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Nationale Identität

jenseits von Auschwitz. Für die Linke ist am 9.November der Antisemitismus kein Thema mehr

Zum 59. Jahrestag der Novemberpogrome von 1938, der in Deutschland immer am 9. November begangen wird, gibt es auch in diesem Jahr zahlreiche Aktivitäten, die, so unterschiedlich sie auch politisch geprägt sein mögen, eines gemeinsam haben: mit ihnen wird an alles mögliche erinnert, nur nicht an die Opfer und die Folgen der Pogrome. So ruft die Antifaschistische Initiative Moabit (AIM) in Berlin zu ihrer mittlerweile achten Demonstration in Erinnerung an die "Reichspogromnacht" auf, ohne daß auf ihren Plakaten auch nur ein Hinweis auf die realen, nämlich jüdischen Opfer zu finden wäre. Auch am Aufruf der AIM ist vor allem interessant, was er nicht enthält - nämlich eine Stellungnahme zum antisemitischen Skandal von Gollwitz. Mit eisernem Durchhaltewillen wird das deutsche Volk seit Jahrzehnten ausgerechnet und immer wieder anläßlich des 9. November auch von deutschen Linken verteidigt.

Welche Aspekte diesen Tag gedenktagstauglich machten, untersuchte Michal Bodemann in seiner Studie "Gedächtnistheater". Zum Gedenktag wurde der 9. November erst 1978, als die Fernsehserie "Holocaust" ausgestrahlt wurde und Helmut Schmidt in der Kölner Synagoge sagte: "Die Wahrheit ist auch, daß sehr viele Deutsche die Verbrechen mißbilligt haben; ebenso, daß sehr viele andere damals nichts oder fast nichts erfuhren. Die Wahrheit ist, daß sich dies gleichwohl vor den Augen einer großen Zahl deutscher Mitbürger ereignet hat... Uns steht es nicht an, die Juden in der Welt zur Versöhnung aufzurufen. Wohl aber dürfen wir um Versöhnung bitten..." (Hervorhebung von Bodemann) Ein "symptomatischer Fall von Amnesie", wie Bodemann kommentiert. Aber auch "von unten" regte sich etwas: "breite linke Bündnisse" veranstalteten Demonstrationen, zumeist Fackelmärsche (sic), deren Höhepunkt im Verbrennen US-amerikanischer Flaggen bestand. Der Erfolg war durchschlagend, der 9. November wurde zum quasi-offiziellen Gedenktag der Bundesrepublik. Diese Gedenkkultur erreichte ihren Höhepunkt 1988, als zum 50. Jahrestag der Pogrome über 10 000 Veranstaltungen in der BRD stattfanden. "Nationales Gedenken bildet nationale Identität", schreibt Bodemann dazu. "Die Kristallnacht bildet eine kritische Komponente im Rahmen der Neuformulierung deutscher Identität, wie sie am klarsten von Richard von Weizsäcker propagiert wurde."

Die Karriere des 9. November bis zum Jahre 1988 ist von der in beiden deutschen Staaten zunehmend stärker empfundenen Notwendigkeit geprägt, einer internationalen Öffentlichkeit ein "besseres Deutschland" zu präsentieren; daran beteiligte sich die antifaschistische Linke insoweit, als daß sie sich als das noch bessere Deutschland zu verkaufen suchte. Wie wenig der Mehrheit dieser Linken letztlich das Erinnern an die "Kristallnacht" bedeutet hat, kann auch an der Ignoranz abgelesen werden, die sie beispielsweise dem Händedruck über den SS-Gräbern von Bitburg 1985 entgegenbrachte - während der 9. November 1982 ganz im Zeichen der befürchteten "Endlösung der Palästinenserfrage" (so der damalige Arbeiterkampf, heute analyse & kritik, damals wie heute ak) stand. Die nationale Identität, die in der Rede von Weizsäckers zum 8. Mai 1985 und der Rehabilitierung der Mörder nicht etwa einen Widerspruch, sondern zu Recht eine Kontingenz erkannte, wurde von Seiten der Linken nie kritisiert, im Gegenteil wurde sie als positiver Bezugspunkt im Sinne einer Normalisierung des eigenen Verhältnisses zur Nation affirmativ besetzt.

Besonders fällt bei einer Betrachtung der "Neuen Linken" nach 1968 auf, daß es erstaunlich wenige Bezüge zu Gedenkveranstaltungen der Jüdischen Gemeinden oder politischer Organisationen der jüdischen Überlebenden in der Bundesrepublik gegeben hat - vom Anschlag der Tupamaros Westberlin auf das Jüdische Gemeindehaus am 9. November 1969 einmal abgesehen, von dem auch heute noch in keiner der zahlreichen Publikationen zur Geschichte des bewaffneten Kampfes Näheres zu erfahren ist. 1968 stand der 50. Jahrestag der Novemberrevolution im Mittelpunkt linker Aktivitäten; von der vielbeschworenen Auseinandersetzung mit den deutsche Verbrechen war hier nichts zu spüren. Insgesamt galt bis 1988: Die deutsche Linke instrumentalisierte den Tag für alles mögliche, nur an Auschwitz wollte sie nicht erinnern bzw. erinnert werden. Zugleich ließ sie dieser Tag und dessen düstere Botschaft, die sich nicht vollends einebnen lassen wollte, nicht los. Kein Wunder, schließlich stehen die Novemberpogrome doch trotz aller Dementis für den deutschen Wunsch nach kollektiven Verbrechen. In der Abwehr der Wahrnehmung vieler Überlebender, die die Pogrome eben durchaus nicht als "verordnet" erlebt hatten, wurde der 9. November besetzt, um eine nationale Identität jenseits von Auschwitz zu ermöglichen.

Am Abend des 9. November 1989 trafen sich etwa 2 000 Menschen auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Neuengamme, das wenige Wochen zuvor von Roma und Cinti, die um ihr Bleiberecht kämpften, besetzt und daraufhin von der Polizei geräumt worden war. Für diesen Abend war eine Wiederbesetzung des Geländes geplant: Sie wurde, nachdem die Öffnung der Grenzen bekannt geworden war, abgesagt. Im Bundestag wurde an diesem Tag die Nationalhymne gesungen, und nur die grüne Abgeordnete Jutta Oesterle-Schwerin verließ den Sitzungssaal. Sofort entstand die Befürchtung, der 9. November könnte zum deutschen Jubeltag werden. Daß es nicht so kam, ist der Welle der rassistischen und antisemitischen Angriffe infolge der "Wiedervereinigung" zu verdanken: Das neue Deutschland brauchte einen kollektiven Tag des Bekenntnisses zur "westlichen Wertegemeinschaft" und zur "historischen Verantwortung" dringender denn je. Der 9. November 1991 war geprägt von großen Demonstrationen gegen "Ausländerfeindlichkeit", allein in Berlin sollen es an die 100 000 Menschen gewesen sein. Auch die Linke führte Demonstrationen durch, wobei es ihnen vor allem darauf ankam, eine Verbindung zwischen dem Rassismus und der "berechigten Angst" (wie es im Hamburger Aufruf hieß) vor sozialen Härten zu behaupten - wenige Monate nach dem Pogrom von Hoyerswerda ging es nicht um den politischen Angriff auf die nationale Formierung, sondern um die Ehrenrettung der klatschenden Deutschen der nun "asylantenfreien" Kleinstadt.

Daß es in den folgenden Jahren vor allem antifaschistische Gruppen wie die Autonome Antifa (M) waren, die sich auf eine "revolutionäre Tradition" des 9. November beriefen - gemeint ist 1918 -, setzte die linke Variante von Ignoranz und Verleugnung fort. Betraf diese Ignoranz bis zur Wiedervereinigung hauptsächlich die Opfer des nationalsozialistischen Pogroms, so kann sie seither auch im Verhältnis zum aktuellen Antisemitismus, der durch die Wiedervereinigung gewachsen ist, beobachtet werden.

Ein Höhepunkt dieser Entwicklung ist das Verhalten der Mehrheit der deutschen Linken zu Gollwitz: Zeitungen wie die junge Welt und der Hamburger ak entschuldigen den Haß der Dörfler auf die jüdischen Flüchtlinge mit dem Argument, in dem Kaff gebe es kein Jugendzentrum und überhaupt würden Rassismus und Antisemitismus in Bonn gemacht. Die eigentlichen Opfer seien also nicht die Juden, sondern die Dorfbewohner selbst - bedroht von den "Pressegeiern über Gollwitz" (jW). Dieser Mechanismus "deutscher Viktimologie" (Bodemann) ist zugleich Bekenntnis und Angriff. Bekenntnis zur Nation und zum nationalen Kollektiv, Angriff auf alle, die es wagen, das nationale Kollektiv zu kritisieren.


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