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Von Schweine-Genen

und Übermenschen

Das Leben wird konstruierbar: Ein Überblick über die aktuelle Diskussion zur Gentechnik

Die Gentechnik ist eine Schlüsseltechnologie für den Erhalt des Wirtschaftsstandortes Deutschland - so lautet ein immer häufiger vorgebrachtes Argument der Gentechnik-AnhängerInnen. Gesellschaftlicher Fortschritt und Gentechnik werden dabei gleichgesetzt. Doch bislang fehlte dieser Technologie die von ihren Machern gewünschte Akzeptanz in der Bevölkerung. Da die Debatte über die Risiken der Biotechnologie für deren BefürworterInnen nicht zu gewinnen ist und auch die ersten Produkte offensichtlich keine Vorteile für die VerbraucherInnen bieten, wird nun mit dem Arbeitsplatz-Argument versucht, an den Selbsterhaltungstrieb zu appellieren und den Protest in Grenzen zu halten: "Vielleicht", so soll man sich denken, "fällt ja auch ein Job für mich ab."

Dem Protest wird damit freilich nicht die Legitimation entzogen. Keines der Argumente gegen die Genmanipulation hat seine Gültigkeit verloren.

Im Zentrum der öffentlichen Debatte steht die Frage nach den möglichen Risiken für Mensch und Umwelt. Dabei wird freilich übersehen, daß auch eine appellativ als erfolgreich bezeichnete Technologie gravierende Auswirkungen auf unser Selbstverständnis wie auf die Produktionsverhältnisse hat. Die Gentechnik verändert unsere Vorstellung vom Leben; das Leben verliert seine Unveränderlichkeit, es wird konstruierbar, die Biologie wird zur synthetisierenden Wissenschaft. Gene gelten als letzte Ursache für unser Erscheinungsbild: Ob blaue Augen, blondes Haar oder sogenanntes asoziales Verhalten, ob Homosexualität oder Brustkrebs - alles soll eine biologische Grundlage haben, wird damit zu einem "Befund", der sich einerseits der persönlichen Verantwortung entzieht, andererseits aber nach "Reparatur" verlangt. Gentechnik schafft so eine Vorstellungswelt, in der die Veränderung des Genoms - auch des menschlichen - als Therapie umdefiniert wird. Wir werden zu unseren eigenen Schöpferinnen und Schöpfern.

Daß mittlerweile weltweit über eine Bioethik-Konvention überhaupt debattiert werden muß, wäre ohne Gentechnik nicht denkbar. Erst aufgrund dieser Technologie müssen wir uns darüber Gedanken machen, ob Menschen Menschen oder Tiere oder Pflanzen "machen" dürfen. Plötzlich wird das nur im Elektronenmikroskop abbildbare Molekül DNS / DNA nicht nur zur letzten Instanz erhoben, man kann es gar besitzen und die Nutzung der Erbinformation patentrechtlich schützen lassen. Was ist ein gutes Leben? Wie wollen wir das Leben um uns herum und damit letztlich auch uns selbst begreifen? Verstehen wir uns als Produkt der Erbinformationen? In letzter Konsequenz wäre dann auch der freie Wille nur eine Einbildung, denn unsere Hirnfunktionen sind das Ergebnis biochemischer Prozesse, mithin der Umsetzung von Erbinformationen. Hier müssen wir eine Entscheidung treffen.

Ebenso wird der Begriff der Krankheit durch Gentechnik neu definiert. Plötzlich werden Träger von Erbinformationen zu De-facto-Kranken. Schon werden in den USA Bewerber für Jobs genetisch gescreent, um womöglich im Erbmaterial schlummernde Krankheitsgene ausfindig zu machen. Doch der Medizinapparat läßt nicht nur an Menschlichkeit zu wünschen übrig, in Zeiten leerer Kassen wird auch Gesundheit knapp. Ethik-Kommissionen sollen entscheiden, wer welche Therapie bekommen kann oder soll. Ein Zweiklassensystem zeichnet sich ab: Grundversorgung für die Massen, Luxussanierung des Körpers für Zahlungskräftige. Gentechnik wird diese Tendenz verstärken. Wie wollen wir uns reproduzieren?

Definiert die Medizin das Kinderkriegen als technisches Problem, in dem Gentechnik derzeit noch ausschließlich zur Pränataldiagnostik, zur Qualitätskontrolle also, eingesetzt wird, so werden unsere Lebensmittel bereits "optimiert". Geworben wird im besonderen mit der besseren Haltbarkeit gentechnisch veränderter Lebensmittel und neuen Inhaltsstoffen, die wir schon immer gebraucht haben sollen. In Wirklichkeit zerlegen LebensmitteltechnologInnen unsere Nahrung in ihre Bestandteile und setzen sie dann - in optimierter Form und angepaßt an die Produktionsverhältnisse - neu zusammen. Aromastoffe und Stabilisatoren suggerieren uns eine Authentizität, die es - zumindest bei hochverarbeiteten Lebensmitteln - schon lange nicht mehr gibt. Mit der Gentechnik soll dies beschleunigt und auf Feldfrüchte ausgeweitet werden.

Wollen wir Tomaten, die noch nach Monaten frisch aussehen? Eine Revolutionierung der Landwirtschaft, so wollen uns die Propagandisten der Gentechnik-Konzerne glauben machen, sei die Einführung der Gentechnik in der Pflanzenzüchtung (Tierzüchtung wird erst langsam aktuell). Um die Interessen der EndverbraucherInnen oder LandwirtInnen geht es dabei jedoch nur vordergründig. Pflanzen werden zu genetischen Ressourcen. Diese werden über Patente "besitzbar". Die globalen Märkte werden zur Zeit neu aufgeteilt. Wer sich jetzt die biologische Vielfalt aneignet, wird zukünftig die Preise definieren können.

Mit der Versorgung einer wachsenden Weltbevölkerung hat dies natürlich nichts zu tun. Auch hier können wir der Frage nicht ausweichen, ob wir dies wollen. Derzeit werden die politischen Rahmenbedingungen für die Aneignung des "Welterbes Biologische Vielfalt" festgelegt. Nachhaltige Landwirtschaft braucht Gentechnik nicht. Im Gegenteil, nur ertragreiche Pflanzen, auf intensiv bewirtschafteten großen Anbauflächen angebaut, können die nötigen Profite erwirtschaften, um die kapitalintensive Gentechnik-Forschung zu refinanzieren. Dies fördert Monokulturen und zerstört jeden Ansatz kleinflächiger angepaßter Landwirtschaft. Das Bauernsterben wird sich weiter beschleunigen.

Eine Vielzahl von Risiken verschiedener Art sind mit der Gentechnologie verbunden. Gemeinsam ist ihnen, daß sich ihre Tragweite unseren Erfahrungen entzieht und Folgen möglicherweise erst nach vielen Jahren auftreten. Wir versuchen, ein dynamisches System - das Leben - zu manipulieren, ohne es wirklich beherrschen zu können. Hierin steht die Gentechnologie den Risiken anderer Hochtechnologien wie der Kernenergie in nichts nach. Die Halbwertzeiten radioaktiv strahlenden Mülls sind erschreckend, die sichere Lagerung über Jahrhunderte aberwitzig; gentechnisch veränderte Organismen vermehren sich und sind nicht rückholbar. Jede freigesetzte Veränderung entzieht sich einer weiteren Kontrolle.

Wo liegen die Risiken? Die belebte Natur wird verändert werden. Pflanzen-Arten werden verdrängt und verschwinden, neue Unkräuter werden entstehen. Ist das ein Schaden? Veränderungen hat es immer gegeben. Nun, wie wäre es, wenn die Deutsche Eiche oder gar der Deutsche Dackel aussterben würde? Immer noch kein Schaden? Gentechnisch veränderte Pflanzen werden entweder selbst neue Lebensräume besiedeln können und dadurch andere Organismen verdrängen, oder andere Pflanzen erhalten dieses Invasionspotential durch Übertragung der fremden Gene. Die Übertragung solcher neuen Eigenschaften ist zwischen verwandten Pflanzenarten durch einfache Kreuzung (Rübe mit Mangold, Raps mit Rettich) möglich. Die Übertragung auf entfernt verwandte Organismen ist ungleich unwahrscheinlicher. Modellvorstellungen für diesen sogenannten horizontalen Gentransfer gehen davon aus, daß niedere Organismen wie Bakterien und Viren den Transfer der Erbinformationen übernehmen würden.

Alle Kulturpflanzen haben aber nah verwandte Pflanzenarten, wenn nicht in Europa, wie Zuckerrübe und Raps, so in anderen Regionen der Welt, wie die Kartoffel in den Anden. Als KonsumentInnen der Nahrungsmittel aus gentechnisch veränderten Pflanzen und anderen Organismen haben wir mit ganz anderen Risiken zu kämpfen. Ist schon das bloße Vorhandensein bestimmter Erbinformationen für einzelne Menschen (Schweine-Gene in Karotten für Vegetarier) ein Problem, sind gesundheitliche Risiken für die Masse der KonsumentInnen das Hauptthema. Wir müssen mit einer weiter steigenden Zahl von Lebensmittelallergien rechnen, denn in der Regel enthalten die gentechnisch veränderten Organismen neue Stoffe, zumeist Proteine, die häufig bisher nicht zu unserem Speisezettel zählten. Zudem werden AllergikerInnen bei fehlender Kennzeichnung Probleme haben, zum Beispiel Nuß-Eiweiß zu meiden, wenn dies plötzlich in Sojaprodukten enthalten ist. Auch die Bildung giftiger Nebenprodukte durch den gentechnisch veränderten Organismus ist möglich. Bei herbizidresistenten Pflanzen muß zudem eine erhöhte Belastung mit Herbizidrückständen befürchtet werden.

Dazu kommen weitere, indirekte Auswirkungen: Viele der gentechnisch veränderten Organismen tragen neben der eigentlichen, neuen Erbinformation zusätzliche Gene zur Selektion während der Züchtung. Häufig handelt es sich um Resistenzen gegen Antibiotika, die in der Medizin bei der Eindämmung bakterieller Infektionen unentbehrlich sind. Mit der Verbreitung dieser Eigenschaften werden künftig immer mehr Krankheitserreger gegen immer mehr Antibiotika resistent sein

Generationen von WissenschaftlerInnen haben versucht, mit welcher Motivation auch immer, die "Geheimnisse" des Lebens zu ergründen. Dieser Prozeß ist noch lange nicht abgeschlossen, doch basierend auf dem vorhandenen Wissen werden durch die GentechnikerInnen Fakten geschaffen. Wir sind aufgerufen, zu definieren, was gut ist, wie unser Leben zukünftig aussehen soll. Wer die Verantwortung hierfür an Expertinnen delegiert, entmündigt sich selbst.

Der Autor beschäftigt sich beim Gen-ethischen Netzwerk Berlin schwerpunktmäßig mit Gentechnik in der Landwirtschaft. Kontakt: Gen-ethisches Netzwerk e.V., Schöneweider Straße 3, 12055 Berlin Tel.: (030) 685 80 30,

Fax: (030) 684 11 83,

Email: GeNBerlin@aol.com


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