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Warum die Deutschen der

"Kristallnacht" gedenken

Die These vom angeordneten Pogrom läßt sich nur halten, wenn die Tage und Monate zuvor ignoriert werden

Es gibt kaum etwas, wozu der 9. November nicht gut ist: Jahrestag der Abdankung des letzten deutschen Kaisers und einer gescheiterten Revolution 1918, des Hitlerschen Marsches auf die Feldherrenhalle in München 1923 - eine mißlungene Imitation der faschistischen Machtergreifung in Italien im Jahr zuvor -, der antisemitischen Pogrome von 1938 und schließlich der Öffnung der Grenzen zwischen der BRD und der DDR 1989. Dazwischen liegen Jahrzehnte, in denen der eine oder andere dieser Aspekte diesen immer trüben und regnerischen Tag gedenktagstauglich machte.

Eine Ausnahme von diesen Jahrestagen bildet jedoch das Gedenken an die sogenannte "Reichskristallnacht" 1938, die weder nur eine Nacht dauerte, noch am 9. November ihren Höhepunkt fand. Auch handelte es sich bei diesen Pogromen nicht um plötzliche Ausschreitungen; vielmehr hatte es seit der Machtübernahme der Nazis 1933 immer wieder Wellen des gewalttätigen Antisemitismus gegeben, die nicht durch die NSDAP angeordnet waren.

Selbstverständlich wurde gegen diese wilden Pogrome nicht eingeschritten, aber die Nazis suchten nach einem Anlaß, den "Volkszorn" gegen die Juden zu kanalisieren. Außenpolitisch wollten die Nazis ein Zeichen setzen, daß sie ihre Ankündigung, von der Ausgrenzung der Juden zu ihrer Vertreibung überzugehen, ernst gemeint hatten. Österreich war "heim ins Reich" gekehrt und die "Sudetenkrise" im deutschen Sinne beendet worden; nach der Münchener Konferenz brauchten die Nazis keine Rücksichten mehr zu nehmen. Anfang Oktober wies Deutschland über 17 000 polnische Jüdinnen und Juden aus; sie campierten zum Teil wochenlang im Niemandsland zwischen Deutschland und Polen, weil Polen sich weigerte, sie aufzunehmen. Die westlichen Staaten machten aus dem Problem der antisemitischen Politik Deutschlands ein "Flüchtlingsproblem" und verschärften ihre Einwanderungsbestimmungen.

Mit dem Boykott-Tag gegen jüdische Geschäfte vom 1.April 1933 begann eine erste antisemitische Welle, die bis zum Erlaß der Nürnberger Gesetze "zum Schutz des deutschen Blutes" Ende 1935 andauerte. Bisher gibt es keine Untersuchungen darüber, ob diese Gesetze nicht auch der Erfolg einer antisemitischen Bewegung von unten war.

Nach dem "Anschluß" Österreichs kam es in Wien zu einem antisemitischen Volksaufstand, der schon im Oktober 1938 einen vorläufigen Höhepunkt fand. Aber auch in vielen anderen Städten und vor allem Kleinstädten stieg die Zahl der gewalttätigen Übergriffe im Laufe des Jahres 1938 an.

Am 7. November 1938 schoß der 17jährige Herschel Grynszpan auf einen Angestellten der deutschen Botschaft in Paris. Mit dem Attentat wollte er gegen die Massenausweisung der polnischen Juden protestieren, von der auch seine Familie, die in Hannover gelebt hatte, betroffen war. Sofort nach Bekanntwerden des Attentats begannen pogromartige Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung in Deutschland, die am 10. November ihren Höhepunkt mit dem Niederbrennen vieler Synagogen fanden. Die Nazis, die schon länger den immer wieder spontan aufflammenden Antisemitismus kanalisieren wollten, ordneten das Niederbrennen der Synagogen und die Internierung von über 30 000 Juden in Konzentrationslager erst nach dem Tod des Botschaftsangestellten an - am späten Abend des 9. November nach der Gedenkveranstaltung im Münchener Löwenbräukeller. (Seit 1928 war der 9. November der Gedenktag der Nazis, die, nachdem sie sich von ihrer peinlichen Schlappe erholt hatten, eine Legende um das "Blutbad an der Feldherrenhalle" erfanden, und bis 1944 jedes Jahr die neuen SS-Rekruten an diesem Tag vereidigten. Darüber hinaus, als Jahrestag der Revolution und des Endes der Monarchie, war der 9. November ein Anknüpfungspunkt an die deutschnationale Dolchstoßlegende, nach der die Deutschen im Ersten Weltkrieg "im Felde unbesiegt" geblieben und von der Reichsregierung verraten worden seien.)

Die Pogrome dauerten bis zum 13. November an. Die Nazis bilanzierten 91 ermordete so wie zahlreiche verletzte, mißhandelte und vergewaltigte Jüdinnen und Juden; 191 durch Brandstiftung zerstörte Synagogen; rund 7 500 zerstörte jüdische Geschäfte, Verwüstung vieler jüdischer Wohnungen und fast aller Friedhöfe. "Im Gegensatz zu den früheren Auffassungen erscheinen die Pogrome von 1938 mithin weniger als Zäsur denn als neue radikale Gangart auf dem Wege zur existentiellen Vernichtung der Juden im Deutschen Reich. Weite Kreise der Bevölkerung begrüßten oder tolerierten diese Politik", schreibt der Historiker Hans-Jürgen Döscher zusammenfassend über die Forschungen zum 9. November 1938. Die Ergebnisse dieser Forschungen widersprechen sowohl der Einschätzung, es habe sich um ein angeordnetes Pogrom gehandelt, als auch der Auffassung, ein Großteil der deutschen Bevölkerung habe ohnmächtig zusehen müssen, wie die jüdischen Nachbarinnen und Nachbarn drangsaliert und gequält wurden.

Beide Interpretationen sind jedoch linken wie rechten deutschen Historikern gemeinsam; in ihnen drückt sich jener Konsens aus, der den 9. November als Gedenktag nicht anbot, sondern notwendig machte. Die These vom angeordneten Pogrom läßt sich nur halten, wenn die Tage und Monate zuvor ignoriert werden, in denen es immer wieder zu Pogromen in Deutschland, dem "angeschlossenen" Österreich und den als "Sudentenland" annektierten Gebieten der Tschechoslowakei gekommen war. Die Wahl des Gedenktags der Novemberpogrome hatte mehr politisch-ideologische als auf historischen Erkenntnissen beruhende Gründe, sie ergab sich zwanghaft aus einer Geschichtsbetrachtung, in der die normalen Deutschen sakrosankt sind. Zudem paßt die Ikonographie einer einzigen Nacht, in der Scherben zu Bruch gehen und johlende SA-Horden durch die Straßen ziehen, besser zu dem Bild eines terroristischen Regimes, welches sich notwendigenfalls auch gegen nichtjüdische Deutsche in der gleichen Form gerichtet hätte wie gegen die jüdischen. Die Massenbeteiligung an den Pogromen und die Demonstration der Übereinstimmung von deutschem Volk und Führung, wie sie in diesen Tagen zum Ausdruck gekommen war, paßten nicht in die Geschichtsinterpretation der sich im Aufbau befindlichen Bundesrepublik.


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