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Die Pop-Krankheit 

Elaine Showalters Studie "Hystorien" über hysterische Epidemien in der Mediengesellschaft. Von Jürgen Kiontke 

30 Jahre Che, 20 Jahre Deutscher Herbst, sechs Wochen tote Prinzessin: "Hystorien", das populärwissenschaftliche Werk der US-amerikanischen Literatur- und Medizinhistorikerin Elaine Showalter aus Princeton, erreicht, so scheint's im richtigen Moment den hiesigen Markt. Denn der Untertitel "Hysterische Epidemien im Zeitalter der Medien" läßt einiges ahnen: Showalters Buch handelt von Krankheiten, die modern gewandet auftreten. Ihre Besonderheit, so die Idee, bestehe in ihrem massenkommunikativen Aspekt: Sie verbreiteten sich nämlich medial, im Klartext: durch die Talkshow, die "Vermischtes"-Seite in der Tageszeitung und die Therapeuten-Sprechstunde. 

Showalter untersucht kursorisch geläufige "Syndrome", in denen sie moderne Hysterien zu erkennen glaubt, auf ihren historischen Kontext hin, die vor allem im angloamerikanischen Raum eine beachtliche Karriere gemacht haben: Chronisches Müdigkeitssyndrom, Golfkriegssyndrom, die Herausbildung der Multiplen Persönlichkeit, Satanischer Ritualmißbrauch und die Entführung durch Außerirdische. 

Der Begriff Hysterie bezeichnet für gewöhnlich eine ganze Neurosengruppe, die ein sehr unterschiedliches klinisches Bild bietet. Ausgehend von einer Genealogie des Wortes Hysterie in den letzten beiden Jahrhunderten, geht Showalter klassisch dekonstruktiv vor, angelehnt an den linken Feminismus und die Mythenforschung von Claude Lévi-Strauss. Das führt sie zu den verschiedenen Erzählebenen von Krankengeschichten. Die Syndrome, schreibt sie, seien moderne Märchenerzählungen, die entstünden, wenn den Protagonisten andere Mittel der Sprache verwehrt würden. In den Krankheiten seien Sprechweisen zu erkennen, eine Symbolik, die sich nicht kognitiv, sondern über körperliche und seelische Reaktionen äußere. Die Beschäftigung mit der Thematik der nichtsprachlichen Textur und der Versuch, Phänomene in ihrem sozialen Umfeld zu erforschen, führt auch zu einer Betrachtung von subsprachlichen Schreibsystemen generell: Zur besseren Verständlichkeit dient der Exkurs in die Analyse der Tätowierkunst. 

Showalter analysiert die "Krankheit" als die Abwehr des Individuums: Abwehr von Streß, Arbeit, Ärzten und Interpretation, d.h. Einordnung in vorgebene Muster. Hier schließe sich der Kreis zur klassischen Hysterie-Forschung. Denn seit dem Wirken des Arztes Charcot in der Pariser Salpetrière im 19. Jahrhundert hätten hysterische Personen auch unter der Analyse ihrer Analytiker zu leiden: Zu fragen sei, inwieweit der Therapeut Anteil an der Konstruktion von seelischen Deformationen hat bzw., ob er sie nicht erst durch den speziellen Blick konstruiert. 

Unter Hysterie sind ganz unterschiedliche Symptome zusammengefaßt worden: von der phobischen Reaktion bis hin zu neurotischen Verhaltensweisen. Sigmund Freuds Verdienst sei es gewesen, die Hysterie sowohl zu kodieren als auch zu dekodieren. Fälle wie derjenige der Anna O. entbehrten zwar nicht ihrer realen Grundlage, seien aber als individuelle Fallgeschichte rekonstruiert worden. Durch Freuds Methode der "Wiedergewonnenen Erinnerung" könne sich nun jeder zum Opfer einer psychisch belastenden Familiensituation machen. Das Verfahren werde auch heute oft angewandt, zum Beispiel, um sexuellem Mißbrauch auf die Spur zu kommen. Ein heikles Thema: Denn in der gesellschaftlichen Diskussion um den Mißbrauch - dieser Begriff findet bei Showalter keine kritische Betrachtung - ist immer schon der Ort einer möglichen Kritik enthalten, so daß sich der Kritiker gleich inmitten der Debatte befindet oder genötigt wird, eindeutig Position zu beziehen. 

Historisch traf die Symptomatik der von Charcot und Freud Behandelten - Agonie, Zwangshandlungen, Halluzinationen - auf ein empfindliches Stadium der Gesellschaft. Hysterie konnte zur Modekrankheit werden, weil sie eine nichtsprachliche, individuell anwendbare Erklärung für die Auswirkungen des sich sprunghaft entwickelnden Kapitalismus in einem bestimmten Stadium bot. Als im 20. Jahrhundert in der medizinischen Literatur von Hysterie nicht mehr die Rede war, schien sie bald verschwunden. Sie war sozusagen eine Pop-Krankheit. Das Wort selbst allerdings bezeichnete und bezeichnet abschätzig Überreaktionen vor allem von Frauen. Woher aber, fragt Showalter, stammen diese modernistisch geprägten Krankheitsmuster? 

Showalter legt die auftretenden Symptome quasi übereinander und versucht, die Kohärenzen als kollektive Erzählstrategie zu deuten. Ergebnis: Es handele sich hierbei um eine Art Literaturwissenschaft von der kollektiven Erzählung. Wollte man modernere Formen der Massenkommunikation miteinbeziehen, wäre zu ergänzen: die Filmwissenschaft und die Kommunikationswissenschaft allgemein. Krankheiten seien Symbole, verbreitet über die weltweit agierenden Medien, seien Überreaktion von Abwehrgefühlen gegenüber einer vermeintlich unkontrollierbaren Welt. Der Körper schließe sich dysfunktional an die Kreisläufe an, wo der Verstand schon lange keine diskursive Teilhabe mehr leiste. Die Krankheitsstrategien richteten sich auf medial aufgearbeitete Themen aus, der hohe Verbreitungsgrad besorge das übrige. Die medizinischen Hystorien, die auf den einzelnen erhebliche Auswirkungen haben - es steht außer Frage, daß eine sich als multipel bezeichnende Person sich auch tatsächlich für ein Konvolut an Identitäten hält -, könnten auf diese Weise enttarnt werden (wie die Erzählungen der Art, wie sie die Textsammlung "Die Spinne in der Yucca-Palme" bietet: mit einer in den Phänomenen überall präsenten Grundstruktur moderner Märchen, mit der dazu passenden Gegenerzählung). Schon zu Charcots Zeiten hätten sich die Leute über die Verbreitung der Hysterien lustig gemacht: In den Folies Bergères ahmten Pantomimen die Bewegungen und Kontraktionen in Kabaretts mit so illustren Namen wie "Die epileptischen sauren Heringe" nach. 

Nimmt allerdings die Mythologie überhand, dann wird es laut Showalter gefährlich. Pogrome, Mord und Totschlag stünden ins Haus, so wie sich in der Vergangenheit aus anti-aufklärerischen Impulsen Terrorepidemien herausgebildet hätten. Ebenso wie die Medien allerdings Hysterien transportieren, erzählen sie auch das Gegenteil. Aber was sie auch erzählen, sie tun es bis ins Detail, zum Beispiel beim "Satanischen Ritualmißbrauch": "Die großen Gegenstände, Altäre zum Beispiel, werden in den Garagen der Mitglieder versteckt. Ritualgegenstände wie Ziegenköpfe und Schwerter werden in Militaria-Läden aufbewahrt. Die Bücher des Bösen sind in Safes sicher eingeschlossen. Blutspuren werden von Planen verdeckt. Leichen werden vergraben, in Flüssen versenkt, in Öfen und Krematorien verbrannt, in Säurebädern aufgelöst, durch den Fleischwolf gedreht, an Hunde oder Schweine verfüttert oder von den Anhängern verspeist. Die Opfer sind Ausreißer aus asozialen Familien, die nicht als vermißt gemeldet werden, abgetriebene Föten, Kinder von Mitgliedern, Heimatlose und Abtrünnige." 

Showalter könnte man vorhalten, die Idee, daß die Psychoanalyse ihr Sujet am klarsten in der Literatur vorfinde, sei nicht gerade neu. Letztlich, schreibt sie, handele es sich hier um moderne Glaubenssätze: Glaubt der Arzt dem Patienten, glaubt die Öffentlichkeit ein öffentlich verbreitetes Einzelschicksal? Zur Klärung der "Hystorien" genannten epidemischen Anfälle leistet Showalter eine ganze Menge. Die Rolle, die die Medien dabei spielen, wird jedoch generalisierend dargestellt. Ob sich Krankengeschichten an öffentlichen Diskursen ausrichten oder ob es umgekehrt ist, bleibt offen. Auch das gehört wohl zum Ideenpool von Kommunikation. Insofern könnte Showalter auch neoistisch gelesen werden. Die Krankheit, die mit dem Erscheinen des Buches in Verbindung stünde, wäre diejenige, bei der sich Leute einbildeten, an eingebildeten Krankheiten zu leiden. Und das wäre geradezu die ideale mediale Krankheit. Gleichsam doppelt vermittelt, erhielte sie den postmodernen Charakter des halbwissenschaftlichen Diskurses auf der Basis von wiederkehrenden Symptomen in neuer Histologie. 

Das ist zwar nicht gerade eine neue Theorie, sie findet ihre Wurzeln in den Schriften Michel Foucaults ebenso wie in den antipsychiatrischen von Félix Guattari und Gilles Deleuze. Ganz von der Hand zu weisen ist dabei nicht, daß sich Showalters Buch in den gegebenen Kontext einbetten könnte, indem es den bisherigen hysterischen Erkenntnisformen noch eine Variante hinzufügt. Ein Buch ist ja auch wiederum ein Medium. Entsprechend vermittelt erscheint ja auch Showalters Kritik an den bisherigen hysterischen Wirklichkeitsentwürfen. Mit der sie sicher Recht hat. 

Aber schon berichten wiederum die Medien von "hysterischen" Reaktionen auf ihre Arbeit. Sie soll mit Morddrohungen konfrontiert worden sein. Daß der Standpunkt des Analytikers die Analyse fragwürdig erscheinen lassen kann, ist das Thema von "Hystorien". Wie wirklich nun die Interpretation Showalters selbst wiederum diesen Bedingungen unterliegt, könnte dann Thema eines neuen Buches, einer Rezension sein. In der Literaturgeschichte läßt sich eben nicht revidieren, sondern nur fortschreiben. 

Erscheint da nicht ein einzelnes Werk im Kontext anderer Werke? Hysterie sei das Schaffensprinzip der Kunst, ja vielleicht der Welt allgemein, schreibt Showalter. Womit "Hystorien" eine - analytisch gehaltene, also vertrauenswürdige - Fortschreibung des Mythos wäre. Die Autorin scheint sich dieser Tatsache bewußt zu sein. Sie ist bemüht zu zeigen, wie mediale Diskurse funktionieren. Kulturkonservative wie Neil Postman sind ihr ebenso fremd wie vulgärlinke Medienkritiker. Ihr geht es um die Produktionsbedingungen von Narration. Und schon haben Rezensenten ihres Buches ihre eigenen Prämissen in diesem Buch gesucht: Von kulturkonservativer Seite zum Beispiel die Kritik an der Mediengesellschaft als Identitätenzirkus. Showalters Freunde wie Feinde scheinen also am "hystorischen" Prozeß beteiligt zu sein. Ein unendliches Erzählen, und möglicherweise ein neoistisch zu nennendes Verfahren. 

Das ganze Hysterie-Problem sei in der Organisation sozialen Lebens verortet, die immer noch nur als Zwang zu denken sei. Ein neue Dimension von Diskurs ist gefunden. Ist Elaine Showalter die Viviane Forrester der Psychologie? Weit entfernt voneinander sind sie sicher nicht: Forrester beschreibt den Terror der Ökonomie und Showalter die Deterritorialisierung durch Ökonomie. 

Elaine Showalter: Hystorien. 

Hysterische Epidemien im Zeitalter der Medien. Berlin Verlag, Berlin 1997, 320 S., DM 49,80 


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