Zum Inhaltsverzeichnis / Zum Abo - Coupon / Brief an die Redaktion


Mercedes ohne Elch-Test

Wirf die A-Klasse

Als der A-klassige Mercedes bei einem Autotest in Schweden beinahe umgekippt war, da beeilten sich deutsche Motorjournalisten, die näheren Umstände zu erklären. Ein "Elch-Test" sei das Ganze eben nur gewesen. Elch, das klingt nach Ikea, lockeren Schrauben und fehlenden Verstrebungen und ist deswegen, so die Suggestion, auch nicht weiter ernst zu nehmen. Dabei haben die Elch-Tests in Skandinavien einen durchaus ernsten Hintergrund. Elche sind nicht nur blöd, sondern auch noch ziemlich verspielte Tiere, die keinerlei Ahnung vom Straßenverkehr haben. So stehen sie gerne auf nicht beleuchteten Straßen herum und lassen sich auch von herannahenden Autos nicht aus der Ruhe bringen. "Wer sich zuerst bewegt, hat verloren", heißt eines ihrer Lieblingsspiele, und ein Kfz ist der beste aller möglichen Gegner. Dessen Lenker verliert in der Regel leicht die Nerven, versucht hektische Ausweichmanöver und setzt alles daran, nicht mit dem mehrere hundert Kilo schweren Tier zusammenzuprallen.

Die zweitliebste Beschäftigung eines durchschnittlichen skandinavischen Elches besteht darin, solange in der Dämmerung am Wegesrand herumzustehen, bis ein monotones Brummen ein sich rasch näherndes Auto signalisiert. Nun kommt es auf den richtigen Zeitpunkt an, denn wer jetzt zu früh losspurtet, der hat die gegenüberliegende Seite schon erreicht, wenn das Auto erst um die Kurve gefahren kommt. Der richtige Zeitpunkt ist dann erreicht, wenn man auf die Fahrbahn springen, den Fahrer zu einem waghalsigen Ausweichmanöver zwingen und dann selbst in aller Ruhe die Straße überqueren kann.

Deswegen sind die Elch-Tests, mit denen die Fahrstabilität beim Ausweichen vor plötzlich auftauchenden Hindernissen auf der Fahrbahn überprüft werden soll, in Skandinavien zwingend vorgeschrieben. Und der wurde von den Mercedes-Managern zunächst nicht ernstgenommen.

Nun muß aber auch der Mercedesfahrer hin und wieder Hindernissen ausweichen, deswegen sind Autos, die bei einem Ausweichmanöver nur noch auf zwei Rädern balancieren und ständig in Gefahr sind umzukippen, auch ohne Elche eine gefährliche Sache. Bedingt durch den im Gegensatz zu anderen Autos höheren Schwerpunkt neigt der A-Klassen Mercedes jedoch zum Umkippen, deswegen muß der Automobilhersteller nachrüsten: Eine zusätzliche Fahrdynamik-Regelung (Electronic Stability System) wird zusätzlich in den Wagen eingebaut, den Konzern kostet dies rund 100 Millionen Mark pro Jahr. Diese zusätzlichen Kosten sollen nicht an die Kunden weitergegeben werden, immerhin verursacht das ESS pro Wagen Mehrkosten in Höhe von 1 700 Mark, aber man möchte potentielle Käufer nicht abschrecken. Aufgeschreckt durch zahlreiche Berichte haben viele ihre Mercedes-Bestellungen storniert oder sind auf andere Modelle umgestiegen.

Der zunächst belächelte Elch-Test wird vom Konzern nun in das Sicherheits-Test-Programm aufgenommen, Vorstandsmitglied Jürgen Hubert erklärte auf einer Pressekonferenz: "Versuche nach diesen Bedingungen beginnen sofort!" Und die skandinavischen Elche können sich nun doch nicht auf schöne Sommerabende mit "Kipp den Touristen" und "Wirf die A-Klasse" freuen.

  •  Elke Wittich


Zum Inhaltsverzeichnis / Zum Abo - Coupon / Brief an die Redaktion