es um den Holocaust geht, ist die Linke in Deutschland durch ihre Verstrickung in die Biographien der VollstreckerInnen befangen. Die meisten Deutschen stammen von Eltern oder Großeltern ab, die am Holocaust eine persönliche Schuld - Tatschuld oder Unterlassungsschuld, Redeschuld oder Schweigeschuld - trugen. Über diese persönliche Schuld wurde in unseren Familien logischerweise geschwiegen. Warum logischerweise? Weil weder die Täter noch deren Kinder die Schuld an einem Verbrechen von der Tragweite des Holocaust einräumen konnten: Man wollte gar nicht erst wissen, ob auch der Vater vergaste oder erschoß, ob auch er in Briefen an die Mutter von Judenjagden prahlte, ob er Frachtlisten ausstellte oder einem Begleitkommando angehörte. Man hat darüber geschwiegen und in diesem, für die zweite Generation typischen Schweigen kommt die "Verstricktheit" mit dem Hause des Henkers zum Ausdruck, in dem über den "Strick" bekanntlich nicht gesprochen wird. In jeder Kommunikation werden bestimmte Themen ausgelassen. Im spezifisch deutschen Fall wird aber die Kommunikation zwischen den Generationen durch diese Auslassung, durch dieses Schweigen, geradezu konstituiert. Die Überlebenden des Holocaust und die Nachkommen der Getöteten hatten diese Freiheit, einfach zu schweigen, nicht. Es war das Privileg der TäterInnen und ihrer Nachkommen, die deutschen Verbrechen aus ihrem Leben ausschließen zu können. Es liegt auf der Hand, daß derartige historische Imprägnierungen die gesamte zweite und dritte Generation nach Auschwitz und damit auch die deutsche Linke beeinflußt haben, daß generationsübergreifende Bindungen und Loyalitäten unerkannt und unreflektiert gewirkt und auch hinter dem Rücken der sich als "revolutionär" verstehenden Akteurinnen und Akteure eine Art Eigenleben geführt haben. Wie hat sich dieses Eigenleben manifestiert? Drei Beispiele: Wir haben erstens - und ich sage "wir", weil ich als früheres Mitglied des Kommunistischen Bundes (KB) dazugehörte - dazu geneigt, Nationalsozialismus und Kapitalismus gleichzusetzen, und den Antisemitismus als Randerscheinung abzutun. Dieser Ansatz, der nicht auf die BRD-Linke beschränkt war, erfüllte hierzulande eine spezifische Funktion. Die Gleichsetzung von Faschismus und Kapitalismus bot eine Handhabe, sich den Weg zu einem wirklichen Verständnis des Nationalsozialismus zu versperren: "Die Theorie wurde zum Verdrängungsinstrument." (Postone) Die Dichotomie von den herrschenden Tätern auf der einen und dem beherrschten Volk als das Opfer auf der anderen Seite, die dem Traditionsmarxismus selbstverständlich ist, diente als wohlfeiles Alibi, sich mit den gewöhnlichen deutschen Täterinnen und Tätern gar nicht erst zu befassen. Die deutsche Linke suchte zweitens die Verschmelzung mit dem TäterInnenvolk um beinahe jeden Preis und wollte dem Volk, das man wegen Auschwitz nicht hassen durfte, wenigstens gleich sein. Diese Sehnsucht hatte am Ende der sechziger Jahre die APO-AktivistInnen bekanntlich nicht nur in die Fabrikhallen getrieben, sondern zugleich zum Proletenkult, zum Waschzwang, zur Genußfeindlichkeit und zu Parolen wie "Dem Volke dienen" oder: "Die Massen sind links". Der Nationalsozialismus wurde - drittens - insbesondere auf Israel projiziert, und zwar mit dem Pathos eines doppelt reinen Gewissens, das sich - nachgeboren und links - jeder selbstkritischen Reflexion auf die eigenen Beweggründe enthoben wähnte. Nicht zufällig gab es in Europa nach 1967 keine Linke, die so antizionistisch war wie die deutsche. Wenn wir all dies in unserem Buch reflektieren und in Erwägung ziehen, um die Abwehr der deutschen Linken gegen Goldhagen zu erklären, dann nicht, um etwa mit der Marxschen Kapitalismuskritik oder dem Projekt gesellschaftlicher Emanzipation abzurechnen, wie es bei ehemaligen APO-Rebellen zum guten Ton gehört. Es geht uns - ganz im Gegenteil! - um nichts Geringeres, als um die Bestimmung der wichtigsten inhaltlichen Kategorien des fortgeschrittensten Bewußtseins in diesem Land. Die wichtigste Voraussetzung sehen wir darin, Auschwitz und den Holocaust als das Zentralereignis deutscher Geschichte zum Ausgangspunkt der Gesellschaftsanalyse zu machen und diese Analyse ohne Vorbehalt und ohne Furcht vor ihrem Resultat anzugehen. Das aber bedeutet, daß nicht nur die Geschichte des deutschen TäterInnenverhaltens "nach Goldhagen" neu geschrieben werden muß, sondern ebenso die Geschichte seiner Verleugnung. An dieser hat auch die deutsche Linke - ob in Ost oder West - kraftvoll gearbeitet. Die Auseinandersetzung mit Goldhagen ist somit auch die Auseinandersetzung mit den dunkelsten (weil dem Bewußtsein am meisten entzogenen) Flecken linker BRD- und DDR-Geschichte. Wer sich der Kritik jener Verdrängungsgeschichte entziehen will, beweist a priori seine Befangenheit. Es geht zweitens um den Blick auf die Wirklichkeit jener Zustände. Dieser Blick ist notwendig getrübt, solange man sich hierzulande als die ganz normale Linke eines ganz normalen Landes versteht, anstatt Nationalsozialismus und Holocaust in die Wahrnehmung aktueller gesellschaftlicher Phänomen beständig zu integrieren. Wer genau hinsieht, wer Alltagserscheinungen mit einer Folie unterlegt, auf der das Verbrechen und seine Verleugnung eingetragen sind, wird täglich mit der untergründigen Gegenwärtigkeit des Holocaust konfrontiert.
Der Text ist die redaktionell bearbeitete Fassung eines Referats, das Matthias Küntzel bei der Präsentation des Buches "Goldhagen und die deutsche Linke" auf der Frankfurter Buchmesse hielt
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