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Monsieur Camdessus zieht Bilanz

Der IWF prognostiziert im seinem Halbjahres-Bericht ein globales Wachstum von viereinhalb Prozent

Sonnenschein am weltweiten Wirtschaftshimmel? Das ist jedenfalls der vordergründige Tenor des aktuellen Halbjahresbericht des Internationalen Währungsfonds (IWF), der im Vorfeld der Tagung von IWF und Weltbank in Hongkong veröffentlicht wurde. Ein globales Wachstum für das nächste Jahr von viereinhalb Prozent wird prognostiziert - die bisher höchste Quote in diesem Jahrzehnt.

Doch die optimistische Grundstimmung erhält durch die immer weniger kontrollierbareren Effekte eines globalen Geld- und Kapitalmarktes einen Dämpfer. Und so steht wie schon beim Gipfel der World Trade Organisation (WTO) auch in Hongkong die Währungskrise in Asien im Mittelpunkt der Diskussionen (Jungle World, Nr. 38/1997). Thailand, Indonesien, Singapur, Malaysia und die Philippinen gehören nun zu den Sorgenkindern des IWF.

Keine neue "Peso-Krise" in Asien soll es geben, da waren sich alle Teilnehmer in Hongkong einig. Schon haben IWF, Weltbank, die asiatische Entwicklungsbank und die Bank für internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) sowie zahlreiche Länder der Region unter der Führung Japans Hilfsprogramme für die monetären Probleme Thailands erstellt.

Den 35 ärmsten Ländern der Welt geht es nach wie vor elend. Das alternative Institut für Weltwirtschaft, Ökologie und Entwicklung (WEED) errechnete in seiner jüngsten Studie, daß sie mit ihren gesamten Exporterlösen jährlich nicht einmal ein Fünftel der Schuldenlast begleichen konnten. Die darüber hinaus ausstehenden Verbindlichkeiten müssen auch weiterhin mit neuen Krediten gedeckt werden. Die Weltbank selbst hält dagegen eine Schuldendienstquote von 25 Prozent für machbar, eine Einschätzung, die nach Meinung des WEED völlig an der Realität der betreffenden Länder vorbeigeht.

Die Hoffnungsträger im globalen Wettlauf sind die östlichen Regionen, die großen Industrienationen und der asiatische Raum. Nach den teilweise katastrophalen Einbrüchen der letzten Jahre in Rußland und in den transkaukasischen Ländern im Zuge einer rabiaten Liberalisierung hält der IWF nun ein Wirtschaftswachstum von fünf Prozent in dieser Region für möglich. Aussichtsreich ist auch die Einschätzung der Entwicklung der sieben größten Industrienationen. Zwar müssen die USA mehr als ein Prozentpunkt ihres BIP im nächsten Jahr abgeben, so die Prognose, doch dafür legen Japan um ein Prozent und die EU um 0,3 Prozent zu. Insgesamt wird für Asien trotz der Krise weltweit das höchste Wachstum von fast sieben Prozent in Aussicht gestellt, wenn die vom IWF geforderte Sanierung des Finanzsystems, so die Einschränkung, wirklich vollzogen wird.

Die brisante Inflationsrate wurde allerdings ohne besonderen Kommentar veröffentlicht, obwohl sie in der EU von durchschnittlich fast zwei auf weit über zehn Prozent 1998 steigen soll, in Deutschland allein von 1,9 auf über elf Prozent. Alles nicht so schlimm, wäre da nicht der Euro. Und da heißt es nun mal in einem Konvergenzkriterium, daß der Anstieg der Verbraucherpreise das Mittel der drei preisstabilsten Länder um nicht mehr als eineinhalb Prozent überschreiten dürfe. Neuer Konfliktstoff, wenn neben Großbritannien zwei weitere Länder der EU deutlich unter der Zehn-Prozent-Marke liegen.

1998 ist aber auch wegen der ersten realökonomischen Anpassungen eine schwierige Zeit für die westeuropäische Integration. Zu nennen wären da beispielsweise die geplanten Angleichungen der kurzfristigen Zinssätze. Der Zinssatz liegt hierzulande bei drei, in ltalien aktuell bei sechs Prozent. Wer geht also mit den Zinssätzen hoch, wer geht runter ?

Alte Hüte sind dagegen die Ratschläge des IWF-Direktors Michel Camdessus. Wieder tauchen im Forderungskatalog Reformen im Arbeitsrecht und Finanzwesen auf, Einrollen der sozialen Netze sowie insgesamt eine eiserne Sparpolitik. Aber auch an den Modernisierungskonzepten für die sogenannte Dritte Welt halten der Fonds und die Weltbank gnadenlos fest, obwohl sie weltweit längst für gescheitert erklärt wurden.

Im Westen also nichts Neues? Nicht ganz. Immer wieder warnen die Vertreter des IWF vor einer Überhitzung der Konjunktur und fürchten besonders vermeidliche Überreaktionen des internationalen Geld und Kapitalmarktes. Und das liegt vor allem an einer dramatischen Veränderung der globalen Handelsstrukturen. So haben sich die Welthandelsumsätze ab 1979 verdreifacht, die Devisenmarktumsätze aber mehr als verneunfacht. Das Geld selbst, ursprünglich Zirkulationsmittel nach dem Prinzip "Geld gegen Ware / Ware gegen Geld" wird heute fast ausschließlich zu direkten Investitionszahlungen auf Geld- und Kaptalmärkten genutzt. Ein Prozent ist momentan Zirkulationsmittel, der Rest Zahlungsmittel. In Verbindung mit den bisher ungekannten Dimensionen der Mobilität des Kapitals - eine Milliarden-Umschichtung von Paris nach Tokio dauert in Online-Zeiten kaum eine Minute - reicht ein kleine Irritation aus, um eine Kapitalflucht zu bewirken.

Genauso schnell können aber auch Geldspekulanten gegen angeschlagene Währungen spekulieren und so ganze Staaten in den Ruin treiben. Die Geister, die gerufen wurden, heißen Deregulierung und Globalisierung. Und die fürchten angesichts eines immer stärker und aggressiver werdenden Geld- und Kapitalmarkts nicht nur die Vertreter von schwächeren Währungen.

Auch der IWF kämpft gegen seinen Bedeutungsverlust. Denn in Zeiten, wo halbwegs zahlungsfähige Staaten langfristige Kredite überall und ohne hinderliche politische Auflagen erhalten können, läßt eben auch das internationale Interesse an einem kreditgebenden Währungsland nach. Wenn, dann wie in Thailand das Finanzhaus wirklich wegbricht, helfen auch keine Peanuts vom IWF mehr. Allein die ärmsten Staaten zeigen noch Interesse. Sie haben mangels Kreditwürdigkeit kaum Zugang zu den internationalen Finanzmärkten. Und das macht auch IWF und Weltbank zu schaffen, denn nur mit regelmäßigen Schuldenerlassen können die am Tropf hängenden Länder vor Zahlungsunfähigkeit bewahrt werden. Da also die mittleren und großen Industriestaaten immer stärker an dem Nutzen der Bretton-Woods-Institution zweifeln und der Geldstrom deshalb nicht mehr so üppig in die Kassen fließt, tritt der IWF kürzer. In diesem Jahr schrumpften die Kredit-Zusagen um 75 Prozent, und dazu spart auch der IWF selbst: bei Auslandsreisen.

  •  Kay Vogelgesang


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